Vor gut fünf Jahren konnten die Cryptic Studios mit City of Heroes erstmals beweisen, dass ein MMOG durchaus auch ohne Orks und Elfen funktioniert – zumindest in den USA. In Europa hingegen führen die virtuellen Superhelden bis heute ein Schattendasein. Das muss nicht sein, glaubt man bei Cryptic und will mit dem inoffiziellen Nachfolger Champions Online jetzt auch europäische Spielerherzen erobern.

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Helden in Turnhosen

Aus der historischen Distanz heraus sind sich Historiker einig: Superhelden sind ein klassisches Produkt des Kalten Krieges. Die ständige Angst vor dem atomaren Armageddon hat die Fantasie der Nordamerikaner beflügelt. Im Akkord wurden Retter mit übermenschlichen Fähigkeiten erschaffen, die in der Lage sind, die Welt auch noch vor der größten Gefahr zu bewahren.

Champions Online - We will rock you! Das Superhelden-MMO im Langzeit-Test

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Die Verteidiger von Millennium City stehen Spalier für ihren großen Retter.
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Und weil man damals gerade erst das Elastan als neuartige Kunstfaser entdeckt hatte, steckte man Superman, Spiderman und Konsorten gleich reihenweise in die schick schimmernden hautengen Anzüge, die zwei Jahrzehnte später nicht minder ausgiebig von den Aerobic-Fetischisten überstrapaziert wurden.

Mit derlei neumodischem Zeug aus Übersee konnte man sich in Deutschland, wo das Wirtschaftswunder den Kalten Krieg überstrahlte, allerdings nur bedingt anfreunden. Und so kommt es, dass hierzulande allenfalls Batman zur Berühmtheit wurde. Den Unterschied zwischen Marvel Comics und DC Comics kennt bereits nur ein kleiner Kreis und vom Pen-&-Paper-Rollenspiel Champions hat bei uns wohl noch niemand etwas gehört. Schade eigentlich, denn genau das bildet die Grundlage für Cryptics neue Superheldenwelt. Vorkenntnisse, verspricht Cryptic, sind allerdings nicht notwendig.

Einer für alle

Und so stürzt man sich ohne Umwege in die obligatorische Charaktergenerierung. Eine Serverauswahl gibt es nicht, denn Cryptic hat das Versprechen tatsächlich gehalten und einen einzigen Server für die ganze Welt aufgesetzt – sehr zur Freude aller international besetzten Gilden. Doch die Entscheidung hat auch eine Schattenseite, denn ein solcher Superserver kann nur stabil laufen, wenn man ihn massiv instanziert.

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'Zero' nennt sich dieser gesichtslose Knabe, der zwar keinen Schönheitspreis gewinnt, dafür die Fantasie seines Schöpfers unterstreicht.
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Die Charaktergenerierung gehört eindeutig zum Besten, was das Genre derzeit aufzubieten hat. Wer sofort starten möchte, darf dem Zufall bei der Erstellung des Alter Ego freie Hand lassen. Wer allerdings auch nur ein Mindestmaß an Experimentierfreude mitbringt, wird bald feststellen, dass es beim Schöpfungsprogramm nichts gibt, was es nicht gibt.

Ob muskelbepackter Gigant, maskierter Elastanträger oder extraterrestrischer Insektoider – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Cryptic macht Champions Online bereits an dieser Stelle völlig unerwartet zum Paradies für Rollenspieler und Kreativlinge, die ihren virtuellen Abbildern gerne eine Extraportion Persönlichkeit einhauchen. Und gäbe es nicht, mangels Alternativserver, eine Beschränkung auf acht Charaktere, hätte es so mancher Tüftler gar nicht erst ins eigentliche Spiel geschafft.

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Im Kampf gegen diesen Stählernen steht einem ein freundlicher NPC-Superheld zur Seite.
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Und für wen das alles bereits jetzt nach einer echten Tortur klingt, der wird spätestens bei den Skillungen verzweifeln. Sechs grundsätzliche Arten von Superkräften stehen zur Auswahl, jeweils mit bis zu vier Untergruppen, die man nach Belieben durchmischen kann. Wie wäre es mit einem Elementarkrieger, der auf Elektrizität setzt und mit Eisbrocken um sich schießt? Oder doch lieber ein psyonisch begabter Beschwörer, der sich diversen telekinetischen Finessen bedient?

