Unser Kolumnist hat das EVE Fanfest am Ende der Welt samt Sonnenfinsternis und wütenden Blizzards halbwegs unbeschadet überstanden und richtet seinen Blick weg von fernen Galaxien und hin zur Games-Branche. Die hat auch in der vergangenen Woche wieder jede Material an Land gespült - und manches davon muss man mit Vorsicht genießen.

Wenn sich muskelbepackte Recken mit dickem Schwert durch Monsterhorden schnetzeln, begleitet von heißen Heiler-Babes, deren Mana eigentlich nur in der auffallend üppigen Oberweite untergebracht sein kann, spielen wir höchstwahrscheinlich ein Spiel, das von seinen Entwicklern als Massively Multiplayer Online Role Playing Game bezeichnet wird.

Wiped! - Die MMO-Woche - Revival - Rated M for Mature!

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Insbesondere in den prüden Teilen Asiens gilt die Faustregel: Je knapper das Kleidchen, desto stärker der Feuerball.
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So ist nun mal das virtuelle Leben

Absolut kein Zweifel mehr darüber, in welchem Genre wir uns bewegen, besteht, wenn wir zur statisch in der Welt herumstehenden Figur mit Sonderzeichen über dem Kopf zurückkehren, um Gold und Erfahrungspunkte für unser Tun abzuholen. “So sind MMOs nun einmal!”, liest man hin und wieder mal in den Kommentaren, wenn sich ein Autor anmaßt, dieses hanebüchene Konzept zu kritisieren.

Das zeigt, wie sehr sich Teile der Spielergemeinde schon damit angefreundet haben - von den Entwicklern ganz zu schweigen. Für die ist es natürlich ungemein praktisch, jedes neue Spiel nach dieser Vorlage zu bauen. Die Klassen samt Skills hat man schnell entwickelt, parallel basteln die Artisten die typischen Umgebungen - Wüste, Dschungel, Steppe, Winter, Strand. Dann noch die passenden Mobs dazu und natürlich NPCs, die einen in “epischen Questreihen” dazu animieren, selbige zu jagen. So sind MMOs nun einmal. Eine Welt sind sie so jedoch nicht - allenfalls ein ziemlich toter, virtueller Raum.

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Schön ist sie nicht und auch nicht sauber - aber sofern Geruch und Geschlechtskrankheiten nicht simuliert werden, beißen wir eben in die sauren Äpfel und holen uns die Buffs.
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Revival - wird richtig ekelig

Immerhin sträubt man sich in manchen unabhängigen Entwicklerkreisen mittlerweile, dieses immer gleiche Spiel weiter mitzumachen. Man will weg von der Copy-&-Paste-Routine und hin zu dem, was die usprüngliche Idee hinter einem Massively Multiplayer Online Role Playing Game gewesen war: zu einer virtuellen Welt, die diese Bezeichnung auch verdient. Die Ansätze, die in den Studios dabei verfolgt werden, sind nicht nur höchst unterschiedlich, sondern bisweilen auch ausgesprochen skurril, wie eine Erklärung von Illfonic aktuell beweist:

“Wir sind kein Theme-Park-Game. Dies ist eine lebendige Welt, die sich weiter dreht, mit dir oder ohne dich. Das bedeutet auch, dass wir die totale und vollständige Immersion wollen. Du wirst keine ultraheißen, zarten Frauen mit weißen Zähnen, perfektem Haar in knapper Rüstung gegen Monster kämpfen sehen. In der Welt von Revival wäre das nicht realistisch. Dies ist eine mittelalterliche Periode. Sie ist schmutzig, sie ist hässlich und die Leute darin sind es auch.

Herr Raidleiter, ich muss mal!

Nun könnte man es den Spielern überlassen, über diese Dinge zu spekulieren, doch die Entwickler spezifizieren: “Kacken, pinkeln, Sex haben, Sklaverei, Serienmörder-Skills und dergleichen werden Aktivitäten im Spiel sein.” Wer Sex - in Revival übrigens ein kooperatives und grafisch eindeutiges Minispiel - tatsächlich rege praktiziert, wird gewisse Boni genießen dürfen - fast wie im echten Leben.

