Da hatten sich die Entwickler von EVE Online redlich bemüht, mit allerlei PR-Schnickschnack auf das kommende Spielupdate hinzuweisen und dann wird ihnen die Show gestohlen - ausgerechnet von der eigenen Spielerschaft, die in einer der größten Weltraumschlachten in der Geschichte der virtuellen Welten mal eben 330.000 Dollar in Sternenstaub verwandelt. Verrückt? Klar. Dumm? Ganz und gar nicht.

Es sind genau solche Nachrichten, die EVE Online regelmäßig in die Schlagzeilen selbst genreferner Medien bringen. Auch wenn sich die Zahlen ebenso voneinander unterscheiden wie die Fakten, mit denen die Autoren ihre Ahnungslosigkeit in der Sache zu überdecken versuchen - die Reaktion der Leserschaft auf solche Meldungen ist doch immer die gleiche: “Wie verrückt und reich muss ein Computerspieler sein, erst derart viel Geld in ein Spiel zu stecken und es dann auch noch zu verlieren?”

Die Schönheit des Krieges

Doch bevor wir über die Ahnungslosen urteilen, ein paar Fakten aus den Logbüchern von CCP: Während einer riesigen Schlacht um das System B-R5RB wurden 7.548 Raumpiloten aus 717 Corporations in registrierte Abschüsse verwickelt - davon 6.058 im System selber, der Rest in kleineren Scharmützeln auf dem Weg zur Schlacht oder auf der Flucht davor.

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Die Kämpfe dauerten insgesamt 21 Stunden an und sorgten für eben jene Verluste an ISK, die sich, in die Kosten für Pilotenlizenzen umgerechnet, auf rund 330.000 Dollar beziffern, was vor allem daran liegt, dass sage und schreibe 75 Titanen zerplatzt sind - jeder davon stellt für Piloten und Corporation ein kleines Lebenswerk an Aufwand dar.

Man muss auch mal Prioritäten setzen

Und während es für Außenstehende absolut zweitrangig ist, wer da gegen wen gekämpft hat und warum überhaupt, kommt immer wieder die Frage auf, warum sich Spieler das antun. Warum lassen sie sich mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln? Warum rufen sie ihren Chef an und bitten spontan um einen freien Tag, wenn sie doch ahnen, dass ihnen ihre geliebten und vor allem wertvollen Schiffe um die Ohren fliegen werden?

Wiped! - Die MMO-Woche - Blutbad im All: EVE Online im Ausnahmezustand

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In der Schlacht von B-R5RB zeigt sich der Krieg von seiner schönsten Seite.
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Die Antwort auf diese Frage wird wahrscheinlich nur kennen, wer schon die Gelegenheit hatte, tief in Sandkästen wie EVE Online zu buddeln: Weil man Teil von etwas ist, das in diesem Moment so viel wichtiger ist als das eigene Interesse und weil da draußen Kameraden in einer Kriegssituation stecken, in der man sie nicht im Stich lassen kann. Es geht nicht mehr um das Wohl des Einzelnen, nicht um den virtuellen Besitz eines Spielers, der auf einem gekauften 20-Euro-Gaul durch die Gegend hoppelt. Es geht um die Existenz der Allianz, deren Schicksal vom Ausgang dieser Schlacht bestimmt wird.

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So war das - damals, im Krieg

Für klassische Medien sind es natürlich die Verluste in Dollar gerechnet, die nach einer solchen Schlacht zählen. Für die Piloten in ihren Schiffen hingegen ist ein Sieg nicht in Gold aufzuwiegen und die Teilnahme an solch einer epischen Schlacht allein schon etwas, von dem man noch seinen Enkelkindern erzählen wird - zumindest aber jenen Fans von Themepark-MMOGs, die glauben, sie wüssten, wie sich PvP anfühlt, nur weil sie sich für die Arena angemeldet haben.

Die Schlacht um B-R5RB wird ihren Tribut zollen. Allianzen und Corporations werden an Macht verlieren, andere werden an Einfluss gewinnen. CCP errichtet ein Denkmal. Doch vor allem die Zerstörung von 75 Titanen wird am dynamischen Markt nicht ohne Folgen bleiben und auch Spieler, die nichts mit der Schlacht zu tun hatten, werden das zu spüren bekommen - jeder einzelne, bis hin zum kleinen Erzschürfer.

