Nachdem Trion Worlds 2011 mit Rift einen der geschmeidigsten Starts in der Geschichte der MMOGs hingelegt hatte, folgte mit ArcheAge jüngst der absolute Release-GAU. Was die DDoS-Attacken an Server-Ressourcen zum Start übrig ließen, wurde von den Spielermassen niedergemäht. Die erste Woche ging so gut wie gar nichts. Mittlerweile jedoch scheint Trion die Probleme in den Griff bekommen zu haben. Es gibt neue Server und die Wartezeiten halten sich auch im Rahmen. Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Wenn ein MMOG aus Asien bei uns in Europa aufschlägt, ist das selten ein Grund zur Euphorie. Zu viele reine Blender ohne jede Form von Innovation oder Tiefgang haben wir gesehen, die nur darauf ausgelegt sind, das schnelle Geld zu machen. Die wenigen nennenswerten Ausnahmen stammten zumeist vom südkoreanischen Publisher NCSoft, dessen Geschichte bis weit vor die Zeit zurückreicht, in der das Themepark-Genre plötzlich begann, die vergleichsweise junge Branche gewaltsam umzukrempeln.

Ultima Online 2.0

Am 03. September 1998 nämlich, zu einer Zeit, in der man in Deutschland noch sündhaft hohe Preise für eine Minute im Internet zahlen musste, veröffentlichte ein junger, zielstrebiger Entwickler nach Nexus: Kingdom of the Wind sein bereits zweites MMORPG. Es trägt bis heute den Namen Lineage und den Publisher NCSoft seither gleich mit. Immerhin spielte es bis dato fast zwei Milliarden Dollar ein und ist damit eines der erfolgreichsten Spiele, die jemals veröffentlicht wurden.

ArcheAge (Test, Teil 2) - Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

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Lineage, aus der Feder von Jake Song, ist bis heute eines der lukrativsten Spiele und finanzielle Säule von NCSoft.
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Mit Lineage orientierte sich Jake Song ganz klar an Ultima Online und schaffte es auch bald, das Vorbild in Sachen Komplexität und Erfolg zu überholen. Kein Wunder, hatte zwischenzeitlich doch Electronic Arts das Ruder bei Origin übernommen. Richard Garriott hatte in diesem Zusammenhang dort das Handtuch geworfen und sich bei NCSoft eingekauft, weil er dort offensichtlich großes Potential ausmachte.

An dieser Stelle vielen Dank an Frau Song!

Wann Jake Song dann konkret die ersten Pläne schmiedete, auf eigene Faust ein neues MMOG zu basteln, weiß wohl niemand außer ihm selbst genau. Irgendwann, so bekannte er einmal in einem Interview, sei er zu Hause seiner Frau auf den Wecker gegangen, weil er den ganzen Tag nur gezockt habe. Und so habe er beschlossen, sich wieder ein Büro zu mieten und ein neues Spiel zu entwickeln.

Packshot zu ArcheAgeArcheAgeRelease: PC: 2014

2011 war ArcheAge dann plötzlich überall Thema. Und anders als bei Lineage interessierte sich plötzlich auch der Westen für das Projekt. Immerhin traute man Jake Song zu, dass er sein Handwerk zwischenzeitlich nicht verlernt haben würde. Zudem lag die Hoffnung aller Sandbox-Fans auf dem Projekt, denn Themepark-MMOs waren in der Zwischenzeit wahrlich genügend aufgeschlagen.

Die falschen Weichen gestellt

Doch eine reine Sandbox sollte ArcheAge, das stellte Jake Song von Anfang an klar, gar nicht werden. Eher war es als Bindeglied gedacht, teils Oldschool-Themepark, teils moderne Sandbox - mit den besten Elementen beider Welten. Da lag es wohl nahe, auch gleich den passenden Namen für das neue Hybrid-Genre zu erfinden: Der Sandpark war geboren.

