Blizzard durfte sich einiges anhören, als sie den klassischen Fertigkeitsbaum aus Diablo 2 über den Haufen warfen und in Diablo 3 durch ein System ersetzten, in dem jeder Charakter bis zur Maximalstufe alle Skills erlernt und frei kombinieren darf. "Blasphemie" schrien die einen - und griffen zu Torchlight II. "Toll" schrien die anderen - und freuten sich darüber, dass man seine Charaktere nicht mehr "verskillen" kann.

Path of Exile - Action TrailerEin weiteres Video

Ich war anfangs selbst skeptisch, zollte Blizzard aber im Nachhinein Respekt: Einige Neuerungen in Diablo 3 erwiesen sich als totaler Schuss in den Ofen und machten ein Zurückrudern nötig (bestes Beispiel sind Lootsystem und Auktionshaus), doch das neue Skillsystem hat seine Vorteile.

Aber war das schon alles? Verträgt das Hack & Slay Genre keine größeren Sprünge? Wo bleibt die Inspiration? Wer wagt die mutigen Experimente? Wo sind die Pioniere?

Allem Anschein nach sitzen sie in Neuseeland bei Grinding Gear Games und haben Ende Oktober Path of Exile in Eigenregie ohne Publisher herausgebracht. Den Titel könnt ihr über die offizielle Seite oder Steam beziehen. Wer Innovationen sucht, wird hier fündig.

Zunächst mal ein paar Rahmendaten: Path of Exile ist free-to-play. Es gibt sechs Klassen, plus eine siebte, die nach Beendigung des Spiels im normalen Modus freigeschaltet wird. Drei Schwierigkeitsgrade fordern den Klickfinger: Normal, Cruel und Merciless. Es erfordert drei Durchgänge bei steigender Schwierigkeit, bis man schließlich das "Eternal Laboratory" freischaltet, das einem Zugang zum Endgame mit richtig schicker Beute gewährt. Darüber hinaus gibt es noch diverse Ligen (Ladder), die alle vier Monate wechseln. Bestandteil davon ist auch eine Art Hardcore-Modus: Wer hier stirbt, wird in die Standard-Liga verfrachtet.

Der Titel zeigt der Konkurrenz, wie ein modernes Fantasy-Klickgemetzel aussehen muss. Frische Ideen, liebevolle Details und durchdachte Spielmechanik.Fazit lesen

Neben den (bisherigen) drei Akten mit ihren 75 Questgebieten, die alle per Zufallsgenerator zusammengewürfelt werden, gibt es nochmals zusätzlich 67 Maps als Endgame-Spielplätze, die hochstufigen Charakteren vorbehalten sind. Diese Maps werden als Beute in der Spielwelt gefunden. Es gibt 87 aktive Fertigkeiten, aufgeteilt nach den drei Hauptattributen Stärke, Geschicklichkeit und Intelligenz, sowie einen passiven Skillbaum, der selbst Veteranen von Final Fantasy 10 einschüchtern dürfte - Hunderte passive Boni in einem riesigen Netz wollen da freigeschalten werden.

Path of Exile - Diablos Thron wackelt, wie schon lange nicht mehr

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Schöne grüne Hölle - anfangs wirkt Path of Exile ein wenig trist, trumpft aber später mit tollen Gebieten auf.
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Von Pfui zu Hui in zehn Minuten

Anfangs hinterlässt Path of Exile ein zwiespältiges Bild. Die ersten Gebiete wirken trist - erst später trumpft das Spiel mit satten Dschungeln und interessanten Locations auf. Die 3D-Engine erlaubt den Zoom aus der klassischen isometrischen Perspektive in eine detaillierte Nahsicht. Die Licht- und Schatteneffekte schauen super aus, aber mit dem Bumpmapping und den Brauntönen übertreiben es die Designer etwas. Auch fehlt die Transparenz, wenn der Charakter von Mauern und Felsen verdeckt wird. Ansonsten erinnert der Look an die ersten beiden Diablos: weniger Cartoon-Schischi, dafür mehr Dreck, Blut und Rost. Da reiben sich Puristen die Hände.

Das Design der Monster und Bosse ist stimmig, zudem haben die Fiesewichte einige Asse wie Elementarzauber und Flüche im Ärmel, wenngleich die meisten Monster eher die Kamikazetaktik bevorzugen und einfach nur auf euch lossprinten. Eine nette Idee sind die Schreine in den Questgebieten. Nahe Feinde werden so lange von ihnen gebufft, bis ihr selbst die Schreine aktiviert und den Effekt auf euch lenkt - Hut ab, Grinding Gear, auf sowas muss man erstmal kommen.

