Til Schweiger, Potentat der deutschen Kino-Unterhaltung hat mit vier „Tatort“-Folgen des Deutschen heilige TV-Kuh geschlachtet. Doch dieses Mal dankte man es ihm nicht: Die Quoten stürzten nach anfänglichem Interesse ab, das Volk maulte und murrte - besonders die Kritiker, im Schweigerschen Weltbild vermutlich nur knapp unterhalb der IS, schrieben so manch böse Zeile. Der große Schweigerino erhob darauf sein Donnerzepter und schickte bitterböse Blitze ins Internet: „Hinweg ihr ahnungsloses Gewürm!“ - doch ein Wurm hat sich ins Kino geschlichen und die fünfte Episode des Baller-Epos um den knallharten Cop Tschiller gesichtet, bei dem ein bisschen das Gefühl hochkommt, dass der Hauptdarsteller und Produzent sich hier in erster Linie einen privaten Wunsch erfüllt.

Tschiller: Off Duty - Offizieller Trailer

Taken! Bourne! Äh, Off Duty!

Doch erst mal der Plot: „Off Duty“ knüpft an die vorangegangenen TV-Abenteuer „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ an, kann aber auch problemlos ohne Vorwissen gesehen werden, komplexe Stoffe waren noch nie Schweigers Sache.

Nick Tschiller und Töchterchen Lenny leiden jedenfalls schwer unter dem Tod der Mama, Lenny ist regelrecht traumatisiert, wie gut dass der Papa im Dienst gerade Sendepause hat. Doch alle Pflege nützt nichts, Lenny ist plötzlich weg, ausgebüchst - nach Istanbul! Sie will Rache nehmen für den Tod der Mama! Als Tschiller auch noch erfährt, dass sich Dauer-Feind Firat Astan aus dem türkischen Gefängnis verabschiedet hat, gibt es kein Halt - der Dampfhammer-Cop macht sich auf den Weg und muss bald erkennen, dass Firat nicht sein einziges Problem ist…

Man will ja nicht immer kloppen…

Eine Kritik zu einem Til-Schweiger-Film zu schreiben ist immer mit einem gewissen Ohnmachtsgefühl verbunden. Der Mann ist (und bleibt vermutlich) Deutschlands erfolgreichster Entertainer, da wird auch die x-te verbale Schweiger-Kloppe nichts ändern und, mal ehrlich, man möchte ja auch nicht immer nur draufhauen. Schweiger kann, wie zum Beispiel eine Folge der Arte-Sendung „Durch die Nacht mit…“ bewiesen hat, durchaus sympathisch und nett sein. Da ist aber auch….der andere Til. Der Egomane.

Tschiller: Off Duty - Spannungskurve wie beim Morgenpipi

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Jason Bourne ... äh... Nick Tschiller.
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Der, der in Talkshows ausflippt und allerhand Fragwürdiges von sich gibt. Der, der Anfang des Jahres, zutiefst gekränkt von den Reaktionen auf sein „Tatort“-Update pöbelte „ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft (Materie)....KUNST....als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!“. Der, der findet, dass seine Kritiker „schwach und klein“ sind (ihnen mit Ausbrüchen dieser Art aber eher das Gefühl gibt, groß und mächtig zu sein).

….muss aber:

Und es ist wahnsinnig schwer diesen Schweiger zu ignorieren, beziehungsweise nicht nach den quasi auf einen Silbertablett von ihm hingereichten Häppchen zu schnappen und sie durchgekaut wieder in Richtung Erzeuger zurückzuspucken, vor allem nicht, wenn man einen Film wie „Tschiller: Off Duty“ vor sich hat.

Packshot zu Tschiller: Off DutyTschiller: Off Duty

Das fängt schon bei der fragwürdigen Vermarktung an: Nicht nur, dass zwar betont wird, dass man die Vorgänger nicht gesehen haben muss (muss man tatsächlich nicht unbedingt), die Kenntnis den Genuss von „Off Duty“ aber noch erhöht und zu diesem Zwecke sicherheitshalber vorher noch alle vier bisherigen Folgen als „Director’s Cut“-Versionen veröffentlicht (öffentlich rechtliches Fernsehen also als Werbetrommel für den Homevideomarkt). Es mutet auch reichlich dubios, um nicht zu sagen etwas frech an, dass eine Krimiserie in Form eines von Zwangsgebühren zumindestens teilfinanzierten Films im Kino fortgesetzt wird (öffentlich rechtliches Fernsehen also als Werbetrommel für das Kino).

