Mit rund 90 Regiearbeiten in nicht einmal 25 Jahren ist Takashi Miike der wohl arbeitswütigste Filmemacher Japans. Lediglich einer Handvoll von ihnen jedoch war auch hierzulande ein offizieller Kinostart vergönnt, der letzte liegt über zehn Jahre zurück. Insofern ist es eine kleine Sensation, wenn Miike mit „Wara no tate – Die Gejagten“ nun auf die deutsche Kinoleinwand zurückkehrt, gleichwohl der Actionthriller nicht zu seinen stärksten Filmen zählt.

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Ein moralisches Dilemma

Zwar ließen sich die ungezähmten Fantasien des einstigen Skandalregisseurs zuletzt gar mit annähernd familienfreundlichem Kino vereinbaren, doch wirkt ein High-Concept-Film wie „Wara no tate – Die Gejagten“ in dessen Gesamtwerk trotz alledem ungewöhnlich. Zudem wurde er, und das erklärt auch seinen erfreulichen Bundesstart, von Warner Bros. mitfinanziert. Ein Weltkino-Blockbuster Marke Miike, der 2013 außerdem noch im Wettbewerb von Cannes lief?

Wara No Tate - Die Gejagten - Takashi Miike lässt den Kindermörder jagen

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Auserwählt, um einen Kindermörder sicher nach Tokio zu geleiten: Vier Spezialagenten, denen ihre schwierige Mission vor allem moralisch einiges abverlangt.
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Jein. So quadratisch, praktisch, gut die Prämisse des Films zunächst anmuten mag, so sehr bringt Miike sie nur augenscheinlich in eine konventionelle Form. Oder schafft es, anders gesagt, deren äußere Rahmenbedingungen zu nutzen, um hinter der absurden, die Handlung antreibenden Idee ein geradezu sittenstrenges Drama zu spinnen. An Thrill und Action zeigt Miike sich deshalb wenig interessiert, viel eher liegen ihm die Figuren der Romanvorlage von Kazuhiro Kiuchi am Herzen.

Diese befinden sich allesamt, wenn auch natürlich aus unterschiedlichen Gründen, in einem moralischen Dilemma. Der High-Concept-Motor von „Wara no tate – Die Gejagten“ treibt eine vierköpfige Gruppe der Secret Police an, die den meistgesuchten Kinderschänder des Landes sicher nach Tokio geleiten muss. Dass das eine fast unlösbare Aufgabe ist, verdankt die Einheit dem Medien-Tycoon Ninagawa (Tsutomu Yamazaki), der auf den Mörder seiner Enkelin ein Kopfgeld in Höhe von einer Milliarde Yen aussetzt.

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Auch vor der Polizei ist Kiyomaru (Tatsuya Fujiwara) nicht sicher. Das auf ihn ausgesetzte Kopfgeld ist vielen ein Grund, die eigene Berufsehre aufs Spiel zu setzen.
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Des alten Mannes Rachsucht hat unberechenbare Folgen. Selbst friedliche Mitbürger sind mit der Aussicht auf Reichtum versucht, den geständigen, nicht jedoch reuigen Kiyomaru (Tatsuya Fujiwara, bekannt aus „Battle Royale“) zu ermorden. Dieser stellt sich daraufhin zügig der örtlichen Polizei, muss aber zur Vernehmung noch von einem Spezialteam ins Hauptquartier gebracht – und sowohl gegen wütende Zivilisten als auch Gefängniswärter oder gar Krankenschwestern verteidigt werden.

Am Irrwitz der Mission leiden nicht zuletzt die vier Leibwächter selbst. Mehrfach stellen der am Unfalltod seiner Frau nagende Mekari (Takao Osawa) und die allein erziehende Mutter Shiraiwa (Nanako Matsushima) ihren Auftrag in Frage. Zu allem Überfluss provoziert Kiyomaru, an dessen Schuld kein Zweifel besteht, seinen persönlichen Escort nach Strich und Fade und belustigt sich auch über die Opfer, die das Team für seinen Transport machen muss.

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Der Gefangentransport entwickelt sich immer mehr zu einer Farce, bei der die sichere Überführung des Mörders bald in keinem Verhältnis mehr zu deren Aufwand steht.
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Eine Frage der Ehre

Nicht weniger jedoch als der unverzichtbare Wert von Rechtstaatlichkeit steht hier auf dem Spiel. Und wenn es ihn nicht anhand einer derart grotesken Geschichte zu diskutieren gilt, woran dann eigentlich sonst? Allzu leicht könnte die Geheimtruppe das von ihr mühsam durchs Land gebrachte menschliche Anschlagsziel ums Leben kommen lassen, um damit nicht nur dessen Opfern einen Dienst erweisen, sondern vielleicht ja auch einfach selbst das Kopfgeld einstreichen zu können.

Tatsächlich befindet sich unter ihnen ein Maulwurf, der den online operierenden Ninagawa mit Informationen über den jeweils aktuellen Aufenthaltsort des Kindermörders versorgt. Selbst für Mekari, der den riskanten (und nach zahlreichen Zwischenfällen schließlich auch autonomen) Transport noch am ehesten planmäßig über die Bühne zu bringen versucht, scheint all die Mühe bald in keinem Verhältnis mehr zur theoretischen Richtigkeit des Unterfangens zu stehen.

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Mekari, der zwischen Loyalität und Verlustschmerz hin und her gerissene Held des Films. Großartig gespielt von Takao Osawa („The Legend of Goemon“).
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Ob er denn keinen Stolz habe, fragt Mekari seinen zweifelnden Kollegen, nachdem bereits einige Menschen sterben mussten, um Kiyomaru dem Schicksal der Rechtssprechung übergeben zu können. Ehre (oder, im Falle von Shiraiwa, der Wunsch nach beruflichem Aufstieg) mag seine Motivation sein, ebenso wie der Glauben an ein Gesellschaftssystem, das seine Täter nicht einfach (und schon gar nicht für einen Profit) beseitigen darf.

Im Gesamtwerk von Takashi Miike kommt diesem moralisch-gewitzten Actionthriller keine nennenswerte Bedeutung zu. Sehenswert ist er aber dennoch.Fazit lesen

Die genreüblichen Racheplots persönlicher oder staatlicher Vendetta, wie sie auch das asiatische Kino immer wieder gern erzählt (allerdings sinnlicher als die Mehrheit amerikanischer Selbstjustiz-Klopper), verkehrt „Wara no tate – Die Gejagten“ in ein reizvolles Gegenteil: Nicht allein den pädophilen Mörder gilt es dingfest zu machen, sondern vor allem erst einmal dessen (für viele vielleicht nachvollziehbar handelnden) Lynchmob, der einem rechtmäßigen Prozess gewaltsam vorgreifen will.

Hochinteressant ist das alles, es macht auch Spaß, dieser absurd konstruierten Hatz voller Problemstellungen zu folgen. Doch insgesamt strapaziert der Film seine Idee über, er kann sie nicht effektiv genug über die allzu großzügige Laufzeit retten. Das enttäuschend triviale Finish erklärt dann rückwirkend leider auch noch viele der moralischen Bemühungen für vergeblich. Damit hätte sich der wilde, der Mainstream-Bekömmlichkeit umschiffende Takashi Miike von einst nicht zufrieden gegeben.