Selten zuvor hat ein Titel schon während der Alpha-Tests derart viel Wirbel ausgelöst wie H1Z1. Das Spiel sei voller Bugs und unfertig, das Geschäftsmodell reine Abzocke, so konnte man in den Foren lesen. Und dann stieg auch noch der Mutterkonzern aus und aus Sony Online Entertainment wurde die Daybreak Game Company. Kritiker sehen sich bestätigt und das Ende der Apokalypse nahen. Doch in Wahrheit stehen die Zeichen gar nicht so schlecht.

“H1Z1 - das ist doch dieser miese DayZ-Abklatsch”

Was macht ein interessierter Gamer, wenn er sich mal eben über ein neues Spiel informieren möchte? Klar - er überfliegt die Beiträge in einschlägigen Foren und bekommt ebenso bequem wie schnell einen Eindruck davon, ob ein Spiel etwas taugt oder nicht. Doch was bei Nischenprojekten noch wunderbar funktioniert, treibt spätestens dann die seltsamsten Blüten, wenn die Masse schon während der Alpha-Testrunde über ein Forum herfällt. So auch im Falle von H1Z1.

Dabei hätte man bei ehemals SOE durchaus wissen müssen, welche Wucht die Wut der Masse entfalten kann. Vor allem dann, wenn ein Titel von Natur aus auf zwei ganz unterschiedliche Gruppen von Spielern abzielt - MMO-Fans einerseits und die Anhängerschaft von DayZ, Rust, 7 Days to Die und dergleichen auf der anderen Seite.

Just Survive - Apocalypse Now

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So ungern es DayZ-Fans auch hören - H1Z1 ist ein ernstzunehmender Konkurrent.
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Zombies und Trolle

Letztere waren es dann auch vor allem, die seit dem Start des Early Access gegen H1Z1 wettern. Ein mieser DayZ-Abklatsch sei das Spiel, unfertig, fehlerhaft und obendrein pay-to-win. Die Bewertungen auf Steam waren die ersten Tage über schlecht bis allenfalls ausgeglichen. Trolle, die H1Z1 kaum gespielt hatten, gaben den Ton an und verbreiteten viel Unsinn, der dann von anderen Spielern und Teilen der Fachpresse weitergetragen wurde.

Mittlerweile jedoch ist die Stimmung umgeschlagen. Die positiven Bewertungen dominieren deutlich. Auf Steam liefert sich H1Z1 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit DayZ und auf Twitch hat es die Vorlage längst überholt. H1Z1, das müssen mittlerweile auch die schärfsten Kritiker einsehen, hat sich innerhalb kürzester Zeit einen der vorderen Plätze im Genre erkämpft.

Packshot zu Just SurviveJust SurviveErschienen für PC

Abgerundet oder weichgespült?

Dabei kommt ein Teil der Kritik nicht von ungefähr. Im ersten Augenblick wirkt H1Z1 tatsächlich wie DayZ. Wer Dean Halls Survival-Spiel ausprobiert hat, wird sich recht schnell zurechtfinden, jedoch bald feststellen, dass das Leben und Überleben in H1Z1 eine Portion weniger realistisch und gnadenlos, dafür in vielerlei Hinsicht leichtgängiger erscheint als in DayZ - und zwar mit voller Absicht.

Aus SOE wird Daybreak und aus H1Z1 die wohl vielversprechendste Online-Apokalypse.Ausblick lesen

Daybreak versucht mit H1Z1 ganz offensichtlich, die Essenz aus DayZ zu nutzen, sie mit Elementen aus Spielen wie Rust anzureichern und die Mischung dann in eine vage MMO-Formvorlage zu gießen - inklusive der gewohnten Annehmlichkeiten. Die Server werden offiziell gestellt und das wahrscheinlich größte Entwicklerteam im Survival-Genre sorgt dafür, dass das noch unfertige Spiel möglichst schnell Form annimmt.

Ein weiteres Video

Der Winter naht!

Und in der Tat scheint man bei Daybreak schneller zu arbeiten als bei den kleinen Indie-Konkurrenten. Doch das ist auch nötig, denn noch gleicht das Spiel einer besseren Baustelle. Schwachstellen im System gibt es überall und wird es auch weiterhin geben, weil geplante Elemente wie Temperatureinflüsse und unzählige Rezepte noch gar nicht im Spiel sind.