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Als ArcheAge nach einigen Testrunden dann im Januar 2013 in Südkorea startete, war die Fangemeinde zuerst begeistert, dann enttäuscht über dieses und jenes. Das Entwicklerteam suchte nach Ursachen und befand, dass man ArcheAge mehr in Richtung Themepark rücken und kostenlos anbieten müsste. Eine Fehleinschätzung, wie sich bald herausstellte, denn ArcheAge rutschte mit den Veränderungen in Südkorea immer weiter ab. Entsprechend ebbte auch die Nachfrage aus dem Westen ab.

Alte Hoffnung neu entfacht

Nun sind die Spielerzahlen, die Publisher oder Analysten zählen, kaum ein brauchbarer Indikator für die Qualität eines Spiels, zudem der Geschmack der Masse von Nation zu Nation doch höchst unterschiedlich ausfallen kann. Mit dem Release in China erntete ArcheAge plötzlich wieder gigantischen Zuspruch. Ähnlich sah es in Russland aus. Und im Westen?

Hier stand Trion Worlds bereits seit Ewigkeiten in Verhandlungen mit XLGames und arbeitete nun parallel zu den chinesischen und russischen Publishern an der Lokalisierung. In der Zwischenzeit ließ man die eine oder andere Alpha- und Beta-Runde laufen, brachte schon mal ein paar Vorab-Pakete für teuer Geld an den Fan und bemerkte offenbar gar nicht, was da in der Community vor sich ging. Dort war nämlich die alte Begeisterung für die letzte Sandbox-Hoffnung neu entfacht.

Wochen in der Warteschleife

Und so geschah, was Kritiker schon vorab hatten kommen sehen: Trions Technik war nicht auf den Ansturm vorbereitet, der zum Release losbrach. Es gab zu wenig Server und zu wenig Kapazitäten. Die Webseiten waren unausgegoren und ließen wichtige Funktionen missen. Auch der Support war offenbar noch nicht vollzählig angetreten. Die Wartezeiten vor den Servern beliefen sich zeitweise auf mehr als zehn Stunden und wenn der gewünschte Server zwischenzeitlich abrauschte, begann das Warten ganz von vorne. So ging das beinahe zwei Wochen.

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Trion hat den Start ordentlich versemmelt. Wartezeiten von bis zu zehn Stunden waren in den ersten Wochen keine Seltenheit.
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Mittlerweile jedoch hat Trion aufgerüstet und Mechaniken eingerichtet, die inaktive Charaktere schneller aus dem Spiel befördern. Die Wartezeiten sind nicht mehr der Rede wert und wenngleich man noch immer weitgehend ohne Support auskommen muss, spricht nichts dagegen, ArcheAge mal auszuprobieren. Das Spielvergnügen ist nämlich kostenlos - wenn auch nicht uneingeschränkt. Doch dazu später mehr.

Gut gemeint, schlecht umgesetzt

Der Client ist auf jeden Fall nicht nur kostenlos, sondern auch noch ausgesprochen leichtgewichtig. Mit nicht einmal neun Gigabyte ist er schnell geladen, braucht aber eine Weile, bis er sich auf 23 Gigabyte entpackt hat. Damit ist er jedoch noch immer bedeutend kleiner als der aktuelle südkoreanische Client - allerdings ist man dort auch schon ein paar Updates weiter. Unschön ist die Anbindung an Trions eigene Plattform Glyph sowie der Einsatz von Hackshield, die in der Praxis leider mehr Probleme schaffen als Nutzen bringen.

Ist man dann mal im Spiel angekommen, wartet die obligatorische Charaktererstellung mit allerlei vorgegebenen Möglichkeiten, die sich nach Herzenslust verfeinern lassen. Das gewünschte Gesicht zu erschaffen, ist also möglich - den gewünschten Körper allerdings nicht. Hier lässt ArcheAge absolut keinen Spielraum, was allerdings verschiedenen Mechaniken im Spiel geschuldet ist und weniger der Faulheit der Entwickler.

