Sie sind die Buhmänner der Spielebranche. Sie stehen meist irgendwo eingeklemmt zwischen den Stühlen - werden von Entwicklungsstudios als notwendiges Übel angesehen und von den Spielergemeinden verachtet und beschimpft. Und doch sind sie es, die das Schicksal der Titel in den Händen halten. Gemeint sind die Publisher, von denen gerade wieder einer vor die Wand gefahren ist.

Plötzlich Publisher

“Ein führender Publisher für internationale Online Games” will man sein, wie die offizielle Webseite von ProSiebenSat.1 Games noch immer offenbart. Mittlerweile jedoch dürfte man auch in Unterföhring verstanden haben, dass man mit diesem Titel ein wenig zu hoch gestapelt hat. Ein führender Publisher war man nie und wird man wohl so bald auch nicht mehr werden.

ProSiebenSat.1 hat nämlich in der vergangenen Woche bekanntgegeben, so berichten es zumindest einige deutsche Medien, dass man sich von seinem Partner Sony Online Entertainment trenne. Klingt unlogisch und stammt wahrscheinlich aus der Feder eines cleveren PR-Mitarbeiters. Freiwillig dürfte man bei ProSiebenSat1. Games nämlich kaum auf die halbwegs interessanten SOE-Titel verzichten wollen, die sich angenehm vom restlichen Schrott im Portfolio des Unternehmens abgehoben haben.

“We turn viewers into players”

Viel wahrscheinlicher ist es da schon, dass SOE endlich die Notbremse gezogen und den vermeintlich kompetenten Partner für Europa abgeschossen hat. Der hatte die ehrgeizige Strategie, Fernsehzuschauer in Spieler umzuwandeln. Eine Strategie, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, denn zwischen all dem virtuellen Müll, mit dem die Sender das TV-Publikum permanent berieseln, gehen ordentliche Titel komplett unter.

Wiped! - Die MMO-Woche - Das Ende der Entertainer

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Fernsehzuschauer haben entweder längst zu den Spielen gefunden oder sie bleiben, was sie sind. Sie lassen sich nicht umwandeln. Auf diese Idee hätten die Sender vor zehn Jahren kommen müssen. Doch damals sperrte man sich entschieden dagegen, das Programm mit regelmäßigen Gaming-Sendungen zu ergänzen. Die Folgen dieser Nachlässigkeit kann man auf YouTube und Twitch bewundern.

Qualität vor Quantität

Doch die im Sande verlaufene Marketingstrategie ist nur ein Grund für das Scheitern der Entertainer. Ohne überhaupt grundlegende Erfahrungen im Publishing von Onlinespielen gesammelt zu haben, lässt sich ein solches Geschäft nicht mal eben so aufziehen. Ein Publisher kann nur natürlich wachsen. Er braucht nicht viele, sondern nur einen qualitativ hochwertigen Titel, den er in jeder Hinsicht professionell und fair betreibt und mit dessen Hilfe er eine Community aufbaut, die ihn trägt.

Packshot zu EverQuest NextEverQuest NextRelease: PC: 2014

Doch eine Gaming-Community hat mit dem gewöhnlichen Fernsehpublikum nichts, aber auch gar nichts gemein. Das Publishing von Onlinespielen ist ein Service, bei dem es auch um Vertrauen geht. Gamer, die ihrem Spiel und ihrem Publisher treu bleiben, müssen gehegt und gepflegt werden und genau das hat ProSiebenSat.1 Games von Anfang an sträflich vernachlässigt.

Zielgruppe unterschätzt

Was auch immer da bei SOE in den letzten Monaten vor sich ging und wer nun letztlich die Schuld an der Misere trägt - in Europa waren wir außen vor. Und das gilt für die Community ebenso wie für die deutsche Fachpresse, die oft erst mit mehreren Tagen Verspätung mit wichtigen Informationen versorgt wurde. In der europäischen Community fühlte man sich als Spieler zweiter Klasse. Und wie sollte das erst werden, wenn bald EverQuest Next und H1Z1 aufschlagen, in dessen Entwicklung die US-Community schon kräftig eingespannt wird, während die Titel in Europa kaum bekannt sind?

