Was glaubt ihr - was wünschen sich Spieler von MMORPGs eigentlich am meisten? Sind es fette Rüstungen und große Schwerter? Sind es seltene Mounts und skurrile Begleiter? Oder ist es eine gut gefüllte Goldschatulle und ein klangvoller Titel über dem Kopf? Weder noch, glaubt John Smedley, der das Portfolio von Sony Online Entertainment schon wieder um einen Titel erweitert. Und in dem wünschen sich Spieler nur eines: Gesundheit.

H1Z1 - Silberkugeln und Kruzifix nutzlos

Fragt man mal in die Runde, wer schon alles von H1Z1 gehört hat, bekommt man meist die Gegenfrage zu hören, ob das nicht so eine Krankheit sei. Und das ist gar nicht so falsch. Zumindest bei dem ähnlich klingenden H1N1 handelt es sich um das Influenza-A-Virus. Dessen Subtyp hat unter der Bezeichnung Schweinegrippevirus einige Berühmtheit erlangt und glatt eine neuerliche Pandemie ausgelöst.

Virologie, das weiß ich ja, ist schwerer Stoff in einer Gaming-Kolumne, doch wenn wir verstehen wollen, was den Entwicklern von Sony Online Entertainment durch den Kopf gegangen ist, als sich den Namen für ihr nächstes MMORPG ersonnen haben, müssen wir uns kurz damit befassen. H1Z1, das ist also eine Abwandlung der berüchtigten Schweinegrippe und funktioniert ein klein wenig wie die Tollwut.

Star-Wars-Fans verprellt - wieder einmal

Deren Verbreitung und die Angst davor haben seit ein paar Jahrzehnten nachhaltig dazu beigetragen, dass der gemeine Vampir als Lieblingsgestalt des Horrors plötzlich von einem hirnlosen Hordenwesen namens Zombie abgelöst wurde. Womit wir beim Thema wären, denn H1Z1 ist für SOE der neue Fachterminus für ein Zombie-Virus, das die Welt, wie wir sie kennen, in kürzester Zeit in ihren Grundfesten erschüttert hat. Willkommen in der Apokalypse!

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Nun ist es also raus - SOE werkelt an einem Zombie-MMO. Und das stößt keineswegs überall auf Begeisterung. Enttäuscht ist einerseits die Liga der Fans von Star Wars: Galaxies. Denen hatte Smedley vor einigen Wochen noch versprochen, dass man sie mit dem neuen Titel nach Hause holen werde. Doch wie heimisch fühlt sich der Star-Wars-Fan in einer von Zombies überranten, postapokalyptischen Welt, selbst wenn sie weitreichende Crafting-Elemente verspricht?

Schon wieder Zombies?

Ebenfalls enttäuscht ist die riesige Gruppe jener, die PvP-Inhalte in einer Onlinewelt ablehnen. Für sie ist H1Z1 durch seine Full-Loot-Mechanik nichts anderes als ein weiterer DayZ-Klon. Doch liegt SOE mit H1Z1 wirklich so weit daneben? Springt man verspätet auf einen längst abgefahrenen Zug auf und wildert in einem längst aufgeteilten Genre?

Schaut man sich den Berg von Survival-Horror-Games, die in den letzten Monaten aufgeschlagen sind, mal etwas genauer an, bekommt man es tatsächlich mit der Angst zu tun. Hier und da gibt es zwar tolle Ideen und Konzepte, jedoch hapert es, was deren Umsetzung betrifft. In DayZ sind es nicht die Zombies, sondern Bugs, die den Spielern das Leben schwer machen und nach dem Ausscheiden von Erfinder Dean Hall dürfte es mit der gefühlt ewigen Entwicklung kaum schneller vorangehen.

Heute angekündigt, in vier Wochen gespielt?

