Oh wie schön ist doch die Welt von ArcheAge. Idyllische Sandstrände, endlose Ozeane und jede Menge fruchtbarer Boden für alle erdenklichen Unternehmungen. Viele Spieler sind sich einig: ArcheAge ist eine der schönsten Früchte, die das Genre seit langem hervorgebracht hat. Doch an der Frucht nagen Schädlinge. Sie sind drauf und dran, das Paradies zu zerstören. Und sie werden es nicht bei ArcheAge belassen.

Trion Worlds hat es geschafft. Zwei Millionen Spieler strömten ab Start in die Welt von ArcheAge. Das verursachte techische Probleme und rekordverdächtige Warteschlangen, spült jedoch auch jede Menge Geld in die Kassen, mit dem sich manche der Probleme auch beheben lassen. Neue Server wurden bereits hochgeschaltet, die Ressourcen erweitert.

Willkommen im Paradies

Die Fans zocken, was das Zeug hält. Wer Themeparks mag, schlägt sich tagelang durch die vielen Questreihen, stürzt sich in Instanzen oder in die Arenen. Sandbox-Liebhaber craften derweil, transportieren Ware von einem Kontinent zum anderen, betreiben Piraterie und offenes PvP und erkunden dabei eine der größten öffenen Spielwelten aller Zeiten. Es ist in der Tat ein kleines Paradies.

Wiped! - Die MMO-Woche - König der Goldfarmer

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Warteschlange in ArcheAge. Während wir anstehen mussten, sicherten sich die Farmer die besten Plätze.
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Ein Paradies allerdings, unter dessen Oberfläche Dinge geschehen, die ArcheAge in den Untergang reißen könnten - und Trion Worlds gleich mit. Während die meisten Spieler nicht einmal ahnen, was bei ArcheAge vor sich geht, führt der Publisher längst Krieg. Und es ist kein aussichtsreicher Krieg, denn hat Trion unvorbereitet und mit voller Wucht erwischt.

Es herrscht Krieg

Trion kämpft gegen jene Kräfte, die zu unlauteren Mitteln greifen, um sich im Spiel Vorteile zu verschaffen. Gemeint sind nicht etwa Scammer, Piraten und Betrüger, die sich den Naturgesetzen der virtuellen Welt unterwerfen - diese Sorte ist wichtig für eine Sandbox. Gemeint sind vielmehr jene, die die Naturgesetze brechen: Exploiter, Botter, Hacker, Cheater.

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So stellt man sich gemeinhin die Goldfarmer vor. Die Realität sieht mittlerweile ganz anders aus. Die Farmer von heute sind professionelle und gut bezahlte Programmierer.
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Und es sind nicht die üblichen Verdächtigen - das kleine Schwesterchen, das sich bei den Sims mit Gold eindeckt oder der kleine Bruder, der mal aus Neugierde einen Aimbot ausprobiert - die Welten wie ArcheAge in ihren Grundfesten erschüttern. Es sind vielmehr Professionelle. Firmen mit Manpower und Hightech im Rücken, die ArcheAge als Geschäftsfeld sehen, es anzapfen und davon zehren wie ein Parasit von einem fremden Organismus, der erst dann ablässt, wenn der Wirt verendet ist.

König der Goldfarmer

Ich kenne diese Sorte, hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach mit ihnen zu tun. Es sind Leute wie Jared Psigoda - smarte Akademiker mit guten Kontakten in Billiglohnländer, die jedwede Möglichkeit ausschöpfen, in virtuellen Gefilden zu wildern, um die Beute dann an zahlungswillige Spieler zu verschachern. Psigoda ist ein Online-Gamer der frühen Stunde. Er begann zu cheaten, und verfiel komplett der dunklen Seite, als er bemerkte, dass man vom Verkauf von virtuellem Klimbim leben konnte.

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Mit World of Warcraft und dem organisierten Botten lebte es sich dann plötzlich so gut, dass er beschloss, sein Geschäftsfeld zu erweitern und als CEO von R2Games selbst Spiele wie League of Angels zu veröffentlichen - billigst produziert und mit der einzigen Intention, dem Spieler binnen der wenigen Tage, die er spielt, möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein Millionengeschäft und traurigerweise weit lukrativer als das vieler ehrbarer Studios.

Dank Cry weinen die Spieler und lachen die Hacker

Und es wäre wohl kaum verwunderlich, wenn der selbsternannte König der chinesischen Goldfarmer auch bei den jüngsten Unternehmungen in ArcheAge seine windigen Finger mit im Spiel hätte, denn das alte Geschäftsfeld, so heißt es in Insiderkreise, habe Psigoda nie aufgegeben, sondern im Gegenteil noch erweitert und von China aus professionalisiert - nicht länger nur mit billigem Personal im Rücken, sondern auch mit richtig guten Programmieren.