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Man fühlte sich obendrein abgezockt, denn während Sony Online Entertainment einen geschmeidigen All Access Pass ab 9,99 Dollar monatlich anbietet, der den Premium-Zugang zu allen jetzigen und künftigen namhaften Titeln gleichzeitig freigibt, hatte man sich bei ProSiebenSat.1 gegen ein solch kundenfreundliches Angebot gesträubt, dabei allerdings nicht bedacht, dass die europäische Community nicht nur vor der Glotze sitzt, sondern auch Foren liest.

Community im Freudentaumel

Und so feiert die wiedervereinigte Community seit der Ankündigung gerade ein ausgelassenes Freudenfest auf allen erdenklichen Kanälen. Auch wenn man sich sonst über dies und jenes vortrefflich streiten kann - in Sachen ProSiebenSat.1 herrscht erschreckende Einigkeit darüber, dass dieser, mutmaßlich von Sony Online Entertainment initiierte Schritt der einzig richtige sein kann.

Dort allerdings hat man derzeit alle Hände voll damit zu tun, Europa irgendwie wieder mit einzugliedern. Technisch ist das weniger ein Problem als personell, denn SOE ist absolut nicht auf die kommunikativen Anforderungen vorbereitet. Doch brauchbares Personal dürfte sich finden und in der Zwischenzeit funkt man eben wieder ein wenig mehr auf Englisch zwischen den Kontinenten. Das ist immer noch besser als die Funkstille der letzten Monate.

Bis nichts mehr bleibt

Generell haben die letzten Jahre gezeigt: Das beste Spiel nützt nichts, wenn der Publisher nichts taugt. Doch leider gibt es in der Branche, insbesondere in Europa, weit mehr Problemfälle, die nur auf das schnelle Geld aus sind, als gute Häuser, die Qualität abliefern wollen. Dazu kommt, dass ein einziger Abzockertitel den Ruf eines ansonsten guten Unternehmens derart ruinieren kann, dass es wirtschaftlich auf keinen grünen Zweig mehr kommen wird.

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Das waren noch Zeiten - als League of Legends noch in den Händen von GOA war.
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Derzeit scheint es fast so, als würde ProSiebenSat.1 in die Fußstapfen von GOA treten. Das Tochterunternehmen einer France-Télécom-Tochter musste einst von DAoC über Warhammer Online bis hin zu dem späteren Mega-Titel League of Legends ein Spiel nach dem anderen abgeben, bis nichts mehr übrig war.

Black Desert - meldet Vollzug

Wobei es durchaus schon Befürchtungen gibt, dass man sich in Unterföhring die südkoreanische Sandbox Black Desert geangelt haben könnte. Kurz nachdem deren Publisher Pearl Abyss nämlich mit dem Ziel zur E3 gereist war, Partnerunternehmen für den Westen zu finden, wurde auf der offiziellen südkroeanischen Webseite Vollzug gemeldet.

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Man befinde sich in den den finalen Verhandlungen mit einem bekannten nordamerikanischen sowie europäischen Publisher. Ob es sich dabei um den selben handelt oder um zwei verschiedene Unternehmen, lässt sich aus den koreanischen Zeilen leider nicht entnehmen. Die Fans halten derzeit auf jeden Fall aus den bereits erwähnten Gründen den Atem an.

Swordsman, Archlord 2, Black Gold - versucht es gar nicht erst

Es wäre auf jeden Fall schade, wenn ein Spiel wie Black Desert dann auf einer langen Liste zwischen Spielen wie Swordsman oder Archlord 2 landen und eine ähnliche Betreuung durch den Publisher erfahren würde. Diese beiden Titel sind derzeit bei uns in die Closed Beta eingetreten und beide sind sie gleichermaßen schlecht.

Swordsman stammt aus dem Hause Perfect World Entertainment und will Martial-Arts-Fans anlocken. Und bei Archlord 2 verspricht Webzen ein PvP-MMOG samt Endgame zu liefern - natürlich erst, nachdem man sich in unerträglich vielen Stunden mühevoll durch das ungeschliffene Gameplay gegrindet hat. Beide Titel haben gemeinsam, dass sie kaum ein Spieler, der auch nur halbwegs Ahnung vom Genre hat, sie lange auf der Platte behalten dürfte.

