Beim Blick durch die Kristallkugel hatten wir bereits im vergangenen Jahr vorausgesehen, dass der MMO-Branche in nicht allzu ferner Zukunft schwere Veränderungen bevorstehen. Dass es jedoch so schnell und so heftig kommen würde, hätten selbst wir nicht gedacht. Die Großen sind auf dem Rückzug und es ist längst kein geordneter mehr - es ist eine Flucht.

R.I.P. SOE

Sony Online Entertainment existiert nicht mehr. Der Publisher, dessen Geschichte bereits 1995 mit einem Projekt begann, das später unter dem Namen EverQuest den Aufstieg eines Genres nachhaltig voranbringen sollte, läutet 20 Jahre nach seiner Gründung indirekt dessen offiziellen Untergang ein - zumindest aus Sicht der tonangebenden Unternehmen.

Die Zahlen, die im Genre geschrieben werden, rechtfertigen nicht länger die Aufmerksamkeit, die man dafür aufwenden muss. Den großen Gewinn strich und streicht nur ein einziges Unternehmen ein und selbst dort sind die goldenen Tage gezählt. Sich jetzt noch ein Stück vom Kuchen abschneiden zu können, erscheint mittlerweile selbst den ahnungslosesten Investoren zu unwahrscheinlich.

Weg mit den Spielen!

Die Entscheidung ist in den Chefetagen des Großkonzerns der Unterhaltungselektronik sicherlich ausgiebig diskutiert worden. Immerhin galt Töchterchen SOE als einer der Hoffnungsträger im Kampf um das MMO-Genre und der Abstoß könnte einen weiteren Vertrauensverlust bei der wichtigen Zielgruppe der Gamer zur Folge haben. Doch in Tagen, in denen man sich gerade neu sortieren und sein Kerngeschäft in Ordnung bringen muss, könnte man ein defizitäres MMO-Studio in den USA kaum vor den eigenen Investoren rechtfertigen. SOE musste also weg.

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Doch ein Unternehmen wie SOE stampft man nicht eben so ein. Immerhin hat man dort ein paar vielversprechende Titel in der Entwicklung. Ein Retter war schnell zur Stelle: Columbus Nova, eine Investmentfirma kaufte Sony den ungeliebten Spross ab - samt allen Assets: Studios, Belegschaft, Titel, Technologien und natürlich John Smedley.

Was wollen die?

Der bemühte sich umgehend, den Deal als Wechsel in die Unabhängigkeit zu verkaufen. Smedley sieht das Unternehmen, das fortan den sperrigen Namen Daybreak Game Company tragen wird, als Indie-Publisher, der quasi von seinen Fesseln befreit wurde und fortan auch für Xbox, Mobilgeräte “und mehr” entwickeln kann. Und tatsächlich könnte man seine Finanzen durch die technisch unkomplizierte Ausweitung des Angebots auf die Xbox ein wenig aufpolieren.

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Mittlerweile funktioniert sie wieder: Die unspektakuläre Webseite von Columbus Nova war kurz nach der Ankündigung der Übernahme von SOE nicht zu erreichen. So ein Zufall...
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Die echten Fans allerdings sind von derlei Ankündigungen eher abgeschreckt. Sie stellen sich vor allem die Frage, die man sich immer stellt, wenn eine Investmentfirma zuschlägt: Was will Columbus Nova, wo man mit bis zu 15 Milliarden Dollar spekuliert, mit diesem Unternehmen, das ein Genre bedient, vor dem alle anderen Investoren in diesen Tagen Reißaus nehmen? Die Fangemeinde mit atemberaubenden Games verwöhnen? Eher nicht.

Rocker im Anzug?

Wobei einer der Manager von Columbus Nova durchaus eine Vorliebe für gute Unterhaltung zu haben scheint. Bereits 2010 hatte Jason Epstein bereits Harmonix, die Erfinder von Guitar Hero, von Viacom ausgelöst. Zerlegt und abverkauft wurde das Unternehmen zumindest nicht und von einer unangemessenen Einmischung durch Jason Epstein ist ebenfalls nichts bekannt.

