Es war also doch ein neuer Titel, für den Blizzard die vielen Lücken im Programm auf der BlizzCon gelassen hatte und der nun an die Stelle des gefallenen Titan treten soll. Ein neues Franchise, ein neues Genre, dazu ein eingängiger Name. Overwatch wird gewiss ein tolles Spiel. Gleichzeitig jedoch offenbart es einmal mehr, dass Blizzard den geordneten Rückzug antritt.

Na bitte - da sollten die Verschwörungstheoretiker wieder einmal mehr recht behalten. All die vagen Andeutungen der Blizzard-Crew, dazu der löchrige Terminkalender der aktuell laufenden BlizzCon hatten also einen Grund. Der heißt Overwatch und erweitert Blizzards Portfolio nicht nur um ein neues Spiel, sondern um eine komplett neue Marke mit großem Potential.

Overwatch - Pixar hätte es kaum besser machen können

Das beweist schon der erste Cinematic-Trailer, dessen erste Minute mit Sicherheit für enttäuschte Gesichter gesorgt hat, die zweite dann für verwunderte, die dritte für einen kurzen Lacher, bevor man sich plötzlich unweigerlich fragte, ob man sich nicht verklickt hat und bei einem neuen Pixar-Film der besseren Sorte gelandet ist.

40 weitere Videos

Blizzard kann, das ist hiermit bewiesen, noch immer Geschichten erzählen. Blizzard kann sie auch in Szene setzen, verfügt über grandiose Artisten und das richtige Gespür für Emotion. Wenn man sich den Cinematic-Trailer zu Overwatch anschaut - und danach den Gameplay-Trailer, dann weiß man, dass man dieses Spiel auf jeden Fall mal spielen wird.

Leichenfledderei

So könnte ich nun weiter schwadronieren, eine Analyse der unterschiedlichen Klassen und Skills erstellen und mich der selben Begeisterung hingeben, die gerade in Anaheim unter den ergebensten Anhängern des Publishers herrscht. Die freuen sich besonders darüber, das sie Overwatch sogar schon anspielen dürfen, weil die Entwicklung bereits weit fortgeschritten ist und das Spiel im kommenden Jahr in die Beta einsteigen soll.

40 weitere Videos

Umso mehr sind an dieser Stelle ein paar kritische Fragen angebracht. Wie hat Blizzard so schnell ein solches, offenbar beinahe fertiges Spiel zusammengeklöppelt, wenn nicht aus den Überresten von Titan, von dem wir ja wissen, dass es einen Superhelden-Shooter Anteil gehabt haben soll? Der Verdacht liegt nahe, dass Overwatch nichts anderes ist als ein abgespecktes Titan, dem man das Fell über die Ohren gezogen hat - konkret den MMO-Anteil.

Wer soll das denn spielen?

Und welche Zielgruppe peilt Blizzard damit dann eigentlich an? Die Spieler von World of Warcraft, die seit Jahren auf ein neues, brillantes MMORPG warten, sicher nicht. Die sind mittlerweile der FPS-Generation entwachsen und haben völlig andere Erwartungen an den Publisher, dem sie so viel Geld in den hungrigen Rachen geworfen haben. Diese Generation, die sich eine Runde Hearthstone zwischendurch noch ab und zu gefallen lässt, hat ja schon Probleme, sich mit Heroes of the Storm anzufreunden, einer Art Light-Version guter MOBA-Games.

Nein, Blizzard macht sich derzeit scheinbar keine großen Gedanken um seine treuen Fans. Die kaufen und verteidigen ohnehin alles und jedes, auch wenn sie es danach kaum anrühren. Vielmehr scheint man neue Zielgruppen erschließen zu wollen - aktuell die jüngeren FPS-Fans, denen die herkömmlichen Titel dieser Art zu blutig sind oder zu altersbeschränkt.

Nach Hearthstone und Heroes of the Storm wildert Blizzard also wieder einmal in fremden Gefilden, nimmt sich ein Genre vor, in dem man sich selber nicht auskennt und versucht dann, es “zugänglicher” zu machen, als es die Vorlagen sind. Früher funktionierte das ganz prima, als der unbewegliche Gigant Electronic Arts bei den Strategiespielen über die eigenen Füße stolperte und die urige MMOG-Branche noch einen kleinen Haufen Hardcore-Nerds bediente.

“Schuster, bleib bei deinen Leisten!”

