Mit seinen konfliktgeladenen Themen – die Überwachung öffentlicher und privater Räume, Verschwörungsängste durch Sicherheitsdienste, der unwiederbringliche Verlust des Obrigkeitsglaubens – ist „Unter Beobachtung“ wohl so etwas wie der Film zur aktuellen Stunde. Umso erstaunlicher (?) scheint daher die kurzfristige Absage des deutschen Kinostarts, im schlichten Verweis auf eine nun anstehende Vermarktung via DVD und Blu-ray.

Unter Beobachtung - Official Trailer #1

Transparent und fair?

Das ist schon deshalb schade, weil mehr oder weniger klassische Paranoia-Filme gegenwärtig ohnehin Seltenheitswert haben, erst recht im monothematischen Mainstream-Kino. Obgleich, das muss man hinzufügen, ausgerechnet „Captain America 2: The Return Of The First Avenger“ zuletzt eine überraschende wie wesentliche Ausnahme bildete, so ihm das Kunststück gelang, kritisches Gegenwartsgeschehen gar im Superhelden-Kontext zu verhandeln.

Unter Beobachtung - Im Fadenkreuz der Geheimdienste

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Angst und Misstrauen: eine schöne Szene im Londoner Wembley-Stadion veranschaulicht die Unsicherheit auch gegenüber öffentlichen Räumen.
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Allein der NSA-Skandal dürfte (und müsste) jedenfalls Inspiration genug sein, den vor allem in den 70er-Jahren hochkonjunkturellen Trend entsprechender Geschichten um Spionage, Terrorgewalt oder Informationserhebung neu entflammen zu lassen. Mit wütenden, wichtigen Filmen, die nicht einfach nur in Tradition bestimmter Klassiker wie „Der Anderson-Clan“, „Zeuge einer Verschwörung“ oder „Der Dialog“ stehen. Sondern ja ebenso unsere entsprechende Furcht kanalisieren.

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Eine solche Furcht geistert auch durch den gewiss nicht übermäßig gelungenen, aber dennoch recht interessanten „Unter Beobachtung“ (und nimmt im Verlauf schließlich sehr konkret Gestalt an). Ausgangspunkt der fiktiven Handlung ist ein Terroranschlag in London ähnlich der U-Bahn-Attentate 2005, bei dem 120 Menschen ums Leben kommen. Die öffentlichen Überwachungskameras, deren Bilder sich zu Beginn des Films verdoppeln und -dreifachen, werden mit einem Mal außer Kraft gesetzt.

Unter Beobachtung - Im Fadenkreuz der Geheimdienste

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Jup, das ist Denis Moschitto („Chiko“), der in „Unter Beobachtung“ sein englischsprachiges Schauspieldebüt. Und das gleich mit einer Schlüsselrolle.
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Farroukh Erdogan (Denis Moschitto in seiner ersten englischsprachigen Rolle) gilt als Hauptverdächtiger des bislang größten Anschlags des Landes und soll in einer geschlossenen Gerichtsverhandlung überführt werden. Angeblich aus Gründen der nationalen Sicherheit unterliegen die Beweise gegen ihn allerdings strengster Geheimhaltung, was schon im Vorfeld für Unruhe sorgt. Der Generalstaatsanwalt (Jim Broadbent) versichert hingegen öffentlich, der Prozess werde „transparent und fair“ geführt.

Als Erdogans Anwalt Selbstmord begeht, wird der Fall den Pflichtverteidigern Martin (Eric Bana) und Claudia (Rebecca Hall) zugeteilt. Die Arbeit mit dem Beschuldigten verläuft nicht unproblematisch: Erdogan hüllt sich in Schweigen, während der MI5 den wichtigsten Zeugen nicht einmal zur geschlossenen Verhandlung zulassen will. Jene zentralen Beweise sind damit selbst der Verteidigung faktisch uneinsehbar – und weil diese auf eigene Faust recherchiert, hat sie bald den Security Service am Hals.

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Bringt Herz in den Film: Strafverteidigerin Rebecca Hall und ein USB-Stick, dessen Informationen den britischen Geheimdienst wie auch den Staat schwer belasten.
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Der gläserne Mensch

Martin vermutet, sein Vorgänger sei vom Inlandsgeheimdienst ermordet worden, nachdem er herausgefunden habe, dass Erdogan selbst ein MI5-Informant gewesen sei. Sollte sich diese Annahme bestätigen, wäre der Terroranschlag nicht nur auf Fehler des Geheimdienstes zurückzuführen, sondern überhaupt erst durch ihn verschuldet. Die amerikanische Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles) bestärkt Martin in seinem Verdacht, mit dem er sich immer mehr in Lebensgefahr begibt.

Ordentlich Stoff für Verschwörungstheoretiker also, und auch noch mit Verve präsentiert: Verwanzte Taxis, Überwachung aller Kommunikationsmittel, ein zufälliger Autounfall, der Martin ins Krankenhaus bringt. Darf er seinem geschätzten Kollegen Devlin (Ciarán Hinds) vertrauen? Können seine Ermittlungen überhaupt Aussicht auf Erfolg haben? Welches Machtorgan würde schon gegen System stabilisierende Interessen entscheiden?

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Spielten beide schon zuvor vergleichbare Rollen: Eric Bana („München“) und Julia Stiles („Bourne“-Trilogie).
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Unter diesen Voraussetzungen noch einen komplexen Fall zu bearbeiten, scheint Martin und seiner ehemaligen Freundin Claudia eine Sache der Unmöglichkeit (glücklicherweise beschränkt sich die Liebesbeziehung der beiden auf Andeutungen, hier geht es wirklich um Wesentlicheres). Natürlich nimmt der Film gegen Ende noch einmal besonders an Fahrt auf, kommt manches anders als gedacht. Bis zu einem Schluss, der als Anti-Höhepunkt vor allem nachdenklich stimmt.

Etwas formelhafter Verschwörungsthriller, der die richtigen Fragen stellt. Unspektakulär, aber durchaus spannend.Fazit lesen

Freiheit, sagt die knallharte MI5-Verteterin Melissa (Anne-Marie Duff) vor Gericht, sei uns allen immer so „verdammt wichtig“, obwohl wir dabei vergessen würden, dass es ohne Institutionen wie der ihrigen gar keine Freiheit gäbe. Das folgt natürlich jener perfiden Argumentationslogik, mit der Geheimdienste jeden noch so unrechtmäßigen Datenschutzmissbrauch in ein rhetorisches Rechtfertigungsmodell einbinden möchten.

Unter Beobachtung - Die Geschichte einer Verschwörung in Bildern

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Wer nichts zu verheimlichen habe, heißt da auch implizit in dieser Szene des Films, der brauche schließlich keine Konsequenzen befürchten. Die Stärke von „Unter Beobachtung“ ist eine dramatische, deshalb aber nicht unbedingt realitätsferne, Veranschaulichung dieser sich (und allen demokratischen Verfassungen) widersprechenden Systematik: Verheimlicht wird hier einzig die Tatsache, dass der „Kampf gegen den Terror“ einen hohen Preis verlangt – und sich eben auch auf verheerende Art selbst in den Schwanz beißt.