Es war zu erwarten, dass sich die zweite Staffel der Anthologieserie „True Detective“ erheblich von der ersten unterscheiden würde. Nicht zu erwarten war hingegen, dass Showrunner Nic Pizzolatto mit ihr gänzlich neue Pfade beschreitet: Figurenkonstellationen, Schauplätze und der hier beinahe schon irrelevante Kriminalfall selbst haben mit der im letzten Jahr meistdiskutierten TV-Show nichts mehr gemein. Stattdessen blickt „True Detective“ in die kaputten Seelen eines fiktiven Großstadtmolochs, der den Figuren jede Aussicht auf Erlösung nimmt.

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Menschliche Abgründe

Alles beginnt mit der übel zugerichteten Leiche eines kommunalen Politikers namens Ben Caspere, dessen Beziehungen sowohl in hohe gesellschaftliche Kreise als auch die tiefsten moralischen Niederungen der kalifornischen Kleinstadt Vinci reichten. Obgleich dieser Caspere zu Beginn der Staffel lediglich als toter Körper auftritt, scheint er doch ihre lebendigste Figur zu sein. Jedenfalls legt die offizielle und vor allem inoffizielle Aufklärung seiner Ermordung mit jedem weiteren Detail neue Schichten polizeilicher Korruption, politischer Verstrickungen und bizarrer menschlicher Abgründe frei.

True Detective - Fortsetzung zur besten Serie 2014: Grummelnde Gesetzeshüter

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Verhängnisvoller Allianz: Detective Ray Velcoro (Colin Farrell) und Gangsterboss Frank Semyon (Vince Vaughn).
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Demgegenüber wirken Ermittler und Repräsentanten staatlicher Behörden auf der einen, brandgefährliche Mafiabanden und Bauunternehmer auf der anderen Seite wie Schatten ihrer selbst. Sie versacken in miefigen Kneipen, trösten ihren Kummer mit Alkohol, schlagen sich buchstäblich durchs Leben. Keine der neuen Figuren der Serie ist frei von Brutalität gegenüber sich oder anderen Menschen. Und jede hat ein massives Kommunikationsproblem: Ihre Unfähigkeit zur Verständigung produziert immer wieder neue Gewalteruptionen, die viel mit Caspere, aber kaum noch der eigentlichen Mordsache zu tun haben.

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Dass die Staffel kein wirkliches Interesse an ihrer – zu alledem noch sehr konfus geratenen – Handlung hat (beziehungsweise ein solches nur vortäuscht), wurde ihr vielfach zum Vorwurf gemacht. Tatsächlich geht es ihr nicht darum, in der Fülle von Namen, Backstorys und deren unterschiedlichen Bezugspunkten eine übersichtliche Ordnung herzustellen, sondern gerade diese zu verunmöglichen: Am schmutzigen Dickicht der Metropolregion von Los Angeles kann jedes Bemühen um Verständnis nur scheitern. Und das ist eben eine Stärke, keine Schwäche dieser Staffel.

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Ani Bezzerides (Rachel McAdams) im Einsatz: Eine so starke Frauenfigur fehlte der ersten Staffel.
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Man ist ohnehin besser beraten, „True Detective“ als einen aussichtslosen Versuch des Verstehens zu sehen. Schließlich erzählt die Serie in ihrem zweiten Jahr noch stärker von der Handlungs- und sogar Lebensunfähigkeit ihrer Antihelden, deren seelische wie körperliche Narben Aufschluss über eine grundsätzliche Unbegreiflichkeit geben: Sie sitzen regungslos in kargen Räumen, starren minutenlang Wände an, haben irgendwann auch mal tristen Sex – aber wirklich zu fassen bekommen sie nichts mehr. Weder sich selbst noch den ihnen anvertrauten komplexen Fall, der zu Recht eine fast banale Auflösung erfährt.

Im eigenen Elend

Unter all diesen Figuren ist Ray Velcoro (Colin Farrell) vom Vinci P.D. die todessehnsüchtigste. Als Ehemann und Vater hat er ebenso versagt wie als Gesetzeshüter, nachdem er mithilfe des Casinobesitzers und Gangsterbosses Frank Semyon (Vince Vaughn im Ray-Liotta-Modus) einen grausamen Akt der Selbstjustiz verübte – und seither auf fatale Weise in dessen Abhängigkeit steht. Einzig die Liebe zu seinem mutmaßlichen Sohn hält Velcoro überhaupt noch auf den Beinen. Andernfalls, so deutet es die Serie mehrfach an, hätte der korrupte Detective seiner Existenz längst schon ein Ende gesetzt.

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Kein True Detective, nur ein verklemmter Officer von der Highway Patrol: Paul Woodrugh (Taylor Kitsch).
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Velcoros Wege kreuzen sich mit denen zweier anderer Ermittler im Fall Caspere. Die überambitionierte Ani Bezzerides (Rachel McAdams) arbeitet fürs Sheriff Department und leidet unter einem Kindheitstrauma, das im Verlauf der Staffel auf intensive Art reaktiviert wird; der von Selbsthass zerfressene Cop Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) wiederum kämpft energisch gegen seine Homosexualität und ist als weitere trostlose Figur dieser an trostlosen Figuren wahrlich nicht armen zweiten Staffel genauso verloren wie seine Kollegen: Hätten sie keinen prominenten Fall aufzuklären, würden sie vermutlich im eigenen Elend versacken.

Sie alle drei sind zynische, zumindest aber hochgradig pessimistische Figuren. Nic Pizzolatto legt sie deutlich in Tradition des Hardboiled Detective an – jenem zwischen Legalität und folgenschwerer Eigenermächtigung schwankenden Ermittlertypus, den so viele Kriminalromane und Film-noirs romantisch beschwört haben. Visuell spiegelt er deren nihilistische Sicht auf die Welt in zermürbend gleichförmigen Industriestadtmosaiken, die sich aus endlos wirkenden Highways, unaufhörlich Dreck absondernden Raffinerien und lediglich trügerische Idylle vermittelnden Waldgebieten speisen.

Würdige Fortsetzung zur grandiosen ersten Staffel, die sehr anders, aber kaum weniger beeindruckend ist.Fazit lesen

Ästhetisch ist „True Detective“ dabei nach wie vor ein Hochgenuss (besonders das erneut grandiose Design der Titelsequenz!). Die auf 35mm gedrehten Southern-Gothic-Bilder der ersten Staffel werden hier durch angemessen künstlich wirkende Digitalaufnahmen ersetzt, die während der orangefarben schimmernden Nachtszenen an das jüngere Kino eines Michael Mann erinnern (dessen „Miami Vice“ ebenfalls mit Colin Farrell in einer nicht unähnlichen Rolle besetzt ist). Umso mehr gilt dies noch für den ziemlich brachialen Shoot-out in Folge vier, der inszenatorisch sicherlich einen besonderen Höhepunkt der Staffel bildet.