Der Kriegstreiber von Reykjavík

Im Hauptquartier von CCP reibt sich derweil mindestens einer die Hände: Dr. Eyjólfur Guðmundsson, der als Chefökonom der virtuellen Welt stets ein diabolisches Strahlen in den Augen hat, wenn er von Krieg und Zerstörung spricht. Denn für ihn steht fest: Nur wenn in einer virtuellen Welt auch regelmäßig etwas kaputt geht, muss Neues erschaffen werden und dann ist das System gesund. New Eden ist gerade wieder eine ganze Ecke gesünder geworden - unzählige andere MMOGs werden von Sekunde zu Sekunde mit jedem Drop kranker.

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“So, da bin ich. Habt ihr noch ein paar Gegner übrig gelassen?”
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In einem Themepark-MMOG gibt es keinen echten Krieg, abseits vom aufgezwungenen und meist anonymen Fraktionsgekappel. Hier geht nichts kaputt und was man besitzt, wird man auch nicht mehr verlieren. Es wird einen auch niemand aus dem Bett klingeln, weil der Gilde eine existenzielle Gefahr droht. Das ist schön zu wissen und garantiert eine geruhsame Nacht.

Wer jedoch an jenem Tag im System B-R5RB im Blut gebadet hat, der wird über die Themepark-Kollegen lächeln - müde vielleicht, aber in dem Bewusstsein, dass er wieder mal von etwas mitgerissen wurde, das emotional stärker wirkt, als das der beste Kinofilm oder der Sieg bei der Fußball-WM je könnte. Dass die verlorenen Schiffe umgerechnet locker ein paar Tausend Euro wert gewesen sein sollen - wen kümmert es schon - außer die Ahnungslosen?

Elite: Dangerous - Plötzlich geht alles ganz schnell

Ahnungslos sind die Unterstützer von David Brabens erstem Crowdfunding-Projekt Elite: Dangerous sicher nicht. Das wird nicht zuletzt daran liegen, dass die Weltraum-Sandbox aus England nicht ganz unbedeutende Unterstützung aus dem Lager der EVE-Spieler erhält, von denen einige hin und wieder gerne mal zum Joystick greifen und ihr Schiff nicht nur via Point-&-Click-Steuerung lenken würden.

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Wie sich das ungefähr spielen wird, durfte ein kleiner Teil der Unterstützer schon vor einer Weile ausprobieren. Und weil die Resonanz so überaus positiv war, läutet Braben schon bald die nächste Phase der Tests ein. Ab der kommenden Woche startet Elite: Dangerous in die Multiplayer-Alphatests. Danach sollen noch zwei weitere Alpha-Phasen folgen, in denen es ums interstellare Reisen und den Handel geht, bis das Spiel schließlich in die erste Beta eintaucht. Braben, da sind sich die Fans einig, arbeitet derzeit mit Warpgeschwindigkeit.

EverQuest Next Landmark - Geld-Zurück-Garantie

Doch nicht nur Brabens Team, sondern auch die Jungs von Sony Online Entertainment können in diesen Tagen mit einem straffen Terminplan aufwarten. EverQuest Next Landmark, das Baukastensystem zum gleichnamigen MMOG, wird bereits in der kommenden Woche einem Alpha-Test unterzogen. Und wer daran teilnehmen möchte, muss - wie sollte es auch anders sein - ein Gründerpaket erwerben und zusätzlich die äußerst strenge Verschwiegenheitserklärung abgeben.

Und um den Protestlern innerhalb der kritischen Community gleich vorweg den Wind ein wenig aus den Segeln zu nehmen, macht Firmenchef John Smedley zumindest in einer Hinsicht ein kleines Zugeständnis: Wer nicht hundertprozentig zufrieden mit der Alpha ist, der bekommt seinen Einsatz zurückerstattet. Darüber, dass eine NDA bei der Entwicklung von Onlinespielen generell eine dumme Idee und kontraproduktiv ist, möchte Smedley allerdings nicht diskutieren.

