Vor der Premiere von „Tron: Legacy“ baten wir die Darsteller Garrett Hedlund und Beau Garrett sowie Regisseur Joseph Kosinski zum Gespräch. Und es war erstaunlich, wie wenig Nerd man sein muss, um einen Film zu machen, der in einem Computer spielt.

Das Ritz Carlton am Potsdamer Platz in Berlin ist nicht modern, sondern mondän. Alles sieht teuer aus, als hätten die Dinge wie selbstverständlich ein goldenes Endstück oder einen Knauf aus Elfenbein. Hier fanden die Interviews zum neuen Disney-Film „Tron: Legacy“ statt. Eine sehr schöne und auch gleichzeitig ein bisschen unpassende Kulisse für einen Film, der eine durch und durch technophile Botschaft besitzt und in Sachen Bild und Sound Maßstäbe setzt.

Zumindest die beiden anwesenden Darsteller bestätigen dieses kontrastreiche Bild. Denn Garrett Hedlund – der an der Seite von Jeff Bridges dessen Sohn Sam Flynn spielt – schreibt noch nicht einmal gerne E-Mails. Und seine Kollegin Beau Garrett, deren Filmfigur Gem reine Digitalität verkörpert, geht lieber mit ihrem großen schwarzen Hund spazieren, als sich mit ihrem E-Book zu beschäftigen.

Tron: Legacy - Nostalgie: Der Original-Tron-Trailer von 198210 weitere Videos

Garrett Hedlund, 26, spielt Sam Flynn, den Sohn des verschwunden Hackers Kevin Flynn. Netter Typ, ein Landei irgendwie, wirkt aber weder provinziell noch bräsig, sondern leise und nachdenklich. Kommt ursprünglich aus Minnessota. Spielt lieber mit den Hunden als mit dem Computer. Wirkt erdverbunden, auch wegen seiner Hustenbonbonstimme. So als habe er mit Erde gegurgelt. Oder die Nacht durchgefeiert.

gamona: Hast du Tron gesehen, bevor du wusstest, dass du die Rolle bekommen wirst?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
Garrett Hedlund spielt Sam Flynn.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Garrett Hedlund: Ja, aber es ist Jahre her. Denn der Film kam raus, bevor ich raus kam. Ich habe ihn 2003 das erste mal gesehen. Es ist schon eine ziemlich abgefahrene Vorstellung, die Steven Lisberger, der Regisseur des ersten alten Films, da hatte: Eine Welt, in der Computerprogramme existieren, die so sind wie wir. Und das alles ist ja erst der Anfang.

Packshot zu Tron: LegacyTron: Legacy kaufen: ab 3,21€

gamona: Wie meinst du das? Werden wir auch einmal im Computer leben?

Garrett Hedlund: Wir Schauspieler vielleicht. Wir wurden alle in den Computer eingelesen. Wäre etwas Schlimmes passiert, Gott bewahre, aber wäre jemand von uns von der Kulisse gefallen, hätte der Film trotzdem weiter gedreht werden können. Schließlich hatten sie auch Computerversionen von uns im Kasten. Damit können sie uns wieder auferstehen lassen.

gamona: Ist das nicht auch eine unheimliche Vorstellung, als Schauspieler zu agieren, lange nachdem man tot ist?

Garrett Hedlund: Absolut, denn welche Kontrolle hast du dann noch? Sie können dich machen und sagen lassen, was immer sie auch wollen. Das ist schon angsteinflößend. Ich bin aber kein großer Freund von Technik. Das ist alles relativ neu für mich.

