Auch wenn es die Vermarktung des Films zu kaschieren versucht, macht Jason Statham jetzt anspruchsvoll. Mit einer Rolle, in der er tatsächlich zuallererst Worte statt Fäuste sprechen lässt. Grund zur Enttäuschung aber ist das keineswegs. „Wild Card“ markiert einen souveränen Übergang des hochtalentierten Actionstars zum sogenannten Charakterdarsteller. Und zählt obendrein zu den besseren Remakes der jüngeren Zeit.

Wild Card - Exklusiver Clip auf gamona: "Las Vegas und die Figuren in Wild Card"3 weitere Videos

Vegas-Koller

Statham ist Nick Wild. Privater Leibwächter, der sein Büro mit einem Anwalt teilt. Abhängiger Glücksspieler, der vom Mittelmeer träumt. Auf Korsika soll es ihm einmal besser gehen als in Las Vegas. Die Stadt fresse ihn auf, biete ihm keine Perspektiven. Er ist so gut vernetzt in ihr, dass es selbst Mafiabossen (Stanley Tucci) Respekt abringt. Und eben das scheint kein optimales Leben zu sein für jemanden, der Ärger gern aus dem Weg geht. Allein, es fehlt an Geld, um endlich ausbrechen zu können.

Wild Card - Wieder ein Remake, aber ein gutes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 11/151/15
Schummrige Bars, Wodka auf Eis: Nick Wild (Statham) trägt keinen Hut, ist aber trotzdem eine Reinkarnation des desillusionierten Antihelden aus der Hardboiled-Ära.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dann meldet sich eine alte Freundin. Sie wurde missbraucht und krankenhausreif geschlagen. Nick soll für sie den Übeltäter aufspüren. Im Apartment des schmierigen Danny DeMarco (Milo Ventimiglia) rechnet Holly (Dominik García-Lorido) schließlich mit ihrem Peiniger ab. Schnippelt ein wenig mit der Gartenschere an seinem Schwanz herum. Verlässt daraufhin umgehend die Stadt. Und hat Nick einen Grund gegeben, es ihr gleichzutun: DeMarco gehört zum Mob. Der Mob wird Vergeltung üben.

Schon ist „Wild Card“ dramaturgisch voll in Schwung. Was aber gerade nicht heißt, auf Tempo zu gehen. Der Vegas-Koller hat Nick müde gemacht, gelassen zieht es ihn wieder in die Spielbank. Black Jack, Glückssträhne, Fluchtgeld organisieren. Sich noch mal ordentlich einen hinterkippen, übers Leben schwafeln. Großartig ist die vorangegangene Hotelzimmerszene schon deshalb, weil sie Nick als einen reaktionsschnellen Kampfkünstler einführt. Wenn es drauf ankommt, kann er zulangen. Er will nur einfach nicht.

Wild Card - Wieder ein Remake, aber ein gutes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Noir-Ästhetik: Femme Fatale Holly (Dominik García-Lorido) setzt mit ihrem Hilfsgesuch eine Lawine der Gewalt in Gang. Und verschwindet nach einem Drittel aus dem Film.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zweieinhalb Actionszenen zählt der Film, beide choreographiert von Corey Yuen. Sie kommen unmittelbar und dauern kurz, sind aber wunderbar anzuschauen. Nicht verschnitten, dafür blutig. Vor allem bringen sie das Geschehen in eine permanente Unruhe: Immer neue, noch brutalere Eskalationsmomente drohen die Abreise zu vereiteln. Des Kämpfens ist Nick so überdrüssig, man mag es ihm tatsächlich ersparen wollen. Vielleicht hat Jason Statham seine persönliche Stallone-Phase schon jetzt erreicht.