The Elder Scrolls Online - Ärger mit den Imperialen

Damit geht Smedley immerhin schon mal einen ganzen Schritt weiter als die Konkurrenz von ZeniMax. Die werden ihre Imperiale Edition zu The Elder Scrolls Online bei Unzufriedenheit kaum wieder zurücknehmen wollen. Wobei die Unzufriedenheit schon vor der Auslieferung groß ist, denn wie aktuell bekannt wurde, erhalten die Käufer der Edition Zugang zu den Imperialen in jeder Allianz - und zwar exklusiv.

Das drücke ESO, so die Kritik der aufgebrachten Community, von Anfang an den Stempel eines Mikrotransaktions-Titels auf, bei dem Spielern, je nach finanzieller Schmerzgrenze, der Zugang zu bestimmten Inhalten, und seien sie auch nur kosmetischer Natur, verweigert wird. Dieser Ansicht sind interessanterweise weniger jene Spieler, die sich die Sammleredition nicht leisten können oder wollen, sondern vor allem die eingefleischten Elder-Scrolls-Fans, die das Paket eigentlich bedingungslos gekauft hatten.

The Elder Scrolls Online - 8 Minuten Bombast - Arrival Trailer25 weitere Videos

Da nützt es den Jungs von ZeniMax auch nichts mehr, dass aktuell der zweite Teil des riesigen CGI-Trailers veröffentlicht wurde, in dem die schlagkräftigen Vertreter der drei Fraktionen plötzlich in ihrem Kampf überrascht werden und einem Feind gegenüberstehen, dem sie überraschend wenig entgegenzusetzen haben.

Ellingsens Leid, Garriotts und McQuaids Freud

Ganz anderen Ärger hatte man in der vergangenen Woche bei Funcom, wo die Ermittlungsbehörden kurzzeit die Büros gestürmt und die Mitarbeiter nach Hause geschickt hatten. Firmensprecher Erling Ellingsen versicherte derweil jedoch, dass man wieder wie gewohnt an der Arbeit säße und die Angelegenheit, in der es um Unregelmäßigkeiten bei den Finanzberichten gehen soll, bald geklärt haben werde.

Derlei Probleme haben weder Richard Garriott noch Brad McQuaid, die beide mit ihren Unternehmen auf genügend Unterstützung durch die Fans zählen und die sich schwierige Geschäftsberichte schenken können. Und noch etwas schenken sich die beiden Altmeister der Branche - nämlich das gegenseitige Vertrauen, in dem sie eine Partnerschaft zwischen Pantheon und Shroud of the Avatar begründen, bei denen Unterstützer beider Projekte einen Mantel des Dankes erhalten - und zwar in beiden Spielen.

ArenaNets Erben, Camelots Retter und die abgesicherte Endzeit

Mindestens so gut wie Garriott und McQuaid verstehen sich auch Patrick Wyatt und Jeff Strain, die einst gemeinsam ArenaNet gegründet und Guild Wars entwickelt hatten. Und weil Jeff Strain nach dem rasanten Erfolg seines Zombie-Spiel State of Decay endlich das nötige Kleingeld für das ursprünglich geplante MMOG mit gleicher Thematik beisammen hat, schließt sich Patrick Wyatt seinem alten Kollegen wieder an - zur Freude der Fans.

Freuen dürfen sich aktuell auch die Fans von Camelot Unchained, das einen ersten 24-Stunden-Stresstest mit 407 handverlesenen Testern überstanden hat - und zwar ohne einen Absturz. Und da wir gerade bei den guten Nachrichten sind: Das in der vergangenen Woche vorgestellte Sandbox-MMOG The Repopulation Online hat seine zweite Kickstarter-Kampagne, in der man sich 50.000 zusätzliche Dollar erhoffte, erfolgreich hinter sich gebracht - und zwar mit einem satten Endzählerstand von 176.525 Dollar. Glückwunsch von uns an dieser Stelle!

Kingdom Come: Deliverance - Shut up and take my money!

Einen solchen haben natürlich auch die Jungs von den Warhorse Studios verdient, die in der letzten Woche ihr Kingdom Come: Deliverance auf Kickstarter vorgestellt hatten und mit ihren bescheidenen Erwartungen von 300.000 Pfund Sterling gewaltig daneben lagen. Beinahe das Doppelte hat man schon jetzt eingespielt und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Warum das ehrgeizige Projekt, aus dem übrigens vorerst kein MMOG werden wird, trotzdem so interessant ist, dass wir es erneut zum Schlusswort dieser Kolumne machen? Schaut doch selbst:

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