Alles geht

Wobei diese Vermutung spätestens dann noch einmal aufkommen mag, wenn man sich zwischen jeweils zwei Rassen auf einem von derzeit noch zwei Kontinenten entscheiden muss - ein dritter soll innerhalb weniger Wochen hinzukommen. Während Nuian und Harani menschenähnlich sind, erinnern die Firran an Katzen und die Elfen - nun, da kann man sich eine Erklärung wohl schenken. Wichtig zu beachten sind eigentlich nur die unterschiedlichen Passiv-Skills.

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Wer sich ins feuchte Nass begeben möchte, sollte darüber, einen Elfen zu spielen. Er bringt dafür praktische Passiv-Skills mit.
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Was die aktiven Skills betrifft, so gibt es in ArcheAge zehn Skillsets, die sich beliebig zu insgesamt 120 Dreier-Kombinationen zusammenführen lassen, die eine Klasse definieren. Genial ist das vor allem deswegen, weil das Spiel erlaubt, sämtliche Kombinationen auf einem Charakter zu erlernen und nach Belieben zu wechseln. Hier gibt es jede Menge Raum für Experimente.

Aus dem Weg!

Steht man dann mit beiden Beinen in der virtuellen Welt fühlt man sich insbesondere als MMOG-Veteran sofort heimisch. Die komplette Benutzerführung ist an südkoreanischen Standards angelehnt und höchst eingängig - sofern man nicht einer der wenigen verbliebenen Inverted-Mouse-Spieler ist. Wer es möchte, darf sogar auf Point-&-Click-Steuerung umstellen - beim Farmen durchaus bequemer.

Der gravierendste Unterschied zu den meisten MMOGs der letzten Jahre ist die Kollisionsabfrage. Und während es tatsächlich Spieler gibt, die darüber schimpfen, weil sie sich von ihren im Weg stehenden Mitspielern belästigt fühlen, wurde mir wieder bewusst, wie wichtig eine Kollisionsabfrage nicht nur für die Glaubwürdigkeit einer virtuellen Welt ist, sondern auch für gewisse Spielmechaniken, die eben nicht umsetzbar sind, wenn man durch andere Spieler und Gegenstände hindurchrennen kann.

Kompromiss für Themepark-Fans

Bei Gegenständen macht das insbesondere immer dann einen gewaltigen Unterschied, wenn sie in Bewegung sind. Davon gibt es eine ganze Menge - und zwar zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Es gibt beispielsweise öffentliche Transportmittel wie Luftschiffe oder Kutschen, die längere Distanzen überbrücken und auf die man unkompliziert aufspringen kann. Nützlich ist das vor allem, wenn man Handelspakete auf dem Rücken hat - doch dazu später mehr.

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Wer möchte, kann die 50 Level nach oben mittels Quests bestreiten. Die sind nicht besser oder schlechter als der Genre-Durchschnitt und laden zum Wegklicken ein.
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Der Content, dem der Spieler in ArcheAge zuerst begegnet ist trotz des Sandboxanteils übrigens nahezu mit jedem gewöhnlichen Themepark-MMO identisch. Man hangelt sich von einem Quest-NPC zum nächsten, erfüllt Aufgaben, die von ganz witzig bis hin zu vollkommen unsinnig reichen. Vertont und mit einer einfachen Animation unterlegt sind in ArcheAge lediglich einige Völker-Quests. Der Rest kommt als schnöder Text daher. Das ist weder innovativ noch spannend, kann aber auch komplett umgangen werden, wenn man sich gleich in die Sandbox stürzen will.

Der Aufstieg ist mühsam - der Abflug ein Genuss

Gekämpft wird übrigens ganz klassisch mit Target-Lock. Da sich die meisten Skills allerdings auch in der Bewegung ausführen lassen, wirkt das nicht ganz so statisch wie bei manch anderem Genre-Vertreter. Trotzdem hätte ich mir einen Hauch von TERA in der Steuerung von ArcheAge gewünscht. Für reichlich Action sorgt derweil die Möglichkeit, Pet, Reittier und Fluggerät mit in den Kampf einzubinden.

