Turbine läuft Gefahr, den Bogen zu überspannen. Gegen gewaltige kostenlose Updates ist nichts einzuwenden, und gegen neue, besonders schwere Instanzen erst recht nicht. Aber wenn das ganze Brimborium nur geschaffen wird, um dem Spieler ungeniert das Geld aus den Taschen zu ziehen, hört der Spaß auf.

Ja, ist klar, MMOs befinden sich auf dem absteigenden Ast. Sie zu finanzieren ist nicht mehr so leicht wie noch vor ein paar Jahren. Aber es wäre sicherlich leichter, wenn Turbine nicht anfinge, die treuesten Mittelerde-Fans am Geldbeutel festzunageln. Schon bei Update 15 waren erste Pay-to-Win und „Pay-to-keep-up“-Ambitionen erkennbar, die keineswegs auf erfreute Gemüter stießen. Mit dem neuen Inspirations-System für legendäre Waffen schießt Turbine allerdings den Vogel ab. Sind die Entwickler schon derart verzweifelt, dass sie selbst Abonnenten zwangsweise das Geld aus den Taschen leiern müssen? Und das so kurz vor dem großen Finale?

Eine kurze Wanderung

Die Gefährten der Gefährten sind inzwischen bei den Ruinen Osgiliaths angelangt, jenem einst ansehnlichern aber inzwischen zertrümmerten Ort, der als letztes Bollwerk vor den Toren Mordors fungiert. Die prunkvolle königliche Stadt Minas Tirith ist kaum einen Steinwurf entfernt und doch unerreichbar, weil Orks und Trolle unter den Wolkenschatten Mordors die Ruinen belagern. Es naht jene letzte große Schacht zwischen den freien Völkern und Saurons gigantischer Armee, die alles entscheiden wird. Noch ahnen Saurons Schergen nicht, dass der rechtmäßige Thronerbe Aragorn vom Süden aus auf dem Fluss Anduin anrückt, mit einem Heer voller Eidbrecher-Geister im Gepäck.

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Es geht auf das Finale zu - in kleinen, wichtigen und mitunter teuren Schritten.
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Klingt alles höchst bedeutungsschwanger, unterscheidet sich faktisch aber kaum von den Umständen des letzten großen Updates, das uns durch Pelargir und an die Grenzen Ithiliens führte. Genau genommen werden nur wenig Kilometer überbrückt, die genauso dunkel und gespenstisch wirken wie alle anderen Gegenden der letzten großen Erweiterungen. Hier und da verdeutlichen verwaiste oder heruntergekommene Ortschaften große Verzweiflung und Unsicherheit unter der Bevölkerung. Im Osten nichts Neues, wenn es um das allgemeine Setup geht. Darum nutzt Turbine die Gunst der Stunde und konzentriert sich auf inhaltliche Neuerungen, von denen einige auf der Wunschliste der Fans standen. Darunter drei neue Instanzen: der Sternendom für Sechser-Gruppen, sowie die zerstörte Stadt und das Labyrinth – jeweils für Trios.

Unglücklicherweise wirken diese Instanzen aber mangelhaft ausbalanciert. Im Tier-1-Schwierigkeitsgrad spaziert man durch die Gemäuer, als wäre man in den berühmten Zaubertrank aus Asterix gefallen, während Tier-2 für Normalsterbliche geradezu unbezwingbar erscheint. Selbst knallharte Profis verzweifeln hier. Wenn nicht am Mob, dann an den den unglaublich gut gepanzerten Bossen, deren Trefferpunkte zwischen einer und zweieinhalb Millionen Zählern rangieren. Flüstert einer von ihnen einen Debuff bzw. einen Fluch, so gehen gut und gerne drei viertel der eigenen Moralpunkte flöten. Heiler haben alle Hände voll zu tun und müssen zugleich bis zum Backenzahn aufgemotzt sein, um nicht wie ein Grashalm im Wind umzuknicken. Flinke Kundis und Schurken werden obendrein dringender benötigt als je zuvor.

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HDRO ist immer noch schön und hochwertig.
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Eigentlich eine gute, weil erwünschte Ausgangssituation. Schwere Instanzen wurden im vergangenen Jahr lauthals verlangt. Nur hat auf der Spielerseite wohl niemand mit solch einer Tortur gerechnet, die nicht einmal anständig belohnt wird. Da kloppt man eine gefühlte Dreiviertelstunde auf einen Boss ein und erhält dafür lächerliche grüne Items auf dem Standardwert für Level 100. Selbst in Dol Amroth gab es attraktiveres Zeug bei weit weniger Aufwand in der Beschaffung. Legitimiert werden solche Über-Monster – zumindest in Turbines Augen – durch die Möglichkeit, legendäre Waffen per „Inspiration“ in über 200 Steigerungsstufen aufzuwerten, auf dass sie zu wahren Kloppern mutieren.

Wie üblich ein prall gefülltes Paket, doch so langsam reicht es mit den unübersichtlichen Upgrade-Features, die einem das Geld aus den Taschen ziehen.Fazit lesen

Zum Finale nochmal schröpfen

Wie eingangs erwähnt ist das aber keine billige Angelegenheit, denn wer das Potenzial seiner Waffen nicht verschwenden will, hat nur zwei Optionen. Entweder sehr lange und umständlich Splitter und Waffen-EP sammeln, um sämtliche Standard-Attribute der Schwerter, Bücher, Bogen und Dolche inklusive ihrer eingesetzten Relikte auf Level neun zu hieven, was den kombinierten Geduldsfaden von Ghandi und Yoda voraussetzt. Möglichkeit Nummero zwei wäre dann das beliebige Aufwerten der Waffen durch nachträgliche verabreichte Schriftrollen, die im externen Shop erhältlich sind und ein Vermögen kosten. Selbst Abonnenten zahlen hier ordentlich drauf, was eine Frechheit ohnegleichen darstellt. Eigentlich keine neue Sache. Diese Regelung besteht schon länger. Nur zeigt sie erst jetzt ihre wahres Gesicht, denn Waffen, die ein Mal inspiriert wurden, lassen sich auf normalem Wege nicht mehr modifizieren.

Wer fleißig komplette Buchquest-Reihen komplettiert, wird zwar mit Upgrade-Gelegenheiten angefixt, auf Dauer hilft aber nur der Griff zur Geldbörse, die sich schon bei einem einzelnen Charakter in Zwiebelleder verwandelt. Der schmale Grat zwischen Play-to-Win und Pay-to-Win wird hier sehr unscharf gezeichnet und fordert selbst die geduldigsten Krieger Mittelerdes heraus. Obendrein ist das Waffensystem inzwischen zu einen unübersichtlichen Konstrukt herangewachsen, das mit der nun eingeführten dritten Zersplitterung unnötig kompliziert und aufgeblasen wirkt. Dabei wären Vertiefungen an anderer Stelle viel nötiger. Wie lange schon wurden Verbesserungen beim Housing in Aussicht gestellt? Was ist mit den unzähligen Mini-Bugs, die das Programm nach wie vor plagen?

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Die Entwicklung der Pay-to-Win-Lage ist bedauerlich und gerade für Abonnenten ein herber Schlag.
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Eine bedauerliche Entwicklung, wenn man den Rest des sechzehnten Updates betrachtet. Wie üblich platzt es aus allen Nähten, sei es bei der Kulisse, die immer wieder detailreiche Einzelheiten aus der Buchvorlage nachstellt und selbst flüchtig beschriebene Ortschaften fantasievoll ausmalt, oder auf der Meta-Ebene in Form von Spielregeln. Beispielsweise die Zusammenfassung von einzelnen Oberwelt-Gegnern zu Trupps, die gemeinsam angreifen und nicht mehr einfach nebenbei umgeholzt werden, so wie es noch in Ost-Rohan der Fall war. Auch dies ist keine Neuerung von Update 16, zeigt aber auf lange Sicht gesehen positive Auswirkung auf Spieldauer und Motivation bei Oberwelt-Streifzügen.

Hoffentlich wird das neue PVP-Gebiet, das schon bald folgen soll, den Erwartungen gerecht. Eine neue 12er Instanz ist ebenfalls in der Mache. Abwarten!