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Mit der CryEngine lassen sich tolle Spiele basteln - allerdings hat das System klaffende Sicherheitslücken, die nur Crytek stopfen kann.
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Für die ist ArcheAge ein gefundenes Fressen. Im Herzen des Spiels tickt nämlich die CryEngine - hübsch anzusehen und mit allerlei tollen Möglichkeiten in Sachen Physik und spielerischer Komplexität, wie man sich das für eine Sandbox eben wünscht. Gleichzeitig jedoch gilt die Engine als äußerst fehlerbehaftet, hat Lücken an allen Enden und Ecken und neigt dazu, Dinge über den Client abzuwickeln, wo aus Sicherheitsgründen dringend serverseitig gearbeitet werden müsste. Kurz: Die CryEngine ist keine gute Engine für Spiele der Kategorie MMO.

Kurze Rückblende nach Seoul, Südkorea

Derlei Dinge sind Leuten wie Jake Song, seines Zeichens Erfinder von ArcheAge, selbstverständlich bekannt. Entsprechend fährt man in Südkorea eine zweigleisige Strategie: Die Software Hackshield soll die kleinen Lümmel mit ihren billigen Bot-Programmen abschrecken. Und gegen die Großen hat sich über die Jahre hinweg eine ganz besondere Strategie bewährt. Man verlangt von jedem Spieler eine südkoreanische ID - also eine Ausweisnummer.

Das wirkt gleich in doppeltem Sinne, hält die chinesischen Nachbarn fern und lässt Schlitzohren aus eigenen Gefilden zweimal darüber nachdenken, ob sie wirklich riskieren wollen, künftig die Oma nach dem Ausweis zu fragen, wenn sie sich nach einem Bann für ein Spiel anmelden wollen. In der Kombination ist ArcheAge in Südkorea zwar nicht komplett frei von Cheatern, deren Einfluss auf die virtuelle Welt ist allerdings eher gering.

Attacke aus Fernost

Ganz anders in der westlichen Welt. Dort werden zwar ebenfalls die Spieler mit dem Hackshield gepiesackt, einen Ausweis muss man allerdings nicht vorzeigen, wenn man ArcheAge spielen will. Man kann so viele Accounts erstellen, wie man will und von wo auch immer man das möchte - natürlich auch von den BRIC-Staaten aus. Und die Offenheit hat Gründe:

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Während wir auf Black Desert warten, bereiten die Cheater-Firmen in aller Ruhe ihre Software vor.
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Der Ausschluss ganz bestimmter Regionen der Welt und bestimmter Volksgruppen ist für ein amerikanisches Unternehmen rechtlich nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen wie für einen chinesischen, russischen oder koreanischen Publisher - und die Farmer-Firmen haben gute Anwälte. Zudem turnen Leute wie Farmer-König Psigoda auch von ihren Büros in China aus ganz offen auf ihren Facebook-Accounts herum.

Substanziell gefährdet

In der traditionell nicht immer ganz obrigkeitshörigen chinesischen Metropole Shenzhen, wo übrigens auch R2Games ansässig ist, gibt es traditionell eine ganze Industrie, die darauf spezialisiert ist, Internetsperren zu umgehen. Und wer die virtuellen Mauern der Regierung überwindet, der kann sich auch mit Leichtigkeit eine deutsche, kanadische oder isländische IP verschaffen, um ungehindert auf die westlichen ArcheAge-Server zu gelangen.

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Im Kampf gegen Cheater und Farmer in EVE Online hat CCP einen Vorteil gegenüber den meisten anderen Publishern: Die völlige Kontrolle über eine hauseigene Engine.
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Dort treiben die Profis dann ihr Spiel mit der CryEngine, die den Spielern ebenso wie den Verantwortlichen von Trion Worlds die Tränen in die Augen treiben dürften, denn im Gegensatz zu Themepark-Games, wo man meist wenig von den Farmern mitbekommt, ist eine Sandbox wie ArcheAge durch diese Typen in ihrer Substanz gefährdet.

Von den Minen an die Börse

Vorbei sind nämlich die Tage, in denen Bots zwischen den Erzknötchen hin- und herliefen - die Profifarmer in ArcheAge haben das nicht nötig. Wo ehrbare Spieler mühsam ihre Handelspakete über die Welt schippern, warpt sich der Cheater von einem NPC zum nächsten, um den ganz dicken Reibach zu machen. Und damit man gar nicht erst auf die Idee kommt, ihn als Ziel aufzuschalten und anzugreifen, steht er direkt im NPC. Die Kollissionsabfrage von ArcheAge interessiert die Farmer also ebenso wenig wie Neo im letzten Kampf gegen die Agenten der Matrix.