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Wer spicken will, muss clever sein

Sowohl Swordsman als auch Archlord 2 gehören nämlich zu jener Sorte von Spielen, mit der fernöstliche Entwickler versuchen, einen der großen Titel möglichst genau zu kopieren. Auf Innovation wird dabei keinen Wert gelegt - ebenso bleibt der Feinschliff auf der Strecke. Das Endgame, von dem in den Vorlagen zumindest ansatzweise etwas vorhanden ist, wird dann, darauf zählen die Publisher, ohnehin niemand erreichen, ohne nicht vorher ordentlich in die Tasche gegriffen zu haben, um den schmerzhaften Weg nach oben irgendwie zu erleichtern.

Ach ja – und Black Gold, nicht zu verwechseln mit dem mutmaßlichen Top-Titel Black Desert, ist ebenfalls aktuell in die Open-Beta-Phase gestartet. Das Spiel, das unverkennbar aus dem Hause Snail Games stammt, erinnert auf den ersten Klick an Age of Wulin. Das hat Vor- und Nachteile, wobei derzeit wohl die Nachteile überwiegen dürften. Bis die Entwickler für ein Mindestmaß an Feinschliff gesorgt haben, werde ich diesen Titel auf jeden Fall auf der Platte ruhen lassen.

ArcheAge - wer hätte das gedacht?

Bei Trion Worlds dürfte man sich auf jeden Fall nicht noch mit weiteren Spielen behängen wollen, geht es doch schon mit der Übersetzung von ArcheAge ins Englische nicht sonderlich fix voran - zumindest sind die koreanischen Filmsequenzen noch nicht einmal untertitelt. Erschwerend kommt hinzu, dass Patch 1.2 70.000 neue Wörter ins Spiel bringt, die übersetzt werden wollen.

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Ja, richtig gelesen - Patch 1.2 und nicht 1.0. Die Nullnummer versucht man vorsichtig zu umschiffen, um langfristig den Sandbox-Patch ins Auge zu fassen. Das zweite große Update ist es dann auch tatsächlich, mit dem Trion Worlds das umstrittene ArcheAge bei uns veröffentlichen will. Warum das so ist, erklärt Community Manager Evan Berman in aller Ausführlichkeit und spricht damit vielen westlichen Spielern aus der Seele:

Der Spielerflüsterer

“Das in Korea veröffentlichte Update 1.0 war die Quelle nicht gerade weniger Bedenken seitens der Community, seitdem wir das Spiel für Nordamerika und Europa angekündigt haben. [...] Die Entwickler von XLGAMES sind ebenfalls der Ansicht, dass die Balance und das Spielgefühl von ArcheAge in eine ungewollte Richtung abgedriftet sind.

Hinter den Kulissen haben wir das Feedback während der letzten Monate verfolgt und hatten die Gelegenheit, das Update auf unseren internen Servern ausgiebig zu testen. Wenngleich es eine gewisse Zahl von Gameplay-Verbesserungen mit sich bringt, teilen wir jedoch deren Auffassung. Sowohl bei Trion Worlds als auch bei XLGAMES arbeiten wir jetzt hart daran, die Sandbox-Natur des Spiels zu erhalten."

Es besteht also noch Hoffnung, dass ArcheAge wieder zu dem wird, was die Community von Anfang an erwartet hatte und offensichtlich war auch der Druck der westlichen und der russischen Community nicht ganz unerheblich bei der Problemfindung. Insgesamt kann ich schon jetzt verraten, dass sich ArcheAge in Trions laufender Alpha erfreulich rund und geschliffen spielt.

Ausblick

Nicht ganz so rund, wenngleich durchaus vielversprechend, spielt sich derweil der Arena Commander - das Dogfighting-Modul von Star Citizen. Darüber werde ich demnächst noch ausführlich berichten. Und dann wären da noch die Horden in Orcs Must Die! Unchained - einem Spiel, dem ich als MOBA-Fan zuerst äußerst kritisch gegenüberstand.

Nach ein paar Runden allerdings war ich derart angetan von dem Ding, dass ich mich gleich Montag in den Flieger nach San Francisco setzen werde, um den Entwicklern - übrigens die Erfinder von Age of Empires - mal einen Besuch abzustatten und zu schauen, ob die Kommunikation zwischen ihnen und ihrem Europa-Partner Gameforge besser funktioniert als bei den oben erwähnten Publishern.