Ach ja - das Fluggerät! Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, verpasst ArcheAge ein Gefühl von Größe und Dynamik, wie ich es bislang in keinem anderen MMOG erlebt habe. In Kombination mit den gewaltigen Landschaften, die weit weniger gestaucht wurden als bei MMOGs üblich, erwische ich mich immer wieder dabei, auf die höchsten Berge zu klettern, die höchsten Türme, um dann dem nächsten Ziel entgegensegeln zu können. Und während mancher Spieler die Flugsteuerung als träge bezeichnet, empfinde ich sie als angenehm realistisch.

Wo kein anderes MMOG ArcheAge das Wasser reichen kann...

Ähnlich sieht das mit den Schiffen aus, deren Steuerung gelernt sein will. Die Schiffe sind in ArcheAge nicht nur Staffage, sondern tatsächlich ein wichtiges Fortbewegungsmittel - insbesondere für Gruppen. Das Ruderboot gibt es noch als Questbelohnung, größere Schiffe müssen mühsam gebaut werden. Vom Klipper über Handels- und Fischerboote bis hin zu Kriegsschiffen ist schon jetzt die Auswahl üppig und weitere Kähne sind in Arbeit.

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Zusätzlich aufgewertet wird die Seefahrt durch das Wasser. Hier sprengt XLGames ganz klar jeden bislang aus MMOGs gekannten Rahmen. Das feuchte Nass sieht nicht nur genial aus und bietet alle erdenklichen Spiegelungen - es bietet auch noch den entsprechenden Wellengang, der kleine Objekte im Wasser nicht unbeeinflusst lässt. Dazu kommt eine komplette Unterwasserwelt mit allerlei Schätzen, Unterwasserfarmen und Meeresbewohnern, darunter auch krasse Bosse.

Teil 2 - Sechs Wochen und kein Ende in Sicht

Sechs Wochen sind seit dem äußerst holprigen Start von ArcheAge ins Land gegangen. Sechs Wochen, in denen ich mich, ungelogen, jeden Tag intensiv mit dem Spiel beschäftigt habe. Intensiver auf jeden Fall als mit irgendeinem MMOG der letzten Jahre. Höchste Zeit also für den zweiten und vorletzten Teil unseres großen Testberichts.

Während der letzten Wochen habe übrigens nicht nur ich in ArcheAge geackert - auch die Leute von Trion Worlds waren fleißig. Nennenswerte Wartezeiten gibt es nicht mehr und auch die Probleme bei der Account- und Abo-Verwaltung scheinen beseitigt. Der Support tritt offen in Erscheinung, meldet sich ab und an auch in Eigeninitiative zu Wort - sogar auf den Servern selbst.

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Der Clipper ist nach dem Ruderboot das kleinste Schiff in ArcheAge – jedoch auch das schnellste.
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GM Taakaze und Co - durchgeknallt, aber durchaus konsequent

Zwar fragen sich die Spieler bisweilen, wie viel Alkohol ein GM im Blut haben muss, bevor er eine der bisweilen äußerst skurrilen Meldungen in Grün veröffentlichen darf - insgesamt wird das Wirken selbst extrovertierter GMs wie Taakaze von der Community jedoch begrüßt. Immerhin schaufelt das Team jeden Tag Tausende von Bots, Farmern und Cheatern von den Servern.

Und der Publisher geht dabei sogar noch einen Schritt weiter als die meisten anderen Studios. In den letzten Wochen wurde regelmäßig auch das Gold gelöscht, das Spieler über illegale Quellen bezogen hatten. Die Enteigneten meldeten sich anfangs noch lautstark in Chats und Foren zu Wort, um sich über goldfressende Bugs in ArcheAge zu echauffieren, gestanden damit unfreiwillig ihre Sünden und machten sich zum Gespött der Community. Der Punkt geht auf jeden Fall schon mal an Trion.

