Fast zehn Jahre hat EVE Online nun schon auf dem Buckel und gehört damit zu den Dinosauriern unter den MMOGs. Doch die Weltraumsimulation scheint kein bisschen gealtert, sieht besser aus denn je und ist zudem innerlich gereift. Und genau diesen Prozess will CCP auch in der kommenden Erweiterung vorantreiben und nebenbei eine längst vergessene Berufsgruppe zurück auf die galaktische Bühne holen: die Kopfgeldjäger.

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Für die Wirtschaftsweisen der Spielebranche steht fest: Themepark-MMOGs sind der Renner, Sandbox-Spiele führen allenfalls ein Nischendasein und sind wirtschaftlich uninteressant. Welches Sandbox-MMO, so fragen sie in der Diskussion unweigerlich, kann schon zehn Millionen zahlende Kunden aufweisen? Nein - so etwas schafft eben nur ein Themepark.

Niemand hat in EVE Online alles erreicht

Dabei wird dann meistens falsch betont - denn es schafft eben auch nur 'ein' Themepark. Alle anderen sind mehr oder weniger schnell gescheitert und allesamt haben sie das gleiche Problem: schwindende Spielerzahlen. Wer ein Themepark-MMOG durchgespielt hat, kündigt meist sein Abo und sucht sich den nächsten Zeitvertreib.

Durchspielen kann man EVE Online nicht. Dafür ist es zu komplex und niemand kann wirklich alles erreichen und jede Facette des Spiels erkunden - von der politischen Vormachtstellung, um die in New Eden rund um die Uhr gekämpft wird, mal ganz zu schweigen. Insofern ist EVE Online auch weniger ein Spiel im klassischen Sinne, sondern eine echte virtuelle Welt.

EVE Online: Retribution - Der Vergeltungsschlag

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EVE Online ist ein Spiel, dem man sein Alter nicht ansieht, denn insbesondere an der Grafik wurde immer wieder gefeilt.
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Das expandierende Universum

Und in der beendet man nicht mal eben so seine Existenz. Entgegen der verbreiteten Ansicht, eine Sandbox setze ein gewaltiges Zeitpensum voraus, ist genau das Gegenteil der Fall. Wer aus beruflichen oder privaten Gründen weniger Zeit zum Spielen hat, zieht sich ein wenig aus der Tagespolitik zurück, forscht, treibt Handel oder baut gemütlich Erze ab. An eine Kündigung des Abos denkt deswegen kaum ein Fan.

Und so kommt es, dass EVE Online als Sandbox – relativ gesehen – eben doch erfolgreicher ist als jedes Themepark-MMOG da draußen am übersättigten Markt. Über 400.000 aktive Accounts zählt CCP mittlerweile und Jahr für Jahr wächst die Spielergemeinde weiter und beschert dem isländischen Studio allein durch die Monatsgebühr für EVE Online ein Sümmchen, mit dem es sich ganz gut leben lässt - ganz ohne gierigen Publisher im Rücken.

EVE Online: Retribution - Der Vergeltungsschlag

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Was darf ich und was nicht? Mit Retribution will CCP das Regelwerk vereinfachen, das erfahrene Piloten oft ausnutzen, um arg- und wehrlose Neulinge aus dem All zu fegen.
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Alte Gesetze neu definiert

Doch auch und gerade ein Studio, das sich auf eine treue Fangemeinde verlässt, muss die virtuelle Welt besonders hegen und pflegen. Dazu gehört, dass hin und wieder gewisse Mechaniken und Gesetze neu definiert werden, damit der Spielfluss wieder in Gang kommt. Genau um derlei Dinge werde man sich ab dem 04. Dezember in Retribution kümmern, verspricht Ned ''CCP Manifest'' Coker, mit dem wir uns zusammengesetzt haben, um ein wenig über das sage und schreibe achtzehnte Update von EVE Online zu sprechen.

Retribution folgt damit als dritte Erweiterung den Forderungen der Spielerschaft, vertreten durch den Counsil of Stellar Management - jenes gewählte Gremium, das CCP seit einigen Jahren bei der Entwicklung gleichermaßen unter die Arme greift sowie auf die Finger klopft. Letzteres war erstmals nach Incarna nötig, das EVE Online zwar humanoide Avatare verpasste, jedoch in eine Richtung führte, die von den Bewohnern New Edens gemeinhin als unwichtig angesehen wird. Denn sie wollen letztlich nur das Eine.

Internet Spaceships

Die geliebten Raumschiffe sind nämlich, anders als auf Stationen wandelnde Gestalten, ''serious business'' und wesentliches Element im Weltraum-Sandkasten. Also, betont Ned Coker, werde CCP alles dafür tun, dass man dieses Kernsystem festige und ausbaue und dass man die interstellaren Kriege mit allen Möglichkeiten, die einem Entwicklerteam zur Verfügung stünden, neu entfache. Es gilt das Motto: ''Diesen Winter wird uns Gerechtigkeit widerfahren. Und wenn schon nicht nach ihren Gesetzen, dann nach unseren eigenen.''

