Seit mehr als drei Jahren beweist ArenaNet nun schon, dass man ein MMO erfolgreich betreiben kann, ohne die Spielergemeinde mit teuren Abonnements oder windigen Cash-Shops abzuzocken. Mit Heart of Thorns allerdings werden die Fans aktuell noch einmal zur Kasse gebeten und nicht jeder ist davon gleichermaßen angetan.

Machen wir uns nichts vor - wer in den letzten drei Jahren aktiv Guild Wars 2 gespielt hat, ist mit unter einem Euro pro Monat echt billig davongekommen. Irgendwann jedoch, das war von Anfang an klar, würde ArenaNet den Umsatz mal wieder etwas ankurbeln und eine Erweiterung auf den Tisch legen müssen. Außerdem gierte die Community nach neuen Inhalten.

Eintrittspreis für neue Attraktionen

Die hat sie aktuell mit Heart of Thorns bekommen - kurz nachdem Guild Wars 2 mit einem anscheinenden Vorstoß in Richtung free-to-play für Verwirrung gesorgt hatte. Das allerdings bezog sich eben nicht auf die Inhalte der Erweiterung, denn die stehen nur den Spielern offen, die sich auch tatsächlich Heart of Thorns gekauft haben.

Einen echten Fan von Guild Wars 2 wird ein Preis von knapp 45 Euro für die Standard-Edition natürlich nicht davon abhalten, mit den neuen Inhalten durchzustarten. Und Neuspieler, die Guild Wars 2 in all den Jahren noch nicht besessen haben, bekommen das Grundspiel ohnehin gleich inklusive - sie kommen bei dem neuen Angebot also am günstigsten weg und werden das komplette Spiel bis zum Erscheinen der nächsten Erweiterung in vollem Umfang genießen können.

Es geht hoch hinaus

Derweil haben die meisten Veteranen erwartungsgemäß gleich die neuen Karten bereist, die sich im Design noch einmal bedeutend von denen des Grundspiels abheben - im wahrsten Sinne des Wortes. Tatsächlich haben die Entwickler vor allem in Höhe und Tiefe gearbeitet und mehrere Ebenen geschaffen. Das lässt die Landschaften wundervoll räumlich erscheinen, sorgt jedoch nicht selten auch dafür, dass man die Orientierung komplett verliert. Ein Problem, das sich durch eine schicke Radar-Funktion oder eine clever überarbeitete Karte beheben ließe.

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Interessant auch die Mechaniken, die vorwiegend auf größere und schlagkräftigere Gruppen abzielen. Ähnlich der Eroberungsmechaniken im Welten-PvP gilt es anfangs Stützpunkte zu erobern, auszubauen und gegen die permanent heranstürmenden Armeen des Feindes zu verteidigen. Klingt äußerst dynamisch, krankt jedoch auf Dauer an den gleichen Problemen wie im WvW auch: Kaum hat man sich und seinem Team eine Kaffeepause gegönnt, ist die ganze Aufbauarbeit wieder dahin.
Nichts für Blindgänger

ArenaNet hat ein Herz für Gilden, bricht aber mit Solisten und Altspielern.Fazit lesen

Noch schwieriger wird es im späteren Verlauf, wo man die gesamte Spielerschar tatsächlich aufteilen und getrennt voneinander koordinieren muss. Das erfordert ein Höchstmaß an Kommunikationsbereitschaft und überfordert manchen Gelegenheitsspieler gnadenlos. Und Solisten werden mit den neuen Landschaften ohnehin wenig Freude haben, denn sie werden nicht viel bewirken.

Ebenfalls schwierig werden es Ungeduldige haben und Spieler, die im MMO-Halbschlaf locker vor sich hin spielen wollen. Insbesondere die dritte Karte setzt mit ihren Labyrinthen auf vier Ebenen ein solches Orientierungsvermögen voraus, dass viele Spieler spätestens hier die Segel streichen. Wer schon mit den Sprungrätseln des Grundspiels überfordert war, sollte sich auf einige frustreiche Momente gefasst machen. Und das ist etwas bedauerlich, lässt sich doch erkennen, mit welchem Eifer und mit welcher Kreativität die Landschaftsdesigner bei ArenaNet einmal mehr zu Werke gegangen sind.

Kampf gegen Alt-Drachen und Fehlerteufel

Und dann wäre da noch die vierte Karte, die hier und da noch für technische Probleme sorgt und auf der man ein zweistündiges, äußerst anspruchsvolles und sich immer wieder zurücksetzendes Event durchlebt, für dessen eifrige Teilnahme es entsprechende Belohnungen gibt. Wer glaubt, den anderen Spielern beim Ackern zuschauen zu können, geht leer aus.

