So löblich es ist, dass auch in Deutschland Horrorfilme produziert werden, so ärgerlich ist es, wenn das Endergebnis zu wünschen übrig lässt. Was Regisseur Andy Fetscher hier präsentiert, ist typischer Backwoods-Horror, nur eben mal in anderem Setting.

Urban Explorer - Deutscher Trailer

Eine Gruppe von vier aus allen Teilen der Welt stammenden Touristen bricht auf, um sich von ihrem Führer Dante das Labyrinth unter der Stadt Berlin zeigen zu lassen. Sie sind Urban Explorers, die sich durch ein Netz von Tunneln und unterirdischen Gängen auf der Suche nach dem versiegelten „Fahrerbunker“ und seinen verbotenen Nazigemälden durchschlagen.

Doch als Dante stürzt und sich das Bein bricht, begeben sich zwei Frauen aus der Gruppe verzweifelt auf die Suche nach Hilfe, während der junge Amerikaner Denis und seine lateinamerikanische Freundin Lucia bei dem Verletzten zurückbleiben. Während sie warten, taucht Armin auf. Er scheint ein hilfsbereiter Landstreicher zu sein, der unter Berlin lebt. Armin will ihnen helfen, doch für Denis und Lucia beginnt das Grauen erst jetzt.

Klischee, ick hör dir trapsen

Dass „Urban Explorer“ ein Horrorfilm ist, der sich aus Klischees zusammensetzt, kann man dem Film noch gar nicht mal zum Vorwurf machen. Klischees sind erprobte Handlungsmuster, die funktionieren. Sonst wären sie gar nicht zum Klischee geworden. Und natürlich darf man gerade bei einem deutschen Film nicht erwarten, dass er das Rad neu erfindet, wo sich buchstäblich Hunderte Filme aus aller Welt der ständig selben Erzählmusters bedienen. Aber was man erwarten darf, ist nichts anderes, als dass ein Film seiner inneren Logik gerecht wird. Doch dabei versagt er.

Hilfe! Da vorne lauert ein Klischee!

Es gibt sie auch hier, die Szene, in der eine der Heldenfiguren die Chance hat, den Killer ein für allemal aus dem Verkehr zu ziehen. Normalerweise laufen die Opfer immer weg und lassen den Killer am Leben. Hätte Denis das hier getan, würde man sich nicht so an der Szene stören. Aber stattdessen schlägt er mehrmals mit einer Eisenstange auf den Kopf des Killers ein. Nun sollte man meinen, dass der gute alte Armin davon Wunden davongetragen hätte (hat er nicht!) oder dass man in der Lage eines jungen Mannes, der gerade zusehen musste, wie seine Freundin gefoltert wurde, auf den Schädel einschlägt, bis nur noch ein blutiger Klumpen Fleisch übrig ist (tut er nicht!).

Stattdessen beleidigt der Film die Intelligenz des Zuschauers, indem er kurz nach dem vermeintlichen Töten des Killers allen Ernstes eine Szene zeigt, in der Denis ganz vorsichtig versucht, der Schlüssel des Mannes habhaft zu werden, immer fürchtend, er würde gleich erwachen.

Das ist schlecht geschrieben. Auf einen oberflächlichen Spannungsmoment angelegt, aber außer Acht lassend, dass man dafür die Integrität der eigenen Geschichte opfert. Allerdings ist gerade dabei der Film ohnehin nicht zimperlich.

Wo sind die Mädchen?

Nachdem sich die Urban Explorers trennen, gibt es eine Szene mit den zwei Mädchen, die den Weg nach draußen suchen. Danach vergisst der Film die beiden Figuren vollkommen, bis dem Autor etwa 40 Drehbuchseiten später wieder eingefallen ist, dass er Haiku und Olympia aus den Augen verloren hat.

Ob dem Mädel gerade ein Licht aufgeht?

Man muss nun kein Genie sein, um erahnen zu können, wie der Film versucht, noch einmal schnell die Biege zu bekommen (aber um nicht vollends zu spoilern, lassen wir das Schicksal der beiden offen, auch wenn es den meisten Zuschauern – oder Lesern dieses Textes – klar sein wird). Einerseits wirkt dies wie die schlampige Arbeit eines Autors, andererseits ergeben sich dadurch schon wieder Diskrepanzen in der inneren Logik.

Unter Berlin spielt sich der altbekannte Backwoods-Horror ab. Das erste Opfer ist die Logik.Fazit lesen

Als Denis und Lucia bei dem verletzten Dante sind, wird das Verstreichen einer nennenswerten Menge an Zeit nicht gezeigt. Als Zuschauer muss man davon ausgehen, dass nur wenige Minuten vergangen sind. Dies wiederum bedeutet aber, dass Armin schneller als Speedy Gonzales sein müsste, um sein Werk unter Dach und Fach zu bringen.

Schade ums verschenkte Potenzial

Wirklich ärgerlich an „Urban Explorer“ ist, dass im Vorfeld die mannigfaltigen Probleme des Skripts nicht ausgeräumt wurden (zusammen mit der Eliminierung holpriger, unnatürlicher und repetitiver Dialoge). Denn der Film hätte ansonsten durchaus das Potenzial gehabt, vielen artverwandten Streifen das Wasser abzugraben. Das Setting ist ungewöhnlich und eine der Stärken des Films (auch wenn man sich wundern muss, wie exzellent der Berliner Untergrund ausgeleuchtet ist), die Schauspieler sind durch die Bank gut, die Kameraarbeit ist exzellent und akzentuiert das Geschehen ansprechend.

Buuh! Erschreck dich! Los, mach!

Der Geschichte geht aber zusehends die Luft aus, weswegen sich „Urban Explorer“ am Ende auch in recht feiste Splatter-Einlagen rettet. Das ist zwar ein narratives Armutszeugnis, aber an diesem Punkt der Geschichte nimmt man letzten Endes, was man kriegen kann – und wenn’s nur etwas Make-up-Kunst ist.

Schade ist es auch um Klaus Stiglmeier, der den irren Armin mit Lust und Laune spielt, die ihn weit nach oben ins Pantheon der Psycho-Killer bringt. Nur hätte man ihm einen besseren Film gewünscht, um darin als Psychopath zu glänzen.