Ein wenig klingen solche Ideen, als versuche man auf Teufel komm raus, alles ganz anders zu machen. Und es stellt sich die Frage, wie tiefgreifend und sinnvoll erwähnte Elemente sind, ob sie tatsächlich auch sinnvoll mit der virtuellen Welt verwoben sind oder ob sie lediglich als skurriler und geschmackloser Gag ins Spiel gebracht werden, damit man etwas hat, worüber man reden kann.

Nichtsdestotrotz klingen einige der Informationen, die zu Revival die Runde machen, verlockend. Individuelle Immobilien als Zentrum des virtuellen Lebens, sozial bedeutsame Interaktion, das Risiko des bedingten Permatodes - samt Möglichkeit, mit dem nächsten Charakter das Erbe des Toten anzutreten, Sandbox-Crafting, ein Schuss Lovecraft-Horror und eine Prise Splatter-Erotik. Insgesamt fast ein wenig zu verrückt, um noch wahr zu sein - als setze die Entwicklung dort an, wo CCP einst bei World of Darkness aufhören musste.

Mächtige Verbündete

Dabei sind die Leute von Illfonic absolut keine durchgeknallten und talentlosen Spinner, die gar keine Ahnung von dem haben, was sie da tun und einfach mal etwas ins Blaue hinein versprechen. Die Firma scheint finanziell abgesichert, verzichtet bewusst auf Crowdfunding und finanziert Revival, abgesehen von den Immobilienverkäufen vorab, aus eigener Kasse.

Dazu kommt, dass die Entwickler von Illfonic gute Kumpel von Chris Roberts sind, der sogar so große Stücke auf sie hält, dass er ihnen die komplette Entwicklung des Shooter-Moduls von Star Citizen anvertraut hat. Wir werden also schon bald wissen, was die Leute mit den abgefahrenen Ideen wirklich auf Lager haben und ob es sich lohnt, weiterhin ein Auge auf Revival zu haben.

Worlds Adrift - die treibende Kraft

Ein Auge haben sollte man auf jeden Fall auf ein neues Projekt namens Worlds Adrift. Das verspricht zwar keine virtuellen Toilettengänge, jedoch ein paar andere Besonderheiten, die in MMOGs ausgesprochen selten sind: Eine komplexe Physik samt Fliegerei zum Beispiel, die dann auch wohl für die Namenswahl der “Treibenden Welten” ursächlich gewesen sein dürfte.

Die Entwickler, auf deren Kappe auch der Surgeon Simulator geht, haben sich vorgenommen, eine Umgebung zu schaffen, die lebt und atmet, obwohl - oder gerade weil - sie ohne Quests und NPCs auskommt. Allerdings nicht ohne PvP, denn die daraus erwachsenden Möglichkeiten sind wichtiger Bestandteil der Sandbox, in der es zu manchem Schmetterlingseffekt kommen dürfte:

Wenn ein Spieler von einer Kanonenkugel getroffen wird, stirbt er nicht deswegen, weil Kanonenkugeln den Wert X an Schaden verursachen. Er stirbt, weil eine Kanonenkugel 20 kg wiegt und den Spieler mit 30 m/s trifft. Ein Treffer mit einer Kanonenkugel tötet den Spieler auf gleiche Art wie ein Stein, der ihm auf den Kopf fällt und die gleiche wie ein Baumstamm, der ihn überrollt oder ein Schiff, das in ihn rast.

Und da es in bewegten Welt oft schwierig bis unmöglich ist, den Verursacher einer Kraft auszumachen, versuchen sich die Entwickler lieber, sich von vornherein mit dem PvP zu arrangieren. Worlds Adrift befindet sich noch in einer sehr frühen Phase seiner Entwicklung, doch man kann schon jetzt davon ausgehen, dass wir in Zukunft regelmäßig von diesem Titel hören werden.

Shards Online, Pathfinder Online, Das Tal - Alphas so weit das Auge reicht
Etwas weiter als Worlds Adrift sind auf jeden Fall schon ein paar anderen Indie-Titel, die gerade mehr oder weniger erfolgreich ihre Alpha-Phasen durchlaufen oder im Begriffe sind, das zu tun. Zum Beispiel Pathfinder Online, dessen Entwicklung zwar spürbar, allerdings weit langsamer voranschreitet, als sich das mancher Fan erhofft hatte - zudem man das Spiel plus eine Monatsgebühr bezahlen muss, um am ‘Early Enrollment’ teilzunehmen.

Shards Online, das sich immer stärker in Richtung eines geistigen Nachfolgers zu Ultima Online entwickelt, scheint da schon einen Schritt weiter zu sein, obwohl die Entwickler noch immer von der Pre-Alpha-Phase sprechen. Und auch die Entwickler des isometrischen MMOs Das Tal scheinen weitreichende Erfahrungen mit Ultima Online gesammelt zu haben, die sie jetzt in ihrem eigenen Spiel verbauen. Wer Lust auf isometrisches Retro-PvP hat, sollte sich jetzt für die Alpha-Testphase registrieren.

H1Z1 - einmal Cheater, immer Cheater…

In welcher Testphase H1Z1 derzeit tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Immerhin hat das Spiel sehr schnell zu DayZ aufgeschlossen und liefert sich Tag für Tag ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Survival-Dauerbrenner, was die aktiven Spieler betrifft. Das beeindruckt vor allem, weil Daybreak erst in der vergangenen Woche den Millionsten Zugang verkauft hat - ein Drittel der DayZ-Kopien. Die Spieler von H1Z1 sind damit also weit aktiver und regelmäßiger im Spiel. Das dürfte vor allem auch an dem unterhaltsamen Battle-Royale-Modus liegen, der von immerhin 30 Prozent der Spielerschaft favorisiert wird.

Beschwerden gibt es derweil, was die Vorgehensweise gegen Cheater betrifft. Manche Spieler halten Daybreaks Vorgehensweise für nicht effizient genug und wünschen sich Sofortmaßnahmen. Andere sehen sich zu Unrecht verurteilt und aus dem Spiel gebannt, jammern in den Foren darüber, dass sie die als illegal erkannte Software zwar installiert, aber nicht benutzt hatten. Insbesondere für letztere fand John Smedley aktuell ein paar passende Worte:

Wir sind vorsichtig, wen wir bannen. Sind wir perfekt? Nein, aber ziemlich dicht dran. Die Daten, die wir haben, sind echt erstaunlich[...] Hört euch einfach die Loser an (und ja, ich halte Cheater für Loser).” Und in einem anderen Beitrag ist zu lesen: “Wir wollen, dass diese Leute für immer aus jedem Daybreak-Game verschwinden und wenn ich es könnte, würde ich sie komplett von sämtlichen PC-Games bannen. Wenn du in einem Spiel cheatest, cheatest du auch im anderen. Ich habe null Toleranz, was die Cheaterei betrifft.” Also - Finger weg von der schmutzigen Software, wenn euch Daybreaks Titel lieb sind.

Skyforge - Ruhe!

Ärger mit der Community hat man aktuell auch bei My.com. Oder besser: Man hatte Ärger mit der Community, die nicht ganz einverstanden mit der Pay-To-Win-Preispolitik zu Skyforge gewesen sein schien und die dies auch in den Foren kundtat. Doch wozu, so dachte man sich wohl beim russischen Publisher, verfügt man eigentlich über Admin-Rechte in den Foren?

Man bannte kurzerhand die Bezeichnung P2W in all ihren Formen und die Unverschämtheit der Fans, “Monetarisierung zu übersimplifizieren” gleich mit. Wer nicht spurt, riskiert nicht nur aus den Foren befördert zu werden, sondern obendrein aus dem Spiel - unabhängig davon, ob man dafür bezahlt hat oder nicht.

Für viele Spieler ist dieses radikale Bekenntnis des Publishers zur Zensur und Verdammung jeglicher Form von Kritik schon im Vorfeld ein Grund, Skyforge zu meiden. Für den aufstrebenden russischen Publisher ist die Aktion auf jeden Fall kein guter Anfang in einem vom guten Ruf abhängigen Wettbewerb, auch wenn es in den Foren jetzt ausgesprochen ruhig geworden ist. Zu ruhig.