Fünf Jahre Herr Der Ringe Online (HdRO) sind gleichzusetzen mit fünf Jahren inmitten eines greifbar gewordenen Mikrouniversums. Ein Mangel an fantasievollen Rollenspielwelten herrscht nun wirklich nicht und komplex sind sie wohl alle. Aber keine trägt die Last der Authentizität mit so viel Würde wie Turbines Mittelerde-Simulator. Ein Rückblick im Zwiegespräch von Denis Brown und Ralf Dittmann.

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Denis: Ich bin an allem schuld. Vor nicht ganz fünf Jahren kam mir die glorreiche Idee, meinem Vater – damals ein Gelegenheitsspieler mit Konsolenerfahrung – Herr der Ringe Online zum Geburtstag zu schenken. Lag ja auch nahe. Die Familienbande hatte in den Gelegenheiten zuvor so ziemlich jede Tolkin'sche Quelle für Festtagspäckchen ausgeschlachtet, und so blieb nicht mehr viel Auswahl.

Sekundärliteratur, sämtliche Originale in Englisch, chronologisch sortierter Mittelerde-Atlas und mehr stand bereits in seinem Bücherschrank. Ach, was red' ich da. Er kannte sie schon auswendig. Nein, ich übertreibe nicht.

Die Frage war nur, ob er sich auf so etwas Komplexes wie ein Massenrollenspiel einlassen würde. Wäre mein Vater, die wandelnde Mittelerde-Enzyklopädie aus dem Analogzeitalter, enttäuscht, wenn es nicht seiner Vorstellung der Tolkin'schen Landschaft entspräche? Schließlich hatte er schon mit Peter Jacksons Filmen so seine Probleme. Würde ihn der komplexe Spielablauf überfordern, so wie die Software seinen altersschwachen PC niederknüppelte, bis selbst der Grafikchip stotternd um Gnade flehte?

Soll heißen: Ralf musste Mittelerde in arg heruntergeschraubter Grafikqualität betreten und sich selbstständig durch ein komplett neues Genre wuseln. Als blutiger Noob. Und ich ließ ihn einfach mit einem Zwei-Monate-Abo auf dem Schlachtfeld stehen wie einen Schluck Bier in der Kurve. Ich Schuft!

Der Herr der Ringe Online - Generationen in Mittelerde: Fünf Jahre Herr der Ringe Online

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Ein eigenes Pferd durfte man früher erst ab Stufe 35 reiten, heute geht das schon ab Stufe 20. Oder man kauft sich ab Level 5 eine Lizenz im Shop.
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Um ehrlich zu sein, rechnete ich damals insgeheim mit seiner Kapitulation. Wenn nicht vor der masochistischen Sisyphos-Sammlerei der MMO-Natur, dann vor der Komplexität des Spielsystems. Doch Pustekuchen. Ralf biss sich durch den Stoff, rüstete seinen PC mit den Jahren auf und steckte selbst seine Frau und später dann auch mich mit dem HdRO-Virus an. Was witzig ist, denn während ich einst als erprobter Spieler die Stirn runzelte, wenn es um sein MMO-Verständnis ging, ist er mittlerweile der Crack und zieht mir die Hammelbeine lang, wenn ich mit meinem Zwerg in Raids mal wieder schnaubend hinterherschleiche. Nicht wahr, Ralf?

Packshot zu Der Herr der Ringe OnlineDer Herr der Ringe OnlineErschienen für PC

Ralf: Genau, du Schuft! Aber so schlimm war es dann doch nicht. Wir hatten ja vorher schon über das Spiel gesprochen und nur die monatlichen Zahlungen hatten mich davon abgehalten, es selbst zu besorgen und zu probieren. Ich beschäftige mich seit meiner ersten HdR-Lektüre in den frühen 80er-Jahren mit Tolkiens „Arda-Mythologie“. An einem virtuellen Aufenthalt in Mittelerde, der im Unterschied zu der Endlichkeit vieler Konsolenspiele langfristig sein sollte, war ich durchaus interessiert.

Als ich dann zum ersten Mal einloggte, war es für mich ähnlich spannend wie bei der Premiere des ersten Films von Jacksons Trilogie. Würde die visuelle Umsetzung von Mittelerde stimmen? Würde mich das Gefühl, tatsächlich ein Teil von Tolkiens Erzählung zu sein, gefangen nehmen?

