Eine komplette Welt ist wie ausgestorben. Bis zum Horizont erstreckt sich die Ödnis. Und einst glorreiche Heldentaten sind allesamt in Vergessenheit geraten. Was klingt wie die Ausgangssituation für einen Endzeit-Film aus Hollywood, könnte für das Universum von »Ryzom« bald bittere Wirklichkeit werden. Denn Hersteller Nevrax ist pleite, und die Spieler müssen sich demnächst nach einem neuen MMORPG umschauen…

Oder vielleicht doch nicht? Denn im Untergrund formiert sich der Widerstand, genauer gesagt: die »Free Ryzom«-Kampagne. Ein paar ehrgeizige Fans haben sich vorgenommen, genug Spendengelder zu sammeln, um »Ryzom« zu kaufen und zum Open-Source-Projekt zu machen. Ganze 54.550 Euro von den angepeilten 100.000 sind bereits zusammengekommen. Wir sprachen mit Tobias Peters über das Vorhaben.

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gamona: Hallo Tobias! Wir freuen uns, dass Du dir ein paar Minuten Zeit für ein Interview genommen hast. Stell Dich doch unseren Lesern bitte kurz vor.

Tobias Peters: Ich bin Informatik-Student der Technischen Universität Graz, 22 Jahre alt und befasse mich in meiner Freizeit mit so ziemlich Allem, was irgendwie mit dem Computer zu tun hat. Und seit ich »Ryzom« kenne, verbringe ich einen großen Teil meiner Freizeit damit.

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Einsam und verlassen: Sieht so bald die Welt von "Ryzom" aus?
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gamona: Wie ist Dein Bezug zu »Ryzom«? Seit wann bist Du in der Welt von Atys aktiv, was fasziniert Dich besonders, und wie viel Zeit investierst Du im Schnitt in Deine Charaktere?

Tobias Peters: Ich halte »Ryzom« für eine großartige Freizeitbeschäftigung, die gemeinsam mit Gleichgesinnten einfach Spaß macht. Ich spiele seit Ende Januar 2005, und mich begeistern seither vor allem die Leute, mit denen ich spiele. Der Umgang untereinander in der Community ist wirklich fantastisch. Am meisten fasziniert mich das ganze »look 'n' feel«. »Ryzom« ist nicht einfach nur ein Spiel - es ist eine richtige virtuelle Welt mit unterschiedlichen Ökosystemen etc. Hinzu kommt ein Skillsystem, das einen nicht einschränkt.

Die Zeit, die ich in meinen Charakter investiere, schwankt stark. Mehr als einen zu haben, wäre für mich undenkbar, da ich allen Fortschritt, den ich mit einem anderen Charakter machen würde, ebenso für meinen Hauptcharakter brauchen könnte. Teilweise fließt da fast die gesamte Freizeit hinein. Insofern braucht man immer mal wieder ein bisschen Abstand, da einige Sachen regelrecht in Arbeit ausarten können. Es gibt eben immer was zu tun. Daher muss man sich selbst ab und an mal wieder dazu zwingen, sich zurück zu lehnen und die Landschaft zu genießen, die es in »Ryzom« in schönster Pracht und Vielfalt gibt.

gamona: Die Konkurs-Meldung von Nevrax war sicherlich ein Schock für alle aktiven Spieler. Wie hast Du die Meldung aufgenommen? Was waren Deine ersten Gedanken?

Packshot zu RyzomRyzomErschienen für PC

Tobias Peters: Nun, wirklich überraschend kam weder die Konkurs-Meldung noch die über den Bankrott. Als Spieler kann man in etwa einschätzen, wie viele insgesamt spielen und da MMORPGs eine gewisse Menge an Spielern brauchen, um sich zu rentieren, kann man sich den Rest ausmalen. Ich sehe dem Ganzen relativ gelassen entgegen. »Ryzom« ist ein Spiel zur Unterhaltung. Wenn es das nicht mehr gibt, bleiben immer noch der Zusammenhalt unter den Leuten, die man kennen gelernt hat, die Erinnerung und genügend andere MMORPGs, die man spielen könnte. Natürlich ist keins davon wie »Ryzom«, aber irgendwas findet man schon, um sich die Zeit zu vertreiben. Meine ersten Gedanken... hmm... »Waaah!!! 2 Jahre 'Arbeit' umsonst!« und »OMG, was spiel' ich dann nur?«. Es wird sicher schwer sein, einen Ersatz zu finden, da ich durch »Ryzom« gewisse Anforderungen an ein MMORPG stelle.

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Das Schönste an "Ryzom": der Zusammenhalt der Community.
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gamona: Unter dem Projektnamen »The Free Ryzom Campaign« sammelt Ihr aktuell Geld, um die kompletten Rechte an »Ryzom« einzukaufen und das Spiel als Open-Source-Projekt weiterzuführen. Wie genau ist diese Initiative entstanden, und wie bist Du mit dazugekommen?

Tobias Peters: Da ich nur »dazugekommen« bin, kann ich über die Entstehung der Initiative selbst gar nicht viel sagen. Dazugekommen bin ich, als mich jemand darauf aufmerksam machte, und da ich es für eine interessante Idee halte, die »Ryzom« Einiges bringen könnte, beteilige ich mich.

gamona: Laut Nevrax sollen auch andere Unternehmen Interesse an einer Übernahme von »Ryzom« signalisiert haben. Welche Chancen rechnet Ihr euch selbst aus, den Zuschlag zu bekommen?

