17 Jahre, so lange hat Blizzard gebraucht, um dem ewigen Tripel aus Diablo, StarCraft und WarCraft zu entkommen und eine neue Marke aus der Taufe zu heben. Diese heißt Overwatch, bietet ein völlig neues Universum und bedient ein Genre, in dem der blaue Gigant noch nie unterwegs war. Und obendrauf gibt es noch einen Grafikstil, der so gar nicht an das übliche dunkle und bedrohliche Repertoire von Blizzard erinnert. Doch gerade diese Mischung könnte für frischen Wind sorgen und neue Spieler einsammeln.

Overwatch - Reinhardt - Für Ruhm und Ehre39 weitere Videos

Doch natürlich birgt genau diese Mischung auch Gefahren, denn man hat diesmal nicht eines der eigenen, mächtigen Franchises im Rücken. Blizzards erster gescheiterter Versuch, in das Shooter-Genre vorzudringen, war StarCraft Ghost, bei welchem sicher die Marke schon für einen beachtlichen Erfolg gesorgt hätte. Diese Sicherheit wird diesmal nicht mit an Bord sein. Aber gerade diesen Schritt in Richtung Shooter-Genre scheint Blizzard gekonnt hinbekommen zu haben, denn nach den ersten Stunden mit Overwatch offenbart sich, dass das Spiel sogar neue Impulse mitbringen kann. Auch wenn die auf der BlizzCon gezeigte Version natürlich erst im sehr frühen Alpha-Stadium steckt.

Optik: Pixar

Die erste und augenscheinlichste Neuerung von Overwatch ist die Optik. Blizzard verlässt Kerker, Dunkelheit und Bedrohung und entwirft ein, auf den ersten Blick, heiteres und buntes Universum. Pixar - der Begriff fiel sehr oft in Gesprächen mit Kollegen und Fans und ja, man kann die Ähnlichkeit einfach nicht von der Hand weisen.

Overwatch - Blizzards neue Wege

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Nicht nur der Trailer versprüht den Charme eines Animationsfilms.
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Die Grafik von Overwatch ist bunt, comichaft und setzt den Trend fort, den wir in Heroes of the Storm und an manchen Ecken von World of Warcraft schon erkennen konnten: Blizzard kann auch niedlich und zuckersüß. Inwieweit das zu einem Multiplayer-Shooter passt, ist die Frage. Aber werfen wir einen Blick auf die Konkurrenz und wohl auch auf eine der großen Inspirationsquellen für Overwatch, Team Fortress 2, wissen wir schnell, dass das kein Hindernis sein muss.

Und so wirken der gewaltige, sprechende Gorilla namens Winston, die quietschige Tracer und auch der eher düstere Charakter Reaper nicht fehl am Platz. Die Level sind dabei in ähnlicher Art gestaltet, alles erinnert sehr an die Umgebung eines Animationsfilms im Stile von Oben oder Ich - einfach unverbesserlich.

Packshot zu OverwatchOverwatchErschienen für PC, PS4 und Xbox One

Doch leider verfällt Blizzard hier in eine wahre Klischeeschlacht; die Helden sind zwar stimmig und gut, weichen aber an keiner Stelle von den gängigen Stereotypen ab. Quietschige, schnelle, mädchenhafte Kämpferinnen, amazonenhafte, eiskalte Frauen mit Scharfschützengewehr, hammerschwingender, mächtiger Ritter - das alles klingt so vertraut, dass man zwar sofort weiß, was man hier vor sich hat, aber leider auch keinerlei Überraschungen serviert bekommt. Klar, das Ganze dient der besseren „Lesbarkeit” des Gegners; man weiß intuitiv, was da gerade auf einen zukommt. Trotzdem wäre hier etwas Innovation ganz nett gewesen.

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Die Helden leiden an massiver Stereotypis. Hoffentlich ist das nicht ansteckend!
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Geschichte, oder auch nicht

Neben diesem neuen Konzept für die Optik geht Blizzard auch in einem anderen Bereich vollkommen neue Wege. Bisher waren Begriffe wie Lore oder Story für Blizzard-Spiele immer extrem wichtig, auch wenn in einigen die Vermittlung eben dieser etwas zu wünschen übrig ließ. In Overwatch wird es auch eine ausgefeilte Hintergrundgeschichte geben, sowohl zum Geschehen als auch zu den einzelnen Helden, aber diese soll im Spiel selbst nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Umreißen wir das Ganze kurz: Overwatch spielt auf einer Erde, 60 Jahre in der Zukunft. In ca. 30 Jahren wird die Automatisierung der Welt soweit fortgeschritten sein, dass weite Bereiche der Welt von Robotern, in Overwatch „Omnics” genannt, bevölkert werden, welche die Menschen in allen Lebenslagen unterstützen. Wie so oft geht das aber leider schief: die technischen Freunde erheben sich gegen ihre Erbauer und es kommt zum Krieg gegen die Maschinen.