Kein Zweifel, ich war nur einen Klick weit von Mittelerde entfernt. Schon das Intro, die ersten Interaktionen mit den Nicht-Spieler-Charakteren, Musik, Stimmung, alles stimmte. Und es wurde immer besser. Auch all die im Film teilweise schmerzlich vermissten Charaktere durfte ich endlich besuchen, mit ihnen schwatzen und ihre fantasievoll und doch authentisch gestaltete Welt auskundschaften. Ohm Gandschie, Tom Bombadil, Dick (Fatty) Bolger, Gerstenmann Butterblume, Hinz & Kunz und, und, und... Die Wiedersehensfreude war riesengroß!

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In den Startgebieten ist keine Gruppe mehr nötig. Man kommt auch alleine recht locker durch und kann schnell hochleveln.
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Sehr schnell begriff ich, dass so ein Spiel den großen Vorteil gegenüber einem Kinofilm hat, nichts kürzen, strecken oder weglassen zu müssen. Im Gegenteil, jede Figur, jedes Detail war willkommen, da HdRO mich und viele andere nicht mit zwei Stunden seichter Unterhaltung abspeiste, sondern Tage, Wochen, Monate, ja inzwischen fünf geschlagene Jahre aufsog.

Denis: Trotzdem, das Einleben in Mittelerde hatte seine Lektionen für dich parat. Themepark-MMO hin oder her, eine Bummeltour war die Reise nicht gerade. Eher ein sehr umfangreiches Rollenspielepos in der Begleitung von pickeligen Nerds und WoW-verwöhnten Power-Raidern. Kampfregeln, Buch der Taten, Berufe und Crafting – du hattest doch keinen Schimmer, was da vor sich ging. Bist als Tolkien-Lover ganz alleine durch die Gegend gewatschelt, als die als Knotenpunkt fungierende Stadt Bree noch vor lauter Netzwerküberlastung einem Diavortrag glich. Als erst mit Stufe 35 auf Pferden geritten werden durfte und epische Quests noch ans Eingemachte gingen. Die ganz harte Schule, würde ich mal behaupten.

Die Welt liegt im Wandel

Denis: Ich muss zugeben, dass ich selbst ziemlich lange mit Herr der Ringe Online haderte. Ende 2008 erschien das erste Content-Add-on „Die Minen von Moria“, und als das in einem schnuckeligen Bundle mit dem Hauptspiel im Laden funkelte, griff ich zu. Zweieinhalb Wochen später hatte ich meinen ersten Zwergenbarden zwar in mehreren Powersessions auf Level 20 hochgezogen, spielte ihn aber völlig falsch.

Selten durftest du, mein alter Herr, dich zügelloser über deinen Sohn lustig machen. Herzhaft lachen über den Spieleredakteur mit 25 Jahren Erfahrung auf allen erdenklichen Systemen, der schon nächtelang Online-RPGs zockte, als Papa gerade mal wusste, wie man eine Spielkonsole einschaltet. Aber berechtigt, denn ich spielte meinen Barden wie einen Tank.

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Epische Architektur: Die Steinhalle in Moria zelebriert die für Zwerge typische Kantenbauten. Das Gebiet erschien Ende 2008 und erstreckt sich über zwei Ebenen.
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Unbeabsichtigt, weil ich davon ausging, dass der Barde im Kampf nix drauf hat und eher den heilenden Support-Charakter mimt. Verteidigung war dennoch vonnöten, wenn ich alleine unterwegs war. Als Musikstücke verkleidete Zaubersprüche in korrekter Reihenfolge zu jonglieren und alle Rüstungsnachteile des Charakters zu kompensieren, das erwies sich als ziemlich hart. Ich geb's ja zu: Barde war nicht gerade die beste Wahl für den Einstieg. Aber wenn es damals schon die freie Balladenregelung von heute gegeben hätte, würde mein erster Charakter wohl dieser Tage noch auf den Servern verweilen. Ich wollte nicht ständig meine Fertigkeiten sortieren, um ein paar Stunden in einem MMO zu schnetzeln; und überhaupt verschlang mir das Programm zu viel Zeit. Ich gab auf und kehrte Turbines Epos für ein paar Jahre den Rücken.