gamona: Was für eine Beziehung zu Computern besitzt du denn? Hast du kein Smartphone, kein iPad, keine Videospielkonole?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
"Ich bekomme gern E-Mails, schreibe aber nie welche zurück."
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Garrett Hedlund: Ich? Diese Form von Kommunikation ist nicht mein Ding. Ich kann das nicht. Ich bekomme gerne E-Mails, schreibe aber nie welche zurück, und dann bekomme ich auch keine mehr. Ich bin eher der analoge Typ. Müsste ich eine ältere Version meiner selbst spielen, würde ich auch lieber auf Make-Up zurückgreifen, um mein Gesicht älter zu machen, anstatt mich mit Computergrafiken künstlich altern zu lassen. Da hat etwas mit Kontrollverlust zu tun. Wenn du deine Performance in die Hände eines Computerspezialisten gibst, kann der versuchen, deine Fähigkeiten und dein Aussehen naturgetreu abzubilden. Aber es ist niemals hundertprozentig Du selbst.

gamona: Wie ähnlich ist denn die Arbeit vor einem Bluescreen zu der im Theater?

Garrett Hedlund: Jeff (Bridges) sagt, als Schauspieler verlierst du niemals den Bezug zum Kind in dir. Deswegen mag ich Bluescreens. Ich mag die Phantasie, die es erfordert, das Publikum glauben zu machen, man sähe etwas, was man tatsächlich nicht sieht. Dass etwas existiere, was nicht existiert. Für mich hat das etwas sehr Magisches. Zum Glück war Joe Kosinski unser Regisseur. Er war allen anderen ständig zehn Schritte voraus. Und er hat die Dinge sehr genau beschrieben, so dass wir alles, was wir sehen mussten, dann auch tatsächlich gesehen haben.

Joseph Kosinski: Der Meister spricht

Joseph Kosinski, 36, und Regisseur von „Tron: Legacy“. Noch leiser und nachdenklicher, kommt aus dem Staat Iowa, ist daher irgendwie auch ein Landei, Studium der Architektur und Dozent, trauriger Blick, kein Hollywood-Typ, aber auch kein Pferdeflüsterer.

gamona: Wie versetzt ein Regisseur seine Darsteller in eine Szene, in der es keine hilfreichen Kulissen gibt, sondern alles nachträglich mit dem Computer eingefügt wird?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
"Ganz wichtig zur Einstimmung war auch die Musik."
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Joseph Kosinski: Er versucht alles Mögliche. Wir sind natürlich die Szenen in vielen Proben durchgegangen. Zusätzlich haben wir mit gezeichneten Storyboards gearbeitet und mit unbearbeiteten Aufnahmen, den Pre-Shots. Ganz wichtig war auch Musik.

gamona: Trotzdem wollten Sie auf Kulissen nicht komplett verzichten. Warum gab es eigentlich so viele Kulissen in dem Film, dessen Bilder doch größtenteils computergeneriert sind und ja auch irgendwie so aussehen sollten?

Joseph Kosinski: Ich wollte, dass der Film so echt wie möglich aussieht, und dass die Schauspieler tatsächlich existierende Räume haben, mit denen sie arbeiten können. Deswegen haben wir insgesamt 15 Kulissen gebaut. Das Safe House, die Höhle von Kevin Flynn, ist eine davon, eine andere die Bar von Zuse. Auch die Anzüge sind echt. Die Leuchtstreifen sind batteriebetrieben. Mit einer Fernsteuerung kann die Beleuchtung ein- und ausgemacht werden. Das war cool: Lights. Camera. Suits. Action.

gamona: Noch bevor eine Zusage aus der Disney-Leitstelle kam, habt ihr Testmaterial auf der Nerdmesse Comic Con gezeigt. Warum ausgerechnet dort?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
Jeff Bridges spielte bereits im ersten "Tron".
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Joseph Kosinski: Wir wussten: Wenn es einen Ort gibt, an dem die Leute „Tron“ kennen und wiedererkennen, dann hier. Wäre es nicht gut gelaufen, wäre es wohl nirgends gut gelaufen. Das war also schon sehr riskant, das komplette Projekt hätte an diesem Ort mit einem Schlag sterben können. Ich war deswegen wahnsinnig nervös. Aber letztendlich hat es uns geholfen, grünes Licht zu bekommen. Und nach der Comic Con wurde das Projekt größer und größer. Man steht morgens auf und fährt ins Studio, und da arbeiten dann 300 Leute an einem Set und Jeff Bridges steht im Kostüm neben dir, und du weißt: Okay, jetzt geht’s los.

gamona: Wie wichtig war es, Jeff Bridges am Set zu haben? Besaß er eine Brückenfunktion, weil er auch schon im ersten Teil mitgespielt hat?

