Oscar-Saison ist Themenkino-Saison. Zeit für Hollywood, sich den „wahren“ großen Geschichten und noch größeren Gefühlen anzunähern, ohne dabei mit Komplexität oder gar Unbequemlichkeit für Unruhe zu sorgen. „12 Years a Slave“ aber, der Golden-Globe-Gewinner und Oscarfavorit 2014, ist ein vergleichsweise aufrichtig inszeniertes Drama über eines der besonders unterrepräsentierten Themen im amerikanischen Kino.

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Zu wenige Filme über Sklaverei?

New York, 1841: Der afroamerikanische Violinist Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) erhält von zwei unbekannten Männern eine berufliche Einladung nach Washington D.C., die er bereitwillig annimmt. Unter Drogen gesetzt und an einen Sklaven-Händler verscherbelt, erwacht Solomon nur eine Nacht später ahnungslos in einem Kerker. Unter heftigster Misshandlung wird er nach New Orleans transportiert und auf dem Sklavenmarkt zum Kauf angeboten.

Twelve Years a Slave - Standing Ovation oder Flucht aus dem Kino?

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Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) in der Gewalt des unberechenbaren Plantagenbesitzers Edwin Epps (Michael Fassbender).
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Seine bürgerliche Herkunft muss Solomon fortan ebenso leugnen wie seinen rechtmäßigen Status als freier Mensch. Duldet er den inhumanen Prozess der schlagartigen Versklavung nicht, droht ihm der Tod. Auf den Plantagen der Gutsbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch) und später Edwin Epps (Michael Fassbender) steht Solomon nun ein 12jähriges Martyrium bevor, das er einzig in der Hoffnung erträgt, eines Tages seine Familie wieder sehen zu können.

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Über die Sklaverei in den Vereinigten Staaten würden noch immer viel zu wenige Filme gedreht, beklagte sich (der schwarze) Regisseur Steve McQueen. Erst recht viel zu wenige sehenswerte und, so möchte ich hinzufügen, auch kaum wirklich intelligente. Selbst im Hollywood-Kino und der Filmindustrie für „bewegendes“ Oscarmaterial, deren Blick aufs Award-Gewerbe gerichtet ist, bleibt eine zureichende oder gar erschöpfende Thematisierung der historischen Wirklichkeit aus.

Und so mussten in diesem Rahmen bislang Produktionen wie „Glory“ oder „Amistad“ als geschichtsfilmbewusste Referenz herhalten, obwohl sich gerade in ihnen jene sentimentale Naivität ausbildete, die das Thema auf tränenblindes Wohlfühlniveau zu drücken versuchte. Darüber hinaus, mal ganz kommerziell und filmökonomisch argumentiert, lassen sich mit Spielfilmen über Sklaverei weder hohe Einspielergebnisse noch Oscars erzielen – Produzentengift, bedauerlicherweise.

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Wie immer eine Sensation, wenn auch dieses Mal nur schwer erträglich: Paul Dano in der Rolle des Sklaventreibers Tibeats.
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Sowohl „Lincoln“ als auch der Kassen- UND Oscar-Erfolg „Django Unchained“ haben die Karten im letzten Jahr allerdings ein stückweit neu gemischt. Letzterer knüpft natürlich auf hohem Niveau an eine bereits existente Exploitation-Tradition an („Mandingo“ und Co.). Und diese kann dem Thema mit ihrem trivialen Zugang zwar theoretisch mehr Wahrheit abgewinnen als es manch formschön-historischem Ausstattungskino gelingen mag (siehe Spielberg), aber Alternativen braucht es schon trotzdem noch.

Über Sklaverei wird man in Amerika künftig wohl noch bessere Filme drehen. Aber beeindruckend ist 12 Years a Slave durchaus. Und beinahe frei von Gefühlsduselei.Fazit lesen

„12 Years a Slave“ dürfte ein entsprechendes Umdenken noch mal erheblich beschleunigen. Er gilt als größter Oscar-Anwärter, hat zahlreiche Kritikerpreise gewonnen und sogar ein bisschen Geld eingespielt. Im Mainstream-Kino sucht eine derart drastische Darstellung von Versklavung und Misshandlung wie in Steve McQueens Film bisher ihresgleichen. Und auch wenn das Schicksalsdrama keine Zäune einreißt, so hat es zumindest schon jetzt eine Diskussion über die filmische Verarbeitung von Sklaverei angeregt.