Packshot zu Path of ExilePath of ExileErschienen für PC

Steuerung und Interface werden Hack-&-Slay-Veteranen sofort vertraut sein und dürften auch Einsteiger vor keine großen Probleme stellen. Monster klicken, Monster tot, Beute sammeln, wiederholen. Die Bildschirmtexte und die (hervorragende) Sprachausgabe kommen auf Englisch daher - diese kleine Kröte muss man vorerst schlucken. Die Entwickler haben aber schon andere Sprachversionen in der Pipeline.

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Der passive Fertigkeitsbaum in seiner ganzen Pracht. Da können sich Build-Tüftler ordentlich austoben.
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Wie brillant die Neuerungen seitens Grinding Gear sind, wird offensichtlich, sobald man sich mit dem Zusammenspiel zwischen der Ausrüstung und den Fähigkeiten eines Charakters beschäftigt: Auf den ersten Blick wirkt das System kompliziert, entpuppt sich aber auf den zweiten Blick als der mutigste Schritt nach vorn, den ich seit langem in diesem Genre gesehen habe. Path of Exile kehrt zu den Diablo-Wurzeln zurück, verpasst dem Gameplay aber geniale Twists.

Mehr Basteln geht nicht: Das Fertigkeitssystem

Jeder Charakter kann prinzipiell jede Waffe und Fähigkeit nutzen, sofern er die nötigen Attribute und Stufe besitzt. Es gibt drei Klassen, die sich vor allem auf ihr Hauptattribut verlassen: Der Marauder auf Stärke, die Rangerin auf Geschicklichkeit und die Witch auf Intelligenz. Daneben könnt ihr noch als Hybridklassen spielen: Duelist (Stärke / Geschicklichkeit), Templar (Stärke / Intelligenz), Shadow (Geschicklichkeit / Intelligenz) und die freischaltbare Scion (alles drei).

Die Klassen unterscheiden sich nur äußerlich voneinander, sowie bei den Startwerten und ihrer Ausgangsposition im riesigen Netz der passiven Fertigkeiten - zu denen auch Attributsboni zählen. Sich an die Rahmenbedingungen seiner Klasse zu halten, mag etwas effizienter sein, doch letztlich könnt ihr die wildesten Skill-Kombinationen verwirklichen, wenn ihr umsichtig plant. Ein Garten Eden für Build-Tüftler.

Zweiter Streich: Aktive Fertigkeiten werden nicht gelernt, sie werden gesockelt. Ihr findet im Laufe eures Abenteuers grüne, rote oder blaue Fertigkeits-Edelsteine, die in die drei unterschiedlichen Attributs-Sockelfarben eurer Ausrüstung passen. Rot entspricht Stärkezaubern, Grün Geschicklichkeit und Blau Intelligenz.

Manche Skills funktionieren nur, wenn ihr eine bestimmte Waffe ausgerüstet habt, andere sind frei. Die Bandbreite reicht von mächtigen Hieben, Auren, Kriegsschreien und platzierbaren Totems (Stärke) über Fallen, Brandpfeilen, Kadaverexplosionen und Teleports (Geschicklichkeit) bis hin zu Feuerstrahlen, Eiszaubern, Zombie- und Skelettarmeen oder Flüchen (Intelligenz). Die Edelsteine können beliebig aus den Sockeln entfernt und an andere Charaktere via Schatztruhe weitergegeben werden. Der Clou: Die Klunker steigen automatisch in der Stufe, solange ihr sie ausgerüstet habt.

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In der Nahansicht glänzt die Engine durch tolle Licht- und Schatteneffekte. Manchmal wirkt das Bild zu überladen vor lauter Bumpmapping und Partikeln. Beute gibt es zudem in rauen Mengen.
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Doch damit nicht genug: Manche Gegenstände tragen mehrere Slots, die untereinander verbunden sind. Hier kommen Support-Edelsteine zum Einsatz, die eure aktiven Fertigkeiten zusätzlich verbessern. Dazu gehören mehr Lebenspunkte für eure beschworenen Untoten, neue Elementarschäden, ein größerer Aura-Radius oder eine Verdoppelung der Geschosse. Allein dadurch ergeben sich theoretisch Hunderte Skill-Kombinationen, die Bastlern das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Und um das Wunder perfekt zu machen: Auch der riesige passive Skillbaum (oder sollte ich Netz dazu sagen) strotzt vor Boni auf bestimmte Fertigkeiten und Verfeinerungen eurer Kräfte. Das Netz ist grob nach den drei Hauptattributen unterteilt - je nach Klasse startet ihr euren Weg in einem anderen Bereich und verteilt eure Skill-Punkte einen labyrinthischen Pfad entlang. Respecen geht mittels Verbrauchsgegenständen, billig ist der Spaß aber nicht. Es lohnt sich also wieder, ausgiebig Hirnschmalz in einen Charakter zu investieren. Wer das bei der Konkurrenz schmerzlich vermisste, wird hier mehr als glücklich.