Das allerdings muss man sich selber ab und an ins Gedächtnis rufen, denn der Spielfluss an sich ist ungemein flüssig. Daybreaks Forgelight Engine, die auch Titel wie PlanetSide 2 und EverQuest Next antreibt, scheint geradezu prädestiniert für ein Survival-Spiel zu sein. Bäume lassen sich fällen, Kisten zerschlagen, einige Fahrzeuge instand setzen und sie weisen schon jetzt nette Fahreigenschaften und zumindest ein grobes Schadensmodell auf.

Waffen benötigen Munition, nutzen sich ab und müssen repariert oder ersetzt werden. Bisweilen gehen die Möglichkeiten der Engine, was beispielsweise realistisch simulierte Brände betrifft, auch schon so weit über die Vernunft der Spieler hinaus, dass sich die Entwickler hier und da ein wenig bremsen und Elemente vorerst deaktivieren mussten.

Stoff + Stock = Bogen

Wer aktuell in H1Z1 aufschlägt, findet sich mit einer recht nutzlosen Taschenlampe und ein paar Bandagen am virtuellen Leib mitten in der Wildnis wieder, wo ihn Hunger und Durst schnell raus aus den Blaubeeren und rein in die Siedlungen treiben wird. Dort wird er möglicherweise allerhand Nützliches finden - oder den Tod.

Den bringen seltener Zombies, Wölfe und Bären, häufiger schon andere Spieler mit sich. Entsprechend nützlich sind gute Freunde und ein üppiges Vorratslager, denn ins nächste Leben nimmt man nicht mehr mit als seinen Namen und die Erinnerung an bereits erforschte Rezepte. Die reichen von Nahrung und Erste-Hilfe-Sets über Waffen bis hin zu Bauteilen unterschiedlicher Behausungen, die man tatsächlich in der freien Wildbahn nach eigenen Vorstellungen errichten kann - samt Schmelzofen, Grill, Wasserauffang und Hasenfalle.

Die passende Antwort für Cheater

Völlig sicher sind die Vorräte allerdings auch in einer gut ausgebauten und mit allerlei fiesen Fallen versehenen Festung nicht und so empfiehlt es sich, auch die kleine Schaufel zu bemühen und hier und da ein paar Vorräte und Ersatzwaffen für den Notfall im Boden zu verscharren. Eine praktische Sache, sofern sie nicht geplündert werden.

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Trotz integrierter Voice-Kommunikation sollte man seine Freunde schon mitbringen. Sich im Spiel welche zu suchen, ist auf jeden Fall höchst riskant.
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Das kann passieren, wenn ein Glückspilz darüber stolpert oder ein Cheater. Von letzteren gibt es leider noch immer jede Menge, allerdings greift Daybreak derzeit auch extrem hart durch. Wer mit unlauteren Methoden unterwegs ist, riskiert einen Hardware-Bann. Das Geheule in den Foren ist auf jeden Fall groß und beweist, dass die Entwickler von H1Z1 eine geringe Toleranzschwelle haben.

Gut so, findet die Mehrheit der ehrbaren Spieler und verbringt bereits jetzt Stunde um Stunde in der postapokalyptischen Umgebung, obwohl die nur ein Bruchteil dessen ist, was später mal daraus werden soll und könnte. Das Vertrauen ins Spiel und in die Entwickler scheint auf jeden Fall ungebrauchen - daran änderte weder der Verkauf des Studios von Sony an eine Investmentgesellschaft etwas zu ändern, noch der anfängliche Skandal um die Rosinenbomber.

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Hinter H1Z1 steckt das wahrscheinlich größte Team im Genre und die Entwicklung schreitet vergleichsweise schnell voran.
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Bitte werfen Sie eine Münze ein!

Der stellte sich nämlich bald als Skandälchen heraus. Tatsächlich sind die Pakete, die von den bestellten Flugzeugen abgeworfen werden, nämlich nicht viel mehr als ein riskantes, wenngleich willkommenes ‘Public Event’. Spieler sehen und hören das Flugzeug von weitem, um dem Empfänger seine langsam gen Boden schwebende Luftpost abzujagen.

Das Wissen, dass dafür jemand ein paar Münzen eingeworfen hat, macht die Sache umso spaßiger. ‘Pay-To-Win’ sieht auf alle Fälle anders aus. Aber noch ist das Geschäftsmodell samt Abwürfen, Kosmetika und Battle-Royal-Servern mit Sicherheit ähnlich unvollendet wie die Mechaniken und die riesige Welt, von der man bislang nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommt.