Für CCP steht fest: "Es gibt Millionen von Halo- und Call-of-Duty-Spieler da draußen, die auf ihre Befreiung warten - aus einem Gefängnis, von dem sie nicht einmal etwas ahnen". Die Befreier sehen sich als Mitglieder des "Vicious Cycle" und als Werkzeug dient ihnen der Konsolen-Shooter Dust 514. Wir sind dem Kreis des Bösen beigetreten und verraten euch, was es mit dieser seltsamen Aktion auf sich hat.

David Reid ist ein Mann der großen Worte. Bevor er vor gut einem Jahr von CCP angeheuert wurde, blies der Marketing-Experte noch für Trion Worlds ins Horn und brachte das bis dahin unbekannte MMOG Rift über Nacht in die Schlagzeilen - mit dem ebenso dreisten wie wirkungsvollen Slogan "Wir sind nicht mehr in Azeroth".

Staubige Planeten, behäbige Kämpfe?

Mittlerweile jedoch ist Reid nicht mehr in Telara, sondern heckt für Islands einzigen MMOG-Publisher CCP neue Marketing-Strategien aus, denn so etwas hat den Wikingern gerade noch gefehlt. Ihr Weltraum-MMOG EVE Online kam bislang ohne großes Marketing nach vorn, ist allein durch Mundpropaganda über die Jahre hinweg gewachsen - auf mittlerweile über 500.000 zahlende Abonnenten.

Doch ein Shooter ist kein nischenfähiger Weltraumsandkasten, in dem sich die Nerds gegenseitig infizieren - schon gar nicht auf der Konsole. Die Spieler sind verwöhnt, kommunizieren vergleichsweise wenig und lieben ihr Halo oder das neueste Call of Duty. Warum also sollten sie einen Sci-Fi-Shooter wie Dust 514 spielen, der auf den ersten Blick nicht viel mehr bietet als Männer in schweren Kampfanzügen, staubige Planeten und vergleichsweise behäbige Kämpfe?

Dust 514 - Angriff der Klonkrieger

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Die ersten Befreiten

Propagandameister David Reid will uns glauben machen, dass ausgerechnet Dust 514 für Freiheit stünde, dass Call of Duty und Halo für die unwissenden Spieler da draußen nichts weiter sind als unterhaltsame Gefängnisse. Ziemlich vermessen, finden all jene, die sich Dust 514 nur mal kurz angeschaut haben und dann wieder zu ihren alten Titeln zurückgekehrt sind.

Und doch gelingt den Dust-Jüngern ab und zu eine Befreiung. Die Corporation, das ist in der Welt von EVE Online das, was andernorts Gilde oder Clan genannt wird, wächst Tag für Tag schneller und die meisten Rekruten haben tatsächlich ihren herkömmlichen Shooter nicht mehr angerührt, seit sie Dust 514 für sich entdeckt haben.

Packshot zu Dust 514Dust 514Erschienen für PC und PS3

Battlefield of EVE

Misst man Dust 514 allein an seiner Spielmechanik, ist es nicht sonderlich außergewöhnlich. Je nach gewähltem Spielmodus stehen sich irgendwo auf der Oberfläche eines fremden Planeten zwei Teams gegenüber, die entweder um Flaggenpunkte kämpfen oder so lange alle Gegner erledigen, bis ihnen die Klone ausgehen.

Diese Technologie gehört nämlich zum Universum von New Eden, wo man herausgefunden hat, wie sich das Bewusstsein eines Menschen auf einen anderen Körper übertragen lässt - selbst im Augenblick des Todes. Das macht die Piloten von EVE Online ebenso unsterblich wie die Kämpfer von Dust 514, bei denen Tod und Wiedergeburt zum Tagesgeschäft geworden sind.

Dust 514 - Angriff der Klonkrieger

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Es steht einiges auf dem Spiel - Dust ist kein lockerer Shooter wie Call of Duty und Co.
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Alles hat seinen Preis

Anders als das virtuelle Leben lässt sich die Ausrüstung allerdings nicht so einfach ersetzen. Die besteht aus einem Kampfanzug der jeweils gewünschten Klasse - Assault, Scout, Heavy oder Logistics - sowie einer geeigneten Bewaffnung. Und wenngleich die Rollenverteilung stark an die Konkurrenz erinnert, gibt es doch einen entscheidenden Unterschied.

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Ähnlich wie in EVE Online dient der Anzug als eine Art Karosserie. Je nach Vorliebe lässt er sich nahezu beliebig ausstatten. Ein Sniper mit schwerer Rüstung und Möglichkeiten der Wiederbelebung? In Dust 514 kein Problem. Die Möglichkeit, sich vor dem Match unterschiedliche Setups zu konfigurieren und während der Schlacht auf das passende Set zurückgreifen zu können, ist wesentlicher Bestandteil der Einsatzplanung.

Don’t fly something you can’t afford to lose!

Neben der eigenen Ausrüstung gibt es natürlich auch die obligatorischen Fahr- und Fluggeräte. Die lassen sich ebenso ausstatten wie die Anzüge und sind insbesondere für bedeutsamere Schlachten von unermesslichem Wert - in zweifacher Hinsicht: Jedes Bestandteil der Ausrüstung, jede Waffe und jedes Vehikel hat seinen Preis.

Stirbt ein Klon, geht alles verloren, was er am Leibe trägt - wird ein teurer Panzer zerstört, so ist er eben weg. In Dust 514 sollte ein Klonkämpfer also ganz genau überlegen, welche Ausrüstung er mit in die Schlacht nimmt. Wie im Weltraum von New Eden gilt auch auf den Planetenoberflächen: Wirf nichts in die Schlacht, was du nicht zu verlieren bereit bist.

Emotionen und Adrenalin inklusive

Und so hört man die Kollegen über die integrierten Kommunikationskanäle regelmäßig lautstark schimpfen und fluchen. Manch einer sieht nach einigen Toden seine Vorräte und damit seinen Kontostand schrumpfen, verdammt dabei das Spiel und verspricht, nach diesem Match nie wieder zu spielen - nur um kurz darauf in den nächsten Krieg zu ziehen.

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Denn genau das ist eine der Besonderheiten, mit denen sich Dust von den meisten anderen Shootern abhebt. Jeder Sieg hat seinen Preis, jeder Tod schlägt sich unweigerlich auf dem Konto nieder und wenn ich den waffenstarrenden Panzer eines Gegners zum Platzen bringe, weiß ich, dass dessen Eigentümer im selben Augenblick in seine Maus beißt und hinterher ein paar Runden in seiner Billigkluft antreten muss, um die Kosten für einen neuen einzuspielen.

Nichts für Einzelgänger

Nicht nur in diesem Fall lohnt sich dann der Beitritt in einer der Spieler-Corporations. Die helfen Einsteigern oft über das Gröbste hinweg und heben Dust 514 auf eine Ebene, die sich Solisten niemals erschließen wird. Ein ordentliches Headset ist dafür allerdings unerlässlich, denn kommuniziert wird via integriertem Voice-Chat.

Man spricht mit dem eigenen Team, um die nötige Taktik um Einsatz zu planen. Man spricht in der Corporation, um die weitere Vorgehensweise zu diskutieren und in der Allianz, um sich in Diplomatie zu üben. Man spricht sogar systemübergreifend mit den Piloten von EVE Online, weil die von den Söldnern abhängig sind - und bisweilen unermesslich reich.

Wir sind Helden

Derzeit beschränkt sich die Beteiligung der Dust-Söldner am Geschehen in New Eden noch auf die Fraktionskriege. Doch selbst die bieten schon das, was ein herkömmlicher Shooter eben nicht bietet - ein Gefühl von Metagame, jenem übergeodneten Geschehen, das für Emotion und Motivation sorgt, das dem eigenen Tun eine Bedeutung verleiht. Und dahinter steckt weit mehr als nur die Möglichkeit, einen Piloten für einen eindrucksvollen Orbitalschlag auf die Planetenoberfläche zu verpflichten.

Während ich diese Zeilen schreibe, haben die Spieler von Dust 514 das galaktische Machtverhältnis zugunsten des Amarr-Imperiums verschoben und eine berüchtigte EVE-Corporation aufseiten der Minmatar empfindlich getroffen. Ein Sonnensystem fiel in die Hände des Imperiums und die Söldner von Dust, die am Boden für den kleinen, aber wichtigen Vorteil im Kriegsgeschehen sorgten, werden in den Foren als Helden gefeiert.

I have a dream!

Helden, die es geschafft haben, weit über die Grenzen ihres Spiels hinaus Bekanntheit zu erlangen - ein Traum, der in kaum einem modernen Online-Spiel in Erfüllung gehen könnte. Der gleiche Traum übrigens, der EVE Online über die Jahre hinweg so erfolgreich hat werden lassen - obwohl es, ähnlich wie Dust 514, auf den ersten Blick kaum überzeugen konnte und entsprechend schlecht bei der Fachpresse ankam.

Dust 514 - Angriff der Klonkrieger

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Wer in so eine Explosion gerät, kann sich sicher sein, sämtliche Ausrüstung zu verlieren. Und von vorne...
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Dass die genialsten Verknüpfungen zwischen EVE und Dust noch gar nicht implementiert sind, ist im positiven Sinne symptomatisch für CCP. Denn genau diese Mischung aus langfristiger Planung und vorsichtiger Umsetzung ist es, was den Erfolg von EVE Online begründet und dessen Spieler, die sich immerhin als Investoren von Dust 514 sehen, würden einen Schnellschuss im EVE-Universum nicht verzeihen.

Die Zukunft im Blick

Bei Dust 514 folgt CCP derzeit einem langfristigen Plan, der sich über die nächsten fünf Jahre erstreckt und der die beiden Titel ganz langsam und vorsichtig miteinander verzahnt. Die Stabilität der Sandbox, so das oberste Gebot, darf dabei zu keiner Zeit gefährdet werden. Überwacht wird das mittlerweile von zwei gewählten Spielervertretungen - dem Counsil of Stellar Management von EVE Online und dem neuen Counsil of Planetary Management von Dust 514.