Doch die Strategie, die einst den Erfolg des Unternehmens begründete, ist heute schwieriger denn je umzusetzen. Wie schon das MOBA-Genre sind auch die Shooter über Jahrzehnte gereift. Die erfolgreichen Studios bedienen ihre Zielgruppen vortrefflich, arbeiten eng mit ihnen zusammen. Kein MOBA-Fan benötigt eine zugänglichere Version seines jeweiligen Lieblingstitels und im Lager der FPSler sieht das nicht anders aus.

Bei allem Respekt für den netten Trailer und die ersten Szenen von Overwatch - Blizzard hat offensichtlich komplett die Orientierung verloren. Blizzard ist kein MOBA-Publisher und erst recht ist man kein Publisher von Arena-Shootern. Es war die Echtzeitstrategie, später noch das MMO-Genre, die Blizzard groß gemacht haben. Dort wartet die eigene Community. Und dort wartet noch jede Menge Arbeit, bevor man es sich leisten kann, auf der Jagd nach neuen Kunden immer neue Baustellen aufzureißen.

Die jüngsten Ereignisse im Schnelldurchlauf

Immerhin hat es Blizzard wieder einmal geschafft, eine bereits nahezu fertige Wiped-Ausgabe zu sprengen und sich an vorderste Stelle zu drängen. Doch ganz ergeben werden wir uns den Jungs aus Anaheim natürlich nicht und so folgen die wichtigsten Branchenereignisse der vergangenen Woche einfach im Schnelldurchlauf.

Vorrangig geht es dabei um Zahlen. Um 9,5 Millionen Spieler beispielsweise, die sich laut Activision für Destiny angemeldet haben. Angemeldet ist übrigens nicht gekauft und schließt die Testrunden mit ein, was umso mehr die Frage aufkommen lässt, womit Bobby Kotick seine 500 Millionen Investitionssumme eigentlich eingespielt haben will - zudem der Rummel um Destiny mangels Inhalten schon wieder arg abgeflaut ist.

Star Citizen - echt abgehoben

Über seine 60. Million freut sich derweil Chris Roberts, der nun nicht nur neue Schiffe, sondern auch gleich deren Herstellerfirmen vorstellt. Für FPS-Fans vielleicht noch interessanter als Overwatch könnte übrigens der Truppentransporter werden, denn der steht in direktem Zusammenhang mit dem FPS-Teil von Star Citizen.

40 weitere Videos

Wie der in etwa in der Praxis mal ungefähr aussehen wird, hat das Team von Chris Roberts auf der jüngsten PAX vorgeführt und live, vor den Augen der Fans, ein Raumschiff geentert. Zugegeben, das mag etwas dunkler sein, langsamer und weniger actionreich als Overwatch - dafür jedoch gibt es einen Hauch von Schwerelosigkeit, denn Roberts hat einmal mehr erkannt, welcher Spielergruppe er diesen Titel schuldig ist.

Elite: Dangerous - der Ruf nach Cambridge

Ähnliche Ein- und Umsicht muss man auch David Braben zugestehen, der sein Elite: Dangerous doch tatsächlich noch, wie ursprünglich angekündigt, in diesem Jahr veröffentlichen will - am 16. Dezember, um genau zu sein. Damit ist 2014 also doch noch um ein MMOG reicher - wenngleich anzunehmen ist, dass der größte Teil der Arbeit, eine komplette Galaxis, noch immer vor David Braben und seinen Jungs liegt.

Trotzdem nehmen die sich vorab noch die Zeit, ein wenig mit den Fans zu feiern, denen sie ihren Job letztlich zu verdanken haben. Am 22. November findet in der Nähe von Cambridge eine riesige Sause statt - die “VIP Kickstarter-Backer Party”. Und weil dort alles anwesend sein wird, was rund um David Brabens Elite-MMO Rang und Namen hat, werde auch ich mir dieses Event nicht entgehen lassen und nach Cambridge reisen, damit ihr aus erster Hand erfahrt, was und womit dort gespielt wird.

Skyforge & The Division

Weniger feuchtfröhlich, dafür überaus technisch wird es vom 13. bis zum 16. November. Dann will My.com tatsächlich schon eine erstes technisches Beta-Wochenende für Skyforge starten, einem der vielversprechenderen Titel, die wir fürs kommende Jahr erwarten. Anders als bei David Brabens Spektakel scheint man bei My.com jedoch vorerst keine Lust auf ewig meckernde Pressevertreter zu haben. Aber vielleicht habt ihr ja mehr Glück und bekommt eine Einladung.