Inzwischen erfuhr die virtuelle Inkarnation Mittelerdes einige herbe Metamorphosen. Kleinere Content-Add-ons rückten nicht nur weitere Teile des sagenhaften Kontinents in Reichweite, sondern schnippelten auch ordentlich an der Spielweise. Charaktere ließen sich leichter hochleveln und NPCs versammelten sich an neuen Standorten, was sämtliche Laufwege extrem verkürzte. Ende 2010 vollzogen die Entwickler sogar eine Umwandlung zum optionalen Free-to-Play-Programm samt Ingame-Shop. Als ich dann wieder anbiss, traute ich meinen Augen kaum. War das wirklich noch dasselbe Programm, das ich ein paar Jahre zuvor hinter mir gelassen hatte?

Ralf: Ha, du hast doch die Hälfte gar nicht mitbekommen! Ganz am Anfang waren viele Quests inklusive der epischen Reihen nur in der Gruppe zu bewältigen. Jetzt steigt man im Turbogang auf, weil man fast alles im Alleingang schafft. Neben den weiten Wegen, die durch neu platzierte NPCs und neu eingerichtete Reitpunkte verkürzt wurden, entfällt seit einiger Zeit eben auch die manchmal sehr zeitintensive Suche nach Weg- und Schlachtbegleitern. Schon einmal zwei Stunden auf ein paar Mitstreiter gewartet? Geduld war damals mehr als eine Tugend.

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Vor dem Gasthaus zum Tänzelnden Pony finden tagein tagaus große und kleine Konzerte Statt. Überhaupt ist Musik ein wichtiger Bestandteil von HdRO.
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Was die Wahl der Klasse angeht: Da ging es mir am Anfang noch schlimmer. Ich, der Ober-Noob, wählte meine Klasse nach dem Namen. Tank, DD, Supporter und Heiler, das waren Böhmische Knödel für mich. Ich wollte einen Elben spielen, so viel stand fest. Kundiger, das war ich ja eh schon, dachte ich. So stürmte ich dann, meine fernwirkenden Fertigkeiten ignorierend, erhobenen Stabes in die Mobs und wurde schnell zum ungekrönten Spawnkreis-König der Ered Luin. Es dauerte Wochen, bis ich die mir entsprechende Klasse, den Hauptmann, fand. Heute befindet sich wieder ein Elben-Kundi unter meinen Twinks - das wollte ich doch nicht auf mir sitzen lassen.

Als ich es dann halbwegs gerafft hatte, waren meine Trips nach Mittelerde ein einziger lustvoller Traum. Ich schlüpfte in meinen Char und nahm mit Freude Aufträge an, die mir die virtuellen Bewohner Mittelerdes mit schönen Tolkien-gerechten Geschichten nahelegten.

Denis:... Du meinst solche epischen Quests wie „Töte drölf Wölfe und ziehe ihnen das Fell ab“ oder „Sammele zehn Einheiten dreckigen Drecks“?

Sammeln und staunen

Ralf: Nein. Natürlich absolvierte ich auch solche Lückenfüller, denn selbst ein Tolkien-Liebhaber kommt auf der MMO-typischen Hatz nach Erfahrungspunkten nicht am Sammelwahn vorbei. Im Gedächtnis blieben mir trotzdem eher die persönlichen, an Spielfiguren gebundenen Geschichten, die mich in das Tagesgeschehen der künstlichen Welt einbanden. Ich trug die Post aus, entriss Räubern ihre Pläne und metzelte mich durch ein Lager voller Billwisse, um einer Hobbit-Dame ihren Regenschirm zurückzubringen. Nebenbei fand ich noch Zeit, einen Elben im Gefährtenverbund aus der Gewalt bösartiger Zwerge zu befreien und damit einen Streit zwischen den Spitzohren und den Langbärten zu schlichten.

Denis: Wobei solche Seitenstränge nicht unbedingt Tolkiens Vorlage entsprechen. Persönliche Schicksale passen immer und überall hinein. Aber denk mal an den zweiten Palantir, den Turbine mir nichts dir nichts aus der Versenkung holte, obwohl er in den Büchern nirgends erwähnt wird und kein bisschen Einfluss auf die Reise der Ringgemeinschaft ausübt. Überhaupt wundere ich mich manchmal darüber, wie viele Nebenschauplätze Beachtung erfahren, obwohl das Spiel doch „Herr der Ringe Online“ heißt, nicht „Mittelerde Online“.