Während der Anfänger möglicherweise mit einer spezialisierten Kräfteverteilung besser fährt, bekommt der erfahrene Champion hier jede Menge Raum für Experimente geboten. Angesichts einer solchen Komplexität sind Probleme mit dem Balancing allerdings vorprogrammiert. Nicht selten erweist sich die eine erschaffene Kreatur als übermächtig, während die andere zum Scheitern verurteilt ist. Und so arbeitet Cryptic verbissen daran, das Ungleichgewicht der Kräfte zu regulieren, was bisweilen wie ein Kampf gegen Windmühlen anmutet.

Retter der tausend Welten

Im Spiel selbst findet sich der erfahrene MMOGler sofort zurecht. Gesteuert wird klassisch und auch die Kommunikation mit NPCs und das Ausführen von Aufträgen funktionieren in gewohnter Weise. Und so tötet man einige Insektoide, sucht verlorene Besitztümer im Feindesland und taucht schnell in die stimmungsvolle Umgebung von Millennium City ein, einer Supermetropole, die gerade von außerirdischen Invasoren bedroht wird.

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Mit dem Hubschrauber geht es in die Kälte Kanadas, wo die nächsten Opfer auf Rettung warten.
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Klar – wir sind Superheld genug um uns der Bedrohung anzunehmen und die Insektenviecher dorthin zu jagen, wo sie hergekommen sind. Millennium City erklärt uns zum Retter und Helden der Stadt. Stimmungsvoll und tatsächlich nur möglich, weil das Spiel mit unzähligen Instanzen arbeitet. Das macht zwar interessante Geschichten möglich, nimmt der Welt aber massiv das Gefühl aus einem Guss zu sein. Dafür sind die sieben Hauptinstanzen, die jeweils mit unzähligen Unterwelten bestückt sind, ausgesprochen groß.

Solider PvE-Leckerbissen für Rollenspieler und Experimentierfreudige. Trotz kleiner Schwächen im Balancing der perfekte Teaser für Cryptics Star Trek Online.Fazit lesen

Und so tobt man durch die Welten, immer auf der Hatz nach Ruhm und Rang. Dabei verbringt man die meiste Zeit allein. Der Aufbau von Gruppen ist kaum nötig und wenn es dann doch mal etwas größer werden soll, schließt man sich einfach mit einigen Mitspielern zu jenen Events zusammen, die frappierend an die 'Öffentlichen Quests' aus Warhammer Online erinnern.

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Die Welt ist für ein MMO ungewohnt dynamisch und macht schon jetzt Lust auf das heiß ersehnte Star Trek Online, das auf der gleichen Engine basiert.
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Nennenswertes PvP gibt es in Champions Online nicht. Die Scharmützel zwischen Spielern beschränken sich auf eher uninspirierte und relativ unbedeutende Arenakämpfe. Schade eigentlich, denn gerade Superhelden sind doch eigentlich prädestiniert für die Auseinandersetzungen zwischen Spielern. Bevor die Probleme mit dem Balancing jedoch nicht komplett beseitigt sind, macht auch ein bedeutsames PvP wenig Sinn.

Auch beim Crafting muss Cryptic noch nachlegen, denn es wirkt insgesamt unausgegoren und bringt kaum nennenswerte Vorteile mit sich. Wie viele Entwicklerstudios scheint auch Cryptic leider keinen gesteigerten Wert auf einen funktionierenden virtuellen Markt zu legen. Außerdem fehlt es derzeit an einem nennenswerten Spielwert nach Erreichen der Levelgrenze. Durch die unglaubliche Vielfalt der Charaktere ist der Wiederspielwert allerdings höher als bei manch anderem MMO.

Insgesamt wirkt das Spiel schneller als herkömmliche MMOs – konsolengerechter. Das muss es auch sein, denn bald sollen Besitzer der Xbox 360 zu den computerisierten Champions stoßen. Die technischen Voraussetzungen dafür sind längst erfüllt und jetzt hängt es nur noch von Microsoft ab, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die für das Betreiben von MMOs nötig sind. Erfreulich ist es in jedem Fall, dass Cryptic die Zeichen der Zeit erkannt hat und mit dem recht soliden Champions Online als Vorreiter für systemübergreifende MMOs aktiv geworden ist.