Und darin steckt durchaus ein wenig Kritik am eigenen Spiel. Wenn es nämlich darum geht, virtuelle Straftäter und Aggressoren tatsächlich zur Rechenschaft zu ziehen, versagen die derzeit installierten Systeme von EVE Online. Dort kann man zwar ein Kopfgeld auf den Übeltäter aussetzen, die Chance, ihn für seine Handlungen tatsächlich zu bestrafen, ist allerdings gering, denn er kann sich jederzeit in Sicherheit bringen und wiegen.

Selbst gerichtet und daran verdient

Derzeit bringt ein hohes Kopfgeld nicht den gewünschten Nutzen. Im Gegenteil – Spieler brüsten sich mit den Summen, die auf sie ausgesetzt sind, oder stecken sie sich in die eigene Tasche, indem sie sich mit dem Zweit-Account ins Jenseits befördern und die Belohnung selbst einstreichen. Doch damit soll bald ein für alle Mal Schluss sein.

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"Internet Spaceships are Serious Business." Zwar mögen die Schiffe von New Eden virtuell sein – die Emotionen, die in den Kriegen aufkommen, sind hingegen echt.
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Retribution bedeutet Vergeltung und die Erweiterung trägt ihren Namen nicht umsonst. Das Kopfgeldsystem wird komplett überarbeitet: Kopfgelder können bald nicht mehr nur noch auf andere Spieler ausgesetzt werden, sondern auch auf ganze Corporationen und Allianzen. Und, was am wichtigsten ist, die Abschussrechte können zwischen Spielern gehandelt werden.

Unverhofft kommt oft

Der Aggressor wird fortan nicht wissen, wer wann zuschlägt, und kann sich folglich nicht auf den eigenen Verlust vorbereiten. Die Kopfgeldjagd ist damit eröffnet und wenn CCPs Plan aufgeht, das bestehende, eingeschränkte System durch ein offeneres zu ersetzen, wird möglicherweise bald ein neuer Beruf zu den unzähligen anderen in New Eden hinzukommen - der des interstellaren Kopfgeldjägers.

Dabei ist CCP ehrlich genug, das komplette System mit der gebotenen Vorsicht und unter Vorbehalt zu installieren, statt es schon jetzt in den Himmel zu loben. Immerhin handelt es sich hier um Mechaniken, in denen Spieler mit- und gegeneinander interagieren. Und wie die in der Praxis funktionierten, da beruft sich CCP Manifest auf die langjährigen Erfahrungen im Umgang mit dem Sandkasten, sei im Vorfeld kaum abzusehen.

Damit das Opfer nicht zum Täter gemacht wird

Damit die Kopfgeldjagd überhaupt gelingen kann und nicht am Eingreifen der computergesteuerten Sicherheitskräfte scheitert, muss CCP zusätzlich noch allerhand weitere Änderungen vornehmen. Vor allem die Mechaniken rund um die Folgen feindlicher Handlungen gegenüber anderen Spielern werden komplett neu angepasst. Und das ist auch gut so, denn dem bisherigen System fallen insbesondere verwirrte Einsteiger zum Opfer - also jene, die man eigentlich schützen möchte.

Ohne allzu sehr ins Detail zu gehen: der Aktionsradius der CONCORD als Exekutive von New Eden wird mit Retribution verkleinert, damit angegriffene Spieler mehr Möglichkeiten bekommen, sich zu wehren, ohne selbst Opfer der mächtigen Gesetzeshüter zu werden. Neue Warnsymbole sorgen für Klarheit in Bezug auf die Konsequenzen des eigenen Tuns und indirektes Eingreifen wie das energetische Unterstützen eines Aggressors wird fortan nicht mehr folgenlos bleiben.

Die Ära der Kriege

Wer selbst nicht kämpfen will oder kann, jedoch über genügend Finanzkraft verfügt, setzt das Kopfgeld optional auch gleich auf eine ganze Corporation aus und beobachtet mit Genugtuung, wie die galaktischen Kopfgeldjäger ihr Werk verrichten. Auf diese Art und Weise dürften die finanziellen Mittel für eine neue Ära der Kriege in New Eden gesichert sein.

Und genau das wollen sowohl die Entwickler als auch die Bewohner der virtuellen Galaxis, ob sie sich nun als Schürfer, Händler, Crafter oder Kampfpiloten betätigen. Denn in den virtuellen Kriegen entstehen neben einer ordentlichen Portion Spaß auch jene Form von spielergenerierten Konflikten, die dem Sandkasten Leben einhauchen und mehr Inhalte liefern, als Entwickler das je könnten.

