Nachdem wir in der vergangenen Ausgabe beinahe wehmütig feststellen mussten, dass die Ära der großen, westlichen Themepark-MMOGs endgültig vorbei zu sein scheint, wollen wir den Blick diesmal lieber wieder nach vorne richten und schauen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben und vor allem, wie die Alternativen aussehen.

Vom Underdog zum Platzhirsch - Asiens neue Rolle

Manch einem wird diese Nachricht nicht gefallen, doch machen wir uns mal nichts vor: Die Zukunft der Onlinespiele liegt in den Händen der Asiaten. Klar - im Westen werkeln ein paar Indie- und Kickstarter-Studios an dem einen oder anderen interessanten Projekt, doch werden die allenfalls bestimmte Nischen bedienen können. Die Masse, das ist mittlerweile offensichtlich, spielt bald asiatisch.

Dabei ist es nicht mal so, dass sich die südkoreanischen und mittlerweile auch chinesischen Studios auf den westlichen Markt stürzen würden - sie halten sich im Gegenteil auffällig zurück. Der Nachfrage allerdings, die vom Westen ausgehend immer lauter wird, kann sich kein asiatischer Publisher auf Dauer verschließen. Die zur Eroberung des Westens nötigen Investitionen zahlt man mittlerweile aus der Portokasse.

Zehn Jahre Misswirtschaft

Das Vakuum, das hier im Westen entstanden ist, haben die hiesigen Publisher hinterlassen, die während der letzten zehn Jahre in der Branche gewütet haben und die von Anfang an nicht verstehen wollten, was ein MMOG wirklich ist. Und das bezieht sich auf zweierlei - das Design ebenso wie das Geschäftsmodell. Sie entwickelten verkappte Solo-Rollenspiele, um zum Release möglichst viele Spieler anzulocken - danach ließen sie das Projekt auf Sparflamme laufen, um noch möglichst lange davon zu zehren.

Dabei wissen wir schon seit Ende der 90er Jahre, dass ein MMORPG kein Produkt ist, sondern eine Dienstleistung. Ein MMO-Publisher hat die einmalige Chance, sich monatlich für einen Service bezahlen zu lassen - sofern er den auch bietet. Und der Service, auf den es ankommt, hat nichts mit technischem Support zu tun. Der Service, den Spieler erwarten, umfasst eine klare Perspektive dazu, wohin sich die Onlinewelt entwickelt. Studios verkaufen also nicht mehr und nicht weniger als einen Traum.

Wiped! - Die MMO-Woche - Wie aus einem Guss

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So schön sie auch manchmal aussehen – Ladebildschirme gehören nicht in MMORPGs.
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Haltet unsere virtuelle Welt sauber!

Einen Traum, der weit über nette Quests, Raids, Dailys und das Sammeln von Achievements hinausgeht - denn für all das muss man kein MMORPG spielen. Es ist der Traum von einer Welt, in der man leben möchte, den nicht nur Veteranen träumen. Eine Welt, deren Grenzen unbedeutend sind, weil keine vorgezeichneten Pfade dort hinführen. Eine Welt, in der es keine Instanzen gibt, kein Phasing - auch das Elemente, die in MMORPGs nichts zu suchen haben - eine Welt aus einem Guss.

Packshot zu Black Desert OnlineBlack Desert OnlineErschienen für PC

Eine Welt, in der man nicht in Fraktionen und die ihnen vorbehaltenen Zonen gezwängt wird. Eine Welt, in der jedes Tun Konsequenzen nach sich zieht, in der Konflikte mit anderen Spielern und deren Gilden ordentlich gelöst werden wollen, weil man sich nicht vor seinen Feinden in einer instanzierten Höhle verkriechen kann.

Black Desert - eine Welt aus einem Guss

Eine solche Welt könnte Black Desert werden. Das südkoreanische MMORPG, das ich schon seit einer ganzen Weile beobachte, durchläuft derzeit die Beta-Phase und erfüllt zumindest theoretisch all jene Voraussetzungen, die ein echter Blockbuster der nächsten Generation erfüllen müsste. Die vielleicht entscheidendste sieht man in einem aktuellen Überflugvideo.

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Das Video ist kein Trick und kein Zusammenschnitt einzelner Clips. Wer die Welt von Black Desert bereist, stößt auf keine Hindernisse, außer denen, die Natur und Umgebung vorgeben. Es gibt keine unangenehmen Ladebildschirme, keine Instanzen. Betritt man eine der zahlreichen, weitreichenden Höhlen, so ist auch die mit dem Rest der Welt verbunden.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Einer Welt, in der man sich dem PvP übrigens nur teilweise entziehen kann. Wer es zu etwas bringen will, wird einer Gilde beitreten müssen und die tritt früher oder später an, um eine der Burgen zu erobern. Dadurch macht sie sich Feinde und Gildenkriege entscheiden darüber, ob sich die Burgherren mit ihrem Machtanspruch nicht übernommen haben.

