Man nehme als Grundlage eine ordentliche Portion WoW, mische etwas WAR darunter, gieße dann ein wenig EQ hinzu, um die Mischung im Anschluss mit einer Prise Aion und einem Tropfen RoM abzuschmecken. Nach diesem oder einem ähnlichen Rezept hat man wohl in der Küche von Trion Worlds gearbeitet. Dass das Ergebnis der Masse munden dürfte, steht außer Frage. Doch genügt Rift auch unserem feinen Gaumen?

„Wir sind nicht mehr in Azeroth!“, verkündet Trion Worlds seit einigen Wochen in einer umfangreichen Werbekampagne zu Rift, dem Erstlingswerk der jungen Spieleschmiede. Es ist eine selbstbewusste Kampagne, mit der die Entwickler den Marktführer Blizzard und dessen Fans direkt herausfordern.

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Kampf der Horde

Dass damit schon zahlreiche andere Studios gescheitert sind, weil Azeroth mittlerweile knapp sechseinhalb Jahre Vorsprung hat, lässt die Herausforderer unbeeindruckt. Klar - das Alter eines Titels bringt nicht nur Vorteile mit sich. So sehr das manch eingefleischter Fan abstreiten mag - auch an einem World of Warcraft nagt der Zahn der Zeit.

Der Oldie präsentiert sich grafisch grenzwertig und spielerisch stellenweise antiquiert. Zwar freut sich Blizzard immer noch über Kundenzahlen im zweistelligen Millionenbereich, doch gibt es gefühlt mindestens ebenso viele Spieler, die des betagten Erfolgstitels längst überdrüssig sind. Und auf genau diese Spielergruppe scheint es Trion abgesehen zu haben.

Wer zum Teufel ist Trion?

Doch was braucht man für ein Spiel, das die WoW-Abtrünnigen begeistern kann - und wer sind diese Leute von Trion überhaupt, dass sie derart überzeugt davon sind, das geheime Erfolgsrezept von Blizzard einfach so nachkochen zu können? Die Namen der Entwickler und deren Historie aufzulisten, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, doch so viel sei gesagt: Die Liste der Trion-Mitarbeiter liest sich wie ein Who-is-Who der Spielindustrie.

Rift - Sind wir nicht mehr in Azeroth?

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Der finstere Regulos profitiert von der Auseinandersetzung zwischen Skeptikern und Wächtern.
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Unerfahren ist bei Trion niemand. Die meisten Entwickler sind echte Koryphäen auf ihrem jeweiligen Gebiet. Sie wurden ganz gezielt bei der Konkurrenz abgeworben. Dass sie das eine oder andere bewährte Konzept gleich mitgebracht haben, merkt man Rift von vorne bis hinten an.

Doch es ist nicht alles Gold, was in anderen Spielen zu glänzen scheint - vor allem nicht die Idee mit den zwei Fraktionen. Kritiker sind sich schon seit langem weitgehend einig darüber, dass eine virtuelle Welt kaum in Balance zu halten ist, wenn man deren Bewohner zwangsweise einer von nur zwei Fraktionen zuordnet.

Aller guten Dinge sind drei

Ein Ungleichgewicht ist dann vorprogrammiert, denn ist das Gleichgewicht der Kräfte erst einmal aus den Fugen geraten, kommt es in den Reihen der unterlegenen Fraktion immer öfter zur Fahnenflucht. Dieser Teufelskreis ist allerdings nur dann tragisch, wenn man dem Spiel wirklich bedeutungsvolle Spielerschlachten spendieren möchte, in dem die Gilden um die Vormachtstellung auf dem Server ringen können.

Packshot zu RiftRiftErschienen für PC

Vielleicht ist man ja bei Trion auch gar nicht wirklich daran interessiert, derlei Funktionen in Rift zu integrieren, wenngleich sich dann die Frage stellt, warum man die Community überhaupt noch so radikal trennen muss. Der Nachwuchsspieler muss sich bei seiner virtuellen Neugeburt auf jeden Fall entscheiden, ob er sein neues Leben als Wächter den Göttern oder als Skeptiker einer Art Steampunk-Technologie widmen möchte.

