Wenn riesige Weltraum-Archen im Erdorbit havarieren und es außerirdische Technologie und DNA auf die verwüstete Erde regnet, ist das nicht nur guter Stoff für eine ordentliche Sci-Fi-Serie, sondern auch für eine spannende Onlinewelt. Wenn man beides dann noch von Anfang an verknüpft, sind der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt - den Fähigkeiten der Entwickler hingegen schon.

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Als Trion Worlds vor viereinhalb Jahren mit der Entwicklung von Defiance begann, wollte man noch ein MMOG daraus machen. Rift war damals noch nicht erschienen und in der Branche herrschte Goldgräberstimmung. Ein Sci-Fi-MMOG mit Shooterelementen würde am Markt einschlagen wie eine Bombe, so spekulierte man bei Trion und Syfy.

Defiance - Schade: Doch nur das Spiel zur Serie

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Ungewöhnliche Liaison: Defiance startet als Spiel und TV-Serie parallel.
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Mediale Fusion

Syfy, das ist jener Bezahlsender, bei dem man schon seit längerem auf der Suche nach einer neuen Serie mit Kultpotential war und wo man mit Defiance gewillt war, ein entwicklungstechnisches wie wirtschaftliches Wagnis einzugehen - nicht die Serie zum Spiel oder das Spiel zur Serie zu erschaffen, sondern eine echte Fusion beider Medien.

Man traf sich, koordinierte die Handlung und begann mit der Produktion - ein jeder für sich sollte gewährleisten, dass das jeweilige Teilprodukt höchste Qualitätsstandards erfüllt. Im Zusammenspiel sollte es dann zu einem Synergieeffekt kommen, durch den sich Defiance als Gesamtprodukt von der kompletten Konkurrenz am Markt abheben würde.

Plündern, um zu überleben

Die Serie scheint tatsächlich spannend. Die Pilotfolge, in der eine illustre Gruppe aus Aliens und Menschen in spannungsreicher Gemeinschaft gegen die Widrigkeiten der Endzeit kämpft, macht Lust auf mehr und man kann es sich als Zuschauer durchaus vorstellen, auch so einen Indiana-Jones-Verschnitt durch die Spielwelt zu steuern, wie ihn Grant Bowler in der Serie mimt.

Packshot zu DefianceDefianceErschienen für PC, PS3 und Xbox 360

Denn so hart das Leben in der chaotisch terraformierten Welt auch ist, hin und wieder hagelt es Trümmer jener Archen vom Himmel, in denen die Reste der überlegenen, außerirdischen Technologie auf Plünderung warten. Das gibt den Zuschauern der Serie Hoffnung und regt die Phantasie der Spieler an, was die Möglichkeiten im virtuellen Defiance betrifft.

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Das Gameplay von Defiance erinnert an Borderlands 2, setzt aber auf Koop-Kämpfe statt Solo-Aktionen.
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In den Straßen von San Francisco

Das allerdings präsentiert sich längst nicht so spannend, wie man das erwartet hätte. Als Überlebender eines Raumschiffabsturzes schlägt man sich im Spiel durch das, was nach der Katastrophe von San Francisco übrig geblieben ist - hin und wieder begleitet von Seriencharakter Joshua Nolan und seinem außerirdischen Findelkind Irisa.

Wer die beiden sind und was genau sie planen, will sich dem Spieler ohne das Wissen aus der Serie leider nicht so recht erschließen und der vorgezogene Release des Spiels erscheint im Nachhinein als strategischer Fehler, denn dem Anspruch von Syfy, dem Spieler Lust auf die Serie zu machen, wird sie nicht gerecht. Umgekehrt wäre wohl eher ein Schuh daraus geworden.

Dünne Story

Zu dünn wirkt die Story des Spiels und zu undurchsichtig - trotz der hin und wieder auftauchenden Cutscenes. Dem eigenen Charakter fehlen die Worte und das EGO, eine Art eingepflanzte KI, die dem Avatar mit Rat und Tat zur Seite stehen soll, geht einem mit ihrem laienhaft abgelesenen Geplapper schon nach wenigen Spielminuten tierisch auf die Nerven.

Syfy hat seine Hausaufgaben erledigt, Trion noch nicht.Fazit lesen

Zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung vor viereinhalb Jahren noch innovativ, erinnert Defiance heute frappierend an eine Multiplayer-Version von Borderlands 2. Als Spieler schießt man sich über eine Karte von ordentlichen Ausmaßen, bekommt hier und da Aufgaben erteilt, von denen einige die Story voranbringen, andere vom Spannungsgrad her jedoch nur als Füllstoff dienen.

Den Finger am Abzug

Die Aufgaben, meist zusammenhanglos vorgelesen vom EGO-Nervbolzen, erinnern an die verhassten Standardquests gängiger Themepark-MMOGs. Ein paar gesammelte Medizinvorräte hier, ein paar reparierte Funksender da - dazwischen wird geballert, was das Magazin hergibt. Ein wirklich roter Faden zieht sich allenfalls durch die wenigen Quests der Hauptstory.

Wenngleich die Questmechanik am ehesten der eines MMOGs entspricht, so ist das Gameplay an sich dem Shooter-Genre entliehen. Es gibt es ein paar aktive und passive Fähigkeiten, die man ausbauen kann, darf sich zum Beispiel unsichtbar machen oder ein Spiegelbild von sich erzeugen - im PvE ist das jedoch eher ein flinker Zeigefinger gefragt und so beeinflussen die Fähigkeiten das Gameplay kaum.