Overwatch macht Spaß, hat gute Ideen und definitiv das Potential, ein sehr guter Multiplayer-Shooter zu werden. Ob es das auch wird, muss die Zukunft zeigen.Ausblick lesen

In dieser Phase wird eine neue Organisation ins Leben gerufen, die aus besonderen Persönlichkeiten besteht und die Welt vor dem Untergang rettet: Overwatch. Durch die Rettung der Welt sehr berühmt geworden, bildet diese Institution immer mehr Helden aus, bis sie ca. fünf Jahre vor den Ereignissen im Spiel zerfällt. Die ehemaligen Mitglieder verschwinden oder verdingen sich als Söldner.

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Außerhalb des Spiels soll es Hintergrundinformationen und eine Geschichte geben - im Spiel selbst nicht.
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Wie wir Blizzard kennen, wird es hier noch einiges an Hintergrundgeschichte geben, aber was in Overwatch besonders ist, ist dass diese Geschichte nicht im Spiel selbst vorkommen wird. Blizzard möchte mit dem neuen Franchise neue Wege des Storytelling ausprobieren und wird dies via Blogs, Videos, Comics und ähnlichem vollziehen. Ob das wirklich funktionieren wird oder ob die Geschichte dadurch nicht einfach völlig belanglos für die Spieler wird, das wird die Zukunft zeigen müssen.

It’s all about Heroes!

Zentraler Punkt des Spiels sind dagegen die Helden, welche sich in vier Typen einteilen lassen und mit jeweils drei individuellen Fähigkeiten daherkommen. Ob ihr euch nun für einen Helden aus dem Lager Offensiv, Defensiv, Tank oder Support entscheidet, bleibt dabei ganz euch überlassen. Es gibt keine Vorgaben oder ähnliches, welche Typen in einem Spiel vorhanden sein müssen.

Und eure Wahl ist auch nicht endgültig, denn ihr könnt auch während einer Partie euren Helden und sogar den Typ wechseln. Spielt ihr also gerade zum Beispiel Tracer (Offensive) und merkt, dass es eurem Team an Heilung fehlt, könnt ihr einfach zu Mercy wechseln und so das Problem beseitigen. Etwas Absprache ist hier natürlich nötig, denn fünf Mercys in einem Team bringen dann auch nicht den erhofften Erfolg.

Das Schöne an den Helden ist, dass sie sich wirklich alle unterscheiden und man mit jeder Figur ein völlig anderes Spielgefühl bekommt. Die Fähigkeiten und damit auch die taktischen Möglichkeiten sind so unterschiedlich, dass der Wechsel von einem Helden zum anderen der Wechsel von einer Welt in die andere sein kann.

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Schon jetzt hat Overwatch eine beachtliche und abwechslungsreiche Auswahl an Helden - und es sollen noch mehr kommen.
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Kein Deathmatch, dafür Teamplay

Generell gibt es bei Overwatch immer zwei Teams mit jeweils sechs Spielern. Blizzard begründet das damit, dass das Spiel nicht zu groß und nicht zu klein wird. Man behält die Übersicht, kann aber mit den unterschiedlichen Helden durchaus viele Varianten und Taktiken spielen.

An Spielmodi wurden auf der BlizzCon nur drei Karten gezeigt, welche mit zwei unterschiedlichen, aber auch wieder ähnlichen Zielen aufwarten. Der Tempel des Anubis im ägyptischen Stil und das japanisch Szenario Hanamura sind beides Karten, auf denen die Teams bestimmte Punkte erobern oder halten müssen. Eines der Teams hat dabei die Aufgabe, in der vorgegebenen Zeit die Punkte zu erobern, während ein anderes eben dies verhindern soll.

King’s Row, eine Karte im London-Look, fällt dagegen unter die Kategorie Frachtbeförderung. Auch hier gibt es wieder ein angreifendes und ein verteidigendes Team, wobei sich die Rollen in etwa bei der Hälfte des Spiel vertauschen. Erst müssen die Angreifer einen Punkt erobern, an welchem dann ein Fahrzeug erscheint. Dabei wechseln dann die Rollen, denn die Angreifer verteidigen bzw. eskortieren dann dieses Fahrzeug, während die Verteidiger es angreifen und zu verhindern versuchen, dass es sein Ziel erreicht. Diese Map bietet also noch einmal deutlich mehr Abwechslung, ist dagegen aber auch viel mehr an einen Ort des Geschehens konzentriert und bietet so meist nur ein wahres Zergfest.

