„Der Wind hebt sich, wir müssen versuchen zu leben“, heißt es in Paul Valérys 1920 verfasstem Gedicht „Le Cimetière marin“. Dieses Zitats hat sich nicht erst Regisseur Hayao Miyazaki angenommen, es inspirierte bereits den Titel einer Kurzgeschichte von Hori Tatsuo. Auf deren Grundlage zeichnete der Studio-Ghibli-Veteran einen Manga, der als Vorlage seines jüngsten und leider auch letzten Anime diente: „Wie der Wind sich hebt“ ist Miyazakis Kinoabschied.

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Der Traum vom Fliegen

Ein Film also, der allein deshalb schon mit Wehmut aufgeladen scheint, weil er ein so reiches Schaffenswerk beschließt. Und auch eine von Phantastik überraschend befreite, ganz persönliche Geschichte erzählt. Obwohl „Wie der Wind sich hebt“ dabei biographische Züge des legendären Mitsubishi-Ingenieurs Jiro Horikoshi trägt, ist das unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg spielende Drama glücklicherweise doch viel mehr als ein bloßes Biopic.

Wie der Wind sich hebt - Ein Abschied mit Wehmut – Hayao Miyazakis letzter Film

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Im Traum bewegt sich Jiro ohne Brille in luftige Höhen. Seine Kurzsichtigkeit macht es ihm jedoch unmöglich, Pilot bei den Kaiserlichen Heeresluftstreitkräften zu werden.
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Die Figur Horikoshi, Konstrukteur des maßgeblichen Jagdfliegers A6M Zero, nutzt der Film für eine eher nostalgische denn tatsächlich historische Rekonstruktion japanischer Luftfahrtgeschichte. Das Leben im Kaiserreich, wie Miyazaki es hier buchstäblich entwirft, scheint vielmehr romantischen Vorstellungen entsprungen: Von einem Land, so Miyazaki im Vorfeld, das nicht auf seine kriegerischen Kapitel, wohl aber seine verwirklichten Fliegerträume stolz sein dürfe.

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Mit einem solchen Traum – und virtuos animiert – beginnt auch „Wie der Wind sich hebt“. Immer wieder erscheint Jiro im Schlaf der italienische Luftfahrtingenieur Gianni Caproni, der den jungen Studenten in dessen Faszination für Jagdfliegerkonstruktionen bestärkt. Die Kurzsichtigkeit vereitelt zwar Jiros Wunsch vom Fliegen, seiner Karriere als Designer optimierter Luftschiffe steht sie jedoch nicht im Wege.

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In Jiros Träumen spielt auch der italienische Luftfahrtingenieur Gianni Caproni eine wesentliche Rolle und bestärkt den angehenden Konstrukteur der A6M Zero.
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Gleich zu Anfang darf Jiro an der Entwicklung eines Hauptflügels arbeiten und wird von seinem Vorgesetzten Herr Kurokawa (einer entzückend lakonischen Nebenfigur des Films) sogar nach Deutschland geschickt, um dort mit Hugo Junkers zu kooperieren. Während des Aufenthalts in Dessau zeigen sich Jiro und sein Freund Honjo ebenso begeistert wie eingeschüchtert von deutscher Technologie und werden am Vorabend des Nationalsozialismus auch unmissverständlich angefeindet.

Es sind kleine Details, die sich wie fatale historische Spuren durch diese gleich in mehrfacher Hinsicht von Aufstiegsträumen bestimmte Geschichte ziehen. Ganz so, als wolle Miyazaki uns auch keinesfalls den Kontext vergessen lassen, aus dem sie sich speisen: Vorzeichen der Naziherrschaft auf der einen, die bedrohliche Gegenwart der japanischen Polizeieinheit Tokko auf der anderen Seite – wenn der Wind sich hebt, lüftet er auch die Schrecken eines nahenden Weltkrieges.

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Jagdflieger am Himmel: Jiro weiß um den Widerspruch von Maschinen, die so wunderbar das Fliegen ermöglichen, aber im Krieg auch Leben auslöschen.
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Widerstand der Natur

Mit der zeichnerischen Interpretation des Großen Kantō-Erdbebens von 1923 inszeniert Miyazaki aber auch noch ein anderes Bedrohungsszenario, dessen sich hebende Winde Feuerwolken umherziehen und Häuserteile durch die Lüfte wirbeln lassen. Diese Szene kann auch als Link zu jener ökologisch-pazifistischen Weltanschauung verstanden werden, wie Miyazaki sie filmisch spätestens seit „Nausicaä – Prinzessin aus dem Tal der Winde“ vertritt.

Das in höchst eindrückliche Bilder gesetzte Erdbeben ist in „Wie der Wind sich hebt“ auch ein vor Hybris warnender, plötzlicher Widerstand der Natur gegen alle Fortschrittsromantik, an die natürlich vor allem Jiro fest glaubt: Dass seine so engagiert gefertigten Flugkonstruktionen letztlich nur dazu dienen sollen, Menschenleben zu nehmen, ist ein Widerspruch, den der Film nicht ausformuliert, aber doch wirkungsvoll andeutet.

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Malerin Nahoko verliebt sich auf den ersten Blick in Jiro. Doch es ist eine Liebe, die gleich zu Beginn von Krankheit überschattet wird.
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In der zweiten, eher melodramatischen Hälfte der Geschichte lernt Jiro dann seine künftige Ehefrau Nahoko kennen und lieben. Ihre gemeinsame Annäherung ist leider bestimmten dramaturgischen Konventionen verpflichtet (der Unheilvolles verkündende Tuberkulose-Husten hier, ein Zwiespalt aus Ingenieurarbeit und Familienleben dort) und überführt Jiros lebendigen Frohsinn schließlich in eine Art poetischen Realismus.

Miyazakis letzter, wenn auch nicht größter Wurf. Eine poetische Reise in die Vergangenheit, an der eigentlich kein Filmfreund vorbeikommen dürfte.Fazit lesen

Doch selbst während dieser nicht mehr ganz so mitreißenden Handlungsabschnitte gelingen Miyazaki noch einige denkwürdige Irritationsmomente, insbesondere durch die Begegnung Jiros mit dem Auslandsdeutschen Castorp – der nicht nur wie eine Figur aus dem „Zauberberg“ heißt, sondern auch munter Thomas Manns Bildungsroman zitiert. Und schließlich gar einen (in der Originalfassung ebenfalls deutsch gesungenen) Schlager aus „Der Kongress tanzt“ anstimmt!

Dass Miyazaki militärisches und schöpferisches Wirken final getrennt wissen möchte, kann man naiv finden. Eine Kontroverse, wie sie der Film sowohl in Japan als auch China und Südkorea entfachte, scheint aber dennoch wenig nachvollziehbar. Die in wortwörtliches „Bla bla“ verdrängten Kriegsgespräche laufen schließlich gar nicht erst Gefahr, falsches Pathos zu befördern. Und das von massenhafter Zerstörung durchdrungene Schlussbild lässt sich ohnehin nicht missverstehen: ein schöner, aber verfluchter Traum, diese Jagdfliegerei.