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Ein solches Handelschiff kann 20 Handelspakete transportieren. Ein ordentlicher Gewinn – wenn man heil im Hafen ankommt.
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Folge dem weißen Kaninchen

Und dieses harte Vorgehen ist wichtig. Zwar ist ArcheAge nur bedingt ein Sandbox-MMOG, doch auch hier kommt es darauf an, dass die Welt glaubwürdig und ausgewogen bleibt. Farmer, Cheater, Botter, Goldseller und vor allem deren Kunden sind eine Gefahr für die Existenz eines solchen Spiels und ein hartes Durchgreifen der GMs unabdingbar. Sonst würden die vielen Tätigkeiten, die man in ArcheAge verrichten kann, keinen Sinn mehr machen.

Und tatsächlich bietet ArcheAge Möglichkeiten, von denen man in anderen MMOGs nur träumen kann - sofern man bereit ist, vom üblichen Quest-Pfad abzuweichen. Den gibt es nämlich auch hier und wie in jedem modernen Themepark führt einen dieser Pfad durch die Welt und bis zur Stufe 50 - übrigens völlig kostenlos.

Free-To-Play oder Abzocke?

Diese Diskussion wurde vorab hitzig geführt und das wird sie noch immer. Ist ArcheAge kostenlos oder nicht? Die Antwort ist einfacher, als es bisweilen scheint: Der Themepark-Teil von ArcheAge ist komplett kostenlos - der Sandbox-Teil ist es nicht sofort. Wer ohne zu zahlen spielt, sollte vorerst nicht vom Quest-Pfad abweichen.

Stattdessen sollte er seinen Charakter brav auf Level 50 bringen, in der Region Hasla eine ordentliche Waffe farmen und sich dann in den Heulenden Abgrund stürzen - eine 50er-Instanz, in der man ein Rüstungsset bekommt. Der Ablauf, ihr merkt es sicher schon, entspricht zu 100 % einem Themepark-MMOG.

Fairer noch als EVE Online

Wer hingegen sofort ins Crafting einsteigen oder sich mit einem der unzähligen anderen Features beschäftigen will, wird mit der begrenzten Arbeitskraft nicht hinkommen. Doch selbst ein kostenlos Spielender sollte es bei durchschnittlicher Spielzeit und Fokussierung auf das Wesentliche zu einer erklecklichen Summe Gold gebracht haben. Genug, um sich im Auktionshaus zwei sogenannte Apex von einem Mitspieler zu kaufen. Das geht weit schneller und nicht minder fair als bei EVE Online, das in dieser Hinsicht bislang als Referenz gehandelt wurde.

Zudem kann man sich als kampfstarker Free-To-Play-Spieler auch als Söldner verdingen, kann bei Handelstouren Pakete schleppen oder bei der Verteidigung helfen. Wer clever und vertrauenswürdig ist, leiht sich das Gold für zwei Apex bei seinen Gildenkollegen, schaltet den Account auf Patron und kann dann gemütlich an der Rückzahlung arbeiten.

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Weit niedriger, dafür komplett sicher, fällt der Gewinn für Eselstreiber aus, die innerlandes unterwegs sind.
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Ist das Pay-To-Win? Strenggenommen ja, denn wer Apex für Echtgeld kauft und es dann für Gold im Spiel verkauft, kann sich mehr leisten als ein durchschnittlicher Spieler, der knapp bei Kasse ist. Stärker wird Krösus damit möglicherweise auch - jedoch nur kurzfristig - zudem er dem Sparfuchs das komplett kostenlose Spielen ermöglicht. Die Praxis zeigt allerdings, dass insbesondere viele der ganz starken Spieler auf den Servern komplett kostenlos unterwegs sind und jene, die viel reales Geld ins Spiel buttern, oft komplett bedeutungslos.

Nur Bares ist Wahres

Dafür stehen einem Patron in der Welt von ArcheAge derart viele Möglichkeiten offen, dass ich gar nicht alle aufzählen kann. Wer gerne Mobs jagt, geht farmen und sammelt Geldbörsen - denn klassische Item-Drops sind die Ausnahme. Die Börsen enthalten nicht nur Bares, sondern auch Archeum unterschiedlichster Art und Güte - das vielleicht wichtigste Verbrauchsmaterial für alle Crafter und stets gefragt.

