Auch wenn das ein wenig prahlerisch klingen mag, lässt sich über „Under the Skin“ doch mit ziemlicher Sicherheit sagen: einen außergewöhnlicheren Film wird es dieses Jahr nicht im Kino zu sehen geben. Vorausgesetzt zumindest, man nutzt die Gelegenheit und besucht das Fantasy Filmfest. Denn einen regulären Kinostart konnte (oder wollte?) sich der deutsche Verleih nach eigenen Angaben nicht leisten.

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Obwohl die englische Produktion in ihrem Heimatland durchaus erfolgreich lief und schließlich auch mit einem zugkräftigen Star in der Hauptrolle ködert, entschied man sich hierzulande wohl vor allem aufgrund der vergleichsweise sperrigen Machart des Films gegen eine Kinoauswertung. Von einigen Festival-Screenings abgesehen, erscheint „Under the Skin“ im Oktober deshalb nur auf DVD und Blu-ray.

Under the Skin - Tödliche Verführung - Unter der Haut von Scarlett Johansson

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Gestalt annehmen: Eine junge Frau als morphologische Vorlage des Alien.
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Und in der Tat: kein einfacher Film, das vermitteln schon die ersten Bilder. Scarlett Johansson, steht es da klein geschrieben, abgelöst von einem langen Schwarzbild. In der Ferne, ganz tief im großen Nichts, bildet sich ein winziger Punkt. Funkelnder Stern? Licht am Ende des Tunnels? Ein Raumschiff gar? Plötzlich schimmert es blendend. Das Strahlen hat die Distanz überwunden, erlaubt uns nur noch in kreisförmige Lichtreflexionen zu starren.

Packshot zu Under the Skin - Tödliche VerführungUnder the Skin - Tödliche Verführung

„Under the Skin“ – der Titel macht sich alle Ehre, schon zu Beginn. Ein Lichteinfall auf die Netzhaut im doppelten Sinne. Denn was sich da formt, nur langsam lässt es sich begreifen, ist die Pupille eines Menschen. Oder eher: eine Aneignung des menschlichen Äußeren. Scarlett Johansson, das Alien, findet in diesen Bildern zu einer Gestalt. Es übt Sprechlaute, es passt sich an. Das Außerirdische wird irdisch. Die so besondere Sogwirkung des Films ist entfacht.

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Schwanzgesteuerte Männer: Sie alle erliegen Scarlett Johansson.
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Der Körper, die morphologische Vorlage, wird vom Wegesrand aufgesammelt. Ein Begleiter, offenbar ebenfalls außerirdisch, hat die Form eines Motorradfahrers (Jeremy McWilliams) angenommen und überwacht den Auftrag der nun hinreißend-schönen Frau. Sie, im schmutzigen Lieferwagen auf den Straßen Schottlands, soll Männer locken und verschwinden lassen. Mit Erfolg, denn wer könnte schon Scarlett Johansson widerstehen?

Einer nach dem anderen fällt nun ihren tödlichen Reizen zum Opfer. Doch nach der Begegnung mit einem weiteren Zielsubjekt weicht das Alien plötzlich von seinem Kurs ab. Offenbar ist es verunsichert von den vielen Tumoren, die im Gesicht des jungen Mannes (Adam Pearson) wachsen. Das Alien, nennen wir es doch einfach Scarlett, blickt seltsam gerührt in den Spiegel (und der Film wirft einen verdächtigen Schatten). Gefällt ihr etwa, was sie dort sieht?

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In einer seltsamen Flüssigkeit zersetzen sich die Körper der angelockten Männer.
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Die schöne Scarlett-Hülle

Sie lässt den Mann laufen, ihr außerirdischer Begleiter wird beenden, wozu sie nicht mehr imstande ist. Scheinbar in eine Sinnkrise geraten, irgendwo zwischen Conditio humana und Über-Ich, irrt die Nicht-Frau ziellos durch Schottland. Die Mission spielt keine Rolle mehr. In einem Restaurant probiert sie Kuchen und muss sich übergeben. Sex mit einem Mann, der ihr Hilfe anbot, bricht sie ab. Die Bedingungen des Menschseins kann das Alien nicht erfüllen.

Jede Beschreibung der rätselhaften Ereignisse ist schon längst Interpretation. Man kann „Under the Skin“ nicht einfach nur sehen, ihn zu erfahren heißt auch ihn zu lesen. In der offenen Struktur des Films, seiner wunderbar herausfordernden Uneindeutigkeit, liegt ein ungeheurer Reichtum. Erzählt er eine Emanzipationsgeschichte? Einen verzweifelten Übergangsritus? Oder ist es eben seine Stärke, erst einmal überhaupt nichts konkret erzählen zu müssen?

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Ziellos irrt Scarlett Johansson durch das verregnet-kühle Schottland. An den sozialen Ritualen des Menschen geht selbst alles Außerirdische zugrunde.
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Fast zehn Jahre ließ Regisseur Jonathan Glazer nach seinem unerhört durchgefallenen Meisterwerk „Birth“ verstreichen, ehe er sich mit dieser losen Adaption des gleichnamigen Romans von Michael Faber auf der Leinwand zurückmeldete. Man könnte „Under the Skin“ radikal nennen in der Art, wie er sich jeder Zuschreibung verweigert. Und wie er als Science-Fiction-Film alles unternimmt, um langweilige Erwartungen an ihn nicht erfüllen zu müssen.

Anstrengend, zermürbend, bereichernd. Ein Film, wie es ihn kein zweites Mal gibt. Und das lässt sich doch eigentlich nur als Kompliment verstehen.Fazit lesen

Die Konventionen des Genres zumindest – und es ließe sich diskutieren, ob Genre-Einordnungen hier überhaupt sinnfällig sind – streift Glazer nur am Rande. Oder verwandelt sie in abstrakte Bilder: Die ungenauen Lichtquellen über einem Hochhaus, das den beiden Außerirdischen offenbar als Landeplatz diente. Die merkwürdige Innenansicht des Lieferwagens, als handele es sich um das Cockpit eines Raumschiffs. Und die letzten Minuten, in denen das Alien seine Scarlett-Hülle abstreift.

Under the Skin - Tödliche Verführung - Scarlett Johansson auf Männerfang

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Jener Schlussmoment, ohne ihn preisgeben zu wollen, ist von erschütternder Qualität. Alle Sinnlichkeit, mit der uns diese geheimnisvoll-schönen Bilder Einblick in das Innere eines fremden (oder vielleicht eben gerade nicht fremden) Wesens erlaubten, weicht einer großen Tragik. Mit diesem Existenzialismus ist „Under the Skin“ dem klassischen Science-Fiction-Kino dann doch viel näher, als er es bis dato zu gestehen wagte.

Man muss nur bereit sein, sich darauf einzulassen.