Ursprünglich hieß es, das online agierende Heer sei die Nachhut der Ringgemeinschaft. Mittlerweile ist sie die lose baumelnde Hilfs- und Heilsarmee im Schlepptau der grauen Schaar, die zugunsten von Content-Add-ons wie „Der Aufstieg Isengarts“ unlogische Umwege in Kauf nimmt. Aus der Sicht eines Gamers mag das nichts Ungewöhnliches sein. Das Wort „kanonisch“ sollt man bei Videospieladaptionen ohnehin aus dem Sprachschatz streichen. Aber knirschen Tolkienisten bei solchen Ausführungen nicht mit den Zähnen?

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Bald geht es noch weiter in den Süden. Dort erwarten Fans nicht nur, auf die Reiter von Rohan zu treffen, sondern auch selbst den Kampf zu Ross zu lernen.
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Ralf: Ein klares Jein! Natürlich gibt es Nebenkriegsschauplätze, natürlich laufen wir nicht nur der Gemeinschaft nach, sonst wäre die Map von HdRo ein Schlauch vom Auenland nach Mordor und viele herrlich gestaltete Gegenden wären uns verwehrt. Der Weg mit der grauen Schar nach Isengart war auch kein unlogischer Umweg, das hätte schon so weitergehen können, bis zum Wiedersehen mit den Gefährten in Rohan. Ich hatte schon von den Pfaden der Toten geträumt, um die unsägliche Jump-and-Run-Einlage aus Jacksons Extended Edition aus dem Kopf zu kriegen. Da ist es schon eher unlogisch, dass wir mit einer Dunländerin im Schlepptau an den großen Fluss zurückgekehrt sind.

Die Frage ist doch: Passt die Nebenhandlung in den Mittelerde-Kontext oder stört und verändert sie die Story vom einen Ring? Bisher hatte ich keinen Grund zur Beschwerde. Quests werden mit schlüssigen, der jeweiligen Situation des Quest-Gebers angepassten Geschichten begründet. Hobbits haben Hobbit-Sorgen, Zwerge die der Zwerge und so weiter. Die Lücken, die Tolkien in der Story und der Landkarte von Mittelerde gelassen hat, werden im Sinne des Epos gefüllt.

Für einen Tolkienisten wie mich bietet HdRO neben diesen sehr einfühlsam gestalteten Quest-Reihen obendrein unvergleichliche Highlights. Als Tom Bombaldil mich los schickte, Wasserlilien zu sammeln, als ich Frodo begleiten durfte oder beim Abschied der neun Gefährten in Bruchtal, da schlug mir das Herz höher. Da solche Aufgaben ohne viel Kampf und Action ablaufen, ist einem, der so was mag, der Spott der Hardcore-Gamer sicher. Doch genoss ich die Frodo-Quest, in der man mit Herrn Beutlin in Bruchtal lediglich ein Stück spazieren geht, seinen Sorgen lauscht und ihm Mut macht, jedes einzelne Mal.

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Der Wächter im Wasser ist heute kaum der Rede wert. Früher gab es die Möglichkeiten, ein Strahlenrüstungs-Set durch Würfelglück zu erwerben. Damit konnte man sich der riesigen Krake stellen.
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Ich freute mich sogar bei jedem Twink schon lange vorher darauf. Denn über solche Feinheiten kommt zum Tragen, was mich persönlich seit der Veröffentlichung in diesem Spiel gefangen hält: Ich kann in meinem Lieblingsbuch mitspielen, mich in der lebendig gewordenen Welt dieses Buches frei bewegen und agieren. Ich bin ein Held der freien Völker von Mittelerde, Wahnsinn!

Denis: Jetzt mach' aber mal halblang. Tolkien hier, Tolkien da. Mensch, Herr der Ringe Online ist ein Spiel, und ein komplexes obendrein. Du willst mir doch nicht erzählen, dass die ganze Metzelei, das neudeutsch „Socializing“ genannte Suchen von Gefährten oder das Abgrasen des Buchs der Taten dich völlig kalt gelassen hätten. Mal ganz zu schweigen davon, dass du in unserer Sippe einen hohen Posten innehast, gehörst du auch zu den ersten, die laut „hier“ schreien, wenn mal wieder Schnetzelbrüder für einen kaum Tolkien-konformen Drachen-Raid gesucht werden. Und wer war das noch mal, der stundenlang mit dem Pickel über Wald und Flur stolzierte, um jedes erdenkliche Metall abzubauen, ewig am Schmelzofen zu stehen und Schmiede-Virtuose zu werden? Wer kocht mir die abgefahrensten Wegzehrungen, die Asterix' Zaubertrank wie 'ne Fassbrause dastehen lassen? Der Weihnachtsmann?