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Lupita Nyong'o in ihrem Kinodebüt. Die Oscarnominierung als beste Nebendarstellerin ist bereits ausgemachte Sache.
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Zusammengezimmerter Soundtrack

Basierend auf dem gleichnamigen autobiografischen Werk von Solomon Northup rekonstruiert McQueen die Leidensgeschichte nicht als bloße zeitliche Abfolge rassistischer Grausamkeiten. Das Argument, der Titel selbst schon beschränke die dargestellten Gräuel, weil er ihre Endlich- und damit auch Erträglichkeit hervorhebt, schwächt er entschieden ab. Der Zuschauer muss, ganz wie Solomon, selbst ein Gespür für das Zeitliche entwickeln, ohne Angaben darüber, wie viele der quälenden Jahre bereits verstrichen sind.

Die Besetzung der Sklavenfiguren mit kaum bekannten oder zum Teil auch erstmals vor der Kamera stehenden Schauspielern ergibt einen effektiven Kontrast zu den von prominenten, wenn nicht gar höchstverehrten Stars gespielten Sklaventreibern. So sind etwa Paul Giamatti, Michael Fassbender oder Paul Dano als verachtenswerte Unterdrücker positioniert. Und das inoffizielle US-Kinogebot weißer Identifikationsfiguren, die als Erlöser in Erscheinung treten müssen, beschränkt sich auf eine (problematische) Minirolle von Brad Pitt.

In einem der bittersten Momente des Films ist Solomon mit einem Strick um den Hals gezwungen, den pervertiert gewöhnlichen Alltag des Unrechtssystems auf den Südstaatenplantagen zu beobachten. McQueen vereint die unterschiedlichen Dynamiken aus Herrschaft, Machtlosigkeit und Empathie hier so selbstverständlich zu einem einzigen Bild, dass ihm tatsächlich eine einmalige filmische Annäherung gelingt, ohne dabei falsches Sentiment zu bemühen.

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Brad Pitt, einer der Produzenten des Films, absolviert einen diskutablen Miniauftritt in Tradition des White Saviors.
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Umso mehr Emotionen scheint der Film allerdings in der Ausrichtung des Soundtracks zu forcieren, der sich mitunter so vordergründig gegen die betont schmalzfreie Inszenierung wendet, dass es einen seltsamen Eindruck hinterlässt. Hans Zimmer und seine Joint-Ventures-Kollegen haben für die Leiden und Sehnsüchte des Protagonisten dabei ein eingängiges musikalisches Thema verfasst. Catchy und pathetisch, effektiv auf der Zielgeraden zum Taschentuch.

Zimmer – von weiten Teilen des Publikums verehrt, von der Fachpresse ob seiner kompositorischen Einfältigkeit eher misstrauisch beäugelt – übt sich allerdings auch einmal mehr im Selbstplagiat. Das den Film dominierende Solomon-Motiv ist im Wesentlichen dem Stück „Time“ vom „Inception“-Score entliehen, das wiederum verdächtig an seinen (auch bereits im „12 Years a Slave“-Trailer verwendeten) Track „Journey to the Line“ aus „Der schmale Grat“ erinnert.

Das kann man natürlich machen und verfehlt auch nicht eine gewisse Wirkung, hat mit dem Film, seinen Themen und Figuren, aber eigentlich überhaupt nichts zu tun. Letztlich belegt auch dieser Score einmal mehr, dass die generischen Kompositionen Zimmers beliebig austausch- und einsetzbar, also das filmmusikalische Pendant zu Fahrstuhlmusik sind. Und sogar sein Inception-Button (inception.davepedu.com/) hat sich in minimal modifizierter Form in den Film verirrt. Schon ein wenig absurd.