Packshot zu EverQuest NextEverQuest NextRelease: PC: 2014

Vielleicht sind es auch die Technologien, an denen Smedleys Teams arbeiten, die Columbus Nova in Wirklichkeit interessieren. Vom Player Studio über SOEmote bis hin zu Storybricks hat man einige echt vielversprechende Programme in der Schublade, die von Sony aus unerfindlichen Gründen völlig ignoriert wurden.

Business as usual

Die Arbeiten bei Daybreak sollen, verspricht zumindest CEO John Smedley, wie gehabt weitergehen. Man baue nicht ab, sondern habe künftig sogar mehr Ressourcen zur Verfügung. Columbus Nova scheint also etwas in den Unternehmen zu erkennen, das Sony komplett entgangen zu sein scheint.

Und so beruhigen sich auch die Fans von ehemals SOE wieder ein wenig. EverQuest Next und Landmark scheinen ebenso sicher wie H1Z1, das nach aller Kritik und ein paar Patches plötzlich überraschend gut ankommt und dem bisherigen König der Apokalypse verdächtig nahe auf den Pelz zu rücken scheint.

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Sowohl auf Steam als auch auf Twitch ist H1Z1 schon nach dieser verhältnismäßig kurzen Zeit kaum noch wegzudenken und rüttelt am Thron von DayZ.
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World of Warcraft - bald egal?

Doch selbst für den Fall, dass sich H1Z1 als Survival-MMO und EverQuest Next als Sandbox-MMO der neuen Generation etablieren sollten - das Geld wird längst an anderer Stelle verdient, wie in diesen Tagen Bobby Kotick, Chief Executive Officer von Activision Blizzard indirekt erklärte. Im aktuellen Geschäftsbericht zeigt er nämlich, was für sein Unternehmen wirklich zählt:

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Man habe mit Hearthstone und Destiny die beiden erfolgreichsten neuen Marken eingeführt, heißt es da, und damit mehr als 850 Millionen Dollar generiert. In diesem Jahr erwarte man das Portfolio dann auf zehn Blockbuster zu erweitern. Ein MMO, das ist sicher, wird in dieser Hochrechnung, nirgendwo mehr auftauchen. So risikolos wie mit einem gehypten Konsolenshooter und so billig wie mit einem Kartenspiel lässt sich im MMO-Genre längst nichts mehr reißen. Der Massenmarkt ist weitergezogen und mit ihm ziehen nun die großen Unternehmen.

Star Citizen - Benutzeroberfläche einer Galaxis

Dabei vergessen sie sehr häufig, welche Schätze in den virtuellen Welten und ihrer Entwicklung liegen, die weit über das Spiel an sich hinausgehen. Kleine Programme, wie die von Sony ignorierten Technologien. Programme, von KI-Routinen über Kommunikationstools bis hin zu 3-D-Engines, die man gesondert lizensieren und vermarkten könnte und die dringend in gewinnträchtigen Sparten benötigt werden - in der Raumfahrt, der Medizin oder der Robotik.

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‘mobiGlas’ verbindet alles mit allem in der virtuellen Galaxis und könnte als Blaupause für ein System dienen, das in der Welt da draußen Anwendung findet.
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So sitzt eines von Chris Roberts Teams derzeit daran, ‘mobiGlas’ zu entwickeln. Auf den ersten Blick ist das nicht mehr als eine Benutzeroberfläche - auf den zweiten allerdings ist es ein Stück Zukunft, denn früher oder später werden wir auch in der Welt da draußen Geräte haben wollen, die nicht nur eine Webseite abrufen und ein Foto machen können, sondern die alles mit allem in Verbindung bringen können. Die ultimative Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt also.

Mit solchen Technologien wird sich auch in Zukunft natürlich nur befassen, wer eine komplexe, virtuelle Umgebung generieren möchte. Studios, von starren Investoren gelenkt werden oder ihnen Rechenschaft schuldig sind, werden sich kaum mit derlei kostspieligen und riskanten Träumereien befassen und lieber abgespeckte Kartenspiele ins Volk streuen oder einen einfachen Ballerspaß basteln.