Rust, aus dem gerade erst die Zombies entfernt wurden und 7 Days to Die sind ebenfalls noch so weit von der Fertigstellung entfernt wie der Flughafen Berlin-Brandenburg und fallen auch nicht wirklich in die Kategorie MMORPG. Und H1Z1? Daran arbeitet SOE offenbar schon eine ganze Weile, immerhin will John Smedley es “in vier bis sechs Wochen” in die Alpha schicken.

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In vier bis sechs Wochen in die Alpha - bei SOE läuft die Produktion der MMOs nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern gläsern, gemeinsam mit den Spielern.
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Was das in etwa bedeutet, haben wir bei EverQuest Next Landmark gelernt - eine weite Welt mit einem allenfalls rudimentär vorhandenen Spiel. Spaß macht das nur bedingt, doch hilft diese moderne Form der MMO-Entwicklung dem Studio ungemein, ein Spiel so zu bauen, wie es die Community möchte und all die innovativen Features, die in der Praxis jedoch nicht wie geplant funktionieren, im Vorfeld zu testen und entsprechend umzubauen.

Packshot zu Just SurviveJust SurviveErschienen für PC

Endlich mal das Hirn einschalten

Kaum auszudenken, wie gut Age of Conan, SWTOR und ESO geworden wären, hätten deren Entwickler diesen Weg der Offenheit eingeschlagen und nicht bis kurz vor Release im stillen Kämmerlein gewerkelt. Mit Sony Online Entertainment nutzt erstmals ein großer Publisher seine gewaltigen Ressourcen, um mit den cleveren Taktiken zu operieren, mit denen eigentlich bislang nur Indie-Studios experimentieren konnten. Und es ist durchaus etwas Wahres dran, wenn wenn Smedley feststellt, dass H1Z1 auch auf Kickstarter erfolgreich gewesen wäre.

Doch zurück zu den Zombies. Bei denen funktioniert für gewöhnlich zwar nur der Hirnstamm, doch arbeitet das Team hiner H1Z1 daran, ihnen eine starke KI zu verpassen, was dem Spiel eine besondere Dynamik verleihen dürfte. Gegner spawnen nicht länger an festen Punkten, sie wandern durch die Landschaft, rotten sich zusammen und warten auf einen akustischen oder optischen Reiz, der sie dazu bringt, gegen die Bauten der Spieler anzurennen.

The Walking Dead Online

Und bauen wird man auch müssen, denn in H1Z1 wird es keinen Pfad geben, keine Questsreihen - hier kämpfen Menschen virtuell ums Überleben und dabei nicht nur gegen die computergesteuerten Zombies. Denn wenn Munition, Treibstoff, Kleidung, ja sogar Nahrung rar sind und mühsam erzeugt, ab- und angebaut werden müssen, wird der Mensch bekanntlich des Menschen Wolf. Wer die geniale US-Serie ‘The Walking Dead’ gesehen oder die Comics dazu gelesen hat, der weiß, wie es um das Vertrauen bestellt ist, wenn sich zwei Gruppen von Überlebenden begegnen.

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H1Z1, so enttäuschend es für manchen Spieler auf den ersten Blick scheint, hat das Zeug zu einem ganz großen Spiel. Technisch hat SOE alles, was man braucht. Die ordentliche Engine, die gerade für EverQuest Next ausgebaut wird, eignet sich hervorragend für H1Z1 und wird Ackerbau und Viehzucht ebenso erlauben wie die Nutzung der geballten Spielerinhalte aus Landmark.

Selbst wer kein Freund von postapokalyptischen Ideen, tollwütigen NPCs und marodierenden Spielerbanden ist, sollte sich ein paar Folgen von ‘The Walking Dead’ reinziehen - dabei entsteht im Geiste ein MMO-Konzept fast von allein. So war das bei mir und so war das bei John Smedley, der diese Serie explizit erwähnt, der im Gegensatz zu mir jedoch noch über die Ressourcen verfügt, diesen ebenso skurrilen wie faszinierenden Traum auch zur virtuellen Realität werden zu lassen.

Zeigs uns, John Smedley!