Kein Action-, zumindest aber kein herkömmlicher Statham-Film also. Sinnvoll scheint die Annäherung über den literarischen bzw. filmischen Kontext. „Wild Card“ basiert auf einer Vorlage des ehrwürdigen Roman- und Drehbuchautors William Goldman, genauer: der postmodernen Hardboiled-Geschichte „Heat“ von 1985. Erstmals fürs Kino aufbereitet wurde sie bereits ein Jahr später, der Film gleichen Titels jedoch geriet zum Kassenflop. Burt Reynolds gab einen sehr markigen Nick, das Karriere-Aus schien längst besiegelt.

Wild Card - Wieder ein Remake, aber ein gutes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 11/151/15
Mobgangster mit Napoleonkomplex: Danny DeMarco (Milo Ventimiglia) bekommt auf die Fresse. Und später auch aufs Gemächt – mit einer Gartenschere. Üble Sache.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Angemessen grimmig

Damals war es William Goldman selbst, der seinen Roman adaptierte. Das Ergebnis nannte er „one of my major disasters“, widersprechen kann man ihm leider nicht. Ist „Wild Card“ demnach als zweiter Versuch, als nachgereichte Korrektur zu verstehen? Goldman zumindest, mittlerweile 83-jährig und längst im Ruhestand, soll auch für diese Neuauflage das Drehbuch geschrieben haben. Sie übernimmt all jene Änderungen, die schon der erste Film gegenüber dem Roman vornahm.

Von einer Neuverfilmung des Buches kann deshalb nicht die Rede sein. „Wild Card“ ist das Remake eines ziemlich missratenen Films, die Bereinigung eines biographischen Schandflecks. Vergleicht man beide Adaptionen, wirkt die Statham-Variante vor allem ungleich robuster: Sie stimmt durchweg tiefe Töne an, gibt sich angemessen grimmig, erzählt mit fatalistischer Ruhe vom Niedergang ihres (Anti-)Helden. Statt grell ausgeleuchteter Casinos zeigt sie eine schummrige Kehrseite des Touristendomizils Las Vegas.

Wild Card - Wieder ein Remake, aber ein gutes

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Spielsucht als Rettungsanker: Nick Wild erzockt sich das dringend benötigte Fluchtgeld.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Vom Showcharakter der Stadt ist hier allenfalls beiläufig die Rede. Kaum ein Establishing Shot bekannter Attraktionen, keine schönen Lichtparaden bei Nacht. Vielleicht ist „Wild Card“ einer der blassesten Las-Vegas-Filme überhaupt, jeder Überwältigungseffekt scheint hier abgenutzt. Geblieben ist nur ein bunt funkelnder Moloch, aus dem es zu entkommen gilt. Dass sich Goldman dabei der Subplots und Schauplatzwechsel seines Buches entledigt hat, kommt der beklemmenden Stimmung zugute. Lediglich 90 Minuten dauert der Film.

Eigenwillige Mischung aus Neo-Noir und meditativem Actionfilm – mit Sicherheit Jason Stathams bisher anspruchsvollste Rolle.Fazit lesen

Im Nochmalmachen treten dann auch die eigentlich interessanten Elemente des Stoffes zum Vorschein. Etwa seine vielen Film-Noir-Fährten, die er legt und zugleich wieder verwischt: Jason Statham erscheint als Abkömmling des desillusionierten Ermittlers, stellt aber schon im nächsten Moment eine Nähe zum eigenen brachialen Körperkino her. Und beinahe klassisch wird Dominik García-Lorido als Femme Fatale eingeführt, um die Handlung bereits nach einem Drittel wieder zu verlassen.

Bilderstrecke starten
(74 Bilder)

Bis zuletzt bleibt „Wild Card“ entsprechend unberechenbar, mischt er die Karten seines Spiels ganz buchstäblich immer wieder neu. Mit dem Verzicht auf ein Mafiafilmfinale, das Regisseur Simon West erst sorgfältig vorbereitet und dann ganz einfach bleiben lässt, kommt sogar noch feiner Humor ins Spiel: Einen Showdown gönnt sich der Film nur, wenn es denn unbedingt sein muss – auf dem Hinterhof irgendeines Frühstückscafés, zwischen Mülltonne und Essensresten. Schön trist.