Für manch einen war Biowares Neverwinter Nights vor über zehn Jahren der Einstieg in die Welt des Online-Rollenspiels. Kein Wunder also, dass die Fangemeinde ganz genau hinschaut, wenn Cryptic nach genau zehn Jahren antritt, um diesen großen Titel zu beerben. Und auch wir haben ganz genau hingeschaut und eine Welt gesehen, die voller Licht und Schatten ist.

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Die Cryptic Studios gehören nicht unbedingt zu den bekanntesten Unternehmen der Branche. Das mag auch daran liegen, dass man sich insbesondere in Europa nur ungern in Spandex-Anzüge zwängt, um als Superheld virtuelle Metropolen vor großen und kleinen Ganoven zu retten. Und so dürften die wenigsten von uns City of Heroes oder Champions Online überhaupt gespielt haben. Auch Star Trek Online war zum Release nicht gerade ein Musterbeispiel für Komplexität und in unserem Testurteil waren wir so dreist, dem Titel gar die Bezeichnung MMOG abzusprechen.

Ein gutes Spiel braucht einen guten Publisher

Und doch muss man den Jungs von Cryptic eines lassen: Sie haben es in all den Jahren geschafft, den Widrigkeiten des Marktes zu trotzen. Sie haben die unglückliche Allianz mit Atari hinter sich gelassen und mit Perfect World Entertainment einen neuen Eigentümer gefunden, der versteht, dass die Entwicklung eines MMOGs mit Release nicht abgeschlossen ist, sondern gerade erst begonnen hat.

Dieser neue Eigentümer ist dann auch dafür verantwortlich, dass Neverwinter überhaupt ein MMOG geworden ist, denn eigentlich wurde das Spiel vor drei Jahren als Online-Rollenspiel angekündigt - ganz ohne jenen Massively-Anteil, mit dem Atari als Publisher völlig überfordert gewesen war, den Perfect World jedoch für ebenso unerlässlich hält wie regelmäßige Updates und ein stimmiges Free-To-Play-Konzept.

Klick, klick, tot.

Dass die Kursänderung zu spät kam, um aus Neverwinter noch ein komplexes MMORPG zu machen, lag auf der Hand und so musste sich Cryptic bei der Entwicklung anderer Elemente ordentlich ins Zeug legen, damit Neverwinter auf dem umkämpften Markt irgendwie hervorstechen und damit überhaupt eine Chance haben würde.

Neverwinter - Das Do-it-yourself-MMO

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Bosse werden stets durch eine kleine Sequenz angekündigt. Im Kampf selbst sind sie leider weniger spektakulär.
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Eines dieser Elemente tritt gleich nach der für Cryptic typisch soliden Erstellung des Avatars in Erscheinung: Das Spiel kommt ohne die antiquierte Target-Lock-Steuerung aus. Gekämpft wird vorwiegend mittels Betätigung beider Maustasten - Schaden nimmt der Gegner, auf den das Fadenkreuz zeigt - Zielhilfe inklusive.

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Hier und da lassen sich Schalter umlegen, Fallen entschärfen und Türen öffnen. Wer echte Rätsel will, sollte allerdings auf die Foundry zurückgreifen.Hier und da lassen sich Schalter umlegen, Fallen entschärfen und Türen öffnen. Wer echte Rätsel will, sollte allerdings auf die Foundry zurückgreifen.
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Diablo lässt grüßen

Später kommen noch ein paar Skills hinzu, von denen man die vielversprechendsten Kombinationen auswählen darf und die sich mit einer Handvoll Tasten auslösen lassen. Insgesamt bleibt die Anzahl der Skills in Neverwinter jedoch übersichtlich und das Spiel steuert sich eingängig und komfortabel - fast wie ein Hack-and-Slay-Game.

Nicht nur die Steuerung erinnert dabei an Spiele wie Path of Exile - um nur einen aktuellen Vertreter dieser Gattung zu nennen - auch die Welt präsentiert sich als eine Lobby. In diesem Fall dient die Stadt Neverwinter als Ausgangspunkt aller Abenteuer, die sich dann auf einer ganzen Reihe von extrem instanzierten Landschaften abspielen, auf denen man seine Abenteuer alleine oder in kleinen Gruppen zu bestehen hat.

Bitte mehr Konsequenz beim Action-Combat!

