Die Warlords sind los und alle Welt strömt nach Draenor. Kein Wunder, dass die eingerosteten Server da gehörig schwächeln. Blizzard nimmt das mittlerweile recht gelassen hin - ebenso die Konkurrenz. Die arbeitet unverdrossen weiter an Neuem, denn spätestens in ein paar Wochen wird der Spuk in und um Dreaenor wieder vorbei sein und die hungrigen Spielerhorden suchen neues Futter.

Blizzards Foren brennen. Entflammt durch all den Zorn, den Spieler aus aller Welt dort abladen. Seit die Warlords of Draenor auf den Servern stehen, haben die schwer zu kämpfen. Ob es nun tatsächlich Hacker sind, unter denen Blizzards Technik zu leiden hat, Bugs oder schlicht die Spielermassen, mit denen der Publisher hätte rechnen können und müssen, darüber mögen sich die Experten streiten.

Mehr Leute, weniger Zeit?

Sicher ist nur: In ein paar Wochen wird sich der Sturm über Azeroth wieder gelegt haben. Dann ist der Jahresurlaub aufgebraucht, der Content auch und das Warten auf die nächste Erweiterung beginnt. Die sollte dann aber etwas zügiger erscheinen, finden Fans und Entwickler gleichermaßen. Man habe das Team aufgestockt und sollte fortan schneller vorankommen als bisher, erklärte aktuell ein führender Designer - allerdings nicht zum ersten Mal.

Und weil sich die Fans nach dem Fall von Titan auch für einen eventuellen Nachfolger zu World of Warcraft interessieren, erklärte Lead Game Designer Ion Hazzikostas obendrein, dass man dafür eine neue Vision benötige und Mechaniken, die neue Formen von Gameplay ermöglichten. Nicht weniger als die Neuausrichtung des MMOG-Genres ist seiner Ansicht also nötig, will man mit einem Titel erfolgreich sein.

Eine harte Nuss, die derzeit recht viele Studios zu knacken versuchen - allen voran jene, die ihre Experimente mit der Unterstützung der Fangemeinde finanzieren. Meist sammeln die das nötige Kleingeld via Kickstarter vorab von den Fans ein, geben denen dafür eine garantierte Teilnahme an den Alpha- und Beta-Testrunden sowie einige Schmankerl obendrauf - je nach angepeiltem Geschäftsmodell. Doch gerade in dieser Hinsicht gibt es mittlerweile den einen oder anderen Vorstoß in alternative Richtungen.

Revival - mit Schweiß und Tränen geschmiedet

Bei Illfonic beispielsweise scheut man sich, das neue Projekt via Kickstarter vorzustellen und auf diesem Wege von der Community finanzieren zu lassen. Man habe mit der Entwicklung bereits ein ganzes Stück eines harten und langen Weges zurückgelegt und man werde diesen Weg auch weiterhin beschreiten, weil man der eigenen Vision treu bleiben wolle - auch ohne zusätzliche Geldmittel. Klingt sympathisch, wenngleich ein wenig verrückt - so wie das komplette Projekt.

Das wird von den Entwicklern so beschrieben: “Revival ist die Wiedergeburt der spielergesteuerten Sandbox-Fantasy-Rollenspiel-Welt. Das Wirken der Spieler, die Beständigkeit der Welt und absolut null Kompromisse sind die Eckpunkte unseres Plans für eine lebendige, persistente Welt dunkler Fantasy.”

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Bislang sind es vor allem die Spieler von EVE Online, die in den Genuss von epischem Spielerdrama kommen.
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Völlig durchgeknallt oder schlichtweg genial?

Starker Tobak und wahrscheinlich ungenießbar für Otto Normaspieler - was auch einer der Gründe für die Kickstarter-Verweigerung sein dürfte. Denn so sehr die Massen auch nach etwas Neuem schreien - sie würden eine Welt, die eben kein Spiel ist, sondern ein fortwährendes soziales Drama, kaum begrüßen - mit Ausnahme einiger EVE- oder Lineage-Veteranen.

