Die unter dem Banner des ehemaligen Satiremagazins National Lampoon produzierten „Vacation“-Filme muss man wohl amerikanisches Komödienkulturgut nennen. Ihr erster Teil, „Die schrillen Vier auf Achse“, ist ein allseits beliebter Kultfilm, der mit „Hilfe, die Amis kommen“ und „Schöne Bescherung“ nicht minder erfolgreich fortgesetzt wurde. „Vacation“ heißt nun die hierzulande erklärselig „Wir sind die Griswolds“ untertitelte Neuauflage der Reihe, die jetzt die Erben der Familie auf Urlaub schickt – und sie natürlich viel Blödsinn in Tradition ihrer Vorgänger fabrizieren lässt.

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Wieder auf Achse

Im Mittelpunkt des Films steht Sohnemann Rusty Griswold, der mittlerweile einigermaßen erwachsen und selbst Vater zweier Kinder ist. Gespielt wird er von Ed Helms, den man vor allem aus drei „Hangover“-Filmen kennt, in denen er als Dr. Stu Price erst Schneidezahn und dann seine Würde verlor. Auch hier gibt Helms wieder einen verklemmten Langweiler, der insgeheim die Sau rauslassen möchte. Im Unterschied zu Stu braucht Rusty Griswold dafür allerdings weder Junggesellenabschiede noch übermäßig viel Alkohol, sondern genügt schon ein Urlaub mit der eigenen Familie.

Vacation - Wir sind die Griswolds - Papa, was ist eigentlich ein Rim-Job?

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Family Reunion à la Griswold: Die jungen und die alten Irren.
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Ed Helms ist die Idealbesetzung des stocksteifen Rusty. Seine bisher bekannteste Rolle nutzt er als eine Art Blaupause, befreit sie zugleich aber von ihrem Konservatismus. In „Vacation“ nämlich triggern jene Mittelklassebedürfnisse nach Wohlstand und Harmonie außerordentlich groteske Obszönitäten, die seinem Stu Price aus „Hangover“ noch die nüchterne Rückkehr in sichere (will heißen: in ultraspießige) Lebensverhältnisse versprachen. Bürgerliches Begehren führt hier also nicht aus, sondern geradewegs in die Misere – und damit in einen Pool aus Scheiße.

Genau, Scheiße. Darin badet die Familie Griswold, weil sie Braunwassertümpel für Mineralbäder hält. Zuvor, als die vierköpfige Truppe gerade erst ihren Autotrip startete, hat sich Rustys Ehefrau Debbie (Christina Applegate) bereits um Kopf und Kragen gekotzt, nachdem eine Studentinnenverbindung sie zum „Chug Run“ herausforderte. Ihr pubertierender Sohn James (Skyler Gisondo) ließ sich von Papa Rusty erklären, was ein Rim-Job ist („Küssen mit geschlossenem Mund“). Und sein jüngerer Bruder Kevin (Steele Stebbins) versuchte mehrfach, ihn aus Spaß an der Freude zu ersticken.

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Ein Bad in Scheiße: Statt Gesundheitsschlamm erwartet die Griswolds astreiner Kot.
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Ziel der Reise (und des Films) ist eine Rückkehr nach Walley World, dem so gesehen deutlichsten Link zum ersten Teil, der 1983 ebenfalls von reichlich absurden Hindernissen auf dem Weg zu ebendiesem Vergnügungsparadies erzählte. „Vacation“ scheint Sequel und Remake in einem: Er wiederholt den Urlaub von einst, setzt ihn mit alten und neuen Protagonisten aber auch konsequent fort. Natürlich gibt ihm das zugleich Gelegenheit für einige selbstreflexive Witze, wenn Rusty etwa beteuert, der jetzige Ausflug sei wie der damalige, könne aber „auch auf eigenen Beinen stehen“.

Größtmöglich rabiater Humor

Zwar atmet „Vacation“ den Geist seiner Vorgänger (der guten ebenso wie der gar nicht guten – mit „Die schrillen Vier in Las Vegas“ gab es schließlich auch mal einen ziemlichen Tiefpunkt), doch als autonome Komödie funktioniert er ungleich besser. Denn dort, wo er direkte Anknüpfungspunkte an die Filmserie sucht, läuft sein Humor etwas ins Leere: Der Besuch bei Opa und Oma Griswold führt zu einem trostlosen Wiedersehen mit dem äußerst schlecht gealterten Chevy Chase und der kaum zu erkennenden Beverly D'Angelo – und das Finale in Walley World hätte es auch gar nicht mehr gebraucht.

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Familienpapi Ed Helms und Schwiegerdandy Chris Hemsworth – eine Familie, die mindestens 20 Zentimeter trennen.
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In seinen erstaunlicherweise besten Momenten aber löst sich „Vacation“ von derartigen Fortsetzungszwängen. Der grobschlächtige Witz des Films scheint eher an jüngeren Komödien wie „Wir sind die Millers“ geschult, die ihr R-Rating als Freifahrtsschuss für größtmöglich rabiaten Humor in Wort und Bild begreifen. Mitunter erreichen die Derbheiten daher ein so wunderbar derangiertes Niveau, dass man meinen könnte, „Vacation“ sei weniger von National-Lampoon-Filmen, als vielmehr den frühen Regiearbeiten eines John Waters („Pink Flamingos“) inspiriert.

Ob die Griswolds sich nun mit Kacke einreiben, in Schamhaaren wühlen oder um die Familienehre kotzen: Es ist ein Humor, den man einerseits sicherlich widerwärtig und allzu drüber finden kann, der aber andererseits die möglicherweise einzig angemessene Form ist, sich ein letztes Mal an dutzendfach im Kino gesehenen Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten. So wie hier zumindest wird man Erholungsfahrten zum Four Corners Monument oder dem Grand Canyon wahrscheinlich noch nicht erlebt haben – und seinen Reiz bezieht der Film nicht zuletzt auch aus einer guten Portion Schadenfreude.

Ein Film, bei dem es außerordentlich viel zu lachen gibt – man muss es eben nur zulassen.Fazit lesen

Das macht diesen herrlichen Unsinn vielleicht nicht mehr als feinsinnige Satire auf den American Way of Life brauchbar (so jedenfalls wurde das Original außerhalb der USA gern gelesen, obwohl die „Vacation“-Filme allesamt auch Bestätigungen dessen sind, was sie selbstkritisch durch den Kulturkakao ziehen), dafür aber als schön-brachiale Familienkomödie. Und selbst wenn sie dabei gelegentlich ins Sentimentale abrutscht (man also diese neuen Griswolds unbedingt lieb haben soll), gibt sie den gefühligen Läuterungsversuchen ihrer Figuren gleichzeitig auch immer wieder eins auf den Deckel.