Wa(h)re Geschichte gleich schon im Titel: Ein Biopic mit Namen „True Story“, das hat eigentlich was. Zumindest schenkt sich der prominent und vor allem gegen den Strich besetzte Psychothriller damit schon mal den großspurig Relevanz behauptenden Slogan „based on true events“ – jenen Vermerk also, der oft genug sicheres Indiz für sprödes Themen- und Befindlichkeitskino mit Oscar-Anstrich ist. Ein gutes Zeichen? Nicht unbedingt.

True Story - Spiel um Macht - Trailer #1

Gespräch mit dem Mörder

Die Titelidee hatte Mike Finkel, Autor der gleichnamigen Buchvorlage und ehemaliger Star-Journalist der New York Times, für die er lange Zeit covertaugliche Enthüllungsgeschichten schrieb. Der Film beginnt im Jahr 2002, als ein absichtlich verfälschter Artikel über Sklavenhandel in Afrika das vorzeitige Karriereende des Mannes besiegelt: Statt sich Hoffnungen auf den Pulitzerpreis machen zu dürfen, muss Mike Finkel (sehr souverän: Jonah Hill) seinen Schreibtisch räumen.

Eine zweite Chance wittert der fortan arbeitslose Autor in der Geschichte des mutmaßlichen Mörders Christian Longo (leider fehlbesetzt: James Franco), der Ehefrau und Kinder auf dem Gewissen haben soll. Longo nutzte Finkels Namen während seiner Flucht nach Südamerika, bevor er als einer der zehn meistgesuchten Männer des Landes gefasst werden konnte. Dessen „herausragender Umgang mit Worten“ habe ihn zu seiner Scheinidentität inspiriert, wird Longo später gestehen.

True Story - Spiel um Macht - Jonah Hill geht James Franco auf den Leim

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Wolf im Schafspelz: Ist Familienvater Christian Longo unschuldig oder doch ein mehrfacher Mörder?
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„True Story – Spiel um Macht“ erzählt also von der Annäherung zweier unterschiedlich gescheiterter Männer. Finkel besucht den einnehmenden Longo im Gefängnis, stellt ihm hartnäckig Fragen nach seiner Schuld, lässt sich unbemerkt manipulieren. Während Longo auf Freilassung plädiert, droht Finkels geplantes Buch zur Farce zu werden: Den Wunsch nach beruflicher Rehabilitierung muss er gegen die Gefahr abwägen, einem offenbar mehrfachen Mörder zu fraglicher Ehre zu verhelfen.

In dieser Geschichte stecken viele interessante Details, der Film aber beschränkt sich auf halbgare Psychospielchen, bei denen es um Wahrheitsfindung und journalistische Ehre geht. Mit Finkels nicht zuletzt trügerischer Buch-Perspektive bricht er kaum, der Narzissmus seiner Hauptfigur bleibt unhinterfragt. Erst im letzten Drittel öffnet sich die erzählerische Perspektive zugunsten eines konventionell gestalteten Gerichtsdramas, das zumindest den Hinterbliebenen von Longos Opfern einige Momente einräumt.

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Felicity Jones ist erneut auf die Rolle der besorgten Ehefrau abonniert.
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Banales Schauspielerkino

Noch heute distanziert sich der mittlerweile wieder gut beschäftigte Mike Finkel öffentlichkeitswirksam vom zum Tode verurteilten Familienmörder, den er mit seinem Buch nicht nur zu einem Gastautor ausgerechnet der New York Times machte, sondern den er auch gezielt fürs eigenes Image nutzte: Ich, der einen Straftäter dazu inspirierte, Journalist werden zu wollen. Ich, dem es mit dieser Geschichte gelungen ist, zu meinem Berufsethos zurückzufinden.

Interessante Geschichte, die einen allenfalls unterdurchschnittlichen Film vorantreibt. Schade ums verschenkte Potenzial.Fazit lesen

Entsprechend kurz hält der Film die Zwiegespräche der beiden Protagonisten, über die er eigentlich ein kammerspielartiges Gespür für deren unterschiedliche Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse hätte vermitteln können. Stattdessen bringt Regisseur Rupert Goold immer wieder Finkels Ehefrau Jill ins Spiel, die von Felicity Jones nach ihrer Rolle in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ wieder einmal als den häuslichen Bereich verwaltende, fürsorgliche Freundin gespielt wird.

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Der Film startet bei uns am 6. August 2015 im Kino.
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Es ist ein undankbarer Part vor allem deshalb, weil Jones hier oft nur verunsichert gucken und selten auch mal was sagen darf – jedenfalls bis zu ihrem gegenüber der „True Story“ frei erfundenen und hochnotpeinlichen Auftritt im Gefängnis, bei dem sie Christian Longo die Leviten liest. Solcherlei Momente machen deutlich, dass der Film an den Diskursen seines Themas kein Interesse hat: Ihm geht es nur um banales Schauspielerkino, bei dem die spannende Geschichte zu Oscarmaterial verwurstet wird.

Rupert Goold übrigens kommt vom Theater, und seiner Regie ist das deutlich anzumerken. Im Wesentlichen fühlt sich der einigermaßen höhepunktarm geratene Film immer nur nach Drehbuch an: Wenn die didaktisch geführten Schauspieler hier den Raum betreten, sagen sie in spärlich ausgestatteten Dekors geschliffene Sätze auf – während eine unmittelbar umherwackelnde Kamera eben nicht Authentizität simuliert, sondern nur die statische und dabei ziemlich einfallsfreie Inszenierung unterstreicht.