Vor einem Monat trat mit Age of Conan einer der Hoffnungsträger der MMORPG-Szene an, das Genre mit innovativen Ideen neu zu beleben. Kurz vor der Veröffentlichung versprach Funcoms Product Manager Erling Ellingsen im gamona-Interview, das Spiel erst zu veröffentlichen, "wenn es perfekt ist".

Nachdem wir uns nun vier Wochen in Aquillonien, Cimmerien und Stygien herumgekloppt und uns intensiv mit dem Spiel beschäftigt haben, ist allerdings eindeutig, dass der norwegische Entwickler davon noch meilenweit entfernt ist.

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Dabei fing alles so gut an: Zwar hatte Der Herr der Ringe Online mit einem sensationell flüssigen Start ein Jahr zuvor sehr hohe Sprungmarken gesetzt, doch auch Age of Conan hatte auf den ersten Blick nicht mit allzu vielen Problemen oder Pannen zu kämpfen.

Age of Conan: Unchained - Blut, Sex und Tränen: Hält die MMO-Hoffnung, was Funcom verspricht? Der gamona Langzeit-Test.

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Die Tore nach Hyboria sind offen.
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Unser Ersteindruck zum Release des MMOGs war daher zwar kritisch, aber auch vorsichtig optimistisch (Details dazu siehe hier). Kleinere Fehler hat Funcom schon nach wenigen Tagen ausmerzen können, so z.B. einen Bug, der das Benutzen des Bankkontos verhinderte - selbst das zu knapp bemessene Inventar wurde vor Kurzem ein wenig aufgestockt. Nichts anderes als regelmäßige Patches haben wir erwartet und Funcom liefert diese auch mindestens zwei Mal wöchentlich.

Das bisher schönste MMO

Age of Conan bietet (volljährigen) Spielern eine Menge positiver Argumente, mit denen es sich von der Konkurrenz loszusagen sucht. Nachdem wir nun einen Großteil der Gebiete gesehen haben, bleibt nur der Schluss, dass es sich um das derzeit schönste MMOG handelt - die entsprechende Hardware vorausgesetzt.

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Grafisch ist Conan die klare Referenz im Genre.
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Fantastische Weitsicht, die einen Überblick über die gesamte Map bietet und auch weit entfernte Kämpfe beobachten lässt, sehr schöne Licht- und Schatteneffekte, abwechslungsreiche Architektur, tolle Wassereffekte, sehr detaillierte Spielfiguren mit reich verzierten Rüstungen, flüssige Animationen und vieles mehr verzücken das Auge. Passend dazu bietet das Spiel eine stimmungsvolle Hintergrundmusik, die sich den entsprechenden Zonen anpasst und somit eine absolut authentische Atmosphäre erzeugt. Man fühlt sich in dieser rauen, wilden und barbarischen Umgebung sehr schnell "wie zuhause".

Funcom hat den Start leider vermasselt, es ist aber jede Menge Potenzial vorhanden.Fazit lesen

Das trifft aber nicht nur auf MMOG-Veteranen zu, auch Neulinge finden sich dank des niedrigen Schwierigkeitsgrades und des durchdachten Kartensystems umgehend zurecht. In Kombination mit dem Questjournal zeigt die Minimap auf Wunsch alle Positionen von Missionszielen, Auftraggebern und anderen wichtigen Orten an und erleichtert so die Navigation in unbekannten Gebieten ungemein.

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Wer stirbt, verliert keine Erfahrungspunkte.
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Eine weitere Erleichterung bildet der nicht vorhandene Todesmalus. Anders als bei der Konkurrenz verliert man bei Age of Conan beim virtuellen Ableben keine Erfahrungspunkte oder muss wertvolle Spielzeit durch das Bergen der eigenen Leiche verschwenden. Fällt man in der Schlacht, hinterlässt man zwar einen Grabstein und erhält einen sehr geringen Abzug der Angriffsstärke, doch dieser ist für das Weiterspielen quasi bedeutungslos.

