Mutation. Grundlage der Evolution. Normalerweise ein langsamer, geradezu schleichender Prozess, der Generationen braucht. Doch manchmal macht die Evolution durch Mutation einen überraschenden Sprung vorwärts, und dann kann es passieren, dass ein Individuum plötzlich mit ganz besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten versehen ist. Oder eben, dass eine Filmreihe von einem Teil zum nächsten das Merkmal verändert, das sie besonders gemacht hat.

Es gibt ja so Filme, bei denen weiß man dank der Vorgänger und Besetzung schon ungefähr, was man zu erwarten hat. Und wer nach zwei Teilen X-Men-Vorgeschichte um James McAvoy, Jennifer Lawrence und Michael Fassbender immer noch nicht weiß, ob ihm Bryan Singers neuerliche Interpretation der gebeutelten Mutanten-Truppe aus Marvelhausen zusagt, der wird nach Apocalypse auch nicht schlauer sein. First Class etablierte so einiges und war ganz okay. Days of Future Past war strukturell interessant und war, abgesehen von netten Gags und Fanservice, auch sonst ein richtig netter Popcorn-Streifen. Im Vergleich ist Apocalypse nicht mehr als ein Versuch – derjenige nämlich, ob dieses Prequel-Universum mit seinen etablierten Charakteren auch für stinknormale Comic-Storys taugen würde, die es im Dutzend billiger gibt. (Spoiler: Die Antwort ist "joa".)

Denn die Dynamik zwischen Xavier, Erik / Magneto, Raven / Mystique und Hank / Beast ist mittlerweile nun abgehakt – hinlänglich bekannt und etabliert. Es sind angespannte Verhältnisse, allesamt, und wie wir von den Comics und anderen Medien wissen, wird sich das auch nie ändern. Es ist nicht mehr die Frage, auf die sich der Film stürzen kann. Er kann auch nicht mehr die Problemstellung mit den Mutantenrechten und der Verfolgung Andersartiger vor sich hertragen, auch das Thema ist zu stark bearbeitet – es lässt die X-Men niemals los, aber als alleinige Säule taugt es weniger denn als Grundlage für andere Storys.

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Das ist ein Problem, denn es wirft die Reihe aus der Bahn. Bislang waren es diese nun beackerten Felder, über die sich die Prequels definierten. Nun aber geht es um ein weltbedrohendes Ereignis, gegen das ins Feld gezogen werden muss: Der uralte Mutant En Sabbah Nur, auch bekannt als Apocalypse, erwacht aus einem Jahrtausendschlaf und schart die mächtigsten Mutanten um sich, um erst seine Macht zu steigern und dann, natürlich, die Welt zu erobern. Lange nichts so schnarchnasiges gehört. Um das irgendwie ansprechender zu machen, wird es dann doch wieder mit den vorherigen Gewürzen versetzt: Magnetos letztes bisschen Glaube an die Menschheit wird (mal wieder) gebrochen, Raven fühlt sich immer noch als Verfolgte, Publikumsliebling Quicksilver spielt eine größere Rolle (und sein Superspeed-Zeitlupengag wird ganz unterhaltsam recycelt und ausgebaut) und wir kriegen die letzten paar Origin-Storys an den Latz geknallt, die noch ausstehen: Cyclops, Jean Grey, Nightcrawler und Storm und noch ein paar am Rand.

Und es ist verständlich, denn auf die Frage, was der Film denn auch sonst hätte tun können oder sollen, findet man keine leichte Antwort. Bereits jetzt fühlen sich nahezu alle Inhalte, die sich irgendwie auf früher beziehen, wahnsinnig wiederverwertet an. Sogar der nun endgültig im Rollstuhl sitzende Professor X darf sich noch mal neu in Moira MacTaggert verlieben und sie sich dank Amnesie in ihn. Abgesehen von Apocalypse und seinem Plan, die Welt mit durchwachsenem CGI zu erobern (allerdings nicht so durchwachsen wie im Vorgänger), wirkt X-Men: Apocalypse stellenweise wie ein Aufhänger für Mortal-Kombat-Fatalitys mit Superkräften.

X-Men: Apocalypse - Hurra, die Welt geht unter!

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En Sabbah Nur - größenwahnsinniger Weltzerstörer oder missverstandenes Schmusekätzchen?
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Es ist unterhaltsam – noch. Man langweilt sich nicht, das Spektakel zieht und Gastauftritte vom halbnackten Hugh Jackman gehen ja eigentlich sowieso immer. Auch McAvoy und Fassbender beim Chargieren zuzugucken ist nach wie vor eine Freude. Cyclops darf die ersten Landstriche weglasern, für Fans der Comics gibt es die Reiter der Apocalypse und sogar vereinzelte filmisch clevere Momente mit netten Kniffen finden sich. Aber eben auch Szenen zum Augenrollen und die sich langsam ins Hirn schleichende Frage, ob es denn nun bald vorbei sei.

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Am Ende ist alles fein verschnürt. Zu fein. Zu sauber. Jedermann empfindet immer noch unbequeme Hassliebe zu Magneto, Xavier ist endlich sein Haar los, jeder durfte sich (immerhin) in eine Variante seines klassischen Kostüms zwängen und irgendwo streift ein frisch ausgebrochener Wolverine mit Amnesie durch den Schnee. Alle Nähte der Kontinuität werden mit Gewalt glattgeschmirgelt, damit auch bloß kein Mysterium mehr bleibt. Nähte bleiben dennoch. Warum erinnern sich Jean Grey, Cyclops und Nightcrawler später in der Kontinuität zum Beispiel nicht an den irren nackigen Kanadier mit den Messern in den Handknöcheln? Teenager-Erinnerungen, die man normalerweise nicht vergisst.

Das ist alles eine Menge Geunke, das aber nicht ausdrücken soll, man könne sich Apocalypse nicht angucken. Es ist vielmehr das Zergliedern des zwangsläufigen Abfalls von der bisherigen Qualität. Keine Reihe bleibt ewig gut, und die Prequels von Bryan Singers X-Men-Kontinuität haben jetzt eben ihren Sommer hinter sich und den Herbst erreicht. Das ist schon beachtlich und eine Leistung, aber sofern man sich kein neues Gimmick für die kommenden Filme einfallen lässt und die bisherige Schiene weiterfährt, werden die Wertungen ab jetzt jedenfalls nicht mehr besser.