An Spiele, die auf mehr oder weniger bekannten Filmvorlagen basieren, haben wir uns längst gewöhnt. Auch umgekehrt haben es Lara und Konsorten schon auf die große Leinwand geschafft. An die Idee, eine TV-Serie inhaltlich mit einem Onlinespiel zu verknüpfen und beides gleichzeitig auf die Welt loszulassen, hat sich allerdings noch niemand gewagt - bis jetzt.

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Handelt es sich bei Defiance eigentlich um eine TV-Serie zum Computerspiel oder ist es das Spiel zur Serie? Haben die Geschehnisse in der Flimmerkiste Einfluss auf die virtuelle Welt und kann ich als Spieler den weiteren Verlauf der Serie verändern? Wo liegen überhaupt die Schnittpunkte beider Projekte und wie zum Teufel soll ich die Serie schauen, wenn ich den Sender Syfy nicht empfangen kann?

Hollywood lässt grüßen!

Seit der Ankündigung von Defiance beschäftigt sich die interessierte Spielergemeinde nun schon mit diesen Fragen und trotz unzähliger Trailer und Betatests lieferten uns weder Trion Worlds noch der TV-Sender Syfy auch nur halbwegs befriedigende Antworten. Und so blieb mir wieder einmal nichts anderes übrig, als mich ins nächste Flugzeug zu schwingen, um mir im sonnigen San Francisco selbst ein Bild vom multimedialen Pilotprojekt zu machen.

Damit ich dessen Tragweite tatsächlich erfassen konnte, hatten die Jungs von Trion Worlds nicht nur eine Heerschar von Entwicklern und Technik abgestellt, sondern gleich noch Michael Nankin persönlich aus Los Angeles eingeflogen, der die TV-Serie Defiance als Supervising Producer und Regisseur begleitet und der vorher schon für allerlei namhafte Projekte wie Monk, CSI, Heroes oder Battlestar Galactica mitverantwortlich gezeichnet hat.

Für mehr Spaß am Spiel

Im hauseigenen Kinosaal führte Nankin den Pilotfilm der Serie vor - erstmals überhaupt in einem Stück auf einer großen Leinwand. Und wenngleich ich bis zur Ausstrahlung der Serie nichts Inhaltliches verraten darf, so kann ich zumindest vorab sagen, dass ich von der Umsetzung, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten, bislang noch recht angetan bin. Die Serie hat auf jeden Fall Potential und sorgt für einen positiven Nebeneffekt.

Defiance - Das Spiel zur Serie - oder die Serie zum Spiel?

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Defiance ist voller Bugs. Glücklicherweise lassen sich die meisten vom Spieler selbst beseitigen.
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Nachdem ich nämlich aus dem Kinosaal stapfte, all die Eindrücke aus der Serie im Kopf, hatte ich tatsächlich Lust bekommen, die aus der Serie bekannten Charaktere im Spiel zu erleben, jenen ebenso belebten wie lebensfeindlichen Planeten zu erkunden, der mit unserer Erde nicht mehr viel gemein hat, weil dort ganz offensichtlich irgend etwas außer Kontrolle geraten ist.

Packshot zu DefianceDefianceErschienen für PC, PS3 und Xbox 360

...und alle Fragen offen

Was das ist, erfährt man teilweise in der Serie - allerdings bleiben da stets jede Menge Fragen offen. Fragen, von denen manche möglicherweise im Computerspiel beantwortet werden. Das spielt im endzeitlichen San Francisco, während sich die Serie sich mit den Geschehnissen befasst, die sich zeitgleich in St. Louis ereignen.

Diese räumliche Distanz macht es den Autoren möglich, mit der Handlung zu jonglieren. Da verschwindet zum Beispiel schon mal ein Akteur für ein paar Folgen aus der Serie, um ein besonders wichtiges Utensil zu beschaffen. Logisch, dass ihm die Spielerschaft gerne debei hilft und in der Umgebung von San Franciso auf die Suche geht und damit in der Serienhandlung die Welt rettet.

Das Ticket nach Hollywood

Nur theoretisch natürlich, denn die Serie ist vollständig abgedreht und existiert auch nicht in mehreren Fassungen, wie vorab oft spekuliert wurde. Computerspieler haben also keinen Einfluss auf die Handlung der Serie - sie bekommen nur hier und da eine Illusion davon geboten. Sollte die Serie allerdings fortgesetzt werden, was letztlich von deren Erfolg abhängt, will man über weitere Möglichkeiten der multimedialen Verknüpfung nachdenken.

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Fahrzeuge dienen in Defiance nicht nur der Fortbewegung – sie lassen sich auch als Werkzeuge im Kampf einsetzen.
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Bis dahin liegen auf jeden Fall einige Monate Spielzeit vor uns, die nicht nur Trion Worlds, sondern auch die Autoren nutzen wollen, um uns Spieler noch näher an die Serie zu bringen. Intern wird derzeit darüber diskutiert, dass man ein paar besonders talentierte Spieler in einer kleinen Nebenrolle mit in die Serie einbinden könnte.

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Sy-was?

Dafür allerdings wird vorausgesetzt, dass sich einerseits auch genügend Zuschauer finden und gleichzeitig alle Spieler die Möglichkeit bekommen, die TV-Serie zu schauen. Die läuft bei uns jedoch ausnahmslos auf dem Bezahlsender Syfy, der einen durschnittlichen Marktanteil von unter einem Prozent aufweist - viel zu wenig, um das Interesse am Spiel dadurch spürbar zu steigern und eine neue Zielgruppe zu erschließen.