Guild Wars 2: Heart of Thorns - Ein Herz für Gilden

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Die neuen Elite-Spezialisierung machen ihrem Namen alle Ehre und müssen hier und da noch ein wenig ausbalanciert werden.
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Ob man sich nun mit den neuen Karten anfreunden kann oder nicht, liegt an den eigenen Vorlieben. Während hochgerüstete Gildenspieler endlich mal gefordert werden und voll auf ihre Kosten kommen, wird sich der gemütliche Feierabenddaddler fragen, warum ihm ArenaNet das angetan hat - und warum er obendrein noch Geld dafür berappen musste.

Zweiklassengesellschaft

Und das muss er tatsächlich, wenn er die neue Story rund um Alt-Drache Mordremoth erleben möchte. Die Geschichte wird Fans des Spiels sicherlich reizen, hat auch durchaus ihre grandiosen Momente und tollen Szenen, erscheint bisweilen aber äußerst skurril und an den Haaren herbeigezogen. Zudem nerven gerade hier noch reihenweise Bugs.

Packshot zu Guild Wars 2: Heart of ThornsGuild Wars 2: Heart of ThornsErschienen für PC kaufen: ab 30,89€

Nacharbeiten muss ArenaNet auch noch an der Balance der neuen Elite-Spezialisierungen, die zumindest momentan ein wenig stärker erscheinen als die bisherigen. Und das könnte vor allem für Altspieler zu einem Problem werden, die nicht noch einmal Geld in Heart of Thorns stecken möchten. ArenaNet muss sich den Vorwurf der Fahrlässigkeit im Design gefallen lassen, indem man die Entstehung einer Zweiklassengesellschaft zumindest in Kauf nimmt. Und das hat nicht nur im PvE Auswirkungen, sondern vor allem auch im PvP.

E-Sport im Code?

Letzteres wurde mit Heart of Thorns natürlich ebenfalls erweitert. Da wäre zum Beispiel die “Festung” als neuer PvP-Modus, mit dem ArenaNet den längst überfälligen Schritt gegangen ist, das oft so dröge Instanzen-PvP durch MOBA-Elemente aufzupeppen. Die erhöhen die taktische Tiefe und bringen unvorhergesehene Wendungen mit ins Spiel. Dota 2 und League of Legends sind nicht durch Zufall so erfolgreich. Ob Guild Wars 2 deswegen jedoch gleich zu den gefeierten E-Sport-Titeln emporsteigen kann, wie man bei ArenaNet zu glauben scheint, sei einmal dahingestellt.

Und während es in der Festung ordentlich abgeht, liegt das Welten-PvP ein wenig darnieder. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich die Spielergemeinde derzeit durch die neuen Lande schlägt. Andererseits stolpert man gerade in den runderneuerten WvW-Landschaften über jede Menge Bugs. Dazu kommen die für Heart of Thorns zumindest anfangs noch chronische Unübersichtlichkeit und ein altbekanntes Problem.

Hausaufgaben nicht erledigt

Noch immer sind die eigenen Eingriffe in die dynamischen Grenzlande nämlich viel zu bedeutungslos. Wie erbittert und hart ich auch immer gegen den Feind gekämpft haben mag - gehe ich mir flugs mal einen Kaffee kochen, wird die Festung in der Zwischenzeit überrannt und mein schlummernder Avatar von einem Zerg überrollt.

ArenaNet muss endlich lernen, dass eine Belagerung nur dann motivierend ist, wenn sie zu festen Zeiten stattfindet und der Burgherr das virtuelle Anwesen nach erfolgreicher Verteidigung für eine annehmbare Zeitspanne verwalten und gewinnbringend nutzen darf. Fehlt dieser Belagerungsschutz, rennen die Zergs permanent im Kreis und nehmen unverteidigte Burgen ein, um möglichst kampflos Belohnungen abzustauben.

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Durchaus ordentlich gearbeitet hat ArenaNet derweil, was die Gildeninhalte betrifft. Gildenspieler werden mit wunderbaren Gildenhallen samt üppigen Funktionen und Ausbaumöglichkeiten belohnt. Dass der Auf- und Ausbau nicht gerade einfach ist, sorgt für umso mehr zusätzliche Motivation und bringt vielleicht auch den ewigen Solisten endlich mal auf die Idee, sich einer Gruppierung anzuschließen und gemeinsam Berge zu versetzen. Ein weiteres Indiz dafür, dass sich ArenaNet mit Guild Wars 2 von den ganzen Solo-MMOs am Markt distanzieren will.

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