Von Pfandflaschen, Händlern und anderen Innovationen

Über den Tränke-Gürtel in Path of Exile wären Umweltschützer begeistert: Mehrwert ist angesagt. Statt die "Flasks" nach einmaliger Benutzung wegzuwerfen, füllen sich diese beim Kampf gegen Monster von alleine. Der Konsum von Lebens-, Mana- oder Beschleunigungstränken erfolgt schluckweise. Manche Flaschen besitzen zusätzliche magische Eigenschaften, verleihen Buffs oder heilen Zustände.

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Inventar und Charakter wirken auf den ersten Blick vertraut, doch vom genialen Edelstein-Sockel-Fertigkeits-System kann sich die Konkurrenz einiges abgucken.
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Damit sind wir aber noch nicht am Ende der Innovations-Fahnenstange angelangt. Die kreativen Köpfe bei Grinding Gear haben auch den NPC-Handel völlig neu konzipiert. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Tauschbörse, Horadrimwürfel und Verbrauchsgüter-Crafting.

Für normale Gegenstände erhaltet ihr bei den Händlern Papierfetzen. Fünf davon ergeben eine Scroll of Wisdom. Damit könnt ihr aber nicht nur Items identifizieren, sondern auch neue Gegenstände bei NPCs kaufen. Überraschung: Es gibt kein Gold in Path of Exile! Alle Verbrauchsgegenstände dienen gleichzeitig als Währung.

Ansonsten könnt ihr mit ihnen normale in magische Gegenstände verwandeln, eurer Ausrüstung zufällige Effekte verpassen, die Slots oder Slot-Verbindungen neu auswürfeln lassen, Gegenstände duplizieren, ihre Qualitätsstufe erhöhen oder einen Gegenstand in seine ursprüngliche Form zurückverwandeln, wenn euch das Ergebnis beim Aufwerten nicht gefallen hat.

Sogar Horadrimwürfel-artige Verschmelzungen sind möglich, wenn man sein Inventar bei den NPC-Händlern versilbert. Ein Eisenring und ein Skill-Edelstein werden zum Beispiel zu einem Widerstandsring in der passenden Farbe. Drei Flaschen vom selben Typ, ergeben ein Gefäß der höheren Stufe. Richtig spaßig wird die Angelegenheit, sobald man mit anderen Spielern handelt - Verglichen mit dem Chat-Geschnatter im Tradechannel von Path of Exile verkommt jeder arabische Basar zur schnarchigen Kaffeefahrt.

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Endbosse in düsteren Kellern dürfen natürlich nicht fehlen.
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Was ich im Inventar vermisse, ist eine Einblendung, um Ausrüstungsgegenstände bequem zu vergleichen. Dieses Feature hat sich im Rollenspiel-Genre mittlerweile etabliert, um die Veränderungen beim Anlegen neuer Ausrüstung besser abschätzen zu können. In Path of Exile fehlt das leider. Vielleicht rüsten die Entwickler ja nach. Bei derart viel Beute wäre es auf jeden Fall wünschenswert. Ich will gar nicht wissen, wie viele Schätze ich im Eifer des Gefechts zurückgelassen habe.

Nachtrag: Im Kommentarbereich haben ein paar hilfreiche User darauf hingewiesen, dass es doch einen Ausrüstungsvergleich gibt: Hierfür muss man die Alt-Taste gedrückt halten und mit der Maus über die Ausrüstung fahren. Vielen Dank für den Hinweis.

Die sonstigen Features zum Release können sich sehen lassen. Freundesliste, Partysuche und Gilden sind relativ selbsterklärend. PvP gibt es ebenfalls, sobald man im zweiten Akt angekommen ist. Die Modi sind Wettkämpfe eins-gegen-eins oder drei-gegen-drei, sowie Capture the Flag. Das Ganze steckt noch in den Kinderschuhen, doch Ligen, Ladder und Wettbewerbe werden folgen. Twitch wurde direkt ins Spiel integriert und lässt schon jetzt E-Sports-Ambitionen erahnen. Allerdings müsste für faire Wettbewerbe die Server-Performance noch ein bisschen besser sein. Je nach Uhrzeit plagen Rubberbanding und Lag die Spieler - auch im Singleplayer-Modus. Die Macher haben bereits per Patches und neuen Servern nachgebessert und geloben stete Aufrüstung.

Damit der Gratis-Titel Profit für die Entwickler abwirft, darf der Cashshop nicht fehlen. Neben zusätzlichen Charakterslots sind es vor allem ästhetische Upgrades und Zier-Gefährten, die hier verkauft werden. Waffen oder ähnliches findet man nur im Spiel. Die Entwickler greifen also nie unflätig nach eurem Geldbeutel - der Cashshop stört weder die Balance, noch wirkt er unfair oder gierig. Ihr müsst keinen Cent investieren, um das komplette Path-of-Exile-Paket zu genießen und Erfolg zu haben. Vorbildlich.