Großartiger Einstieg

Der Einstieg fällt aber auch leicht, weil Funcom die Spieler in den ersten 20 Spielstufen an der Hand nimmt und sie mithilfe der hervorragend inszenierten Schicksalsquest in das Spiel einführt. Sie zieht sich bis zu diesem Level wie ein roter Faden durch das Onlineleben und bereichert das Erlebnis ungemein. Die Erzählungen werden dabei audiovisuell gekonnt in Szene gesetzt, sodass man ständig am Ball bleibt und wissen möchte, welches Abenteuer als Nächstes auf uns wartet.

Leider flacht diese Spannungskurve mit dem Verlassen der Startstadt Tortage deutlich ab. Das liegt aber nicht nur daran, dass danach die Schicksalsquest nur noch im Abstand von jeweils zehn Levels weitergeführt wird. In erster Linie verantwortlich für negative Seitenaspekte sind viele Fehler und Ungereimtheiten, die uns das sonst motivierende Spielvergnügen mitunter kräftig verleiden.

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Age of Conan hat mehr als zwei Argumente, die dafür sprechen...
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Je weiter man fortschreitet, desto bestimmender wird das Gefühl, es mit einem nicht fertigen Produkt zu tun zu haben. Dabei handelt es sich selten um Riesenprobleme, aber die Summe der Kleinigkeiten macht den Kohl dann am Ende eben doch noch fett. So funktionieren beispielsweise viele Skills nicht, oder nicht so, wie sie es eigentlich sollten. Die Beschreibungen dieser Fähigkeiten (Tool Tipps) sind unvollständig, häufig werden die Fertigkeiten nicht ausgelöst, wenn man sie anklickt - selbst bei Benutzung der Tastaturkürzel versagt uns Age of Conan immer wieder die Gefolgschaft. Schon seit Wochen wird man zudem durch immer wieder kehrende Lagspikes genervt, die das Spielen teilweise für bis zu zehn Sekunden einfrieren - und davon sind nicht nur Telekom-Nutzer betroffen, sondern alle Spieler.

Es kommt auch gelegentlich vor, dass man einfach aufgrund von Clippingfehlern durch den Boden läuft oder durch ihn hindurchfällt und im Nirwana landet. Gelegentlich hilft dabei der /stuck-Befehl, aber nicht immer. Wo in anderen Spielen in solchen oder ähnlichen Fällen freundliche Support-Mitarbeiter helfen, wartet bei Age of Conan eine gähnende Leere: Die Game Master sind hoffnungslos überfordert und antworten, wenn überhaupt, mit riesiger Verspätung und sogar mit 08/15-Standardantworten.

Am Servicegedanken muss Funcom noch mächtig schrauben. Baustellen hat der Entwickler jedoch noch viele weitere: So gibt es z.B. Memoryleaks, die den Spielclient bei vielen Spielern regelmäßig zum Absturz bringen, Grafikfehler, blinkende Texturen, etliche Übersetzungsfehler oder gleich völlig fehlende Eindeutschung und verbuggte Quests gibt es leider mittlerweile mehr, als man aufzählen könnte.

Große Ärgernisse

Alles miesepetriger, kleinkarierter Firlefanz? Wie wär’s damit: Eines der großen Ärgernisse ist definitiv das Transportsystem. Um von Alt Tarantia (Das "Zentrum" des Spiels) ins Eiglophianische Gebirge zu gelangen, benötigt man selbst mit einem Pferd, was man erst Mitte der 50er Levels kaufen kann, eine geschlagene Viertelstunde. 15 Minuten, in denen man nichts weiter macht, als seinen Gaul durch Gebiete zu reiten, die man schon 30 Mal durchquert hat und in denen es nichts mehr zu tun gibt. Das kann es einfach nicht sein!