Gestern, heute und morgen

Denis: Nee, mein Lieber, Tolkien war doch nur der passende Anlass, der dir die Mutation zum Power-Gamer ermöglichte. Einer von denen, die schlechte Laune bekommen, wenn Leute das alles nicht so ernst nehmen und selbst auf einem Roleplay-Server ungeduldig von hohen Balkonen springen. Wenn im letzten heimeligen Haus in Bruchtal mal wieder der Knochenberster-Blues erklingt, hört man im Teamspeak nur noch Gebrummel von dir. Oder Pamphlete, wenn sich Turbine mal wieder in einer spielerischen Sackgasse verläuft.

Aber wer sollte es dir übelnehmen. Mit jedem Add-on kamen neue Spielelemente dazu, die erst die Feuerprobe der Community überstehen mussten. Mit „Moria“ hielten zum Beispiel hochlevelbare legendäre Ausrüstungsgegenstände und der Strahlenwert Einzug. Erst ein durch Auswürfeln zugewiesenes, komplettes strahlendes Rüstungsset sammeln zu müssen, um in einer bestimmten Instanz knüppeln zu dürfen, war jedoch zum Haareraufen.

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Leben in Mittelerde.
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Seitdem es Scharmützel gibt – letztendlich nichts anderes als geschlossene Instanzen ohne direkten Handlungsbezug, die man täglich herunterbeten kann –, scheinen Gruppen nur noch nach den dort spendierten Zeichen für neue Rüstungssets zu jagen. Scharmützel kamen Ende 2009 mit der „Belagerung des Düsterwalds“ und lassen sich inzwischen sogar in ihrer Schwierigkeit skalieren. Grinder ahoi! Nicht dass diese besonderen Instanzen keinen Spaß machen würden – ich spiele sie gerne, vor allem wegen der Erfahrungsausbeute. Aber das hat alles herzlich wenig mit Tolkien zu tun. Mittelerde durchlebte in den vergangenen fünf Jahren so manche Metamorphose, die dich nicht minder begeisterte oder enttäuschte als gelungene oder missratene Literaturbezüge.

Ralf: Das glaub' ich jetzt nicht! Du hast es geschrieben, das böse, das S-Wort. Strahlen! Ich hatte sie schon vergessen. Aber ich bin nicht vom Stuhl gefallen, keine Angst. Just vor ein paar Tagen hat es in einem Chat auf Belegaer auch einer getan, da bin ich allerdings erschrocken. Denn ich, der von dir ausgerufene „Power-Gamer“, hätte damals meine Fähigkeiten auch gerne an einem besonders spektakulären Boss - dem Wächter im Wasser - erprobt. Die Strahlenrüstung aus den Moria Inis habe ich jedoch erst zusammenbekommen, als man sie für Tauschmünzen erwarb. Früher gab es mit jeder Instanz ein festes Rüstungsteil für eine Sechsergruppe, das hieß endloses Grinden, bis einem denn das Würfelglück hold war.

Damals „parkten“ die Spieler, die meinereiner Power-Gamer nennt, ihre Charaktere vor dem Eingang der Instanz und waren nur noch auf der endlosen Treppe, in Skumfil oder in der Schattenbinge zugange. Das wäre mir für das „Leben“ meiner Chars in Mittelerde zu wenig gewesen. Ich hatte noch so viel anderes zu tun.

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Hier kann man sich immer wieder verlieren.
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HdRO ist ein komplexes Spiel mit vielen Möglichkeiten der Betätigung. Hier ein Purist zu sein, das hieße, viele dieser Möglichkeiten auszulassen, zu verpassen, wie du es auch nennen willst. Ich bin von allem etwas. Ein bisschen Gamer, ein bisschen Roleplayer und gerne mit und für die Sippe unterwegs. Ich queste, ich crafte, ich grinde und ich besuche auch gerne eine Instanz. Richtig bemerkt: In jüngster Zeit die des Drachen Draigoch. Die mag nicht in den Herr-der-Ringe-Kontext passen, aber nach Mittelerde gehört sie. Den Ring bringen die Gefährten nach Mordor! Wir „leben“ in Mittelerde, wo es noch so viel zu tun gibt.