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Auch wenn wir nicht mehr in Azeroth sind - die Götter sind immer noch dieselben.
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Beide Seiten sind sich natürlich, wie sollte es anders sein, spinnefeind. Allerdings rückt diese Feindschaft durch eine äußere Bedrohung durch den finsteren Regulos bisweilen in den Hintergrund. Dieser finstere Übelwicht hat es irgendwie geschafft hat, Risse in andere Dimensionen zu öffnen, aus denen fremde Kreaturen entsteigen, um die Bevölkerung von Telara zu peinigen.

Sind wir echt nicht mehr in Azeroth?Fazit lesen

Masse oder Klasse?

Der wahrscheinlich interessanteste Aspekt von Rift offenbart sich schon recht bald nach Spielbeginn. Statt eine einzige Klasse nach bekanntem Muster zu wählen, darf der Spieler mehrere 'Seelen' nach Belieben kombinieren. Für die ersten drei darf man sich schon nach den ersten Missionen entscheiden - weitere Seelen spielt man sich im Laufe seiner Abenteuer frei.

Theoretisch bekommt der Spieler 84 Kombinationsmöglichkeiten pro Klasse - von denen es insgesamt vier gibt. Für experimentierfreudige Skill-Bastler bietet Rift also ungeahnte Möglichkeiten. Der erfolgsorientierte Spieler hingegen hält sich jedoch meist ohnehin an eine der in einschlägigen Foren empfohlenen Kombinationen, von denen einige tatsächlich unangemessen stark sind.

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Auch mit einer Gruppe Noobs lässt sich die PvE-Instanz ohne Probleme überwinden.
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Dass das Balancing nicht der Weisheit letzter Schluss ist, bekommt man vor allem dann zu spüren, wenn man regelmäßig in einer der serverübergreifenden PvP-Arenen unterwegs ist, die nach altbewährtem Muster funktionieren und für die man sich jederzeit alleine oder in der Gruppe anmelden kann.

Leider ist damit nicht garantiert, dass man mit seinen Gildenkumpels auch als Gruppe im Szenario landet, denn je nach Anzahl der Spieler werden die Gruppen nach Eintritt neu gemischt. Dass der Server die Widersacher angesichts der unzähligen Skill-Kombinationen nicht vorsortieren kann, mag man noch verschmerzen.

Spartaner müsste man sein

Wenn man jedoch mit einem Team von acht Leuten einem Dutzend Feinden gegenübersteht, was außerhalb der Stoßzeiten durchaus nicht selten vorkommt, vergeht einem bald die Lust am Farmen der PvP-Ausrüstung. Selbst der an Niederlagen gewöhnte Routinier findet sich dann oft in der Außenwelt von Telara wieder, wo er sich der Questerei zuwendet.

Rift - Trailer zum Ende der Beta27 weitere Videos

Doch so kreativ Rift in Sachen Skillungen auch sein mag, so konservativ präsentiert es sich, was die Quests betrifft. Der Spieler hangelt sich von einer Stellung zur nächsten und ackert Aufgaben ab, die man schon 2004 als eher langweilig bezeichnet hätte. Ein paar gesammelte Artefakte hier, ein paar gelöschte Feuer da, dann zurück zum NPC, der einen gleich darauf erneut ins Krisengebiet entsendet.

Zugegeben, es gibt eine ungemein große Zahl von Spielern, die genau diese Art von wiederholungsanfälliger Spielmechanik genießen. Wer eine möglichst stressfreie Betätigung für den Feierabend sucht, wird an den Abenteuern in Rift möglicherweise Gefallen finden. Wer beim Spielen hingegen echte Herausforderungen sucht, die einem das Adrenalin durch die Adern jagen, kämpft bei seiner Reise durch Telara gegen den Sekundenschlaf.

Sind die Zerg in Telara?

Für einige wache Augenblicke sorgten bei uns immerhin die ständig in der Landschaft auftauchenden Risse. Je nach Element verändert sich dann die Umgebung unterhalb des Risses, fast so, als würden die Zerg über einen Landstrich herfallen. Wer Warhammer Online gespielt hat, wird allerdings schnell merken, dass die Risse de facto auch nichts anderes sind als dynamische 'Public Quests'.

