“Keine Tricks, keine Fallen!” Damit wirbt Trion Worlds und verspricht seinen Spielern faire Free-To-Play-Konzepte. In der Praxis allerdings bedient man sich dann doch gewisser Kniffe, die zumindest auf den ersten Blick dem ehrbaren Motto zu widersprechen scheinen. Wer ArcheAge ernsthaft spielen möchte, wird auf jeden Fall in die Tasche greifen müssen.

ArcheAge - Erwartungen übertroffen

Wenn Firmenchefs große Sprüche klopfen, sollte man für gewöhnlich vorsichtig sein. Auch und insbesondere dann, wenn es sich um Scott Hartsman handelt, der im Laufe von zwei Jahren eine Drehung um 180 Grad hingelegt, sich dabei mehrfach selbst komplett widersprochen hat und über Nacht und vom Abo-Befürworter zum Free-To-Play-Prediger geworden ist.

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Eines jedoch kann man Hartsman glauben: ArcheAge hat schon jetzt selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen, denn einen solchen Zuspruch hatte man beim Publisher von Rift und Defiance absolut nicht erwartet. Die Alpha läuft auf Hochtouren und trotz der derzeit noch sündhaft teuren Zugänge ist die aktive Spielergemeinde schon jetzt größer als bei den meisten kostenlosen Titeln. Und sie ist bis jetzt auch recht zufrieden mit dem Spiel. Es sieht also gut aus mit ArcheAge, so scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Wirklich ohne Tricks und Fallen?

Tatsächlich jedoch ist eine Grundsatzdiskussion um den Titel und dessen Geschäftsmodell entbrannt, das Scott Hartsman nach wie vor als Free-To-Play bezeichnet. Immerhin wird der Einstieg kostenlos sein und der Spieler wird auch nicht an allen Ende und Ecken gegen offensichtliche Wände und Schranken anrennen, die ihm zeigen, was er alles nicht kann. Ein Spiel “ohne Tricks und Fallen” also, wie man es sich bei Trion Worlds auf die Fahnen geschrieben hat.

Dabei geht man bei Trion World recht gerissen vor, verzichtet auf den Verkauf von Komfort und offensichtlichen Stärkevorteilen, wie man das noch von der ersten F2P-Generation her kennt. Stattdessen gewährt man dem kostenlos Spielenden des Gefühl, das komplette Spiel genießen zu können und bedient sich jener Elemente, mit denen die Hersteller von Browsergames fett geworden sind: Man verkauft Zeit.

Die Herren der Zeit

Im Fall von ArcheAge wird es zwar als Labor bezeichnet, als Arbeitskraft, doch letztlich handelt es sich um nichts anderes als Zeit. Labor Points sind neben Mana- und Lebenspunkten ein dritter Pool, der sich mit der Zeit wieder auffüllt - im Normalfall um einen Punkt in fünf Minuten. Labor braucht man vor allem zum Craften, zum Sammeln, für den An- und Aufbau - ob es sich nun um Pflanzen, Häuser oder Schiffe handelt. Generell gilt: Je größer das Bauvorhaben, desto höher die Labor-Kosten.

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Der Zugang zu ArcheAge wird kostenlos sein. Doch irgendwann beginnt das Warten auf Arbeitskraft.
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In der Praxis bedeutet das: Wer den wichtigsten Teil von ArcheAge genießen will, braucht Labor Punkte. Und mit einem generierten Punkt pro fünf Minuten eingeloggtem Spiel, wird jeder früher oder später auf dem Trockenen sitzen und ausrechnen müssen, ab wann man denn nun wieder zum virtuellen Hämmerchen greifen kann. Bei einem Browsergame mag das noch zu ertragen sein - bei einem MMORPG hingegen dürfte das selbst geduldigen Spielern schnell den letzten Nerv rauben.

Die Zwei-Klassen-Gesellschaft

Und so wird wohl jeder, das ArcheAge ernsthaft spielen möchte, früher oder später zur Kreditkarte greifen und ein Abo abschließen, das ihm einen Labor-Punkt pro Minute beschert und sie auch aufladen lässt, wenn man gerade nicht im Spiel eingeloggt ist. Während sich also ein kostenlos Spielender mit 288 Labor pro Tag bei erhöhten Stromkosten abfinden muss, schöpfen Abonnenten mit 1440 Labor pro Tag aus dem Vollen und können zudem das freie Housing nutzen, um sich ein Bettchen zu zimmern, das die ganze Labor-Geschichte noch eine Nummer effizienter macht.

Packshot zu ArcheAgeArcheAgeRelease: PC: 2014

Immerhin darf man sich von Spielern, die über Labor verfügen, helfen lassen, was aller Voraussicht nach für Multi-Boxing und eine rege Betriebsamkeit in der Welt sorgen wird - eine durchaus willkommene Nebenwirkung für Trion. In letzter Konsequenz allerdings schafft der Publisher eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die zahlende Kundschaft eben doch komfortabler spielt, schneller zu Erfolgen kommt und damit mächtiger wird als der arme Rest. “Pay to win” also - wenngleich als “pay or wait” clever versteckt.