Grafisch rangiert Neverwinter, was die Außenareale betrifft, dabei allenfalls im Mittelfeld moderner MMOGs. Auch spielerisch erlebt man wenig Spektakuläres. Meist stehen ein paar einfache Gegner neben einem Kollegen, der über etwas mehr Lebenspunkte verfügt und hin und wieder mal einen besonderen Skill ausführt, der betäubt oder zurückwirft.

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Mit der Foundry legt Cryptic jene Werkzeuge in die Hände der Spieler, die sonst nur Entwicklern zugänglich sind.
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Dem entkommt man im Idealfall durch einen beherzten Sprung, bevor man seinerseits zum Gegenangriff übergeht. Schwierig ist das nicht und dem eigentlich so vielversprechenden Action-Combat wird dadurch, dass einen die meisten Skills an den Boden wurzeln, gehörig Wind aus den Segeln genommen.

Eine ebenso köstliche wie kostenlose Zwischenmahlzeit.Fazit lesen

Innen hui, draußen pfui

Dabei stehen einem immer ein paar virtuelle Gefährten unterschiedlicher Klassen zur Seite, die man mit Runensteinen ein wenig aufwerten darf und die es eigentlich völlig unnötig machen, sich mit anderen Abenteurern zusammenzuschließen. Tatsächlich ist Neverwinter durchweg für Solisten geeignet und schon in diesem Punkt noch weniger MMOG als viele andere moderne Themepark-Spiele.

Während die Welt an der Oberfläche grafisch nicht sonderlich vom Hocker reißt, haben es die unzähligen Höhlen, Kellergewölbe und Räumlichkeiten in sich. Hier ist Cryptic mit viel Liebe zum Detail vorgegangen, hat ein Stück Dungeons & Dragons neu aufleben lassen und zumindest optisch die komplette Konkurrenz in die Schranken gewiesen. Kein Keller gleicht dem anderen, bei keiner Höhle hat man das Gefühl, sie schon einmal durchlaufen zu haben.

Viel Feind, viel Ehr?

Ähnlich umfangreich ist das Bestiarium, dessen sich Cryptic bedient. Die Monster entsprechen dem, was man von einem Neverwinter erwartet und der Abenteurer begegnet auf seiner Reise tatsächlich allen erdenklichen Wesen aus einschlägigen Monster-Kompendien rund um die 4. Edition der Pen-&-Paper-Vorlage. Noch schöner wäre es allerdings gewesen, hätten diese Gegner ein paar Skills mehr auf dem Kasten.

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Wer auf atmosphärische Indoor-Abenteuer steht, wird Neverwinter besonders zu schätzen wissen.
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Elite-Mobs unterscheiden sich meist nur dadurch von gewöhnlichen Kollegen, dass sie auf die eine oder andere Art und Weise betäuben, über einen größeren Pool an Lebenspunkten verfügen und hin und wieder ein paar neue Helfer spawnen. Echten Herausforderungen begegnet man also selten und auch beim Gruppen-Spiel in den Dungeons ist Flächenschaden meist der einzige Schlüssel zum Erfolg.

Frust im PvP

Bei den Fans anspruchsvoller Raids sorgt das regelmäßig für Frust und wer Neverwinter in dieser Hinsicht nicht bereits den Rücken gekehrt hat, wartet hoffnungsvoll darauf, dass Cryptic in diesem Teil des Spiels gehörig nachbessert. Ähnlich problematisch ist das PvP-Erlebnis in Neverwinter. Das beschränkt sich derzeit noch auf ein reines Gemetzel auf recht eingeschränktem Raum, bei dem drei Flaggenpunkte zu halten sind.

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Jedes Spiel hat mittlerweile seine Hängebrücke.
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Das ist weder taktisch anspruchsvoll noch langfristig motivierend. Viel wichtiger als das Talent im Kampfe ist wieder einmal die Ausrüstung sowie die Zusammensetzung der Gruppe, auf die man, wenn man sich alleine anmeldet, überhaupt keinen Einfluss hat. Ein Matchmaking gibt es nicht, Sieger und Verlierer stehen so meist schon vorher fest. Für zusätzlichen Frust sorgen Untätige und Bots im Team, die einfach nur darauf aus sind, ihre tägliche Belohnung zu kassieren, für die man nur an der Arena teilnehmen muss - nicht gewinnen.

