Zum zweiten Mal in diesem Jahr darf ein Erbe John McClanes den Präsidenten der Vereinigten Staaten retten und im Weißen Haus gegen Terroristen verteidigen. Gegenüber „Olympus Has Fallen“ musste sich Roland Emmerich, der amerikanischste deutsche Filmemacher der Welt, aber zumindest an den Kinokassen geschlagen geben: Sein neuer Film war ein finanzieller Totalausfall – und ist trotzdem besser als so manches, was sich im Sommer 2013 Blockbuster schimpfte.

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Zone der Selbstvertrashung

„White House Down“ verschlang mehr als das Doppelte der Produktionskosten des kurz zuvor gestarteten „Olympus Has Fallen“ (etwa 150 Millionen US-Dollar), spielte aber deutlich weniger ein als dieser. Inhaltlich trennt die Filme nicht viel, symbolgeschwängerte Angriffe auf das Weiße Haus können mittlerweile wohl schon als klassisch-ideologisches Hollywood-Sujet durchgehen. Beide stehen ganz in der Tradition der 90er-Jahre-Präsidentenfilme, die im 9/11-Klima auch seriell („24“) hinreichend bestätigt wurden.

White House Down - Schon wieder: Roland Emmerich legt das Weiße Haus in Schutt und Asche

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Einer gegen alle: nur stilecht im Feinripp.
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Dem beinharten Zynismus der Konkurrenzproduktion aber setzt Roland Emmerich herrlich depperten Gaga-Humor entgegen, der die zigfach durchgenudelte Kokolores-Prämisse gleich von vornherein zum komödiantischen Abschuss freigibt. Etwas anderes blieb jenem triumphalen Kinozerstörer, der das Weiße Haus mit „Independence Day“ und „2012“ bereits zwei Mal in Schutt und Asche legte, wohl auch gar nicht übrig. Emmerich wagt sich, längst überfällig, in die verdiente Zone der Selbstvertrashung.

Die ganze Exposition von „White House Down“ ist in ihrer Betulichkeit, die offenbar mit konzentriertem Erzählen verwechselt werden soll, fast ironisch rückwärtsgewandt. Mit einer mittlerweile (leider) aus dem Kino verschwundenen, stoischen Ruhe führt er Schauplatz und Figuren ein, stets ummantelt von einer debilen Poesie idealisierter Ordnung. „Kann es einen schöneren Beruf geben?“, romantisiert Maggie Gyllenhaal als engste Vertraute des Präsidenten (Jamie Foxx) gleich in der Anfangsszene!

Es folgt die Bekanntmachung mit dem Präsidentenpersonal, aus dem James Woods nicht nur herausragt, weil ihm das „Bad Guy“ schon in der ersten Einstellung auf der Stirn geschrieben steht (Twist für die Tonne), sondern weil er eben einfach super ist. Channing Tatum, der momentan eine Karriere hinlegt wie kaum ein anderer, gibt den unzuverlässigen Familienvater und Personenschützer. Vergebens bemüht er sich um einen Job beim Secret Service und enttäuscht Tochter (Joey King) einmal mehr.

Packshot zu White House DownWhite House Down

Und dann macht’s auch schon Rumms im Weißen Haus, das – erstaunlicherweise – einmal nicht von stereotypen „Orientalen“ oder, wie in „Olympus Has Fallen“, von Nordkoreanern in Beschlag genommen wird. Sondern von radikalen Right-Wing-Patrioten, denen die nahostfreundliche Friedenspolitik des Präsidenten ein vaterlandsverräterischer Dorn im Auge ist. Ob „White House Down“ vielleicht floppte, weil er sich gegen die eigenen Reaktionären wendet?

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Dürfen nicht fehlen: Flaggen! Und James Woods!
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Popcorn-Paranoia

Im Sinne des kostspieligen Event-Trashs, wie ihn Emmerich in Hollywood seit zwei Jahrzehnten fahrplanmäßig abliefert, muss die Präsidentensause zu seinen besten, mindestens aber besonders vergnüglichen Filmen gezählt werden. Gleichwohl „White House Down“ einem Publikum, das sich an Handwerklichkeit orientiert, das großes Kino auch mit großer Inszenierung assoziiert, das Fürchten lehrt. Als Action- und Ausstattungsfilm, als inszenatorisch irgendwie interessante Regiearbeit, taugt das alles herzlich wenig.

Freilich lässt sich über die ziemlich kraftlosen, bis zur Unkenntlichkeit digital verunstalteten Actionszenen oder viel zu oft aus Greenscreen-Shots zusammengestückelten Sets schimpfen (obgleich nicht ganz so schlimm wie die CGI-Sequenzen in „Olympus Has Fallen“), aber warum sollte das einem den programmatischen Spaß verderben. Viel spannender ist ja, wie mittlerweile nicht einmal mehr Emmerich selbst die betrunken pathetische US-Ikonographie seiner früheren Filme sorglos über die Leinwand retten kann.

Niemand zerlegt das Weiße Haus so wie Roland Emmerich. Herrlich stupide Ballaballa-Action, die vor allem sich selbst zum Abschuss freigibt.Fazit lesen

Entsprechend irrsinnig erscheinen da die erwartungsgemäß besonders patriotischen Einsprengsel des Films: Ein Präsident, der wie schon in „Independence Day“ nicht nur selbst zum Kampf ausrückt, sondern das Vaterland sogar mit seinen neuen Jordan-Schuhen verteidigt (sic). Ein Präsident, der Lincoln so sehr verinnerlicht hat, dass dieser ihn sogar vor dem Tod bewahrt. Und ein Präsident, der das englische Sprichwort „The pen is mightier than the sword“ in dessen bedeutungsvolles Gegenteil verwandelt.

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Rumms! Zum dritten Mal legt Roland Emmerich das Weiße Haus in Schutt und Asche.
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Geradezu gigantisch doof, aber nicht minder amüsant, nimmt sich der gesamte Handlungsstrang um Channing Tatums Filmtochter aus. Das 11-jährige Mädchen ist ein obsessiver Fan des Präsidenten (hier stilisiert Emmerich das vergangene Popstar-Image von Obama zum Comic-Relief hoch) und stellt sich den Terroristen nach der Belagerung tatkräftig in den Weg. Wenn sie im Finale heroisch die Präsidentenfahne schwingt, um nahende Black Hawks abzuwenden, geht hier endgültig der Gaul durch.

Auf eine bestimmte Art kann man mit dieser lockerleichten Stupidität von einem Film also viel Freude haben, und erträglicher als etwa „Air Force One“ ist „White House Down“ allemal. Und, wie so oft bei derart masochistischer Verwandlung eines politischen Zeitgeists in Blockbuster-Entertainment, ist diese Form von Popcorn-Paranoia eben das, was von der zweiten Amtszeit Obamas filmkulturell bleiben wird: ziemlich viel Schutt und ein Mädchen mit Präsidentenfahne.