Denn das Crafting ist wichtig in ArcheAge - wichtiger als in gewöhnlichen MMOGs. Während man sich ein durchschnittlich brauchbares Equipment auch erfarmen kann, sind die besten Stücke den Craftern vorbehalten. Und natürlich deren Kunden, denn die Erzeugnisse können auf dem Markt frei gehandelt werden.

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– Neben Ackerbau und Viehzucht bietet ArcheAge auch ein umfangreiches Housing, sofern man einen der begehrten Bauplätze bekommt – auf den stärker bevölkerten Servern nicht einfach.
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Wer wird Millionär?

Doch wer nun glaubt, er könnte mal eben so ins Crafting einsteigen und das schnelle Geld machen, irrt. Bevor man damit Gewinne erzielen kann, muss man viel Geld ins Crafting stecken und je nach Beliebtheit eines Berufs bleibt manches Gewerbe auch ein Verlustgeschäft. Wohl dem, der sich vorher erkundigt, eine Nische findet und anbietet, was eben nicht alltäglich ist.

Und davon bietet ArcheAge eine ganze Menge - und nicht immer sind die Dinge offensichtlich. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich die fusseligen Yatas nicht nur als Wolllieferanten eignen, sondern in seltenen Fällen und bei der richtigen Behandlung auch in Gefangenschaft vermehren und junge, extrem begehrte und damit teure Reittiere zeugen können?

Man lernt nie aus

Auch nach sechs Wochen kenne ich die Feinheiten der 21 Berufe noch nicht, funktionieren sie doch höchst unterschiedlich und sorgen im Laufe der Skillung immer wieder für Überraschungen. Und da man sich auf maximal drei Berufe spezialisieren sollte, kann man auch gar nicht alles wissen und selber machen.

Und das ist auch gut so, denn viele Berufe greifen ineinander. Will ein Rüstungsschmied seinem Handwerk nachgehen, wird er bei Craften beispielsweise Öle brauchen, die er eben nicht selber herstellen kann. Das macht dann ein Alchemist, der nicht minder stark auf die Erzeugnisse der Sammler angewiesen ist. Die wiederum pflanzen nicht nur Pilze, Lavendel und dergleichen an - sie finden auch hin und wieder Würmer in ihrer Ernte - und die Fischerei freut sich.

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ArcheAge lässt den Spielern gestalterisch freie Hand. Hier das Gildenlogo von Infinity samt der stolzen Designerin Lexika.
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Was auch immer du tust - tu es richtig!

Letztere ist nur ein Beispiel mehr für die vielfältigen Möglichkeiten, die ArcheAge in Sachen Berufen bietet. Anfänger und trägere Zeitgenossen müssen beim Angeln nicht viel tun, stehen viel rum und ziehen Massen von billigem Fisch an Land. Doch natürlich steigt mit dem Skill auch die Chance auf fettere Beute.

Wer die sucht, betätigt sich als Sportangler oder Hochseefischer erst auf kleinen, später auch auf großen Gewässern. Die sind natürlich in Klimazonen unterteilt sowie in Salz- und Süßwasser. Die Jagd nach besserem Fisch ist eine kleine Herausforderung und jeder größere Fang der ganze Stolz des Fischers, der den Riesenbrocken wie ein Handelspaket auf dem Rücken tragen muss.

Vom Ruderboot über den Clipper bis hin zur Black Pearl

Entsprechend wird er ein sündhaft teures Fischerboot zu schätzen wissen, wo der Fang gesammelt werden kann. Natürlich sollte auch hier im Team gearbeitet werden sollte - zudem die Besatzung eines feindlichen Schiffes auch durchaus auf die Idee kommen könnte, den glücklichen Fischern die Beute streitig zu machen. Das Meer, so lautet die Faustregel in ArcheAge, sieht nicht nur gut aus - es hält alle erdenklichen Überraschungen über und auch unter Wasser bereit.

