Wie gut, dass Kevin Smith einem ständig erzählt, dass „Tusk“ ein Horrorfilm ist. Schon mit „Red State“ ist der einstige Slacker-Held in dunkle Gefilde abgewandert und nun geht es erneut in modrige Kellergewölbe. Ein Regisseur auf stilistischer Irrfahrt, immerzu bereit für unerwartete Ausfahrten, die nicht unbedingt zu einem Ziel, aber auf jeden Fall erstaunten Augen am Wasserspender führen. „Du, gestern habe ich mir etwas echt Schräges gegeben – einen Horrorfilm, in dem ein Reporter zwangsweise in ein Walross verwandelt wird!?

Tusk - Official Comic-Con Trailer

Vom Podcast zum Canadian Chainsaw Massacre

Eines muss man Kevin Smith auf jeden Fall lassen – dem Mainstream küsst er nicht gerade den Hintern. „Tusk“ begann mit einer Online-Anzeige, in der ein Mann demjenigen freie Kost und Logis anbot, der gewillt war, sich ein paar Stunden pro Tag als Walross zu verkleiden. Smith und Scott Mosier, seit vielen Jahren sein „partner in crime“, griffen das Thema in ihrem Podcast auf und schon kurz danach durfte man sich zwischen den Hashtags #WalrusYes und #WalrusNo entscheiden.

Tusk - „The Human Centipede“, neu zusammengeflickt von Walross Kevin Smith

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Justin Long – der Junge, der keine Drehbücher liest. Und dafür nun im Rollstuhl schmoren muss.
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Wie zu erwarten, gewann ersterer Hashtag, der damit den Startschuss zur Entwicklung eines Drehbuchs gab. Kevin Smith, das altgediente Internet-Trüffelschwein, erkannte anscheinend in der Anzeige mehr als nur eine schräge Fußnote digitaler Abgründe und pustete dieses Walross-Ding größer auf als man es selbst John Waters in seinen wilderen Tagen zugetraut hätte. Ein Mann gerät an einen kanadischen Irren, untergebracht in einem gothischen Fiebertraum, und erlebt „body horror“ zwischen Splatter und skurriler Morbidität. „Die Fliege“, vermischt mit „The Human Centipede“ und „Texas Chainsaw Massacre“. Noch viel logischer kann man einen Film eigentlich nicht begründen.

Flickwerkige Wortkaskaden

Dass auch Kevin Smith irgendwann mal während der Produktion von „Tusk“ seine fünf Sinne auf der Reihe gehabt haben musste, beweist die gerade mal zweiwöchige Drehzeit, die dem Unterfangen die Nischenecke zuweist, die es zweifellos verdient hat. Als Basis eine Online-Anzeige, ein paar Schauspieler, ein paar Locations ...und als Schmierfett ein mächtig aufgeplustertes Drehbuch, das diese übersichtlichen Punkte mit Unmengen geschwätziger Dialoge zukleistert. Kevin Smith lullt die Zuschauer richtiggehend ein, mit Bla, Bla und noch mehr Bla.

Tusk - „The Human Centipede“, neu zusammengeflickt von Walross Kevin Smith

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Der Mastermind hinter „Tusk“: Kevin Smith.
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Wenn der Mann gut ist, wie zum Beispiel bei den beiden „Clerks“-Filmen, können die mit Popkultur, Zitaten und Kaugummi-Ironie durchwucherten Wortkaskaden einen unterhaltsamen Flow ergeben. Leider nur ist der Mann bei „Tusk“ nicht gut, so dass dieses ständige Gerede eine geradezu einschläfernde Wirkung aussendet, gewissermaßen das genaue Gegenteil von der doch eigentlich spannenden Irrsinn ermöglichenden Ausgangsidee. Kevin Smith macht lahme Kanada-Witze. Kevin Smith ermöglicht breit angelegte Hintergrundgeschichten. Kevin Smith ist Analphabet, was das Wort „Cut!“ angeht.

Hilfe durch Fleetwood Mac

Nein, ein großer Regisseur wird der Mann nicht mehr werden. Wenn der „Titelsong“ von Fleetwood Mac ertönt, zuckt man richtiggehend aus seiner Lethargie und fragt sich, was zum Beispiel Stuart Gordon zu besten „Re-Animator“-Zeiten aus so einer Idee gemacht hätte. Die Antwort: Wahrscheinlich irgendetwas Irres, Wildes, Knallbuntes, bei dem das Blut in Fontänen herumsaut und der ursprüngliche Gag nochmal weiter gesponnen wird. Also einfach pralle Unterhaltung – und damit das genaue Gegenteil von den unsympathischen Visagen hier, die auf Nachfrage wahrscheinlich auch das morgendliche Schmieren des Marmeladenbrots zu einem süffisanten Bonmot aufmotzen würden.

Tusk - „The Human Centipede“, neu zusammengeflickt von Walross Kevin Smith

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Sehr vertrauenserweckend: der Operationsplan von Howard Howe.
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Smiths große Stärken waren immer seine reichen Figuren, die zugleich nervig und witzig sein konnten. Die Hauptfigur bei „Tusk“ nun ist der von Justin Long gespielte Podcaster Wallace Bryton, eine durch und durch miese Type, der man am liebsten die prollige Großschnäuzigkeit aus dem Gesicht zimmern möchte. Als Sympathieträger ist der Mann völlig ungeeignet, so dass man sich gerne Walross-Fan Howard Howe (Michael Parks) zuwendet, der immerhin als faszinierende Persönlichkeit taugt, doch trotzdem wesentlich öfter mal die Klappe halten und dafür intensiver operieren sollte.

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Man fühlt sich bei „Tusk“ irgendwie verloren, inmitten all der abprallenden Selbstgefälligkeit, und ist dann noch gar nicht zur größten Warze des Films vorgedrungen, dem extensiven Cameo von Johnny Depp. Als Detektiv. Mit Ticks. Und einem bohrenden Schwafeldrang, der den Film im Alleingang zu einer Diashow macht. Es wird dringend abgeraten, sich „Tusk“ in einem Kino anzusehen, denn da kann man nicht vorspulen und dürfte am Ende, wenn dann tatsächlich mal schicke Effekte und eine finale Verwandlung, die in ihrer possierlichen Schrägheit schon wieder zündet, zu sehen sind, im erlösenden Schlummerland angekommen sein. Kevin Smith wird sich wahrscheinlich beömmeln, mit was für Zeug er an seinen Produzenten vorbeikommt, doch für den Zuschauer zählt letztendlich nur eines: „Tusk“ ist vor allem eine Idee, nicht unbedingt ein Film.