Etabliert sich hierzulande momentan etwa tatsächlich ein eigenständiges Genrekino? Eine ganze Reihe deutscher Horror- und Mysteryfilme schafft es derzeit auf die Leinwände unserer Kinosäle, von „Das Kind“ über „Du hast es versprochen“ bis hin zu „Bela Kiss: Prologue“. Doch wirklich heimisch wollen die wenigstens von ihnen sein – und so schielt auch „Zimmer 205 –Traust du dich rein?“ nur wieder nach altbekannten Vorbildern aus Übersee.

Das Einmaleins des Mystery-Thrillers

Der Regisseur und Autor Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“) plädierte im April 2012 anlässlich der Verleihung des Deutschen Filmpreises entschieden für ein deutschsprachiges Genrekino. Reichlich „Trivialitäten, Schocks und brüllendes Gelächter“ wünscht er sich im deutschen Film, der viel zu sehr von stocksteifen Themen und bewährten langweiligen Formaten dominiert werde.

Die Diskussion, die Grafs Text in der Zeit damit erneut entfachte, ist natürlich absolut notwendig, denn an phantastischen Stoffen sollte es dem deutschen Kino, das einst Horror- und Science-Fiction-Klassiker am laufenden Band hervorbrachte, nicht fehlen. Dennoch macht gerade ein Film wie „Zimmer 205“ deutlich, warum es aller Tradition zum Trotz seit Jahrzehnten keine deutsche Genrefilmkultur gibt. Ihm fehlt nämlich vor allem der Mut, auch wirklich deutsch zu sein.

Der Spielort des Films ist allerdings ein ganz teutonischer, denn das Grauen zieht hier in einem Erfurter Studentenwohnheim seine Bahnen. Dorthin verschlägt es die Erstsemesterin Katrin (Jennifer Ulrich, „Wir sind die Nacht“), die sich nach einer turbulenten Vergangenheit enthusiastisch ins Studium schmeißt, um ihre psychischen Probleme vergessen und sich endlich vom schwierigen Verhältnis zum Vater lösen zu können.

Zimmer 205 - Traust du dich rein? - Klischee mit kilometerlangem Bart: Die Ossi-Version von The Ring

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Klischee mit kilometerlangem Bart: Der verräterische Blick in den Spiegel.
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Doch schon ihre Zimmernummer (Bingo: 205) beschert ihr einen denkbar schlechten Start, denn Katrins Vorgängerin verschwand unter mysteriösen Umständen. Nicht unbeteiligt daran scheinen ihre Kommilitonen zu sein, mit denen die junge Studentin schnell aneinander gerät. Unerklärliche Visionen suchen das Mädchen heim – und bald folgen dann auch schon die ersten rätselhaften Todesfälle, mit denen Katrin in Verbindung gebracht wird.

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Wahrlich nicht die originellste Geschichte – und das galt bereits für die hierzulande bislang unveröffentlichte dänische Vorlage „Room 205“ („Kollegiet“), von der Regisseur Rainer Matsutani mit „Zimmer 205“ nun ein deutschsprachiges Remake gedreht hat. Flackernde Lichter, unheimliche Geräusche, gruselige Tagträume, das ganze Einmaleins des Mystery-Thrillers eben – inklusive Identitätskrise der Hauptfigur und deren wie so oft allzu verräterischem Blick in den Badezimmerspiegel.

Zimmer 205 - Traust du dich rein? - Klischee mit kilometerlangem Bart: Die Ossi-Version von The Ring

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Geister in Erfurt: „The Ring“ meets „Wenn die Gondeln Trauer tragen“.
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Man kann und will die zahllosen Klischees, die der Film reihenweise anhäuft, längst nicht mehr sehen. Die ausgereizten Standards des Genres vom „Wer ist da?“-Moment bis hin zur „Warum glaubt mir keiner?“-Prämisse werden auch in einem deutschen Horrorfilm nicht automatisch erträglicher. Und da „Zimmer 205“ inhaltliche und ästhetische Eigenständigkeit vermissen lässt, wirkt das Nachstellen längst nicht mehr bewährter Genrekonventionen nur wie ein Anbiedern an internationale Vorbilder.

Genrekino made in Germany

Diese Vorbilder bemüht der Film dann auch gleich in mehrfacher Hinsicht. Die Geisterszenen scheinen allesamt „The Ring“ entliehen, einschließlich der finalen Auflösung in einem kreisförmigen Ofenabzug, während ein immer wiederkehrendes rotes Kapuzenjäckchen wie so oft an „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ erinnert. Visuell hingegen zeigt sich Matsutani deutlich von David Fincher beeinflusst, in der von „Sieben“ inspirierten Titelsequenz etwa oder den Schlüsselloch-Kamerafahrten aus „Panic Room“.

Mystery-Grusel in ostdeutschem Ambiente, der aus Bequemlichkeit auf altbekannte Vorbilder setzt, statt einen eigenständigen Beitrag zum heimischen Genrekino zu liefern.Fazit lesen

Dass ein Regisseur, der unter anderem mit der Fantasy-Komödie „Nur über meine Leiche“ oder dem Sci-Fi-Serienzyklus „Lexx: The Dark Zone“ ausreichend Erfahrungen im Umgang mit Genrestoffen sammeln konnte, so wenig Vertrauen in eine eigene Handschrift oder einen genuinen (bzw. deutschen) Zugang zu der präsentierten Mystery-Geschichte hat, ist schon sehr bedauerlich.

Gerade am bloßen Übertragen der Vorbilder krankt ja eben ein deutsches Genrekino, das nicht aus sich selbst zu schöpfen imstande ist. Stattdessen schwätzeln sich die Protagonisten von „Zimmer 205“ in theatralischem Hochdeutsch durch lediglich nachempfundene Gruselbilder, die man so natürlich bei der internationalen Konkurrenz schon deutlich wirkungsvoller aufgetischt bekam.

Zimmer 205 - Traust du dich rein? - Klischee mit kilometerlangem Bart: Die Ossi-Version von The Ring

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Droht Katrin (Jennifer Ulrich) in den Wahnsinn abzudriften oder spukt es auf dem Campus tatsächlich?
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Zwar lässt der Film vereinzelt regionale oder deutsche Eigenheiten in seine Inszenierung einfließen, diese bleiben jedoch entweder nur eine unzureichende Staffage (wie aufregend und erfrischend könnte Horror zwischen Erfurter Plattenbauten sein?) oder verkommen gleich gänzlich zu unfreiwilliger Komik (das vermisste Mädchen kommuniziert über geisterhafte studiVz-Nachrichten!).

Wirkliches Vertrauen schenkt Matsutani einzig den üblichen Jump-Scares und einem auf international gebürsteten orange-blauem Colorgrading-Look. „Zimmer 205“ hält somit einem Vergleich nicht stand, den er einerseits selbst forciert, den er andererseits aber eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte. Unterm Strich ist dies daher nur ein weiterer schaler Versuch, erfolgreiche Horrorfilme aus Übersee auf deutschem Boden nachzuspielen – aber die Hoffnung auf ein originäres Genrekino made in Germany stirbt zuletzt.