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Denn während man Handelspakete recht sicher innerhalb der beiden Kontinenten transportieren kann, wartet der große Profit auf der jeweils gegenüberliegenden Seite - der ganz große auf der Pirateninsel - mitten im Meer. Dorthin sind mittlerweile rund um die Uhr Flotten unterwegs - schwer beladene Handelsschiffe samt Eskorte aus Clippern und Kriegsschiffen, bei denen natürlich einer am Ruder steht, zwei an den Segeln einer am Ausguck sowie an jeder Kanone ein weiterer.

Sozialverträglichkeit vorausgesetzt

Was ArcheAge in Sachen Seegefechten bietet, übersteigt alles, was man bislang von MMOGs kannte. Hier ist Teamplay gefragt und Koordination und hier bekommt man das Gefühl, tatsächlich an Bord eines schaukelnden Schiffes auf hoher See zu stehen und Gefechte auszutragen - ob nun gegen den Boss Kraken oder menschliche Widersacher.

Das allerdings setzt einmal mehr voraus, dass man Teil einer schlagkräftigen Gilde ist oder einer solchen assistieren kann. Zudem funktionieren die Mechaniken, die sich Jake Song erdacht hat, in der Praxis nicht immer so gut, wie sie in der Theorie klingen. Insbesondere macht das zahlenmäßige Ungleichgewicht zwischen der Ost- und der Westfraktion den Spielern auf einigen Servern zu schaffen.

Verräter auf beiden Seiten

Womit sich einmal mehr die Frage stellt, warum die Designer überhaupt Fraktionen ins Spiel gebracht haben. Fraktionen bringen in virtuellen Welten stets mehr Probleme mit sich als Vorteile. Gäbe es hingegen keine Fraktionen, dafür die Möglichkeit, anderen Gilden den Krieg zu erklären, könnte man das Fehlverhalten einzelner Mitglieder effizient ahnden - zudem bliebe einem manch frustrierende Begegnung mit asozialen Fraktionsgenossen erspart. Mittlerweile gibt es regelmäßig Absprachen zwischen den mächtigsten Gilden beider Seiten und die Balance der Kräfte ist nachhaltig gestört.

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Ähnlich mäßig wie auf hoher See funktionieren die erdachten Kriegsmechaniken auch auf dem Land. Die Konflikt-Rotation entbehrt jeglicher Logik und bedarf einer dringenden Überarbeitung. Zudem sorgt sie dafür, dass Spieler in Zeiten des Krieges entsprechende Landstriche einfach meiden und erst in Friedenszeiten wieder aus ihren Löchern kriechen. So etwas dürfte kaum im Sinne des Erfinders sein, lebt eine Sandbox doch letzlich von Konflikten und nicht von deren Umschiffung.

Jammern auf hohem Niveau

Und wenngleich ich täglich über diese oder jene Macke im Design von ArcheAge schimpfe, ist das doch ein Jammern auf höchstem Niveau, denn die Probleme lließen sich teilweise bereits durch kleine, clevere Eingriffe in die Mechanik beheben. Als erstes MMOG seit Jahren bietet ArcheAge mehr als nur ein Abenteuer - es bietet eine riesige Welt aus einem Guss - trotz Themepark-Anteil. Und selbst das ist erst der Anfang. Die Möglichkeiten, die XLGames bei der Weiterentwicklung von ArcheAge hat, sind atemberaubend.

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Die Version, mit der wir hier im Westen derzeit zocken, ist ohnehin nicht komplett. Es fehlt der Nordkontinent sowie unzählige Elemente, mit denen die Seefahrt noch einmal erweitert wird - darunter eine ganze Flotte neuer Schiffe. Die jetzige Galeone wird dann das kleinste der Kriegsschiffe sein - vom Ein-Mann-U-Boot und den Delfin-Reittieren einmal abgesehen, das ebenfalls mit dem Update ins Spiel kommt.