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Die neue Bergbau-Fregatte eignet sich besonders für riskante Einsätze in gefährlichem Gebiet.
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Die Kriegstreiber von CCP

Zudem werden in Kriegen permanent Schiffe zerstört, und das hält den Server sauber und den Markt lebendig, wie der erklärte Kriegsbefürworter Dr. Eyjólfur Guðmundsson nicht müde wird zu betonen. Guðmundsson ist der wahrscheinlich einzige promovierte Wirtschaftswissenschaftler, der sich hauptberuflich damit beschäftigt, die Wirtschaftsabläufe in einer rein virtuellen Welt zu überwachen.

Das ist dringend erforderlich, denn selbst und gerade innovativste Ideen stellen sich in der Praxis bisweilen auch schon mal als untauglich, im schlimmsten Falle gar als zerstörerisch heraus. Kaum praxistauglich sind beispielsweise die Fraktionskriege in EVE, mit denen man einst vor allem Einsteigern die Möglichkeit geben wollte, ein wenig PvP zu betreiben.

Die Kleinsten im Fokus

Doch die Hemmschwelle sowie die negativen Konsequenzen machen die gesamte Mechanik insgesamt eher unattraktiv und so will man mit Retribution auch daran noch ein wenig schrauben - ebenso wie an manchen Schiffen, denn darauf legt die Fangemeinde schließlich allergrößten Wert.

Einige Schiffe werden optisch überarbeitet, andere auch in ihren Möglichkeiten. Man will sich damit um das altbekannte Problem kümmern, dass in der Praxis nur eine ganz begrenzte Anzahl von Schiffen zum Einsatz kommt, weil sie gewisse Vorteile gegenüber anderen Typen aufweisen. Besonders viel Zuwendung bekommen in dieser Hinsicht mit den Fregatten und Zerstörern diesmal die kleinsten Schiffsklassen.

Gesteigertes Gefahrenpotenzial

Auch das geht letztlich auf eine Forderung der von der Spielerschaft gewählten Vertreter im Counsil of Stellar Management zurück, die seit den Unruhen im letzten Jahr noch intensiver in die Entwicklung einbezogen werden. Neu ins Spiel kommt außerdem eine Bergbaufregatte in markantem Signalgelb, die sich insbesondere für Risikoeinsätze in gefährlichem Gebiet eignet.

Und die Risiken, die mit Retribution dort draußen warten, sollte man keinesfalls unterschätzen, denn nicht nur die Spieler bekommen mit der Erweiterung mehr Möglichkeiten an die Hand, sondern auch die computergesteuerten Gegner. CCP hat nämlich ein eigenes Team damit betraut, die künstliche Intelligenz der feindlichen Einheiten zu steigern.

''Ships destroyed, people killed, money earned!''

Wo einem als Kapselpilot derzeit blinde Aggression entgegenschlägt, soll mit Retribution so etwas wie strategische Vernunft ins Kampfgeschehen kommen. Die neue KI sucht sich automatisch den Gegner, dem sie den größten Schaden zufügt, und sieht sie ihre Aussicht auf Erfolg dadurch verbessert, wechselt sie mitten im Kampf auch gerne mal das Ziel.

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Auch wenn es vorerst auf Planetenoberflächen spielt - ganz ohne Raumschiffe kommt auch Dust 514 nicht aus und Kämpfe um Raumschiffe und Stationen schließt CCP für die weitere Planung nicht aus.
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Wie weit CCP diese neuen Ansätze verfolgt und welche Probleme im Kampf auf uns zukommen werden, ist derzeit kaum abzusehen. Die Erwartungen sind allerdings groß, denn nach beinahe zehn Jahren beherrscht man die Missionen längst im Schlaf und eine Änderung der KI dürfte bei vielen Spielern für ein böses Erwachen sorgen und die Preise für Raumschiffe ordentlich in die Höhe treiben. Und das kann für eine Sandbox wie EVE Online nur gut sein, in dem jede zerstörte Sandburg Raum und Motivation bietet, etwas Neues zu errichten.

Staub im Sand

Doch was ist eigentlich aus Dust 514 und dessen Integration in die Welt von EVE Online geworden? Daran, erklärt Ned Coker, arbeite man bei CCP parallel. Allerdings werde man zuerst sichergehen, dass der Shooter für die PlayStation 3 auch für sich wie geplant funktioniert, um ihn dann ganz vorsichtig im Sandkasten zu verankern, der keinesfalls unter den neuen Elementen leiden soll.

Und so ist es durchaus das richtige Signal von CCP, dass man sich bei Retribution nicht voreilig mit Dust 514 beschäftigt, sondern davon weitgehend unberührt EVE Online weiter ausbaut. Die Integration des Shooters wird dann mit der nächsten Erweiterung im Fokus stehen. Und die soll in etwa einem halben Jahr erscheinen und eine neue Ära einläuten - rechtzeitig zum zehnten Jubiläum der Sci-Fi-Sandbox. Die Geschichte, die von den Bewohnern New Edens geschrieben wird, geht also weiter.