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Auf Konsolen sieht Defiance deutlich schlechter aus als auf PC:
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Kostspielige Individualisierung

Das lebt vor allem von der Möglichkeit, auf ein breites Arsenal von unterschiedlichen Waffen zuzugreifen, die teilweise von Alientechnologie aufgepeppt wurden und die sich teilweise noch weiter aufwerten lassen. Außerdem gibt es eine Reihe von Fahrzeugen, mit denen man durch die Gegend brausen und ebenfalls Gegner niedermähen kann.

Im Gegensatz zu den Waffen sind die Rüstungen rein kosmetischer Natur. Sie ermöglichen dem Spieler zumindest einen Hauch von Individualität, den Defiance angesichts der dürftigen Optionen bei der Charaktererstellung auch bitter nötig hat. Trion setzt an dieser Stelle auf Mikrotransaktionen und hofft darauf, noch ein paar Euro extra zu machen.

Menschen, Monster, Mutationen

Viel wichtiger wäre es jedoch gewesen, wenn Trion auch bei den Gegnern ähnlich fleißig gearbeitet hätte. Leider dominieren derzeit noch eine Handvoll Mutanten, die sich vor allem durch den Einsatz unterschiedlicher Waffen voneinander unterscheiden. Immerhin verhalten sich die Gegner in etwa so, wie man es von einem Shooter gewohnt ist, und besitzen eine solide KI.

In Verbindung mit den Archenfällen, den öffentlichen Events, in denen es Raumschiffbrocken regnet, bekommt man es außerdem mit einer Reihe von mutierten Tieren zu tun. Meist sind es Bugs, die es in mehreren Stufen zu schlagen gilt. Die Mechanik erinnert an die Risse aus Rift, ist anfangs ganz unterhaltsam, wird jedoch auf Dauer eintönig.

Die kleine Zwischenmahlzeit

Überhaupt weicht die anfängliche Leichtigkeit, mit der sich Defiance spielt, schnell der Routine und würde das Spiel auf der Konsole nicht vergleichsweise schlecht aussehen und halbwegs flüssig laufen, wären Couch und Controller für diese Art von Spiel wohl die beste Wahl. Dann fiele es auch nicht ganz so negativ ins Gewicht, dass man die komplette Benutzerführung an den Controller angepasst und dabei sämtliche goldenen Regeln, die für ein eingängiges PC-Interface gelten, über Bord geworfen hat.

Freunde gepflegter Konsolen-Shooter werden es wahrscheinlich auch lockerer sehen, dass das Spiel mit derzeit nicht viel mehr als 30 Stunden Spielzeit für Vielspieler allenfalls einen Snack für zwischendurch darstellt und kaum genügend Futter für regelmäßige Sitzungen bietet. Auch das instanzierte PvP, dem ein sinnvolles Matchmaking ebenso fehlt wie bedeutungsvolle Spielmechaniken, wird kaum einen hartgesottenen PvPer von der direkten Konkurrenz weglocken.

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Nur 30 Stunden Spielzeit? Defiance ist eher ein MMO-Snack.
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Konkurrenzlos teuer

Die existiert mit dem reinrassigen PvP-Shooter Planetside 2 auf dem PC ebenso wie auf der Konsole, wo derzeit Dust 514 in der Beta warmläuft. Im Gegensatz zu Defiance, das zwar keine Monatsgebühr kostet, jedoch den handelsüblichen Standard-Kaufpreis, werden PlanetSide 2 und Dust 514 komplett kostenlos angeboten und die Verknüpfung von letzterem mit der Online-Sandbox von EVE Online ist insgesamt auf jeden Fall motivierender als der vage Bezug zur TV-Serie Defiance.

Die wirkt insgesamt weit spannender als das Spiel und kommt, sofern sich das anhand des Pilotfilms erkennen lässt, komplett ohne die Versoftung aus. Das setzt allerdings voraus, dass man sie auch schauen kann. Syfy ist nämlich ausnahmslos über Pay-TV zu empfangen und das ist in Europa längst nicht so verbreitet, wie man in der Chefetagen von Trion offenbar annimmt. Anders als mir in San Francisco versprochen wurde, wird es einen Stream der Serie nicht geben - zumindest nicht zum Start und nicht kostenlos.

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Die Verquickung mit der TV-Serie funktioniert leider nur leidlich.
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Mäßig synergetisch

Damit fällt der Synergieeffekt flach und das Spiel muss für sich genommen auf dem Markt bestehen. Ein Drahtseilakt für Trion, denn wenn dort tatsächlich seit viereinhalb Jahren mit rund 150 Mann an dem Spiel gearbeitet wird, lässt sich zumindest überschlagen, dass mindestens 30 Millionen Dollar eingespielt werden müssen, um die Entwicklung irgendwie zu rechtfertigen.

Eine Entwicklung, die trotz insgesamt recht solidem und kurzweiligen Gameplay und annehmbarer technischer Umsetzung doch sichtbar übereilt und halbherzig abgeschlossen werden musste, nicht zuletzt wegen der unzähligen Kompromisse und weil Syfy mit dem Sendetermin für die Serie nicht warten konnte oder wollte.