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King's Row spielt eindeutig in einer futuristischen Version von London und ist eine von aktuell drei Karten.
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Weitere Karten gibt es bisher noch nicht zu sehen. Blizzard sagte aber ausdrücklich, dass es keine Deathmatch-Karten geben wird. Man möchte das Spiel immer als Teamspiel sehen und denke, dass Deathmatch-Karten nur dazu führen, dass die Spieler nicht mehr als Team agieren. Ob das eine weise Entscheidung ist, muss sich noch zeigen, denn immerhin zählen der Team-Deathmatch oder der einfache Deathmatch-Modus in vielen Spielen zu den beliebtesten Modi.

Ein bisschen (mehr?) Team Fortress 2

Und ein eben solches Spiel ist Team Fortress 2. Als ich Overwatch auf der BlizzCon zum ersten Mal zu Gesicht bekommen habe, war das auch so ziemlich die erste Assoziation und in der Tat hat Blizzard sich hier beim Team-Shooter von Valve durchaus die eine oder andere Inspiration geholt. Doch in einigen Punkten unterscheiden sich die beiden doch sehr, sodass man nicht von einem einfachen Team-Fortress-2-Klon sprechen kann.

Der wohl wichtigste Unterschied ist, dass die Helden keine krassen Konterklassen darstellen, demnach kann das typische Stein-Schere-Papier-Echse-Spock Prinzip von Team Fortress 2 nicht übernommen werden. Tanks müssen sich nicht nur vor den krassesten Offensiv-Helden fürchten, sondern auch den ein oder anderen Supporter ernst nehmen. Diese hingegen erscheinen keinesfalls als reines Kanonenfutter für alle Schaden-Helden, wobei es auch unter diesen einige gibt, die Supportfähigkeiten haben. Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen und führt natürlich auch dazu, dass man ein wesentlich abwechslungsreicheres Spiel vor sich hat, in dem man seinen Weg und seine Angstgegner erst finden muss.

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Torbjörn ist einer dieser Helden, die mehr als nur eine Rolle ausfüllen können.
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Ein weiterer Unterschied ist, dass Blizzard auf eine größere Überlebensfähigkeit der Spieler setzen will. Davon hat man in der Anspielversion stellenweise noch nicht so viel gemerkt, was aber an dem noch etwas aus den Fugen geratenen Balancing lag. Die Idee dahinter ist klar: Sind die Spieler länger auf dem Spielfeld, können sie taktischer spielen und ihre Fähigkeiten besser einsetzen. Diese haben nämlich eine Abklingzeit und die ultimativen Fähigkeiten müssen erst aufgeladen werden. Wäre der Spieler, wie in einigen Multiplayershootern, nur kurz auf dem Schlachtfeld und sehr schnell tot, würde das nicht so recht funktionieren.

Konsolen und die Free 2 Play-Frage

Der erste Gedanke, als ich das Fähigkeitensystem und die generelle Steuerung von Overwatch zu Gesicht bekam, war: Das geht doch alles auch prima auf der Konsole! Und natürlich ist bei einem solchen Titel die Frage berechtigt, ob es nicht eventuell auch eine Konsolen-Version geben könnte. Blizzard hat mit Reaper of Souls dort gerade erst sehr positive Erfahrungen gesammelt, und warum sollte man diese nicht wiederholen?

Auf Nachfrage bei Blizzard kam dazu natürlich nur ein ausweichender Kommentar: „Wir arbeiten aktuell nur an einer PC-Version. Alles ist möglich, aber wir sagen dazu nichts.” Ich bin fest der Meinung, dass wir hier Blizzards nächsten Konsolen-Titel in den Startlöchern erleben, denn das Spiel scheint von Beginn an eine Portierung anzustreben.

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Mit drei Fähigeiten sowie Springen, Schießen und Nachladen würde Overwatch auch sehr gut auf einem Controller unterkommen.
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Die nächste, interessante Frage ist, wie Blizzard mit Overwatch Geld verdienen will. Auch auf diese Frage habe ich natürlich keine Antwort bekommen, man redet noch nicht darüber. Aber irgendwie wirkt das Spiel als wolle man es als Free-to-play-Titel auf den Markt bringen. Macht ja auch Sinn, denn der größte Konkurrent, Team Fortress 2, ist ebenfalls kostenlos spielbar. Abgesehen davon deutet auch die Fokussierung auf unterschiedliche Helden auf ein solches Modell hin. Denn diese kann man dann, da man sie auch nicht leveln oder ausstatten muss, gut verkaufen und wie in Heroes of the Storm auch in einer Rotation kostenlos zum Antesten anbieten.

Und Blizzard hat ja schon angedeutet, dass noch viele neue Helden kommen werden. Prinzipiell könnte man das Spiel natürlich auch als Box verkaufen, wobei dann die Frage bleibt, ob das als reiner Multiplayer-Titel ohne Kampagne oder ähnliches wirklich eine signifikante Masse an Spielern anziehen würde. Man wird sehen.