Als nach drei Staffeln Schluss war und die ARD keinen weiteren Gedanken daran verschwendete, „Türkisch für Anfänger“ fortleben zu lassen, war das Gejammer unter den Fans groß – und das zu Recht. Bora Dagtekin hat mit der Serie um die Multikultifamilie der Schneider-Öztürks eine flotte, ehrliche, vor allem aber sehr lustige Show erschaffen. Zum Ende der dritten Staffel war eine Art Schlusspunkt erreicht. Es musste nicht unbedingt weitergehen, aber schön wäre es schon gewesen.

Türkisch für Anfänger - Clip #1

Als dann bekannt wurde, dass es einen Kinofilm zu „Türkisch für Anfänger“ geben sollte, war die Freude groß. Bis man hörte, dass Dagtekin gar nicht daran dachte, die Serie fortzusetzen, sondern mit denselben Schauspielern einen Reboot zu machen.

Lena Schneider ist 19 Jahre alt, vom Leben frustriert und von der antiautoritären Erziehung ihrer Mutter Doris schwer genervt. Da passt es doch, dass sie gemeinsam einen Urlaub in Südostasien verbringen wollen. Schon auf dem Weg zum Flughafen begegnet man den Öztürks – an der Ampel prallen zwei Welten aufeinander.

Auch die Öztürks, Vater Metin, Sohn Cem und Tochter Yagmur, sind auf dem Weg in den Urlaub. Lena sitzt ausgerechnet neben Cem, als der Flug ins Urlaubsparadies beginnt. Schon im Flugzeug fliegen die Fetzen, aber dann kommt es richtig dick. Ein Motor fällt aus und die Maschine muss notwassern. Alle Passagiere werden gerettet, aber vier Jugendliche – Lena, Cem, Yagmur und der stotternde Costa – werden vermisst.

Das ungleiche Quartett landet auf einer einsamen Insel, auf der sich Cem gleich mal zum Chef ausruft. Das gefällt Lena gar nicht. Plötzlich steht deutsche Emanzipation knallhartem türkischem Machismo gegenüber.

Türkisch für Anfänger - Zurück auf Anfang. Mit alles

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Welten prallen aufeinander. Schon im Flieger.
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Während sich Metin und Doris eher schnell denn langsam näherkommen, knistert es auch auf der einsamen Insel. Yagmur und Costa fühlen sich voneinander angezogen und Lena und Cem wollen am liebsten nicht zugeben, dass sie einander ganz toll finden. Irrungen und Wirrungen im Paradies sind angesagt.

Alles neu macht der Film?

Dass Serien ins Kino wechseln, ist in Deutschland neu. In den USA und Großbritannien ist das Prinzip geläufiger. Eher ungewöhnlich ist, dass der Film nicht als Fortsetzung des bekannten Formats dient, sondern praktisch als Neuversion konzipiert ist. Die Gefahr dabei ist, dass man Alt-Fans vergraulen könnte, weil diese lieber sehen wollen, wie das Leben der bekannten und beliebten Figuren weitergeht. Die Chance ist hingegen, dass ein neues Publikum, das die Serie nicht kennt, hier einsteigen kann, ohne sich außen vor gelassen fühlen zu müssen.

Das ist auch der Grundgedanke hinter dem Neustart von „Türkisch für Anfänger“, denn das Hauptargument der Serie – der Kontrast der türkischen und der deutschen Kultur innerhalb einer Familie – ist in drei Staffeln mehr oder minder auserzählt worden. Im Film kann er nun jedoch wieder im Mittelpunkt stehen.

Packshot zu Türkisch für AnfängerTürkisch für Anfänger

Liebelei vor exotischer Kulisse

Die Stärke eines Films im Vergleich zu einer Serie ist das größere Budget. Das sollte man auch sehen. Genau darum entwickelte man eine Geschichte, die vor exotischer Kulisse spielt. Damit einher gehen ein paar eher abstruse Ideen (Stichwort: Kannibalen), die aber im Gesamtkontext so sympathisch rübergebracht werden, dass man gar nicht anders kann, als auch diese Elemente des Films zu mögen.

Flotter und amüsanter Reboot der Fernsehserie, dem das Kunststück gelingt, neue Zuschauer anzusprechen und alte Fans zufriedenzustellen.Fazit lesen

Die Figuren sind, wie sie immer waren, nur ein bisschen älter, da die Schauspieler der jugendlichen Figuren mittlerweile auch an der 30 kratzen oder darüber hinaus sind. Man fühlt sich bei „Türkisch für Anfänger“ sofort wohl. Dort, wo es wichtig ist, ist der Film wie die Serie: Der emotionale Kern stimmt, der Humor auch, und die Chemie zwischen den einzelnen Schauspieler ist ohnehin unschlagbar gut.

Dagtekins Spezialität sind flotte und freche Dialoge, die hier wie aus der Pistole geschossen kommen. Die Bonmots hat Josefine Preuß erhalten, die als Lena aus dem Off kommentieren darf, was sich so abspielt (auf Cems Ruf, man hätte etwas gefunden, meint sie denn auch nur: „Lieber Gott, lass es Hochdeutsch oder ein Gehirn sein“).

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Während unter praller Sonne dann zusammenfindet, was zusammengehört.
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Eine Staffel in Filmform

Dagtekin gelingt es, den Kern der ersten Staffel der Serie – die sich anbahnende und immer wieder verzögernde Liebelei zwischen Lena und Cem – in den Film zu transportieren. Zugleich zeigt er den Beginn der Beziehung von Doris und Metin. Etwas, das in der Serie nicht thematisiert wurde, waren beide in der ersten Folge doch schon ein Paar. Andere Elemente der Serie entstammen auch späteren Staffeln, so die Beziehung von Costa und Yagmur.

Die Schwierigkeit, diese Vielzahl an Entwicklungen in nur 110 Minuten unterzubringen, war sicherlich gewaltig. Das merkt man „Türkisch für Anfänger“ auch an, weil die Struktur nicht immer ganz stimmig ist. Und man bei mancher Entwicklung auch mal beide Augen zudrücken muss, weil das Ganze nicht besonders realistisch daherkommt (und damit sind längst nicht nur die „Kannibalen“ gemeint, sondern eher die Sorglosigkeit der Eltern in Bezug auf die verschollenen Kinder, aber auch der am Ende zum Tragen kommende Twist in Hinblick auf Familie Öztürk).

Offenbar wollte Dagtekin Anna Stieblich und Adnan Maral nicht nur zu Stichwortgebern machen. Darum haben sie eine eigene Geschichte, die sich parallel entwickelt. Weit amüsanter ist jedoch das Geschehen auf der Insel, das wie ein Best-of der Serie erscheint, erhält man hier doch im Schnelldurchlauf die wechselhafte Beziehung von Lena und Cem zu sehen.