Joseph Kosinski: Jeff ist der einzige, der auch im ersten „Tron“ mitgespielt hat. Wäre er nicht dabei gewesen, ich hätte den Film gar nicht erst gemacht. Er war der erste Baustein. Man braucht einen Schauspieler wie ihn in einem Film wie „Tron“, um das Geschehen zu erden.

gamona: War es schwierig, ihn zu überzeugen?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
Der erste "Tron" war ein Meilenstein der Tricktechnik.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Joseph Kosinski: Ich habe mich vorab mit ihm getroffen, noch bevor ich ein Skript vorzeigen konnte. Normalerweise bekommst du einen Schauspieler wie Jeff Bridges nicht, ohne ihm ein Drehbuch vorzulegen. Ich habe ihm stattdessen mit Test-Sequenzen, Storyboards und vielen weiteren Materialien überzeugen können.

gamona: Warum hat sich Steven Lisberger nicht selbst auf den Regisseur-Stuhl gesetzt?

Joseph Kosinski: Ich habe Steven getroffen, nachdem ich die Zusage für den Film bekam. Er sagte mir, er könne einfach niemals ein Sequel für seinen eigenen Film drehen. Stets hätte er das Gefühl, nur seinen eigenen Fußspuren nachzulaufen. Aber es würde den Blick der nächsten Generation benötigen, um mit dem richtigen Abstand auf den alten Film zu blicken und ihn mit unseren eigenen Augen zu interpretieren.

Beau Garrett: „Zuhören ist etwas, was wir nicht mehr wirklich tun“

Beau Garrett, 28, schwarzes Kleid mit tiefem, spitz zulaufendem Dekolletee, wunderschöne Frau, einnehmendes und offenes Wesen, alles an ihr scheint echt zu sein, alles bis auf den Vornamen. Beau? Bitte? Aber Wikipedia sagt, sie heißt wirklich so. Beau Jesse Garrett. Ungewöhnliche Namen sind scheinbar Tradition in der Familie Garrett. Beispiele: Schwester Autumn. Und Lieblingspferd Dankeshoen.

gamona: Dein Kollege Garrett Hedlund hat vorhin erzählt, er sei nicht so wirklich technikbegeistert. Wie sieht es mit dir aus?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
Beau Garrett spielt Programm Gem.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Beau Garrett: Oh Gott, ich besitze nicht einmal Gagets. Ich habe ein Kindle zum Geburtstag bekommen, habe aber keine Ahnung, was man damit machen kann. Es hat noch nicht mal einen Stecker oder ein Ladegerät. Ich werde es einfach nicht aufladen. Ich habe dann noch ein Handy und einen sehr alten Computer.

gamona: Immerhin...

Beau Garrett: Technologie kann ja auch toll sein, wenn sie dich unterstützt. Aber sie hält dich auch davon ab, ganz da zu sein, den Moment zu erleben, ein Gespräch zu führen oder zuzuhören. Und Zuhören ist etwas, was wir nicht mehr wirklich tun. Es gibt Leute, die gehen ans Telefon, während man zu Abend isst. Das kann ich nicht nachvollziehen. Als ob man das nicht mal einfach wegstecken kann. Aber wir sind schon sehr abhängig von anderen Verbindungen.

gamona: Ist es nicht lustig, dass eine Bande von Anti-Nerds...

