Natürlich ist es mitnichten so, dass Nicolas Cage sein Talent nur noch an Videomarktware verschwenden würde. Denn das hieße ja, lediglich über Heimmedien ausgewertete Produktionen seien per se minderwertig. Oder könnten keine angemessenen Bühnen bieten für großes Schauspiel. Und überhaupt scheint der schlichte Kinobetrieb dem arbeitswütigen Cage längst viel zu beengend geworden zu sein.

Tokarev - Die Vergangenheit stirbt niemals - Official Trailer

Und wieder 96 Stunden

Ganz so, als würde das Kino dem gefühlten halben Dutzend seiner Filme pro Jahr kaum noch ausreichend Platz bieten können, findet die Cage-Show nun mit schöner Regelmäßigkeit auf dem Bildschirm daheim statt. Obgleich seine jüngsten Arbeiten, etwa „Trespass“ oder „Frozen Ground“, dabei allerdings nur vermeintliche Direct-to-DVD-Produktionen sind, so sie den USA allesamt noch einen (limitierten) Kinostart hatten.

Tokarev - Die Vergangenheit stirbt niemals - Nicolas Cage is losing his shit again

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Hat wieder einmal die Haare schön: Nicolas Cage als Ex-Gangster Paul Maguire.
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Nach „Stolen“ ist „Tokarev“ jetzt bereits Cages zweites „96 Hours“-Rip-off binnen kurzer Zeit. In dem vor nicht einmal zwei Jahren ebenfalls sofort in die Videotheken gewanderten (kostspieligen) Vigilanten-Thriller musste der Oscarpreisträger seine Tochter vor deren Entführern retten und sich als geläuterter Bankräuber den Dämonen der Vergangenheit stellen. Was ihm dort noch einigermaßen gelungen ist, entpuppt sich hier schon als ungleich schwierigere Aufgabe.

Cage spielt den ehemaligen Gangster Paul Maguire, der seit seinem Ausstieg ein beschauliches Leben mit Tochter Caitlin (Aubrey Peeples) und Freundin Vanessa (Rachel Nichols) führt. Um uns sein spät gewonnenes Glück ganz unmissverständlich vermitteln zu können, lässt ihn der Film schon während der ersten Minuten mindestens fünf Mal ein Hohelied auf „ehrliche Arbeit“ singen (Maguire leitet mittlerweile ein Bauunternehmen) und setzt die Beziehung zur Tochter gar zuckersüß in Szene.

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Mob-Oberhaupt Francis O'Connell, gespielt von Peter Stormare (in der Originalfassung übrigens mit sehr ungelenkem irischen Akzent).
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Auch seine Freundin kennt kein Halten mehr („Du machst mich so heiß!“), obwohl Cages Haarteile noch nie so schlecht saßen wie hier. Und selbst zum örtlichen Sergeant (Danny Glover), der um die Vergangenheit des früheren Mitgliedes in der irisch-amerikanischen Mafia weiß, hat Maguire ein gutes Verhältnis. Kurzum: Im Leben des Mörders a. D. könnte alles ganz wunderbar sein, würden nicht unbekannte Einbrecher eines schönen Abends seine Tochter entführen.

Obwohl ihm Polizei und sein früherer Gangsterboss O'Connell (Peter Stormare, mit dem Cage nach „8mm“ und „Windtalkers“ nun bereits zum dritten Mal zusammenarbeitet) dringend vor einem Selbstjustiztrip bewahren wollen, begibt sich Maguire eigenhändig auf die Suche nach Caitlin. Und weil er nicht nur ein gehöriger Dickschädel, sondern auch latenter Rassist und ohnehin ziemlicher Menschenfeind ist, zettelt er erst einmal einen sinnlosen Krieg mit der russischen Mafia an.

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Danny Glover ist immer noch nicht zu alt für den Scheiß. Und brauchte vielleicht auch mal wieder etwas Geld, um sein Haus anstreichen zu können.
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Cage goes Rage

Wie der Titel des Films schon vermuten lässt, spielt die russische Pistole Tokarev TT-33 eine entscheidende Rolle in der Auflösung des Falls, der von einigen fatalen Missverständnissen bestimmt ist. Der gut gemeinte, arg konstruierte und schließlich leicht bedepperte Schlusstwist zumindest gibt den Ereignissen der Handlung einen ebenso anderen Dreh wie es auch das Wesen des Selbstjustiz-Actionthrillers selbst in Frage stellt.

Leider ist „Tokarev“ zu hanebüchen geschrieben – die beiden Drehbuchautoren haben auch schon den schrottreifen „Giallo“ von Dario Argento verbrochen – und vor allem zu unausgegoren in Szene gesetzt, um seine nicht uninteressanten Ideen gewinnbringend umsetzen zu können. Mit einem klügeren, subtileren Regisseur als Paco Cabezas, der hier sein US-Debüt gibt, wären sie durchaus zu einer reizvollen Reflexion über Gewalt und Vergeltung geeignet.

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Nicolas Cage is losing his shit: In Momenten wie diesen möchte man dem Film dann doch wieder überaus dankbar sein.
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Zwar zieht Nicolas Cage im Rage-Modus einmal mehr diverse Register seines ihm eigenen Mega-Actings und dreht an mindestens drei Stellen so dermaßen frei, dass man vor Ehrfurcht nur in die Knie gehen kann, doch das macht „Tokarev“ nur partiell zu einem besseren Film. Zu nervig sind seine Nebenfiguren (insbesondere die bulligen Ex-Kumpanen, mit denen Cage auf Rachefeldzug geht), zu wenig Brauchbares gibt Regisseur Cabezas seinem Star in die Hand, um auftrumpfen zu können.

Cage dreht mächtig am Rad, ist also wie immer die halbe Miete. Der Film aber hätte deutlich besser inszeniert sein müssen, um über DVD-Durchschnitt zu kommen.Fazit lesen

In Actionszenen, die über Standardverfolgungsjagden und unspektakuläre Shootouts ohnehin nicht hinausgehen, ist Cage körperlich außerdem sichtlich überfordert. Zu alledem wird hier jeder Nahkampf wieder einmal von den gebräuchlichen, mit minimaler Belichtungszeit erwirkten Stroboskopeffekten verunstaltet, die offensichtliche Defizite der Actioninszenierung stylish verschleiern sollen, aber leider einen superbilligen Eindruck hinterlassen.