Über einige Anpassungen habe ich mich richtig gefreut. Eine schöne Neuerung war die Möglichkeit, mit dem Enedwaith-Update ausgesuchte Instanzen skalieren zu können. Das große Hügelgrab, die Annuminas-Inis oder Helegrod noch mal auf Level 65 beziehungsweise jetzt 75 zu spielen, ist eine schöne Sache. Viele hatten gehofft, dass dies auch bald auf besonders beliebte Sitzungen wie Carn Dum, die Moria Inis oder auf die Nurz-Gashu-Spalte ausgeweitet würde, doch bisher ist in dieser Richtung noch nichts passiert.

Würde Tolkien HdRO spielen?

Ralf: Was ich mich die ganzen fünf Jahre gefragt habe ist, ob Tolkien auch HdRo spielen würde. Was meinst du? Würde er mit spitzbübischem Grinsen seinen Hobbit-Schurken durch die Landschaft schleichen lassen, um dem nächstbesten Ork etwas aus der Tasche zu ziehen, bevor er ihm den Garaus macht? Oder würde er doch als arroganter Elben-Kundiger durch Bruchtal stolzieren und über Zwerge die Stirn runzeln?

Ich glaube, einige Spielelemente würde er sicher mögen. Zum Beispiel die Möglichkeit des Musizierens. Vom Ständchen eines einsamen Troubadours vor dem Tänzelnden Pony bis zu geplanten Konzerten von Kapellen mit manchmal über zehn Musikern lassen die HdRO-Spieler quer durch Mittelerde ihre Melodien erklingen. Mithilfe synchronisierbarer ABC-Dateien, die im Netz in rauen Mengen zur Verfügung stehen, erklingen dort oft auch sonderbare Lieder aus anderen Welten. Metallica klingt auf Lauten, Flöten und Pauken... sagen wir: interessant.

Oder Sitzungsspiele, in denen Tolkien mit uns in die Vergangenheit von Mittelerde reisen und aus der Sicht eines damals Lebenden, unter anderem, die Freisetzung des Balrogs von Moria, den Tod von Aragorns Großvater Arador oder den Schwur der eidbrüchigen Bergmenschen am Stein von Erech miterleben könnte.

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Auf weitere fünf Jahre in HdRO.
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Denis: Meinst du wirklich? Der gute Mann schrieb das alles doch einst nieder, hat all diese Abenteuer schon intensiver durchlebt als jeder andere. Ich könnte mir vorstellen, dass er Interesse an den unterschiedlichen Interpretationen seines Stoffs hätte. So fantasievoll, wie Turbine an die Sache herangeht, würde er sicherlich seinen Segen geben, so wie es seine Erben heute tun. Womöglich hätte ihn Herr der Ringe Online sogar zu weiteren Geschichten inspiriert. Aber als derart involvierter Sprachprofessor hätte er andere Interessen als die aktive Teilnahme in einer virtuellen Welt, die er selbst geschaffen hat. Zumal ihm wohl die im Buch heraussterilisierten Personen eher am Herzen lagen als irgendwelche dahergelaufenen Elben, Hobbits, Menschen und Zwerge. Klingt für mich genauso unwahrscheinlich wie Schiller in einem MMO mit fünf Millionen Räubern.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob es gut wäre, wenn er das alles noch miterleben könnte. Selbst wenn er den ganzen Mist selbst programmieren würde, liefe er Gefahr, von der George-Lucas'schen Bastelkrankheit befallen zu werden. Dann doch lieber so, wie es jetzt ist, mit einer fertigen Vorgabe und einem Lizenznehmer, dem die Tolkien-Gesellschaft auf die Finger haut, wenn der Bogen überspannt wird.

So können wir uns auf das anstehende Rohan-Add-on im Herbst freuen, ohne uns sorgen um die Hintergründe zu machen. Reicht doch schon, wenn wir uns über diverse spielerische Entscheidungen aufregen, oder? Wehe, wenn Turbine den Kampf zu Ross verbockt, dann hagelt es Feuerzungen aus der Community. Aber selbst dann werden die Entwickler wieder feinfühlig Hand anlegen, sodass wir doch noch irgendwann zufrieden vor den Toren Mordors ankommen. Irgendwann in den nächsten fünf Jahren.