Mancher Computerspieler wird außerdem vor dem Kauf des Spiels zurückschrecken, wenn er befürchten muss, dass ihm das volle Multimedia-Erlebnis versagt bleiben könnte, weil er Syfy nicht empfängt. Es bleibt also zu hoffen, dass der Sender wie versprochen Abhilfe schafft und die Serie zeitnah kostenlos im Stream anbietet.

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Außerirdische Gene haben für allerlei Chaos auf der Erde gesorgt und nicht nur riesenwüchsige Insekten hervorgebracht.
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Und das Spiel?

Im Gegensatz zur Serie ist das Spiel, das sowohl für PC als auch für Xbox 360 und PS3 erscheint, höchst zugänglich. Vor Ort hatte ich die Möglichkeit PC- und Xbox-Version anzutesten. Letztere fällt grafisch übrigens um Längen hinter der PC-Version zurück und wird zudem auf einem eigenen Server angesiedelt sein - ebenso wie die PS3-Version.

Negativ fiel außerdem auf, dass Defiance auf der Xbox nicht nur vergleichsweise hässlich war, sondern während der Tests auch längst nicht so flüssig lief wie auf dem PC - und das lag nicht allein an der Verbindung. Hier muss Trion noch gehörig nacharbeiten, wenn man wirklich die Controller-Liga als neue Zielgruppe für Onlinespiele erschließen will. Wer darüber nachdenkt Defiance vorzubestellen und einen ordentlichen PC im Hause hat, sollte sich die Konsolen-Version auf jeden Fall ersparen.

Ehrgeiziges Vorbild

Einmal erworben, soll der Spieler Defiance ohne monatliche Kosten genießen dürfen, allerdings hofft Trion darauf, dass man hier und da sein Taschengeld in den Itemshop steckt. Da Trion für Defiance allerdings den marktüblichen Kaufpreis verlangt, könnte ein solches Angebot durchaus für Frust sorgen und insbesondere das Konsolenpublikum wird einem solchen Spiel kaum durch regelmäßige Mikrotransaktionen die Existenz sichern.

Bei Trion Worlds vergleicht man das Geschäftsmodell mit dem von Guild Wars 2 – scheint aber zu vergessen, dass der Titel von ArenaNet und NCsoft ungleich bekannter war, weil er von der dürstenden MMOG-Gemeinde als letzter Hoffnungsträger angesehen worden war. Millionen Spieler warteten auf Guild Wars 2. Im Gegensatz dazu fällt die Nachfrage nach Defiance derzeit eher mager aus.

Headshot

Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Immerhin spielt sich Defiance vom ersten Moment an flott und erinnert vom Gameplay her weit eher an einen Shooter als an ein klassisches MMOG. Ein wenig Zielwasser sollte der Spieler schon getrunken haben. Auch in Sachen Monster-KI scheint man bei Trion mittlerweile Fortschritte gemacht zu haben. Negativ fällt wieder einmal die heftig instanzierte Karte auf, in der man hier und da Sofortabenteuer erleben oder Minigames meistern kann. Auch das PvP findet ausnahmslos auf eigenen Maps statt und geht, nach allem was ich bislang gesehen habe, nicht über die gewöhnlichen Arena-Modi hinaus.

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Das Quad ist das erste Fahrzeug, mit dem der Spieler durchs endzeitliche San Francisco düsen darf.
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Von Insekten und Mutanten

Vom Spielgefühl her kann man Defiance wohl am ehesten mit Borderlands 2 vergleichen. Meist bewegt man sich auf einem indirekt vorgezeichneten Pfad durch die virtuelle Welt und erledigt hier und da ein paar Aufgaben. Hin und wieder gesellen sich Mitspieler hinzu und das Spiel bekommt die bei vielen Spielern beliebte Koop-Komponente, die allerdings ebenfalls ein wenig unter dem Instanzierungswahn leidet.

Als äußerst problematisch könnte sich das konsolengerechte User-Interface erweisen, das alle PC-Spieler an den Rand der Verzweiflung treiben wird. Doch da ich nicht der einzige Journalist war, der die Jungs von Trion in San Francisco darauf angesprochen hat, gehe ich davon aus, dass die Entwickler sich die Kritik zu Herzen nehmen und bereits fleißig an einer Alternative werkeln.

Während der Tests bekam ich es vorwiegend mit exotischen Insekten und Mutanten zu tun - letztere recht kampfstark und vor allem in Gruppen durchaus gefährlich. Waffen und Ausrüstung fielen zwar hin und wieder aus den Gegnern, jedoch kann man nicht behaupten, dass man mit den begehrten Stücken zugemüllt würde. Auch der Schwierigkeitsgrad und die Skills, die zumindest einen Hauch von RPG ins Spiel bringen, scheinen bereits halbwegs ordentlich justiert.

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Die Golden Gate Bridge scheint tatsächlich für die Ewigkeit gebaut.
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Außer Konkurrenz

Mit den vermeintlichen Konkurrenten Dust 514 und PlanetSide 2 hat Defiance so gut wie gar nichts gemeinsam, da es vor allem auf PvE ausgelegt scheint und das PvP allenfalls als gelegentlicher Zeitvertreib dienen soll. Umso mehr stellt sich die Frage, wie Trion genügend Inhalte ins Spiel bringen will, um die Spieler auch langfristig und über die erste Serien-Staffel hinweg bei der Stange zu halten.

Leider war die Zeit, die mir während der durchaus unterhaltsamen Spielsitzungen zur Verfügung stand, nicht besonders üppig bemessen und die Frage nach dem Endgame ließ sich nicht einmal ansatzweise klären. Da Defiance offiziell “nur” als Online-Shooter vermarktet wird und auf Monatsgebühren verzichtet, dürfen sich die Jungs von Trion beim Content-Wettrennen zwar etwas mehr Zeit lassen, allerdings bedienen sich nur aktive Spieler auch regelmäßig beim Itemshop.