H1Z1 könnte das erste MMORPG seit Jahrzehnten werden, das diese Bezeichnung auch verdient. Eine im Gegensatz zu DayZ und Co. massive Onlinewelt, in der man im Kampf ums Überleben darauf angewiesen ist, Gemeinschaften zu bilden und Freunde zu finden - in dem es aber auch Konfliktpotential gibt, plötzliche Kriege und von langer Hand geplanten Verrat. Rollenspiel eben.

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Das Schäufelchen in der Hand, eine unbestellte Welt vor sich - H1Z1 könnte ein ganz großes Ding werden.
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Viele Spieler werden vorab glauben, das alles sei nichts für sie. Sie werden glauben, dass sie sich lieber wie in ESO und SWTOR gemütlich und solo durch Questinhalte schlagen wollen, ohne sich um Nahrung und ein Quartier kümmern zu müssen, ohne Ärger mit anderen Menschen zu riskieren. Doch wer erst einmal Blut geleckt und eine virtuelle Welt erfahren hat, in der gute wie schlechte Emotionen ein ständiger Begleiter sind, wird nie wieder in eine dieser gleichgültigen NPC-Kunstwelten zurückkehren wollen, mit denen uns die Industrie seit Jahren abspeist. Möge es John Smedley gelingen, das auch dem letzten Themepark-Jünger da draußen zu beweisen.

ArcheAge - Trion will mehr Sand im Spiel

Auch Trion Worlds muss beweisen, dass man auf die Fangemeinde hören und nach deren Vorstellungen entwicklen kann. Würde man ArcheAge im Westen nämlich mit den gleichen Mechaniken veröffentlichen, mit denen XLGAMES gerade den Sandkasten in Südkorea verunreinigt hat, wäre ein Scheitern des an sich so vielversprechenden MMORPGs vorprogrammiert.

Noch vor zwei Wochen hätte ich gewettet, dass Trion die faule Stelle im Fleisch von ArcheAge nicht einmal bemerken würde, doch die aktuellen Entwicklungen lassen mich aufhorchen. Da heißt es doch tatsächlich von offizieller Seite, dass man derzeit mit XLGames in Verhandlung darüber sei, wie man die umstrittenen Mechaniken aus dem südkoreanischen Update 1.0 im Westen umgehen kann. Bekommen wir also doch das ArcheAge, das wir uns erträumt haben?

Trion kehrt Europa den Rücken

Was auch immer bei Trion vor sich geht - das Unternehmen durchläuft derzeit einen seltsamen Prozess. Nachdem im vergangenen Jahr das Büro in London geschlossen worden war, wurde auch der Vertrag mit der hiesigen PR-Agentur aufgekündigt. Sämtliche Ansprechpartner, die ich bis dato bei Trion hatte, arbeiten nicht mehr dort oder sind nicht mehr erreichbar. Es scheint, als hätte sich der Publisher nach dem enttäuschenden Defiance komplett von Europa losgesagt.

Mir bereitet das durchaus Kopfschmerzen, denn Trion ist mit diesem Kurs absolut nicht alleine. Immer mehr Studios und Publisher ziehen sich aus Europa zurück und während die Kollegen aus den USA weiterhin mit Infos aus erster Hand versorgt werden, müssen wir uns bisweilen als Spieler getarnt in Tests und Entwickler-Chats schleichen. Und wenn man schon die europäische Presse ignoriert, wie sieht es dann erst mit den Communitys aus?

Black Desert - Monster verprügeln, Dörfer regieren, Kühe melken...

Mit einer ganz ähnlichen Frage beschäftigen sich derzeit auch die Fans von Black Desert. Noch weiß niemand zu sagen, wann das Action-MMO aus Südkorea im Westen erscheinen wird - und ob überhaupt. Dabei gehört Black Desert mit seiner umwerfenden Optik derzeit zu den wohl vielversprechendsten Spielen seiner Art und könnte geeignet sein, die im Genre anstehende Dürrezeit zumindest bis zum Erscheinen der ersten Indie-MMOs zu überbrücken.