Wer sich dann doch auf das ungewöhnliche Abenteuer einlassen möchte, bekommt schon im Vorfeld von den Entwicklern ein paar mahnende Worte eingebläut: “Die Götter lassen ihre Hände über die Oberfläche von Theleston wandern und Spieler könnten geneigt sein, sich ihnen als Werkzeug oder Florett anzubieten. Doch seid gewarnt - wer sich in die Angelegenheit der Götter einmischt, könnte sich als Bauer in einem größeren Spiel wiederfinden.”

Möge unser Gott mit uns sein!

Leeres Gewäsch oder ein echt geniales Spielkonzept? Würde man bei Illfonic damit auf Kickstarter vorstellig werden, hätte man die erste Million jetzt zusammen - doch damit wäre dann auch eine Extraportion Skepsis angebracht. Zudem stellt sich die Frage, was man sich bei Illfonic unter den Göttern vorstellt.

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um GMs handeln könnte. Zumindest sprechen die Entwickler von einem Team aus Live-GMs, die ihre Augen auf die Welt und deren Bewohner haben, die mit besonderen Befugnissen ausgestattet sein werden und die Pläne der Spieler unterstützen können - oder sie durchkreuzen.

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Lord British ist tot! Und mit ihm die Zeiten, in denen Entwickler und GMs noch aktiv in der Welt in Erscheinung getreten sind.
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Du erntest, was du gesät hast!

Entsprechend soll sich Revival komplett vom statischen Content entfernen. Von Quests-NPCs, Level und Item-Spirale oder Pfaden, die jeder Spieler zu einem bestimmten Zeitpunkt durchschreitet, wollen die Leute von Illfonic nichts wissen. In Revival sollen die Bewohner nicht mit Ausrüstung oder Titeln posen, sondern Taten sprechen lassen, mit denen sie die Welt verändern.

Ein Beispiel aus dem Fundus der Entwickler: Wenn Spieler eine Stadt belagern und dabei zerstören, gibt es keine Belohnung samt Reset. Vielmehr muss der Spieler nun in einer Welt leben, in der jene Stadt eben nicht mehr existiert und die Konsequenzen für diese Entscheidung tragen. Wenn neue Spieler in der Welt ankommen, sehen sie nicht mehr, was dort einst war - sie sehen die Ruinen einer Stadt und hören von Legenden, warum und wie sie dereinst zerstört wurde.

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Revival belebt nicht nur uralte Spielkonzepte wieder, sondern auch jüngere. Bekommen die Fans von World auf Darkness ein neues Zuhause?
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Zum Wohle der Stadt!

In die gleiche Kerbe soll auch das Crafting-System von Revival schlagen, das nicht nur kurzweilig, sondern auch komplex und über alle bekannten Maßen wichtig für die Welt werden soll. Denn eine Stadt benötigt gewisse Güter, um sich und seine Bewohner zu versorgen. Stehen mehr Güter zur Verfügung, kann die Stadt expandieren. Stagniert die Versorgung oder kommt sie gar zum Erliegen, kann die Stadt verfallen oder wird angreifbar für Banditen oder feindliche Spielergruppen.

Was die Mechaniken hinter der Welt betrifft - vom Crafting über die NPCs bis hin zum Karma-System, so vergleichen die Entwickler ihr Spiel mit einer Uhr. Oberflächlich betrachtet ist das alles ein Kinderspiel - doch wehe, wenn man sie aufschraubt und einen Blick ins Innere wirft. Das gilt auch und vor allem für die Politik.

Game of Thrones

Der Spieler wird nicht in eine Fraktion hineingeboren. Er landet vielmehr in einer Welt der Stadtstaaten, in denen er um Aufnahme ersuchen muss. Doch da jedes Reich komplett von Spielern gelenkt wird, folgt jedes auch deren ganz speziellen Regeln. Passe ich besser in ein demokratisch geführtes System oder diene ich lieber einem starken, zielstrebigen Feudalherrn? Die Frage ist kniffliger zu beantworten, als es auf Anhieb scheint.