Beau Garrett: (scherzhaft)...von Hippies...

gamona: ...meinetwegen von Hippies wichtige Rollen in einem solchen Film spielt?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
"Ich habe einen Kindle, aber keine Ahnung, wie er funktioniert."
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Beau Garrett: Garrett und ich sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Es ist schon witzig, dass wir in der selben Gegend wohnen, eigentlich nur zehn Minuten von einander entfernt. Das wusste ich nicht, bis ich ihn bei den Dreharbeiten kennengelernt habe. Seitdem sind wir supergute Freunde. Er ist so wie ich, total behindert (sie sagt retarded) in Bezug auf Technologie. Eigentlich ist er noch viel schlimmer, als sich es bin. Aber ich weiß das sehr zu schätzen. Weil auch er immer ganz da ist und...

gamona:...er zuhören kann?

Beau Garrett:...ja, genau.

„Meine Mutter war so betrunken, sie schaute in vier Richtungen gleichzeitig“

gamona: Du warst dann wahrscheinlich auch kein großer „Tron“-Fan, oder?

Beau Garrett: Nein, ich kannte den Film nicht. Ich bin in einer Familie groß geworden, die nicht viel fernsah. Wir sind auch selten ins Kino gegangen. Ich bin stattdessen geritten und ging auf Wandertouren, das war mein Leben. Auch Science-Fiction war meinen Eltern fremd. Wir haben uns alte Filme mit Chevy Chase und Steve Martin angeschaut, „Die Ritter der Kokosnuss“ und britische Komödien. Als feststand, dass ich „Tron Legacy“ machen würde, habe ich mich dazu entschlossen, das Original nicht anzusehen, bevor ich nicht unseren gesehen habe. Ich wollte unvoreingenommen an das Projekt herantreten und mir kein Bild davon machen, wie es sein könnte oder sein sollte. Meine Leinwand war leer, und ich wollte sie leer lassen.

gamona: Du hast dich also vorbereitet, indem du dich nicht vorbereitet hast?

Tron: Legacy - Ein Haufen Hippies als Computer-Nerds

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/9Bild 33/411/41
"Meine Rolle war eher körperlich."
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Beau Garrett: Ja, könnte man so sagen. Wenn du das Original schaust, um dich auf das Remake vorzubereiten, ist das dann wirklich als Vorbereitung zu bezeichnen? „Tron: Legacy“ ist nicht die Art Film, für die du eine Menge vorbereiten kannst. Du musst nur herausfinden, wie du deine Rolle zu spielen hast. Meine Rolle war sehr körperlich, ich habe viel trainieren und mein Gewicht über vier Monate lang halten müssen. Dieser eingeschränkte Lebensstil hat mich dann auch Gem, meiner Figur, etwas näher gebracht. Mein Körper hat mir gezeigt, wer Gem war, bevor ich es verstanden habe. Meine Vorbereitung war also wirklich ausschließlich körperlich.

gamona: Was machst du nach der Pressetour?

Beau Garrett: Nach dem Termin in Berlin werde ich für etwa zwei Wochen durch Italien reisen. Letztes Jahr habe ich sehr hart gearbeitet und keinen Urlaub genommen. Ich wusste, ich würde in Berlin sein. Und in Italien war ich seit 13 Jahren nicht mehr. Deswegen werde ich Florenz und Rom sehen. Ich werde alleine reisen und eine Freundin meiner Schwester besuchen. Sie hat in Rom ein Bed & Breakfast.

gamona: Du brauchst also Urlaub?

Beau Garrett: Es ist schon sehr erschöpfend, und ich würde gerne mehr schlafen. Gleichzeitig denke ich mir aber auch, dass es großartig ist, hier mitzumachen. Außerdem liebe ich Garrett (Hedlund), er ist ein echt guter Kumpel und es macht Spaß, mit ihm zu reisen. Und es ist toll, meine Mutter betrunken in Berlin zu sehen. Oh Gott, sie war so betrunken gestern Abend, ihre Augen schauten in vier Richtungen gleichzeitig. She can party! Und das mit 66 Jahren.

gamona: Vielen Dank für das Gespräch.

Tron: Legacy - Schönheit aus Bits und Bytes: Beau Garrett

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (6 Bilder)

Tron: Legacy - Schönheit aus Bits und Bytes: Beau Garrett

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 35/411/41
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken