Autor: Oliver Dombrowski

Mit "Archlord", entwickelt von nhn Games, bringen Codemasters das nächste MMORPG aus Asien nach Europa. Genau das Richtige für alle Spieler mit Karriereproblemen, denn in "Archlord" könnt ihr euch zum Herrscher über euren Server aufschwingen. Doch reicht eine innovative Idee aus, um ein gutes Spiel zu machen? Wir haben uns nach Chantra begeben, um nach der grausamen Wahrheit zu suchen.

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Lord of the Babelfish
Bereits nach zwei Monaten Beta-Phase stand das MMORPG mit Diktator-Ambitionen in den Händlerregalen. Seit dem 6. Oktober tummeln sich viele mutige Krieger aus insgesamt drei verschiedenen Fraktionen auf Chantra. Spielbar sind Menschen, Mondelfen und Eichen… Moment… Eichen!? Richtig gelesen: Die erste dicke Überraschung gibt's schon bei der Charaktererstellung.

Archlord - Wenn Orks zu Eichen werden und mit Kätzchen schmusen. Sinn und Unsinn eines MMORPG.

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Ar(s)chlord !?
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Man möchte eigentlich meinen, Übersetzungssoftware käme nur bei Webseiten zum Einsatz. Falsch gedacht! Die Idee, das Wort "Orc" mit "Oak" zu verwechseln, um daraus "Eiche" zu machen, kann einfach keinem Säugetier aus der Ordnung der Primaten entsprungen sein. Neben anderen schwerwiegenden Sprachmacken (wie die Möglichkeit, seine Gegner "ausbeinen" zu können) sind teilweise ganze Absätze unlesbar, denn nach Umlauten wird der anschließende Buchstabe nicht dargestellt. Da kann es schon mal passieren, dass der Questgeber darum bittet, eine "Höle zu plüdern".

Abgesehen von diesen bestenfalls als gewagt zu bezeichnenden sprachwissenschaftlichen Fehlversuchen ist "Archlord" bisher nur - wenn überhaupt - zur Hälfte übersetzt worden. Da bleiben Kopfschmerzen sicher nicht aus.

Individualismus wie bei Onkel Stalin
Doch neben den Sprachschwächen, bei denen selbst Schüler der PISA-Generation rot anlaufen würden, gibt es noch viel mehr "Interessantes" über die Charaktererstellung zu berichten. So bleibt beispielsweise die Wahl eines Geschlechts für den eigenen Avatar verwehrt! Diese richtet sich, getreu unserer emanzipierten Gesellschaft, nach der Wahl euer Klasse.

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Huch! Jetz ist mir doch glatt die Kamera herunter gefallen…
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Menschen und Orks - Verzeihung: Eichen - müssen sich zwischen drei Klassen entscheiden, während den Mondelfen nur zwei Klassen gestattet sind. Menschen-Ritter und Ork-Berserker sind natürlich immer männlich. Probleme dürften nur die Mondelfen bekommen, denen die Gunst der Fortpflanzung scheinbar nicht gegönnt ist. So sind beide Mondelfenklassen - Waldläufer und Elementarmagier - immer weiblich.

Woran das liegen mag? Vielleicht sollen auf diese Weise Zeit und Arbeitskraft gespart werden, die ansonsten in Ausrüstungsvielfalt hätte investiert werden müssen. Doch auch das bleibt angehenden Archlords verwehrt. Je nach Rasse und Klasse kann man sich beim entsprechenden NPC mit exklusiv entworfenen Rüstungssets eindecken. Und von denen gibt es, so viel nehmen wir vorweg, nicht sehr viele!

Individualismus ist in "Archlord" also nicht angesagt. Selbst Frisuren und Gesichtszüge sind bei der Erschaffung eures Helden spärlich gesät. Dabei könnt ihr nicht mal die Farbe eurer strohigen Kopfbedeckung wählen.

Können Orks auch lieben?
Das Großartige an MMORPGs ist, dass sie durch die Vielzahl an Spielern und der Größe der Welten sehr lebendig und glaubhaft wirken können. Normalerweise! Die Welt von "Archlord", eher gesagt ihr Design, ist wohl alles andere als authentisch. Irgendwie wirkt alles zusammengeschustert und künstlich, beinahe schon willkürlich.

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Orkze woll'n da Katzn mampfn! Waaagh!!!
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So gibt es zum Beispiel in der Heimatstadt der Orks überall verstreut putzige Katzen, die miteinander spielen. Man stelle sich mal vor! Orks, die tödlichsten Kampfschweine der Fantasywelt, leben in einer vom Krieg gezeichneten, halb zerstörten Burg. Überall hängen Waffen und Körperteile an Haken herum, Schreie vom Schmerz gezeichnet hallen durch die Gassen, und Lachen voll Blut ergießen sich quasi an jeder Ecke - und daneben: putzige, verspielte Kätzchen! Geht das?

Doch damit dem Unsinn nicht genug! Praktisch überall stehen unbeaufsichtigt offene Kisten prall gefüllt mit Gold herum, an denen man sich nicht bedienen kann. Das ist in etwa so, als hätte man vor sich einen Koffer mit dem letzten Lotto-Jackpot stehen, kann ihn aber nicht nehmen, weil der Koffer schizophren ist und sich für einen Stein hält.

Zusammen mit dem Umstand, dass es keine Eröffnungssequenz, keine Einleitung in die Geschichte oder etwas Ähnliches gibt, dürfte das Abtauchen in die Fantasywelt etwas holprig vonstatten gehen.

Bin ich betrunken oder ist die Tastatur kaputt?
In "Archlord" wird der Charakter per Mausklick oder WASD-Konfiguration bewegt. Wir machen's kurz: Das Kontrollsystem ist schlicht irritierend und unbrauchbar. Höchstwahrscheinlich trägt die schlechte Kollisionsabfrage dazu bei, dass der Avatar des Öfteren ungewollt auf Wanderschaft geht und an praktisch jeder Ecke hängen bleibt (manchmal sogar IN der Ecke).

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Da hat wohl jemand die Texturen vergessen!
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Wegfindungsroutinen scheinen auch nicht gerade die Stärke asiatischer MMOs zu sein. Umwege, die letztendlich in riesigen Mobs von Gegnern enden, sind da noch das kleinste Problem. Die Steuerung des Korea-Imports als "schwammig" zu bezeichnen, würde der Sache kaum gerecht werden. Vielmehr sollte vom "Spongebob" unter den schwammigen Steuerungen die Rede sein.

Wenn Texturen mal Mittagspause machen...
Immer wieder gibt es mitunter schwerwiegende Grafikfehler in "Archlord". Zwar werden diese mit steigenden Grafikqualitäts-Einstellungen proportional geringer, jedoch kann dies kaum Sinn der Sache sein. So trifft man während seiner Reisen durch Chantra auf Gegner, denen jegliche Textur fehlt. Man hat beinahe das Gefühl, den Kampf um den Titel des Archlord direkt in den Entwicklerstudios auszutragen.

Das Charakterdesign ist hingegen, trotz Rassen- und Klassenarmut, sehr detailreich. Kurze Röcke, dicke Schwerter und süße Outfits ziehen den Karren ein großes Stück aus dem Dreck. Animationen und Effekte sind durchaus gelungen und mindestens auf dem Niveau führender Konkurrenzprodukte. Hier gibt es so gut wie nichts zu bemängeln.

Michael Jackson wird Archlord?
Was die Anbindung betrifft, setzt "Archlord" als Minimum eine Breitband-Internetverbindung mit 512kbps oder mehr voraus. Das ist nicht gerade wenig. Doch selbst wenn man diese horrende Voraussetzung erfüllen kann, bleiben Lags und Position-Bugs nicht aus. Dabei sind die zurzeit zur Verfügung stehenden zwei Server nur geringfügig mit Archlord-Nachwuchs gefüllt.

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Achtung! Hinter dir ist ein… Was zum Teufel ist das!?
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Oftmals wird durch die scheinbar schlechte Anbindung der Server ein lustiger Fehler produziert, bei dem die gesamte Bevölkerung Chantras das Gehen verlernt: Jegliche Bewegungsanimation verabschiedet sich, und jeder läuft, als stünde er auf einem Fließband - manchmal sogar Rückwärts! Anfangs mag es noch zum Schießen komisch aussehen, wenn Spieler wie Michael Jackson im Moonwalk durch die Gegend rennen. Mit steigender Spielzeit nervt das aber gewaltig.

Licht am Ende des Tunnels?
Hinter all den Gameplay-Macken verbirgt sich dennoch ein Spiel mit großem Potenzial. Die Idee rund um den Archlord ist innovativ und kann überzeugen. Der Reiz, über den kompletten Server zu herrschen, ist ohne jede Frage verlockend. Schließlich verspricht die Jobbeschreibung als Gottkaiser von Chantra eine Menge cooler Optionen, beispielsweise die Möglichkeit, über das Wetter zu gebieten!

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Nette Animationen lassen über andere Fehler ein wenig hinweg sehen…
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Auch Soundtechnisch beeindruckt "Archlord" - bis auf wenige kleine Ausnahmen. Immerhin wurde für den Soundtrack eigens das London Symphony Orchester engagiert. Mängel gibt es nur bei der Sprachausgabe. NPCs wiederholen ständig eintönige Sätze, als hätten sie eine Schnur am Hintern, an der sie ständig jemand aufziehen würde.

Die Reaktion der Gegner auf einen Hieb mit einer Waffe könnte ebenfalls weitaus realistischer ausfallen. So begegnet man im Spielverlauf zum Beispiel Hirschen, die nach einem Treffer seltsam zu gurren anfangen. Das ist nicht nur irritierend, sondern ehrlich gesagt auch ein wenig beängstigend. (Anm. des Autors: An dieser Stelle kramte ich "Deer Hunter" aus dem Regal und schoss verstört und unter Tränen auf alle Hirsche, die mir über den Weg liefen).