“Wir verurteilen diese Tat aufs Schärfste und werden die Diebe mit aller Härte zur Rechenschaft ziehen“, donnerte 20th Century Fox, als Anfang April ganze 30 Tage vor dem Kinostart eine vollständige Version von Wolverine im Netz auftauchte. Auch Hugh Jackmans Ansage, der Filmklau hätte ihm „das Herz zerrissen“ half wenig – weit über eine Millionen Mal wurde der Mutanten-Kracher mittlerweile heruntergeladen.

Nach einem verlustreichen Kinojahr 2008 ist die Fox zu Recht angefressen – „Wolverine“ ist einer der wichtigsten Starts 2009 für das Major-Studio. In ihrer Not reagiert Fox nun auf höchst ungewöhnliche Weise: Für die finale Version, die ab morgen in den Kinos läuft, wurden extra neue Szenen gedreht, 400 Spezialeffekte hinzugefügt und mehrere Enden in den Abspann gezimmert. Großer Aufruhr – für ein eher laues Filmerlebnis.

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(Nichts) Neues vom Klingenmann

Die Idee, Klingenschwinger und Fanliebling Wolverine mit einem eigenen Film zu bedienen und so dessen mysteriöse Vergangenheit aufzudecken, klingt im ersten Moment gar nicht so verkehrt. Die drei X-Men-Filme rissen Wolvies Herkunft stets nur an, Teil zwei nutzte dessen Gedächtnislücken sogar als zentrales Thema, ließ die Zuschauer am Ende jedoch trotzdem größtenteils im Regen stehen.

X-Men Origins: Wolverine - Der beliebteste X-Man in seinem eigenen Film

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Wie neu geboren: Wolverine unterzieht sich dem "Weapon X"-Experiment.
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Das Konzept der „X-Men Origins“ hat also durchaus seine Berechtigung. Warum es jedoch so unkonsequent genutzt wird, bleibt fraglich. Das große Tamtam um Logans Erinnerungen, seine Stahlklauen und das ominöse „Weapon X“-Projekt, dass die X-Men-Reihe in vielen kleinen Flashbacks noch zum gigantischen Fragezeichen aufbauschte, wird hier in zwei Stunden auf Spielfilmlänge ausgewalzt – ohne jedoch dem wissbegierigen Fan wirklich neue Erkenntnisse zu liefern.

„Wolverine“ nimmt sich Zeit. Für seinen Hauptcharakter, dessen Martyrium und die Umstände seiner Wandlung vom sanften Liebhaber zur wütenden Bestie. Der zündende Funke, der den Zuschauer zum Mitfiebern, Staunen und Zittern animiert, er will trotzdem nicht überspringen. X-Men-Fans und Leser der Comicvorlage kennen ohnehin sämtliche Details, Unkundige bleiben von der emotionalen Unterkühltheit unberührt.

Packshot zu X-Men Origins: WolverineX-Men Origins: Wolverine

Als Vorgeschichte zur Mutantensaga funktioniert „Wolverine“ aber dennoch hervorragend: Wie es sich für einen typischen Marvel-Streifen gehört, findet der aufmerksame Fan auch hier allerlei Anspielungen auf die Comicvorlage oder erfreut sich am langersehnten Auftritt bisher ausgesparter Mutanten (wie etwa Gambit). Gegen Ende spannen die Macher dann sehr clever den Bogen zu den zeitlich später angesiedelten X-Men-Filmen.

Drehen mit der Klischeekiste

Glaubt man der Legende, soll Hugh Jackman vor den Dreharbeiten persönlich nach einem Regisseur gesucht haben, der sich genauestens auf tiefgründiges Charakterkino versteht. Gefunden hat er seinen Mann in Gavin Hood, der sich zuvor mit dem Oscar-prämierten Drama „Tsotsi“ empfahl. Umso überraschender ist es da, dass Hood gerade auf diesem Gebiet kläglich versagt und sich zu häufig in Oberflächlichkeiten verliert.

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Von Brüdern zu Feinden: Wolverine und Sabretooth.
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Vielmehr scheint es, als wären Regisseur Hood unter dem Druck von Franchisenamen, Studiovorgaben und Fanerwartungen die Knie weich geworden. „Wolverine“ lässt über weite Strecken eine persönliche Handschrift vermissen und verlässt sich stattdessen auf einen breiten Katalog abgegriffenster Stereotype: Von Szenenaufbau über Charakterzeichnung bis zu den uninspirierten Dialogen, es gibt hier nichts, was ein anderer Actionfilm nicht schon zig Mal genau so abgefeiert hätte.

Die erhebliche Überlänge des Films rührt vorwiegend aus einer Reihe von Monologen, in denen Hugh Jackman zwar viel redet, im Grunde aber eigentlich gar nichts sagt. Richtig drollig wird’s, wenn Hood und seine Drehbuchautoren die Klischee-Kiste aufmachen. Coole Posen in Zeitlupe dürfen da freilich ebenso wenig fehlen, wie das nette ältere Pärchen, das den gestrandeten in ihrer Scheune aufnimmt und mit semi-weisen Ratschlägen versorgt.

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Griff in die Klischeekiste: Wolverine zitiert bekannte Genreformeln.
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Gefühlte zwölf Mal glotzt „Wolverine“ gen Himmel und schreit sich die Seele aus dem Leib, wahlweise alleine oder – besonders schmalzig und abgegriffen – mit einem lieben Menschen in den Armen, der gerade das Zeitliche gesegnet hat. Dazu gibt es die obligatorische Kamerafahrt, die sich langsam vom Protagonisten entfernt – ein Stilmittel, so alt und verbraucht, dass es schon als popkultureller Running Gag in den „Simpsons“ oder diversen Komödien veralbert wurde.

Wenn’s kracht, dann richtig

Nun waren auch die drei X-Men-Teile nicht zwingend für ihre ausgefeilte Dramatik bekannt, wohl aber für ein paar der fettesten Actionsequenzen diesseits des filmischen Äquators. Klar, dass auch „X-Men Origins“ vor allem während der Krawallmomente einen Großteil seiner Sporen verdient. Hier gerät „Wolverine“ zum Festival der Spezialeffekte, die zwar optisch nicht immer überzeugen, aber dafür immens krachen.

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Die brachiale Action zählt zu den Highlights des Films.
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Besonders hervorzuheben ist die finale Schlacht auf den Türmen eines Atomkraftwerkes. Hier beweist Gavon Hood trotz seiner Wurzeln im Charakterkino erstmals echtes Gespür für Tempo, Gigantomanie und elektrisierende Kinetik – und das ganz ohne blitzendes Schnittgewitter und brachiale Kamerafahrten. Wenn er doch nur über die gesamte Lauflänge so stilsicher wäre…