Und während man geduldig wartet, wird schon kräftig über die künftigen Möglichkeiten spekuliert, die aus der Vereinigung erwachsen. Spieler beider Systeme könnten sich auf Raumstationen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und gefährliche Güter austauschen, die auf dem Markt verboten sind. Die Söldner von Dust 514 könnten Stationen verteidigen oder feindliche Schiffe kapern. Auch die naheliegende Option vom Kampf in der Schwerelosigkeit wurde auf dem Fanfest diskutiert.

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Zeit ist Geld

Auf die Frage, warum sie ihre Zeit lieber in Dust 514 verbringen als im neuesten Call of Duty oder Battlefield, erhalte ich von den Shooter-Profis in meiner Corporation eine klare Antwort: Die Jungs sind es leid, jedes Jahr ein komplett neues Spiel zu kaufen und wieder von vorne zu beginnen. Sie investieren ihre Zeit in Dust, weil sie davon überzeugt sind, dass sie auch in fünf Jahren noch etwas davon haben werden, weil es zur Philosophie des Studios gehört, das Spiel stetig auszubauen, statt es alsbald durch ein neues zu ersetzen.

Das Geschäftsmodell kommt ihnen dabei sehr entgegen. Dust 514 ist eines der wenigen Online-Spiele, die auf der Playstation 3 komplett kostenlos zu spielen sind. Eventuelle Söldnerpakete sind optional, verbessern vor allem die Skill-Ausbeute im Einsatz. Die für echtes Geld angebotene Ausrüstung ist nicht stärker als die im Spiel zu erwerbende - sie ist lediglich etwas skill-freundlicher. Doch auch sie verschwindet mit dem virtuellen Ableben, und das ist auch gut so.

Alles graue Theorie

Denn wie in EVE Online setzt CCP auch bei Dust 514 auf ein Skill-System ohne Beschränkungen. Jeder kann alles erlernen - jedoch werden die Skills nach oben hin teurer und man darf davon ausgehen, dass CCP die Ideen für neue Systeme und die dazugehörigen Skills nicht so schnell ausgehen werden. In EVE Online haben die Piloten auch nach zehn Jahren noch nicht ausgelernt. Wer in Dust 514 kostenlos spielt, sollte sich auf jeden Fall vorerst spezialisieren.

Dabei lohnt es sich einmal mehr, mit den Experten in der eigenen Corporation zu sprechen, denn noch schraubt CCP gewaltig am Balancing und manche Setups ergeben einfach mehr Sinn als andere. Wer Freude an Theorycraft, also an der genauen Analyse von Ausrüstungs- und Spielmechaniken hat, wird sich in Dust 514 austoben können. Wer das nicht magt, fragt einfach nach.

Die Enzyklopädie wächst

Seit dem Uprising-Update hat Dust 514 durchaus auch optisch etwas zu bieten - zumal die meisten Maps, an denen CCP arbeitet, noch gar nicht im Spiel sind. Das ist auch kein Wunder, denn in jedem Dust-Einsatz sollen die Söldner tatsächlich auf der Planetenoberfläche aus der Nähe sehen, was die Piloten vom Orbit aus erahnen können. Angesichts der 7.000 Vulkan-, Wüsten-, Wasser- oder Eiswelten in New Eden eine Mammutaufgabe, die sich nicht von heute auf morgen bewältigen lässt.

Dust 514 - Angriff der Klonkrieger

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Auch davon profitiert das gesamte EVE-Universum, denn mit jeder Planetenoberfläche, die es ins Spiel schafft, wird New Eden samt seiner Geschichte auf kurz oder lang erweitert. Das kann eventuelle Besonderheiten bei der planetaren Architektur betreffen, Angaben zur jeweils auf die Söldner wirkenden Gravitation, ortstypische Wetterphänomene oder die eventuell anzutreffende Flora und vielleicht sogar Fauna.

Aufs falsche Pferd gesetzt?

Wobei man durchaus kritisieren darf, dass sich CCP gegen den Willen der eigenen Fans für Sonys Konsole entschieden hat. Allen Behauptungen der Konsolen-Lobby zum Trotz sind die Zahlen in Bezug auf Online-Spiele nämlich längst nicht so rosig, wie man das gerne hätte. In den zentraleuropäischen Abendstunden zählt Dust 514 meist zwischen 5.000 und 8.000 Spieler.

Angesichts der 50.000 Spieler, die zur selben Zeit im kostenpflichtigen Randgruppenspiel EVE Online eingeloggt sind, ist das erschreckend wenig, und selbst unbekanntere Online-Shooter minderer Qualität bringen es auf dem PC oft schon in der Beta auf das Zehnfache von dem, was Dust 514 derzeit aufbieten kann. Ob das Spiel damit finanziell auf eigenen Beinen stehen kann, ist höchst fraglich. Doch ich will hier nicht die Spielerzahlen bewerten, sondern das Spiel.