Die riesige Karte, wie wir sie im Video sehen, erschließt jedoch noch mehr Möglichkeiten als nur territoriale Eroberungen. Unterschiedliche Gebiete bieten ihre eigenen Güter an, die von Spielern gewinnbringend transportiert und gehandelt werden können und wer reiche Beute bei sich trägt, ist potentielles Opfer von Banditen und lukrativer Auftraggeber von Söldnern.

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Flora und Fauna in der riesigen Welt verhalten sich den Umweltbedingungen entsprechend - nachts wird die Reise bedeutend gefährlicher und es wird auch schon mal so dunkel, dass man sich über das Gewitter freut, dessen Blitze einem hin und wieder mal für einen Augenblick höchst eindrucksvoll den Weg leuchten. Und dann wären da noch die Drachen, ebenso mächtige wie unberechenbare Kreaturen, die auch nicht davor zurückschrecken, im Vorbeiflug mal eben friedliche und gut verteidigte Städtchen anzugreifen.

Mit Anlauf auf den Thron?

Ich gebe zu: Ich stand Black Desert anfangs äußerst kritisch gegenüber. Dessen Entwickler hatten mit C9 zwar bewiesen, dass sie technisch ordentlich arbeiten können, doch fehlte diesem Spiel der MMORPG-Anteil komplett. Doch das war offensichtlich fehlenden Ressourcen geschuldet und weniger der Ideenlosigkeit. Ressourcen, die das Team von Pearl Abyss mit C9 schließlich erworben und für Black Desert eingesetzt hat.

Und genau so verfahren derzeit eine ganze Reihe von Studios aus Fernost: Sie erfreuen sich der immensen Gewinne und Erfahrungswerte, die sie mit billigen Lobby-Games und Plagiat-MMOs im Laufe der letzten Jahre angehäuft haben und gehen jetzt dazu über, beides in die Entwicklung von Spielen fließen zu lassen, die nicht nur konkurrenzfähig sind, sondern westlichen Technikern, Designern und hoffentlich auch Managern die Schamesröte ins Gesicht treiben werden.

WildStar Online - das Ende in Sicht

Und während man in Asien endlich an echten Welten arbeitet, bereiten die letzten westlichen Teams, die noch unter dem Banner der Giganten werkeln, ihre mehr oder weniger offensichtlichen WoW-Ableger auf ihre Veröffentlichung vor und hoffen darauf, dass sie nach Release nicht gleich der ersten Entlassungswelle zum Opfer fallen werden.

Vielleicht bereitet sich der eine oder andere Entwickler ja auch schon auf seine Kickstarter-Zukunft vor. Mit WildStar Online allein wird sich ein Studio von der Größe Carbines auf jeden Fall nicht über Wasser halten können - das deutet die Stimmung in den internationalen Communitys schon jetzt an - da können die Entwickler noch so viele Videos raushauen.

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Wobei diese Videos auch nicht gerade dazu beitragen, die Lust auf das Spiel zu wecken. Ganz ehrlich: Heute noch fraktionsbasiertes Instanzen-PvP zu bringen - mit 40 Kämpfern auf jeder Seite, die sich um Flaggenpunkte schlagen - ist vergeudete Arbeitszeit, die man konsequenterweise lieber weiter in den PvE-Teil des Spiels hätte stecken sollen. Wer in der Arena kämpfen möchte, spielt MOBA-Games.

The Elder Scrolls Online – Kampf den Seelenlosen

Derweil kämpft man bei ZeniMax derzeit gegen MMO-Zombies, gemeinhin Bots genannt. Die spammen nicht nur den Chat voll und duplizieren Gold - sie farmen auch, was das Zeug hält, an jedem namhaften Örtchen und sorgen entsprechend für Frust unter den ehrbaren Spielern. Die fordern, dass den Cheatern das Handwerk gelegt wird, doch das ist offenbar nicht so einfach, wie man glauben möchte.

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Man gehe das Problem vom Back-End her an, erklärte Matt Firor jüngst, den die unliebsamen Figuren ebenfalls “wahnsinnig machen”. Doch wer am Back-End herumbastelt, der läuft Gefahr, dass er Fehler macht. Und genau dabei werden dann immer mal wieder ehrbare Spieler vom Bann-Hammer erwischt, die dann in den Foren zusätzlich für eisige Stimmung sorgen.