Und läuft irgendwo ein Mietvertrag aus und einer der begehrten Bauplätze wird frei, kann man sicher sein, dass ihn sich einer der Profi-Cheater unter den Nagel gerissen hat, bevor es einer unzähligen ehrbaren Spieler tun kann, die das Grundstück belagern. Wer den Platz dann haben möchte, muss “nur” eine Ablösesumme von 200 Dollar an die Bauprofis zahlen.

Die Wirtschaft spielt verrückt

Dass man nicht unbemerkt über die Ozeane segeln kann und die Cheater bereits wissen, wann und wo man mit welcher Ladung und welcher Begleitung unterwegs ist, ist ähnlich übel wie die Bots, die das Handelshaus unter ihre Kontrolle gebracht haben und dort nun auch noch Arbeitskraft-Tränke in irrsinnigen Mengen anbieten, von denen nicht mal Trion nachvollziehen kann, wo sie überhaupt herkommen.

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Während ehrbare Spieler durch die Landschaft rennen, springen die Cheater, wohin sie wollen - und gerne auch mitten in NPCs.
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Vor all diesen Dingen und vor Leuten wie Jared Psigoda hatte ich die Verantwortlichen von Trion Worlds bereits vor anderthalb Jahren gewarnt. Damals erzählte ich beim Abendessen ausführlich von Lineage 2 und davon, wie und mit welchen Mitteln die Farmerbande dieses Spiel zerstört hat, wie NCsoft bei der Bekämpfung versagt hat und was man tun müsste, um den Kampf gegen die Farmer zu gewinnen.

Ist ja nicht das erste Mal...

Damals garantierte man mir, dass man sich der Gefahr bewusst sei, dass man alle Möglichkeiten ausschöpfen würde und mit den Entwicklern in Südkorea eng zusammenarbeite, um Cheatern den Garaus zu machen. Immerhin habe man mit Rift ja bereits umfangreiche Erfahrungen gesammelt und sei der Sache mit Sicherheit mehr als gewachsen. Nichts als PR-Gewäsch, wie sich jetzt zeigt.

Jetzt, nachdem sich Trion vom ersten Schock erholt hat, schlägt der Publisher wild um sich, bannt Tausende von Spieler wegen unlauterer Methoden. Das Problem nur: Die meisten der Gebannten sind gar keine Cheater, sondern sind von einem fehlerhaften Automatismus aus dem Spiel befördert worden. Nun warten sie darauf, dass sie vom völlig überforderten Support wieder entsperrt werden, während ihr Haus und Grund unwiederbringlich in die Hände der echten Cheater fällt. So etwas schafft Vertrauen.

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Lineage 2 wurde im Westen von den illegalen Kräften und ihren Kunden zerstört. In Südkorea funktioniert es nach wie vor prima.
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Der Fehler im System

Doch so dumm sich Trion Worlds derzeit auch anstellt - es gäbe wahrscheinlich keinen Publisher im Westen, der vom illegalen Treiben der Geschäftemacher verschont geblieben wäre. Während die Publisher in all den Jahren vergeblich versucht haben, das Themepark-Konzept marktfähig zu kopieren, hat sich die Goldfarmer-Industrie in Ruhe auf den zwangsläufigen Boom der asiatischen Sandbox-Games im Westen vorbereitet.

Ob jetzt ArcheAge oder später Black Desert, Bless, Blade&Soul - mit dem Start der ersten Betas in Asien beginnen die Programmierer mit der Erkundung der Lücken und Entwicklung der jeweiligen Cheat-Sofware. Ohne IP-Block und ID-Verknüpfung können sie ihren Technologievorsprung gnadenlos ausnutzen und Millionen scheffeln. Bis die westlichen Publisher dann bemerken, was Sache ist, ist es längst zu spät und das Gleichgewicht der Sandbox so nachhaltig gestört, dass Cheater und deren Kunden auf den Servern bald unter sich sind.

Ausblick

Unser Lieblingsgenre ist also in höchster Gefahr und wenn man daran denkt, dass auch Titel wie Star Citizen auf die CryEngine setzen, kann einem angst und bange werden. Doch damit uns die Ereignisse der MMO-Branche nicht ganz so unvorbereitet erwischen wie aktuell Trion, gibt es in der kommenden Woche wieder einen kleinen Überblick über das, was sich jenseits der illegalen Kräfte so auf dem Markt tut.


Und wer sich derweil fragt, was er persönlich gegen die Cheater tun kann, der sollte mal in seinem Freundeskreis dafür werben, dass Spiele künftig nicht mehr bei einschlägigen Online-Händlern gekauft werden, die überdies noch virtuelles Gold oder Accounts anbieten. Denn das ist das eigentliche Geschäft dieser Gesellen. Der Verkauf von Spielen und Keys ist allenfalls ein kleines Zubrot und nicht selten sind auch die erworbenen Keys nicht auf legalem Wege erworben worden. In diesem Sinne - haltet die Ohren steif und die Weste weiß!