Zudem versucht jeder kleinere Staat, seine Macht auszuweiten und die Krone zu erobern. Für die Entwickler verhält es sich so: “Du bist nicht der einzige, der nach Macht strebt. Viele, die das politische Spiel gewinnen wollen, werden mächtige Verbündete haben. Doch wenn du dich mit noch mächtigeren Verbündeten zusammentust, kann deine Macht selbst die von Königen und Göttern übertreffen.

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Revival ist nicht das erste Spiel von Illfonic. Mit Nexuiz haben sie zumindest bewiesen, dass sie solide Arbeit leisten mit der CryEngine umgehen können.
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Befreiungsschlag für Game Master

Insbesondere letzteres ist ein verdammt mutiger, wenngleich überfälliger Schritt. Zu lange hat man göttliche GMs aus den Spielen gebannt, hat sie ihrer Mittel beraubt und zu Support-Akkordlern degradiert. An ArcheAge sehen wir, wie wichtig aktive GMs insbesondere in einer Sandbox sind. GMs, die Spieler beobachten, die Cheater und Exploiter bestrafen.

Natürlich wird die Community aufschreien, wenn der eine Gott mächtiger ist, aktiver und gerissener als ein anderer, dafür vielleicht gutmütiger GM. Doch genau dieses Drama ist es, das eine virtuelle Welt aus dem öden MMO-Rhythmus reißen kann und sie unberechenbar macht und glaubhaft. Vor Jahren schon haben MMOGs das “R” im Namen verloren. Durch den Ansatz von Revival könnte das Rollenspiel endlich wieder zurück in eine virtuelle Welt finden. Ein Rollenspiel, bei dem auch gewisse soziale Skills gefragt sind, die sich nicht in Zahlenwerten im Spiel wiederfinden.

Rift trifft Jumpgate

Ganz unerfahren sind die Jungs von Illfonic übrigens nicht, haben einen recht soliden Cry-Engine-Shooter namens Nexuiz entwickelt und zum Teil als Lead Designer Erfahrungen in allen möglichen MMO-Studios gesammelt, darunter Trion und NetDevil, bevor man sich entschlossen hat, künftig auf eigene Faust an den ultimativen Sandbox-Träumen zu arbeiten.

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NetDevil hatte den Nachfolger zum legendären Jumpgate in Entwicklung. Doch dann kam die Finanzkrise.
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Und wenngleich es keine Kickstarter-Aktion geben soll, können besonders interessierte Fans der Idee demnächst vorab ihre Geldbörse öffnen und den Entwicklern unter die Arme greifen. Damit erwerben sie dann gleichzeitig ein Schiff oder eine Immobilie in der persistenten Welt sowie entsprechendes Mobiliar. Und natürlich erleben sie den Aufbau einer auf jeden Fall außergewöhnlichen Onlinewelt von Anfang an mit.

Ausblick

Ich werde es natürlich nicht versäumen, einen Kontakt zu den Leuten hinter Revival zu knüpfen, damit auch wir von Anfang an mitbekommen, wohin sich da Projekt entwickelt. Das ist allemal einfacher als die Kommunikation mit Fernost, wo beispielsweise NCSoft Korea an diesem Wochenende die nächsten beiden Titel präsentieren möchte - einer davon Lineage Eternal, jenes MMO in Iso-Perspektive, das auf Massenschlachten mit Mob- und Spielerhorden setzt. Der andere nennt sich HON und dürfte, dem Sound nach zu urteilen, in der Zukunft angesiedelt sein.


Mehr davon gibt es auf jeden Fall am kommenden Samstag zu lesen - an dem ich dann übrigens schon in Cambridge weile, um der großen Release-Party von Elite: Dangerous beizuwohnen und mit David Braben darüber zu sprechen, welche Pläne der Erfinder der legendären Weltraum-Sandbox und des Raspberry Pi für die Zukunft des MMORPG-Genres so im Kopf hat. Falls ihr spezielle Fragen an den Altmeister habt - immer her damit!