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Schweiger macht den Neeson.
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Natürlich, Fragwürdigkeiten dieser Art sind eigentlich nichts Neues. Bereits 1985 wurde der Tatort-Krimi „Zahn um Zahn“ recht erfolgreich ausgewertet (2,7 Millionen Zuschauer), aber bereits den Nachfolger „Zabou“ wollten 1987 nur noch 1,5 Millionen Zuschauer sehen. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2016 und solch ein Umgang mit Gebühren dieser Art fühlt sich noch etwas anders an als damals.

Mal abgesehen vom Zwang zum Zahlen: Nicht nur dass die Amerikaner das Serienformat mittlerweile revolutioniert haben und es eigentlich sowieso unverständlich ist, dass da draußen noch ernsthaft jemand ARD-Krimis aus Opas Mottenkiste guckt, das Angebot ist auch generell dank Privat-TV, Streamingdiensten, Youtube undweißderTeufelnochalles so groß wie nie zuvor - da mutet es nicht nur dreist, sondern auch reichlich selbstverliebt an, ausgerechnet den „Tatort“ ins Kino zu hieven.

Überflüssiger geht’s wirklich nicht mehr.Fazit lesen

Das weiß mit Sicherheit auch Schweiger und will dementsprechend was bieten, begeht aber den Fehler ARD-Krimis aus Opas Mottenkiste zu amerikanischen Actionkrimis aus der B-Schublade umzubauen. Natürlich, der Mann hat Recht, sowas gab’s im deutschen Krimi-Fernsehen noch nicht - dicke Explosionen, krachende Faustkämpfe, alles hübsch blutig und auch noch inszeniert von einem Regisseur mit Hollywood-Erfahrung. Der Punkt ist nur, so was gab’s außerhalb des deutschen TV-Bildschirms schon oft. Extrem oft.

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Sidekick am Rande.
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Denn das ist alles nur geklaut, das ist alles gar nicht meine…

Und das ist die Crux bei „Off Duty“: Waren bei den Episoden davor unter anderem noch „Lethal Weapon“ oder „24“ die unverkennbaren Einflüsse, ist jetzt „Taken“, gewürzt mit einem guten Schuss „Bourne“ dran, vielleicht hatte man auch noch Bond im Hinterkopf, die exotischen Schausplätze (nach der Türkei geht’s nach Russland) lassen es vermuten. Ungeniert werden da die Vorbilder geplündert, sogar Dialogszenen tauchen, natürlich in abgewandelter, aber doch unverkennbarer Form wieder auf, spätestens wenn Schweiger in Russland sinistren Visagen verkündet, dass er wiederkommt, alles niederbrennen und jeden umbringen wird, wähnt man sich kichernd in einem Fanfilm.

Zumal „Hollywood-Regisseur“ Christian Alvart auch entsprechend inszeniert: Hier ein bisschen die übersatten Farben von Michael Bay, dort etwas Paul-Greengrass-Actiongewackel. Das nicht ganz Unironische daran: Schweiger meckert zwar, nicht ganz zu Unrecht, über seine piefigen „Tatort“-Kollegen, ist aber in seinem vermeintlich revolutionären Ansatz nicht minder gestrig. Anstatt dem Format tatsächlich eigenständige Impulse zu verleihen, wird mit der Brechstange versucht Vorbildern nachzueifern. Man wird auch das Gefühl nicht los, dass Schweiger sich auf diese Weise im kleinen Maßstab das erfüllt, was ihm in Amerika im Großen bisher verwehrt blieb: Blockbusterkino mit ihm in der Hauptrolle.

Tschiller: Off Duty - Spannungskurve wie beim Morgenpipi

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Der Tatort-Ableger kommt am 04.02.2016 in die Kinos.
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Länge zählt nicht? Von wegen!

Apropos Blockbusterkino: So richtig problematisch wird, dass man dem Kino-Publikum wohl auch auf Teufel komm raus vermeintliche Kinolauflänge bieten wollte: „Off Duty“ ist mit satten 135 Minuten knapp 45 Minuten länger als eine handelsübliche Folge, was aufgrund des Umstands, dass der Film nahezu plotfrei ist, zur Geduldsprobe wird, zumal das Epos komplett auf den Hauptdarsteller zugeschnitten ist. Sidekick Yalcin wird über weite Strecken an den Rand gedrängt und außer Schweiger gibt’s in erster Linie böse Buben, die von ihm verprügelt, erschossen und vom schweigerschen Humor-Verständnis („Ich sprech kein Fleischklops!“) belästigt werden.

Man kann’s drehen und wenden wie man will: „Off Duty“ ist ein überlanges Potpourri aus altbekannten, längst abgefrühstückten Versatzstücken, dass im Kino und heutzutage im Grunde auch nichts im Fernsehen verloren hat - da kann der große Schweigerino noch oft Blitze ins Netz schicken. Hilft alles nichts.