Was auch immer Trion behauptet: ArcheAge wird ein Abo-Spiel

Dabei habe ich eher ein Problem mit der Vermarktung als mit dem Konzept an sich. ArcheAge ist das wohl komplexeste MMORPG auf dem Markt und hat es aller Voraussicht nach verdient, Gewinne zu generieren. Jedoch sollte man der Free-To-Play-Community keine falschen Hoffnungen machen, denn deren Spieler werden es sein, die in dem offensten Themepark aller Zeiten ständig an Grenzen stoßen werden.

ArcheAge, das übrigens vom 17. bis zum 21. Juli in die Closed-Beta-Runde einsteigt, ist im Kern ein waschechtes Abo-MMOG. Sein Free-To-Play-Modus ist eine nette Demonstration dessen, was das Spiel so bietet - nicht mehr und nicht weniger. Möglicherweise wird es der eine oder andere gewitzte Spieler irgendwann auch schaffen, sich sein Abo durch die Behelfswährung APEX zu erhandeln - um dorthin zu gelangen, wird er die Monatsgebühr jedoch schon einige Male abgedrückt haben müssen.

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Am Anfang war PLEX. Bis man sich die Pilotenlizenz allerdings tatsächlich im Spiel erfarmen kann, muss man ein paar Monate bezahlt haben.
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Und genau in diesem Punkt scheiden sich die Geister innerhalb der MMOG-Community einmal mehr, denn während man sich in der Free-To-Play-Liga darüber aufregt, dass man keine Chance haben wird, bei ArcheAge mitzuhalten, sind die Abo-Befürworter ganz entspannt und glücklich. Für sie gilt Trions Motto in der Tat. Sie können ArcheAge unbekümmert und in vollem Umfang genießen - eben ganz ohne Tricks und Fallen.

Ist Free-To-Play am Ende?

Dabei ist die Wahl des Geschäftsmodells für ArcheAge wahrscheinlich ein Kompromiss, den man bei einem MMOG eingehen muss. Während sich die hochwertigsten Arena- und MOBA-Games mit Sicherheit am ehesten komplett kostenlos betreiben lassen, indem sie auf den Verkauf reiner Kosmetik setzen, wird man eine Onlinewelt wie ArcheAge auf diesem Wege nicht finanziert bekommen.

Für viele Experten steht mittlerweile fest: Free-To-Play wird als Geschäftsmodell für MMOGs nicht mehr lange funktionieren können. Es setzt darauf, dass ein paar Spieler die immensen Kosten schultern, weil die Masse, die ohnehin gar kein großes Interesse an diesem Titel hat, nichts investieren wird. Das hat zur Folge, dass die Entwickler, die eigentlich Spielspaß generieren sollten, stattdessen immer neue, clevere Methoden finden müssen, die Core-Spieler auszupressen.

Lasst doch einfach die Katze im Sack

Letztere jedoch haben das Konzept längst durchschaut. Sie sind gefrustet und nicht länger bereit, ihr Geld in Spiele zu investieren, die ihnen nach oben hin immer mehr abverlangen und immer weniger bieten. Ein Abo-Game, da sind sich Spieler, die Hunderte von Euro in einen drittklassigen Titel gesteckt haben mittlerweile einig, ist da die angenehmere Variante. Doch was ist mit dem damit meist verbundenen Anschaffungspreis?

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Die Nachfrage nach ESO und WildStar hat gezeigt: Anschaffungspreis plus Abo sind ein Auslaufmodell.
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Auch der ist ein Auslaufmodell und wird sich auf Dauer nicht halten können. Weder NCSoft noch ZeniMax scheinen mit ihren jüngsten MMOG-Verkäufen sonderlich zufrieden. Zu groß ist die Hemmschwelle, nach all den schlechten Erfahrungen noch die Katze im Sack zu kaufen und sie dann auch noch ständig füttern zu müssen.

Abzocke geht anders

Der Idealfall ist in der Tat ein Spiel, bei dem man mit einem Abopreis irgendwo unterhalb von 15 Euro abgesichert ist. Ein Spiel, bei dem jeder fair behandelt wird und den kompletten Inhalt bekommt. Ein Spiel, bei dem man nicht ständig neidisch gemacht wird auf das, was andere haben oder können. Umso besser, wenn dieses Spiel dann noch frei zugänglich ist, der Einstieg entsprechend unverbindlich.

Trion Worlds kann man durchaus vorwerfen, dass sie mit nicht ganz offenen Karten spielen, was die wahre Natur des Geschäftsmodells hinter ArcheAge betrifft. Doch durchdenkt man es ein wenig, ist es genau dieses Modell, das sich die Spieler immer gewünscht haben - kein Anschaffungspreis und überschaubare Kosten auf Taschengeldniveau.

Ausblick

Und hätte mir ein Blitzschlag am Donnerstag nicht die komplette Telefonanlage zerbröselt, hätte ich bereits ein Telefonat mit Trions CEO Scott Hartsman zu genau diesem Thema geführt und wüsste, was sich sonst so in der Branche ereignet hat. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben - in der nächsten Woche verfüge ich sicherlich wieder über eine Verbindung zu Außenwelt und Internet. Dann bekommt ihr auch wieder die gewohnte Wochenübersicht zu lesen. Bis dahin euch allen frohes Zocken. Doch seid bitte schlauer als ich und zieht die Stecker, wenn ein Sommergewitter naht!