Längst noch nicht reif für die Beta ist The Division, mit dem Ubisoft in den letzten Monaten mehrfach für Stürme der Entrüstung sorgte sowie für welche der Begeisterung. Letztere löste aktuell das Versprechen aus, dass PC-Enthusiasten keinerlei Einschnitte bei ihrer Version von The Division hinzunehmen hätten. Das Studio werde für jede Version gleichermaßen entwickeln - ohne Kompromisse auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, wie bei so vielen Konsolen-Portierungen.

40 weitere Videos

EVE Online & DC Universe Online

Kompromisse geht auch das isländische Studio CCP nicht ein. Wenn es um die Weltraum-Sandbox EVE Online geht, hat man mittlerweile ein konkretes Ziel vor Augen - verfolgt einen Plan von fünf Jahren. Und doch ist man bereit, mit der aktuellen Erweiterung Phoebe den Forderungen der Fans nachzukommen und entscheidende Eingriffe in der Spielwelt vorzunehmen - zum Beispiel durch ein Limit für Sprungantriebe, das Flotten wieder vermehrt zum Reisen und damit in den Kampf zwingen soll. Wenn alles nach Plan läuft, hören wir bald von der nächsten Massenschlacht aus New Eden.

Ums Reisen geht es auch im aktuellen Update von DC Universe Online, wo Sony Online Entertainment mal eben ein neue Art der Fortbewegung ins Spiel gebracht hat. Das Skimming funktioniert in etwa wie Schlittschuhlaufen - allerdings unter Aufhebung der Gravitation. Wie das in der Praxis aussieht, führt SOE im Video vor. Ein Grund, Metropolis mal wieder einen Besuch abzustatten? Für mich wohl eher nicht.

40 weitere Videos

ArcheAge & Trove

Anders sieht das schon mit ArcheAge aus, das aktuell sein Auroria-Update bekommen hat. Das war übrigens ein Debakel in den USA mit unzähligen technischen Problemen, die für eine Massenproteste unter den Spielern gesorgt hat. Entsprechend wurde das Update bei uns in Europa verspätet aufgespielt und funktioniert seither ziemlich reibungslos. So mancher bislang obdachlose Spieler konnte sich das erste Fleckchen Land unter den Nagel reißen - und weitere Gebiete folgen.

Und dann hat Trion auch noch Trove in die Open Beta geschickt - eine Art Minecraft-MMO. Wirklich viel Zeit hatte ich noch nicht, mich mit Trove zu beschäftigen, allerdings muss ich auch zugeben, dass sich meine Begeisterung dafür in Grenzen hält. Wenn ich schon buddeln und bauen soll, dann doch lieber in EverQuest Next Landmark, wo sich das Ergebnis auch noch sehen lassen kann. Aber vielleicht benötigt Trove auch nur etwas mehr Anlauf - ich bleibe da auf jeden Fall am Ball.

Age of Wulin & Aion

Nachdem ich nun in ArcheAge Fuß gefasst und ordentlich Land über und unter Wasser bestellt habe, hält sich meine Begeisterung für Age of Wulin auch in Grenzen. Webzen hat die Versprechen, was den Shop betrifft, nicht wirklich gehalten und bittet die Spieler mit dem seltsamen Geschäftsmodell recht ordentlich zur Kasse. Umso erstaunlicher, dass Age of Wulin noch immer nicht veröffentlicht wurde. Das will Webzen nun am 25. November nachholen. Ein gutes Jahr zu spät, wie ich finde.

40 weitere Videos

Aion & Final Fantasy XIV

Etwas fairer erscheint da noch das Geschäftsmodell von Aion, wobei das Spiel im oberen Segment in finanzieller Hinsicht ebenfalls zum Fass ohne Boden werden kann. Doch PvP-Fans gelten als leidensfähig und Aion ist für sie noch einer der besseren Titel am Markt. Und der bietet jetzt obendrein noch einen Krieg zwischen den Servern - in der PvP-Zone Panesterra.

Wer überhaupt nicht weiß, wie er den Rest des angebrochenen Wochenendes verbringen soll, der sollte vielleicht mal wieder sein Final Fantasy XIV updaten und versuchen einzuloggen. Aktuell sollte das für alle ehemaligen Spieler funktionieren - bis inklusive Sonntag, ganz kostenlos und ohne laufendes Abo. Und am kommenden Samstag gibt es dann die nächste Wiped-Ausgabe - natürlich ebenfalls kostenlos und abofrei.