Von hinten durch die Brust ins Auge

Dabei kommt das Bot- und Farmer-Problem eigentlich nicht unerwartet. Während meines Besuchs im Studio im vergangenen Jahr sprach ich mit Matt Firor ausführlich über diese Problematik und berichtete, welchen Schaden dieser Industrie-Seitenzweig in virtuellen Welten anrichtet. Man sei sich dessen bewusst, versprach mir der Veteran damals und in jeder Hinsicht auf illegale Aktivitäten vorbereitet.

Doch vorbereitet ist bei ZeniMax niemand. Die zahlreichen Bots und Spammer, die ich täglich meldete, botten und spammen weiter und einer der GMs, mit dem ich darüber kommunizierte, wollte partout nicht verstehen, warum ich mich nicht damit zufriedengeben wollte, die Übelwichte auf die ‘Ignore-Liste’ zu setzen. Das Problem von Back-End her anzugehen, hat bislang noch keinem Publisher geholfen. Wenn ein Bot gemeldet wird, muss er sofort überprüft und aus dem Spiel entfernt werden - der Account dazu gebannt.

Das Armutszeugnis

Dieser Vorgang dauert im Normalfall nur wenige Minuten und kein Goldfarmer der Welt kann die Verluste, die er durch die verlorenen Accounts macht, wieder einspielen. Doch die Angst sitzt tief im Unternehmen, dass die Gebannten den Rechtsweg gehen und dadurch noch mehr Kosten verursachen - zudem viele Bot-Accounts auch gehackt wurden. Doch das ist nur ein Grund mehr, warum sie sofort ausgeschaltet werden müssen.

Bei mir ist entsprechend Ernüchterung eingekehrt. Noch immer sind zahlreiche Quests fehlerhaft. Noch immer krankt das ausgesprochen öde Welten-PvP in Sachen Balance und der fehlende Komfort trägt obendrein dazu bei, dass ich Tamriel nur noch sporadisch besuche und auch beim Questen mittlerweile recht demotiviert bin. Angesichts des Anschaffungspreises und der monatlichen Gebühren ein Armutszeugnis für das Spiel.

Star Citizen - Arena Commander

Ein ganz ähnliches Zeugnis stellen einige Spieler auch Star Citizen aus. Unter nahezu jedem Beitrag finden sich Kommentare, in denen man Chris Roberts als Scammer bezeichnet und Star Citizen als Attrappe, die nur dazu diene, Millionengewinne zu generieren, während das Spiel niemals fertig würde. Betrachtet man die Aussagen solcher Verschwörungstheoretiker, fallen ein paar Dinge auf: Sie gehören nicht zur Zielgruppe, haben kein Geld ins Projekt gesteckt und sie verstehen generell nicht, wie Kickstarter-Projekte funktionieren.

Der häufigste Vorwurf ist noch immer, dass Star Citizen noch immer nicht fertig sei - trotz der mittlerweile 42 gesammelten Millionen. Doch Geld, liebe Leute, macht die Entwicklung eines MMOGs zwar entspannter, nicht aber schneller. Mit knapp über 200 Entwicklern läuft das Projekt derzeit mit Höchstgeschwindigkeit - mehr Leute bedeuten am Ende schlicht mehr Probleme.

Dass das Spiel generell keine Attrappe ist, sondern im Kern langsam Form annimmt, hat Chris Roberts aktuell auf der PAX gezeigt - zugegeben, ein paar Abstürze inklusive. Trotzdem wurden die Präsentationen bejubelt und die Fans und Unterstützer haben eher Vertrauen gewonnen als verloren. Wer es nicht glaubt, der schaue ich einfach das folgende Video an, in dem das nächste spielbare Modul vorgestellt wird, das den passenden Namen ‘Arena Commander’ trägt.

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Ausblick

Derweil begebe ich mich an Bord der Boeing 757-200, die mich in den hohen Norden fliegen wird - beyond the wall, wie man in Westeros sagen würde. Dort will CCP nicht nur ein riesiges Monument enthüllen, das die Namen aller Bewohner von New Eden enthält - man wird auch noch unliebsame Entwickler gegen einen Profi der Mixed Martial Arts in den Ring stellen.

Und natürlich wird man verraten, was man so für EVE Online, Dust 514 und EVE: Valkyrie geplant hat - vielleicht gibt es auch erste Infos zur geplanten TV-Serie zu EVE Online. Und dann wäre da noch das eingestampfte World of Darkness, für dessen Scheitern CCP-Chef Hilmar Veigar Pétursson mit Sicherheit persönlich Rechenschaft ablegen wird. Es wird also spannend.