Selbst ist der Fan

Und so werden die MMO-Fans, nachdem sie von den Publishern gemolken und im Stich gelassen wurden, fortan selbst in die Tasche greifen müssen, wenn sie derlei Träumereien für wertvoll genug halten. Doch das ist weit weniger schlimm, als es klingt. Selbst Nischentitel finden via Crowdfunding meist noch genügend Unterstützung, um auf den Weg gebracht zu werden.

Und das Risiko, dass man sein Geld in den Sand setzt, ist auch nicht höher als bei mittlerweile erschreckend regelmäßig miesen Titeln großer Publisher. Wichtig ist nur: Streut das Budget möglichst sinnvoll und breit. Wenn 100 Millionen in einem Spiel wie Star Citizen landen, ist das eine tolle Sache für Chris Roberts und seine Teams, kostet aber anderen, ebenfalls vielversprechenden Projekten die Existenz.

Crowfall - ein Stück Firma

Projekten wie Crowfall, das offiziell ja erst in zwei Wochen vorgestellt werden soll, zu dem es aber schon jetzt derart viele interessante Infos gibt, dass man es keinesfalls aus den Augen lassen sollte. Das Spiel, das aus der Feder ehemaliger Entwickler von Ultima Online, Shadowbane und Star Wars: Galaxies stammt, erinnert in seinem Konzept zusehends mehr an all diese Titel, gespickt mit den territorialen Konflikten aus EVE Online.

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Das Team hinter Crowfall umfasst einige große Namen. Der vielversprechendste allerdings ist Entwicklerlegende und Genrephilosoph Raph Koster.
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Gefragt hatten sich viele Fans bislang jedoch, wie die Entwickler das Projekt zu finanzieren gedenken, von dem sie selbst sagen, dass es für die Nische entwickelt wird. Die Antwort: Die Initialzündung kommt von großen Geldgebern, jedoch setzt man auf drei weitere Quellen, will Lizenzrechte an ausländische Publisher verkaufen, eine Crowdfunding-Kampagne starten sowie Firmenanteile anbieten. Hätte Chris Roberts das auch getan - die ersten Unterstützer von Star Citizen wären heute reich.

Doch noch ist es zu früh, darüber zu spekulieren, ob die Entwickler tatsächlich ein großes Spiel auf den Weg bringen werden und es wird Zeit, neben den zugegeben interessanten Mechaniken auch endlich das Gameplay vorzustellen. Doch das wird dann wohl passieren, wenn der Countdown ausläuft - vermutlich kombiniert mit einer Kickstarter-Aktion.

Underworld Ascendant - mit dem Segen des Lords

Und wer bis dahin noch ein Budget hat, das er unbedingt loswerden möchte, der sollte sich mal die Kickstarter-Aktion von Underworld Ascendant ansehen. Das wird zwar kein MMORPG, doch immerhin der spirituelle Nachfolger von Ultima Underworld, steckt doch Originalentwickler Paul Neurath dahinter - unterstützt von keinem geringeren als Lord British persönlich.

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Die Hälfte der 600.000 erhofften Dollar hat Underworld Ascent quasi aus dem Stand gesammelt und die Finanzierung ist angesichts von drei verbleibenden Wochen mehr als wahrscheinlich. Selbstredend, dass Underworld Ascendant einige Schnittpunkte mit Garriotts Shroud of the Avatar haben wird, was beide Projekte bereichern und authentischer machen dürfte. Möglichkeiten, die aus markenrechtlichen Gründen auch nur unabhängige Studios haben.

Ausblick:

Mit all diesen Projekten werden wir uns noch im Detail befassen, sobald sie etwas mehr Form angenommen haben. Zumindest so viel Form wie Son...Verzeihung...Daybreaks Survival-MMO H1Z1, zu dem ihr im Laufe der kommenden Woche eine erste Vorschau lesen könnt.