Die einzig wahre Währung

Überhaupt baut Cryptic abseits des vorgegebenen Themepark-Pfades für meinen Geschmack zu sehr auf die verschiedenen Dailys. Alles, was die begehrten Astraldiamanten bringt, hat einen Timer - ob nun Dungeons, PvP-Arenen, Skirmishes oder Foundry-Missionen - früher oder später erwischt man sich dabei, dass man nur einloggt, um die tägliche Beute einzufahren.

Das ist auch kein Wunder, denn die Astraldiamanten sind die einzig sinnvolle Währung in Neverwinter. Das Gold, das aus den Monstern fällt, ist ebenso wertlos wie die unzähligen Belohnungen, die es an allen Enden und Ecken des Spiels regnet. Astraldiamanten hingegen lassen sich in ZEN umtauschen und dafür kann man im Item-Shop einkaufen, ohne reales Geld auszugeben.

Wer sich im Griff hat, spielt kostenlos

Das allerdings erfordert ein ordentliches Maß an Geduld, denn die unlauteren Methoden, mit denen sich einige Spieler selbst mit Astraldiamanten überschütten, hat für eine Inflation gesorgt, die es ehrbaren Spielern erschwert, auch nur die arg begrenzten Taschenplätze zu erweitern. Und doch muss ich als bekennender Kritiker von Free-to-Play-MMOGs anerkennen, dass Cryptics Angebot absolut annehmbar und Neverwinter tatsächlich von Anfang bis Ende kostenlos durchspielbar ist.

Das gilt zumindest, wenn man auf ein paar Annehmlichkeiten wie große Taschen und ein exklusives Reittier zu verzichten bereit ist. Auch beim Crafting geht es ohne ZEN doch arg langsam voran und man ist längst an der Levelobergrenze angelangt, bevor man auch nur ansatzweise eine Idee davon bekommt, was und wofür man da überhaupt craftet - von ‘Führung’ vielleicht abgesehen, die einem täglich ein paar zusätzliche Astraldiamanten beschert.

Crafter hinken hinterher

Erfreulich ist allerdings, dass es Cryptic tatsächlich gelungen ist, das Crafting komplett über eine Webseite abwickeln zu lassen, von der aus sogar das Handelshaus zugänglich ist. So kann man auch von der Arbeit oder der Schule aus dafür sorgen, dass einem nichts entgeht und die Crafting-Untergebenen nicht untätig sind - fast wie bei einem der berüchtigten Browserspiele.

Als zusätzliche Einnahmequelle für Astraldiamanten dient auch die Foundry. Das ist der Name jenes beinahe legendären Systems, mit dem Cryptic schon bei Star Trek Online punkten konnte. Der Spieler bekommt dabei alle Tools zur Verfügung gestellt, mit denen auch die Content-Designer arbeiten und kann im Handumdrehen und ohne Programmierkenntnisse spannende Instanzen mit eigener Geschichte bauen.

Unlautere Machenschaften

Während die meisten von denen absolut generisch sind, gibt es jedoch auch wahre Schätze unter den Foundry-Missionen. Hat man als Spieler einen solchen ausfindig gemacht, darf man die Mission mit bis zu fünf Sternen bewerten und den Erbauer zum Dank mit Astraldiamanten überhäufen. Dass ein solches System immer wieder Angriffspunkt von Exploitern ist, liegt leider in der Natur der Sache und Cryptic wird sich auch in Zukunft nie ganz auf den von Spielern generierten Content verlassen können.

Das hat man jedoch, so scheint es, auch gar nicht vor. Anders als in der Branche üblich bleiben die Entwickler bei den Cryptic Studios von Entlassungswellen nach Release gemeinhin verschont. Star Trek Online wurde im Laufe der Zeit ordentlich ausgebaut und selbst dem älteren Champions Online hat Cryptic erst jüngst ein neues Team zugewiesen.

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Sowohl bei den Dungeons als auch bei den Gegnern hat Cryptic alle Register gezogen - zumindest optisch.
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Mit ‘Fury of the Feywild’ steht auch schon die erste Erweiterung für Neverwinter in den Startlöchern, mit allerlei neuen Gebieten für PvE und PvP, mit Berufen, einem Kampagnensystem, einem 3-D-Editor für die Foundry sowie neuen Bossmechaniken. Alles in allem ein Zeichen, dass man bei Cryptic noch viel mit Neverwinter vorhat.