Ähnlich ärgerlich ist das eher belanglose Itemsystem. Auf den ersten Blick sind Charaktere einer Klasse häufig kaum voneinander zu unterscheiden, egal ob sie nun Level 60 oder 20 sind. Kleidung und Waffen gleichen sich häufig wie ein Ei dem anderen und vermitteln so den Eindruck, eine Welt voller Klone zu betrachten. Zudem haben viele "Stats" von Waffen und anderen Gegenständen bis heute noch gar keine Auswirkung auf die Spielfiguren - was das Sammeln quasi ad absurdum führt.

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Solche Bugs nerven: Der Spieler betrachtet die Welt von unten.
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Dies ist jedoch nicht der ausschlaggebende Punkt für ein eher schlecht als recht funktionierendes Wirtschaftssystem. Gravierender in dieser Hinsicht ist das bisher noch eher rudimentär implementierte Crafting-System, bei dem vor allem das Sammeln der Ressourcen unnötig umständlich und zeitraubend ist. Dasselbe trifft auch auf den nächsten Punkt zu: das Reloggen.

Möchte man auf einen anderen Charakter wechseln, muss man immer ganz ausloggen und findet sich dann im Login-Bildschirm wieder, wo man aufs Neue seine Daten eingeben muss. Wer gerne mal andere Spielklassen ausprobiert, weiß, wie nervig es sein kann, die Prozedur auf diese Art und Weise durchführen zu müssen.

Fehlende Features

Viele weitere Features fehlen bis heute ganz oder sind nur teilweise implementiert, so z.B. das wichtige PvP-System, bei dem bisher nur das Arena-System steht, jedoch ohne Belohnungen oder Erfahrungspunkte. Derzeit ist das höchstens für Testkämpfe sinnvoll.

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Ab und zu steht man sogar einer kleinen Herausforderung gegenüber.
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Ähnlich verhält es sich bei den großspurig angekündigten Keepraids, bei denen bis vor Kurzem sogar Zonen zusammengebrochen sind und daher die Teilnehmerzahl in Zukunft beschränkt sein wird. Episch sieht anders aus, das hat Dark Age of Camelot bereits vor fünf Jahren besser gemacht. Unausgegoren ist auch weiterhin das Chat- und Gruppeninterface, das dringend einer Generalüberholung bedarf. Vom fehlenden Balancing der Spielklassen untereinander oder dem erst für den Spätsommer angekündigten DirectX10-Einbau wollen wir an dieser Stelle lieber gar nicht erst schwadronieren.

Wir wollen gewiss keine Erbsenzählerei betreiben, doch die Liste der Fehler ist so lang, dass es diesen Artikel bei Weitem sprengen würde, alle zu benennen. Ich kann es auch langsam nicht mehr hören, wenn bei jedem Start eines MMOGs "argumentiert" wird, auch andere MMOGs wären beim Start nicht fehlerlos gewesen.

Darum geht es aber nicht! Ein Spiel, für das man vom Start weg 15 Euro monatlich zahlen soll, hat gefälligst fertig zu sein. Keiner wird sich lange über wenige, nebensächliche Fehler aufregen, Age of Conan macht jedoch den Eindruck, als hätte man aufgrund von Zeitdruck (oder Geldmangel?) keine andere Wahl gehabt, als das Spiel zu veröffentlichen und alle fehlenden Features nachzuliefern oder Fehler zu reparieren.

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Der will bestimmt nur "spielen"...
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Ein vernünftiges Endgame für Spieler, die Level 80 erreicht haben, kann Age of Conan bisher jedenfalls noch nicht bieten. Augenscheinlich ist zudem ein Mangel an Inhalten jenseits der Spielstufe 60. Funcom muss sich darüber hinaus grundsätzliche Gedanken über das Design seiner Dungeons und Instanzen machen. Viele wirken undurchdacht, so beispielsweise das Main System, das als offene Instanz angelegt wurde. Auf diese Weise ist die Instanz aber fast unspielbar, da sich auf viel zu kleinem Raum viel zu viele Spieler auf den Füßen stehen und die Kämpfe sehr schnell in nerviges Chaos ausarten.