20 Jahre geistert dieses Projekt nun durch Hollywoods Produzentenbüros. Interesse hatten viele bekundet, realisieren ließ sich die „Watchmen“-Adaption aber nie: Zu teuer, zu komplex, hieß es stets. Später kursierten dann stark vereinfachte Drehbuchfassungen, die mit Alan Moores Meisterwerk eigentlich kaum noch etwas zu tun hatten.

„Jetzt reicht’s“, dachte sich Zack Snyder dann vor einigen Monaten. Nachdem dieser sich mit „300“ über Nacht als A-Liga-Regisseur empfahl, hatte „Watchmen“ endlich die richtigen Hände gefunden. „Als ich sah, mit welchen Ideen sie die geniale Graphic Novel verunstalten wollten, dachte ich nur, ‚dann machst du es eben selbst’“, erklärt Snyder sein Engagement. Die richtige Entscheidung?

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Die Geburt einer neuen Ära

In einem Interview wurde Regisseur Zack Snyder kürzlich gefragt, wie er die Handlung von „Watchmen“ am Besten für diejenigen zusammenfassen würde, die den Comic nicht gelesen haben. „Gar nicht“, entgegnete Snyder forsch, „dieses Buch in wenigen Worten zu erklären, wäre in etwa so einfach, als wolle man die Bibel in einem Satz zusammen fassen. Es ist schlicht unmöglich.“

Der Anfang vom Ende: Der "Comedian" wird ermordet.

Und tatsächlich: Auch wenn eine bloße Inhaltsangabe der Rahmenhandlung zwar durchaus machbar ist, so würde sie doch niemals dem großen Ganzen gerecht werden. „Watchmen“, die gefeierte und wichtigste Graphic Novel aller Zeiten, war und ist ein mit Subtexten, Metaphern und Analogien angereichertes Mammutwerk für den wachen Geist, den Freidenker und Fragensteller in uns.

Das Warum dieser Faszination lässt sich dabei mindestens genauso schwer in Worte fassen: Comic-Mastermind Alan Moore wagt es nicht nur eine hochkomplexe Geschichte zu erzählen, die unbedingte Konzentration erfordert, er reichert sie auch noch mit Charakteren an, wie man sie niemals in diesen „bunten Heftchen, mit den verkleideten Typen“ erwarten würde.

Einzig der manische Rorschach glaubt an eine große Verschwörung. Paranoia oder Tatsache?

Alan Moores Welt ist verdorben, die Menschen darin mindestens ebenso. Seine Helden sind Mörder, Wahnsinnige, Vergewaltiger. Emotionale Wracks, deren Masken nur die kühle Fassade für ein weitaus kälteres Fundament sind. Zack Snyder beschrieb es kürzlich folgendermaßen: „In dieser Story ist Batman im Bett eine Niete, Superman interessiert die Welt einen Scheiß und der Superschurke will den Weltfrieden.“

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Das ist die Welt der „Watchmen“, einer Gruppe Superhelden, die vom Volk gehasst wird. In dieser Welt treiben Russland und Amerika unaufhaltsam auf einen Atomkrieg zu, Anarchie beherrscht die Straßen. Als plötzlich einer der „Watchmen“ getötet wird, scheinen die Zahnräder des nuklearen Holocaust endgültig ineinander zu greifen. Nur die Ermittlungen des manischen Rorschach können die Menschen jetzt noch vor dem Untergang bewahren.

Operation geglückt

Über die Genialität der Comicvorlage könnte man an dieser Stelle noch seitenlang philosophieren - deren Güte ist unumstritten, fraglich war bisher jedoch, was Zack Snyder daraus gemacht hat. Klar, mit „300“ empfahl sich der hagere Jungregisseur vor zwei Jahren als Experte für derartige Projekte, die Komplexität der „Watchmen“ ist mit der simpel gestrickten Spartanerkeilerei aber kaum zu vergleichen.

Der omnipotente "Dr. Manhattan" besitzt die Kräfte eines Gottes - aber keinerlei Gefühle.

Nicht umsonst galt Alan Moores Meisterwerk jahrelang als unverfilmbar. Mehrere Erzählebenen, Zeitsprünge und Subplots machten Hollywoods Drehbuchautoren das Leben zur Hölle. Es bedarf schon eines gigantischen Spagats, so nahe wie möglich an der Vorlage zu bleiben und dennoch ein leicht bekömmliches Stück Filmkunst auf Zelluloid zu bannen, das den Sehgewohnheiten des alltäglichen Publikums entspricht. Diesen Spagat - Zack Snyder nimmt ihn mit Leichtigkeit.

Satte 160 Minuten flackert „Watchmen“ über die Leinwand, Leerlauf gibt es dennoch nur selten zu beklagen. Zack Snyder bläht die (wenigen) Actionsequenzen bewusst auf, um diese als lockeren Gegenpart zur ansonsten sehr dialoglastigen Story zu etablieren. Auch wenn sich Puristen daran stören werden, halten die fulminanten Prügeleien das Tempo auf einem erfrischend hohen Niveau.

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Snyder strafft wo es nötig ist, dichtet hinzu wo es angebracht ist und vergisst bei aller Liebe zum Detail niemals seine Zuschauer. Immer dann, wenn die Handlungsfäden selbst in der Comicvorlage besonders wirr wurden, überraschen die Kino-„Watchmen“ mit cleveren inszenatorischen Ideen, verspielten Kameraeinstellungen oder großartigen Actionsequenzen. Allein für die gelungene Leinwandportierung, gilt Regisseur Snyder unser voller Respekt.

Zu mächtig für Nicht-Kenner

Eines ist ganz klar: Für den gewöhnlichen „Bunte Bilder“-Konsumenten, der beim Wort „Comicverfilmung“ zuerst an Karatestafetten und gigantische Explosionen denkt, ist dieser Film sicher ein harter Brocken. „Watchmen“ verlangt viel Konzentration und volle Aufmerksamkeit. Wer neugierig in der Popcorn-Tüte kramt, hat in der Zwischenzeit mindestens drei relevante Handlungsfäden verpennt.

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An dieser Stelle daher eine eindringliche Warnung: Wer sich wissentlich und bewusst ohne vorherige Lektüre der Vorlage auf das steinige Terrain „Watchmen“ begeben will, muss damit rechnen, heillos überfordert zu werden oder plant am besten gleich einen zweiten Kinobesuch ein. Der lohnt sich ohnehin in jedem Fall: Wie in der Vorlage sprüht die Szenerie nur so vor versteckten Anspielungen und Details, die man unmöglich beim ersten Mal erfassen kann.

Für Kenner und Liebhaber der Graphic Novel ist „Watchmen“ also ein uneingeschränkt empfehlenswerter Hochgenuss geworden. Die komplette Bandbreite des moore’schen Ideenfundus ist natürlich selbst für ein zweieinhalbstündiges Mammutwerk zu viel, auch hier müssen Hardcorefans mit ungeliebten Streichungen leben und einem abgewandelten Ende. Dafür soll die DVD-Fassung mit knapp vier Stunden Laufzeit dann das ultimative „Watchmen“-Erlebnis bringen.

Grandios: Die Bebilderung ist hochatmosphärisch und scheint direkt den Comic Panels entliehen zu sein.

Besonderes Lob geht an dieser Stelle ans „Art Department“: Was schon in „300“ spektakulär zu bewundern war, wird hier auf die Spitze getrieben - beinahe jedes einzelne Bild ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert und scheint direkt der Graphic Novel entliehen zu sein. Vor allem die Darsteller, wie etwa Jackie Earle Haley als Rorschach, meint man so auch direkt in der Vorlage gesehen zu haben.