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Die Videos, die uns aktuell in Vorbereitung zur zweiten Beta-Phase in Südkorea erreichen, haben es auf jeden Fall in sich und geben einen Einblick in ein Spiel, das nicht nur wunderhübsch anzusehen ist, sondern auch Funktionen bietet, von denen wir bislang nicht einmal zu träumen gewagt haben. Südkoreanische Sandbox-Fans bezeichnen das Spiel übrigens jetzt schon als mögliche Alternative zu ArcheAge.

The Elder Scrolls Online

Oder schafft es gar The Elder Scrolls Online, uns über die nächsten Monate bei Laune zu halten? Immerhin hat ZeniMax mit Kargstein schon das erste Inhaltsupdate angekündigt. Und das, obwohl die Masse nicht mal ansatzweise inhaltliche Ermüdungserscheinungen verspürt. Und tatsächlich hat ZeniMax das Spiel in Sachen Quests sowohl quantitativ als auch qualitativ gut ausgestattet.

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Zumindest wird dieser Eindruck erweckt und wenn man nicht gerade hektisch durch die Inhalte jagt, wird man einige Zeit damit zu tun haben. Wobei die Entwickler auch durch unsaubere Tricks gewaltig Zeit schinden - wenn man beispielsweise alle Nase lang in die Stadt muss, um abzuladen oder eine weitere Runde im bereits mehrfach durchkämmten Questgebiet drehen muss, um dem NPC noch dieses oder jenes zu besorgen. Und wenn man auch nur halbwegs am Crafting interessiert ist, geht mindestens ein Viertel der Spielzeit beim Kampf gegen das chronisch überfüllte Inventar drauf.

Dabei wollte ich doch eigentlich im Welten-PvP kämpfen. Daraus allerdings wurde bislang nicht viel, denn dort tummeln sich längst schier übermächtige Zeitgenossen, die nur im Hide darauf warten, eine kleine Gruppe hoffnungsvoller Nachzügler binnen weniger Sekunden niederzustrecken. Angesichts der meist vorangegangenen Gewaltmärsche durch das Ödland sogar für mich als PvP-Fan eine eher frustrierende Erfahrung, die mich bald wieder zurück zu den leider noch immer recht bugverseuchten Quests getrieben hat.

Wozu ein MMO?

Und so kann ich derzeit nur als Fazit feststellen: ESO ist ein nettes Rollenspiel mit feinen, aber teilweise verbuggten Quests und guter, stellenweise jedoch arg fehlerhafter deutscher Vertonung, bei der ein NPC im Gespräch durchaus auch mal mit dem Sprechen aussetzt oder plötzlich mit anderer Stimme redet. Optisch rangiert ESO irgendwo im Mittelfeld - die Umgebungen, insbesondere die Höhlen, gehen in Ordnung. Die Animationen sind eher mäßig gelungen, die Kleidung sieht absolut grottig aus.

Das dem Spiel irgendwie recht lieblos aufgesetzte und schwer zugängliche Welten-PvP kann mich derzeit nicht so fesseln, wie ich mir das vorab erhofft hatte - dafür macht das Crafting durchaus Laune, wobei die Freude durch das chronisch überfüllte Inventar getrübt wird. Bleibt die Frage offen: Wozu hat ZeniMax aus diesem Spiel ein MMOG gemacht, für was kassiert man da eine Monatsgebühr - zudem man als Spieler ein aktives Abo haben muss, um den Freimonat zu nutzen. Eine unsaubere Sache, mit der sich gerade der Verbraucherschutz beschäftigt.

Ausblick

Noch bin ich also in Tamriel unterwegs, kämpfe allerdings parallel auch darum, irgendwie in die gerade gestartete Alpha zu ArcheAge zu kommen. Und dann wäre da noch Chris Roberts Star Citizen, dessen Dogfight-Modul derzeit auf der PAX East gespielt wird und das danach dann hoffentlich auch für mich als einem der ersten Unterstützer spielbar sein wird - vielleicht noch vor dem kommenden Samstag.