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Die Entwickler kitzeln das Äußerste aus der alten Gamebryo-Engine heraus, die anno 2001 erstmals bei Dark Age of Camelot zum Einsatz kam.
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Befindet man sich in der Nähe eines dieser Risse, wird automatisch eine Gruppe generiert, der man unkompliziert beitreten kann. Um den Riss wieder zu schließen, müssen mehrere Phasen durchkämpft werden, deren Anspruch sich allerdings in Grenzen hält. Wurden die Eindringlinge zurückgeschlagen, gibt es Belohnungen für alle.

Doch kennt man einen, kennt man alle. Nach einer Weile reißen einen selbst die optisch faszinierenden Wasserrisse nicht mehr vom Hocker und man ist eher darum bemüht, diesen Ereignissen aus dem Weg zu gehen, was nicht immer einfach ist. Früher oder später entsendet der Riss nämlich Truppen in Richtung des nächstbesten NPC-Lagers.

Wozu anstrengen, wenn man eh ein Auserwählter ist?

Abgesehen von solch seltenen Momenten kommt auch der unsozialste Spieler noch gut alleine durchs Spiel. Ein Besuch in den PvE-Instanzen erfordert hingegen ein halbwegs koordiniertes Zusammenspiel. Die Gruppenbildung erfolgt dann meist relativ unkomfortabel via Chat. Doch ist die kleine Schar dann erst mal komplett, zeigt sich Rift wieder von seiner leichtgängigen Seite.

Auch mittelprächtig funktionierenden Gruppen schlagen sich meist noch erfolgreich durch die durchweg atmosphärisch gelungenen Kurzabenteuer. Wer es anspruchsvoller mag, darf die schönsten Instanzen nach Erreichen der Levelobergrenze noch einmal mit angepasstem Schwierigkeitsgrad erleben, um dann ein paar besonders feine Stücke für die Ausrüstung zu ergattern.

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Der wahrscheinlich spektakulärste Moment im Leben des jungen Auserwählten ist der Kampf gegen einen Wasserriss.
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Optisch präsentiert sich Telara durchaus ansprechend. Auch wenn im Herzen von Rift „nur“ eine überarbeitete Version der schon bei Warhammer Online zum Einsatz gekommenen Gamebryo-Engine arbeitet, kitzelt Trion optisch doch eine ganze Menge aus dem Oldie heraus - zumindest was die Umgebung betrifft.

Des Kaisers neue Kleider

Etwas anders sieht das bei den Charakteren aus, die stark an Warhammer Online erinnern und im Genre keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würden. Auch die sichtbare Ausrüstung ist eher unkreativ gestaltet und nicht selten wird die Freude über die neue Robe dadurch getrübt, dass sie am virtuellen Körper nicht anders aussieht als die alte.

Äußerst umstritten ist Rift in Bezug auf seine Geschichte. Während wir auf unseren Streifzügen kaum mit den Geschehnissen in Telara warm wurden, sind wir natürlich auch auf Spieler gestoßen, die als wandelnde Lexika agierten und im Zweifel erklären können, wodurch man Telara im Kampf gegen Regulos gedient hat, nur weil man irgendeine Maschine wieder in Betrieb genommen hat.

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Für Freunde des Craftens hält Rift natürlich ebenfalls Betätigungen bereit, die nach bekanntem Muster funktionieren - ähnlich wie in den meisten Themepark-MMOs. Insgesamt bietet das Spiel neun Berufe, drei davon beziehen sich auf das Sammeln. Unerlässlich für das Vorankommen sind die Berufe allerdings nicht und das missratene Auktionshaus trägt auch nicht unbedingt dazu bei, das Craften attraktiver zu machen.

Nach dem Release ist vor dem Release

Viele der Kritikpunkte sind den Entwicklern allerdings längst bekannt und bei Trion arbeitet man längst am ersten großen Update, das nicht nur Fehler beseitigen soll, sondern dann hoffentlich auch inhaltlich für neue Herausforderungen sorgen wird. Zugestehen muss man den Entwicklern von Rift auf jeden Fall, dass sie es geschafft haben, ein richtig gutes MMOG ohne die fast schon branchenüblichen Querelen auf die Beine zu stellen.