Tobias Peters: Sehr geteilt, würde ich sagen. Viele versuchen optimistisch zu denken, andere schauen eher realistisch auf das Ganze, aber geben unserer Sache dennoch eine Chance. Ich selbst stehe wohl auch auf der Realisten-Seite. Anhand der bisher gesammelten Summe sieht man aber, dass doch ein recht großes Interesse herrscht. Allerdings steigt die Summe wohl eher zu langsam, als dass wir rechtzeitig die 100.000 EUR erreichen könnten. Und selbst dann weiß niemand von uns, ob das genug sein wird.

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"Free Ryzom: Aber sofort!"
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gamona: Euer Ziel ist es, eine Summe von 100.000 EUR zu sammeln und diesen Betrag dann für die Lizenz-Rechte zu bieten. Wie seid Ihr mit dem bisherigen Verlauf der Spendensammlung zufrieden, und wie war das erste Feedback der Community auf eure Aktion?

Tobias Peters: Ich bin der Meinung, dass angesichts der kurzen Zeit, die die Aktion jetzt läuft, schon eine enorm große Summe zusammengekommen ist. Die Community ist aber stark gespalten. Manche von uns halten Teile des Projekts für unrealistisch, andere sehen die Chance auf einen Linux-Client, gute und mehr Übersetzungen oder anderes.

gamona: Wie sieht Eure weitere Vorgehensweise aus, falls Ihr den Zuschlag für »Ryzom« bekommt? Werden sämtliche Gebühren wegfallen, oder soll es auch weiterhin ein Abo-Modell geben? Falls ja, welche regelmäßigen Updates und welche Support-Formen wollt Ihr den Spielern bieten? Falls nein, wie wollt Ihr die anfallenden Kosten für Hardware und Traffic decken?

Tobias Peters: Geplant ist vorerst ein Abo-Modell, um die Kosten zu decken. Wenn Server gesponsort werden, ist es aber sicher möglich, diese zu senken oder wegfallen zu lassen. Über regelmäßige Updates weiß ich bisher nicht viel, aber so wie ich es sehe, kommt allein mit der Fertigstellung bzw. Fehlerbehebung vorhandener Sachen schon eine Menge zusammen. Support, auch leider noch nicht wirklich besprochen, wird sehr wahrscheinlich in gleicher Form wie bisher betrieben - mit freiwilligen Helfern. Ich selbst und viele andere sind von dem in »Ryzom« vorhandenen Support begeistert. Im Vergleich zu manch anderen Spielen ist er einfach großartig. Und das kommt zum größten Teil nur daher, dass es Spieler sind, die einen Teil ihrer Zeit dafür opfern.

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Gras über die Sache wachsen lassen... auch über "Ryzom"?
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gamona: Das enorme Potential von »Ryzom« ist sicherlich unbestritten, doch leider führt es bisher ein Schattendasein in der MMO-Welt. Welche Auswirkungen hätte eurer Meinung nach der Wegfall von Abo-Gebühren auf die Spieleranzahl? Würde diese exponentiell nach oben schießen?

Tobias Peters: Alles, was kostenlos ist, hat enormen Andrang. Es gibt mehrere MMORPGs, die kostenlos sind, und die Server sind nahe zu ständig überfüllt. Dennoch ist »Ryzom« etwas Besonderes: Es baut zu einem Großteil auf Teamplay auf. Der Anfang ist durchaus alleine machbar, und auch später kommt man als Einzelgänger gut voran, aber sehr langsam - vor allem im Vergleich zu Leuten, die im Team arbeiten. Die meisten anderen Spiele, die ich kennen gelernt habe, konnte man zwar auch im Team spielen, aber bis auf bestimmte Endgegner war alles im Alleingang machbar.

Auch das Handwerkssystem in »Ryzom« ist mehr oder minder auf Teamplay ausgelegt, einer allein bräuchte ewig, um alle Handwerkszweige so weit zu bringen, dass er sich mit dem Wichtigsten versorgen kann. Und daher denke ich, dass viele, die einfach nicht mit anderen zusammenarbeiten wollen oder können, kein großes Interesse an »Ryzom« hegen werden.

gamona: Welche Features vermisst Ihr bisher in »Ryzom«, und welche davon würdet Ihr versuchen, als erstes in die Spielwelt zu integrieren?

Tobias Peters: Ich selbst: hauptsächlich Fun-Features. Es gibt viele Kleinigkeiten, die man leicht integrieren könnte, um einfach nur irgendwelchen Unsinn anzustellen, just 4 fun. Integriert, denke ich, werden aber zu erst die einst angedachten Features und die halb fertigen. Auch jetzt arbeitet Nevrax noch daran, und diese Teile sollten unbedingt mit hinein.

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Geht die Sonne bald für Ryzom unter?
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gamona: Inwieweit wird die Community direkt an der Gestaltung von »Ryzom« mitwirken können, falls Ihr den Zuschlag bekommt? Habt Ihr in diesem Bereich schon konkrete Vorstellungen?

Tobias Peters: Da ich selbst nur mitmache, kann ich nur Teile aus dem »Social Contract« zitieren. Es soll demokratisch ablaufen, und die Spieler können wählen. Wenn sich also die Community für etwas entscheidet, soll versucht werden, dies umzusetzen.

gamona: Gibt es noch etwas, dass Du unseren Lesern mitteilen möchtest? Jetzt wäre die optimale Gelegenheit für einen Spendenaufruf!

Tobias Peters: »Ryzom« ist eins der besten MMORPGs, die es gibt. Leider ist es ihm in der Vergangenheit nicht gelungen, genug Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - durch ausreichend Werbung beispielsweise. Durch Open Source könnte es sich enorm weiterentwickeln lassen.

gamona: Tobias, vielen Dank für Deine Zeit.