Mit fast 70 Jahren hat Terrence Malick noch einmal jene Arbeitswut gepackt, von der Anhänger seiner unvergleichlich leidenschaftlichen Kinopoesie vier Jahrzehnte lang nur träumen konnten. Lediglich eine Handvoll Filme drehte der presse- und medienscheue Ausnahmeregisseur seit Beginn der 70er Jahre, als er mit dem Roadmovie „Badlands – Zerschossene Träume“ sein stilbildendes Debütwerk schuf.

Stetig treibender Bilderfluss

Nun kommt mit „To the Wonder“ seine sechste Regiearbeit in die Kinos – drei weitere Filme sind bereits abgedreht. So dicht lagen die Veröffentlichungstermine neuer Malicks noch nie beieinander: Nicht einmal zwei Jahre nach seinem umstrittenen Cannes-Gewinner, einhelligen Kritikerliebling und auf das Publikum nur via Warnschrift losgelassenen Opus magnum „The Tree of Life“ gab er 2012 schon den Schnitt seines Folgefilms für die Internationalen Filmfestspiele Venedig frei.

To the Wonder - Bildersturm: Nach Tree of Life der neue Sinnesrausch von Terrence Malick

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Sonnendurchflutetes Liebesglück: Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko).
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Mit achtmonatiger Verspätung startet nun „To the Wonder“, dessen Vorabeindrücke eine unmittelbare Fortsetzung des Vorgängers vermuten ließen, in den deutschen Kinos. Dass der den finalen Fassungen seiner Arbeiten gegenüber bekanntlich nicht allzu entscheidungsfreudige Malick diesen Film vermutlich im Akkord fertig gestellt hat, ist ihm nicht anzumerken. Denn dazu müsste er sich simplen Wertungskriterien fügen, mindestens aber einer gestalterischen Ordnung, der mit herkömmlichem filmkritischen Handwerk beizukommen wäre.

„To the Wonder“ aber ist, mehr noch als der bereits ungreifbar-sinnliche „The Tree of Life“, eine einzige fließende Bewegung, ein von scheinbar allem losgelöster Sinnesrausch. Nicht von allem Irdischen – Entstehungs- und Kosmologiegeschichte spinnt Malick in seinen Traum von Familie und Glauben diesmal nicht ein – aber zumindest allem erkenntlich Konkreten. Als ein Stream of consciousness der Emotionen und Eindrücke seiner Figuren und wohl auch der Regisseurs selbst, so ließe sich der Film beschreiben.

Eine Handlung im narrativen Sinne ist diesem einmal mehr intuitiv, auf unzuverlässige Eindrücke und perspektivisch wechselnde Erinnerungsfetzen strukturiert erzählten Film nur grob zu entnehmen. Liebestrunken schwelgen Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko) durch die Bucht des Mont-Saint-Michel, küssen und umarmen sich am Strand, tänzeln durch Paris. Ein touristischer Gefühlsreigen oben zum Wunder, ein lyrischer französischsprachiger Voice-Over über Bildern des Glücks.

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Mit der Figur des Pater Quintana (Javier Bardem) geht Terrence Malick einmal mehr den ganz großen Glaubensfragen nach.
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Dann der Schnitt in die USA, nach Oklahoma. Dorthin ist sie, die Französin, mit ihrer Tochter gezogen, um mit ihm, dem Amerikaner, einen Suburbian-Dream zu leben. So schön und friedlich sei es dort, tönen die Worte über der nie stillstehenden Kamera. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in „To the Wonder“ nur schwer zu bestimmen, zeitliche Verortungen verlieren sich in der Malickschen visuellen Kraft eines stetig treibenden Bilderflusses, der selbst für die wenigen gesprochenen Worte nicht zur Ruhe finden will.

Das reine filmische Erleben

Eine „Lawine der Zärtlichkeit“ möchte sie ihrem Geliebten schenken, doch die unaufhaltsamen Gefühlsrisse bringen die große Bewegung aus ihrem Gleichgewicht: Marina sehnt sich nach der Heimat, ihre Tochter mag Neil nicht als Vater anerkennen. Zurück nach Frankreich, zu den Spuren ihrer Identität? Die Zweifel spiegelt der Film in einer ebenfalls vom Fluss mitgerissenen Figur: Ein Pater (Javier Bardem) hadert mit Glauben und Glück, mit der Verbannung in die geistliche Einsamkeit.

In das schwindende Liebesglück gerät kurzzeitig eine frühe Jugendliebe Neils (gespielt von Rachel McAdams), deren Auftritte so fragmentartig wie letztlich uneindeutig bleiben. Sehr wahrscheinlich, dass der Großteil ihrer Szenen jener gnadenlosen Malick-Schere zum Opfer fiel, die auch Auftritte von Jessica Chastain, Rachel Weisz und Martin Sheen aus dem Film entfernte. Die Rigorosität der Malickschen Eliminierung von Stars ist spätestens seit dessen Kriegsepos „Der schmale Grat“ ein legendäres Merkmal seines künstlerischen Schaffenswerkes.

Ein vom klassischen Erzählkino abgekoppelter, großer Bilder- und Sinnesrausch. Wer schon mit Terrence Malicks letztem Film Schwierigkeiten hatte, sollte seinen neuen meiden.Fazit lesen

„To the Wonder“ ist letztlich Malicks konsequenter Schritt zum reinen filmischen Erleben, zu nur noch assoziativ vermittelten Zusammenhängen. Als eine Art kleiner abgespaltener Zwilling von „The Tree of Life“ durchdringen seine selten frontalen, aber immer reißenden Bilderbewegungen die Leinwand, verknüpft Kameravirtuose Emmanuel Lubezki die fließenden Berührungen zu einer ästhetischen Fortsetzung des Vorgängers, die alles Erzählerische in die Intimität ihrer Figuren verlagert.

Die nur noch einer intuitiven Logik verpflichtete Welt der Empfindungen und Gedanken, in die Malick den Zuschauer mit dieser, seiner vielleicht abstraktesten Arbeit entführt, gleicht einem poetischen Filmessay. Mehr denn je scheinen seine eindringlich verknüpften Bildmotive vor Abendlicht, in Kornfeldern und gen Himmel, samt tanzender Weiblichkeit, sanften Körperertastungen und religiöser Andacht, dabei dem ganz großen Kitsch verschrieben. Als Eduscho-Reklame mögen manche das spöttisch bezeichnen.

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Paris, mon amour: Die erste Viertelstunde des Films beschreibt die idealisierte Glückseligkeit einer frischen Liebe.
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Der Wandel zur ultimativ sinnlichen Mensch- und Naturmystik, den Malicks Kino seit „The New World“ unaufhaltsam vollzieht, geht an einem breiten Publikum genauso vorbei wie es die Filmrealisten zu munterer Häme animiert. „To the Wonder“ indes, das sei als Malick-Bewunderer gesagt, fehlt allerdings das besonders Wundervolle, das überbordende Pathos eines „The Tree of Life“. Vielleicht ist er gerade deshalb angreifbarer – und auch weniger beeindruckend als dieser.