Sehr schön: Terry Gilliam hat wieder einen Film gedreht. Um das Monty-Python-Urgestein muss man sich Sorgen machen, wenn es nicht einigermaßen regelmäßig arbeitet. Gilliams Enttäuschung über den seit zwei Dekaden unverwirklichten „Don Quixote“ scheint schließlich jedem seiner letzten Filme irgendwie eingeschrieben. Und das ist weniger schön: Sie wirken dann gern mal allzu verzweifelt. Ganz besonders „The Zero Theorem“.

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Altes gegen Neues

Und dabei knüpft die Sci-Fi-Tragödie an zwei der beliebtesten Gilliam-Filme überhaupt an, sein Meisterwerk „Brazil“ und das irrwitzige Zeitreisemelodram „12 Monkeys“. Zumindest inhaltlich und atmosphärisch: George Orwell mal wieder, antiutopisches Szenario. Darin: Rundumüberwachung und Entmenschlichung. Eine Diktatur nicht allein autoritärer, dennoch seltsam abwesender Herrschaftskräfte, sondern auch gigantischer Konzerne.

The Zero Theorem - Christoph Waltz sucht die Formel des Lebens

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Betriebsfeiern sind Qohens (Christoph Waltz) Sache nicht. Bedeutet schließlich Socializing und Intimität. Während es sich daheim doch wesentlich besser aushalten ließe.
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Ein solcher Konzern ist Mancom. Viel erfährt man über ihn, der seine Mitarbeiter in Spielhallen und vor neofarbenen Kabinenmonitoren beschäftigt, wohl aus gutem Grund nicht. Die technologisierten Arbeitsprozesse und gefahrenvollen Motive der Auftraggeber, sie bleiben anonym, ungreifbar, befremdlich. „Mancom verleiht den guten Dingen im Leben einen Sinn“, verkündet der Firmenjingle gebetsmühlenartig. Gruselig.

Qohen Leth (Christoph Waltz), von seinem Supervisor (David Thewlis) beharrlich Quinn genannt, ist Mancoms ideales Teammitglied: Neurotisch, angsterfüllt, sozial entsprechend inkompatibel. Spricht von sich ausschließlich im Plural und ist überzeugt, bald sterben zu müssen. Frisst außerdem Mikrowellenmatsch und lässt sich von einer Therapie-Software namens Dr. Shrink-Rom (Tilda Swinton) behandeln.

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Bainsley (Mélanie Thierry) allerdings durchdringt Qohens emotionale Blockaden. In diversen Fetisch-Outfits, die vor allem erst einmal Terry Gilliam gefallen haben dürften.
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Die sagt ihm, er sei „recht wahnsinnig“, und habe eigentlich vor allem Angst, wovor man überhaupt nur Angst haben könne. Er sei unfähig, Glück und Freude zu empfinden. Und dennoch: Dieser Qohen ist zumindest ein Mann der Hoffnung. Sei es auch nur in Erwartung eines Telefonanrufs, der ihm endlich offenbaren möge, was die Welt im Innersten zusammenhält. Kein Doktor Faustus, aber ein großer Romantiker.

Qohen darf fortan daheim arbeiten, was ihm allein deshalb gut passt, weil ebendieser Anruf jeden Augenblick kommen könne. Eingerichtet hat er sich in einer heruntergekommen Kapelle, noch mitsamt Sitzbänken und Orgel. Das macht eigentlich einen sehr wohnlichen Eindruck, soll aber vor allem Altes gegen Neues ins Bild rücken: Qohens digitales Home Office im kirchlichen Gemäuer, Technik versus Glauben. Et cetera.

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Gemeinsam flüchten Qohen und Bainsley sich in virtuelle Räume, in deren Nichts die Sehnsucht nach Meeresstrand-Romantik grellfarbene Illusion bleiben muss.
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Zermürbend öde

So jemand gerät natürlich ins Schwitzen, wenn er auf einer Firmenparty von schönen Frauen wie Bainsley (Mélanie Thierry) angesprochen wird. Das hat zwar einen Hintersinn, und leider auch etwas mit seinem Unternehmenschef (Matt Damon) zu tun, wirkt zunächst aber wie der Beginn einer Romanze, die Qohens existenzielle Lebensfragen endlich beantworten könnte. Bislang, so hofft er ja, würde ihm irgendeine Telefonstimme alle Geheimnisse des Seins offenbaren.

Die Lebensuntauglichkeit seiner Figur spielt Christoph Waltz überraschenderweise nicht im Hans-Landa-Modus, sondern einfühlsam, tragikomisch, voll sanft-absurder Spitzen. Glatze steht ihm gut, der rote Ganzkörperanzug erst recht. Mit ihm betritt Qohen Leth virtuelle Räume, in denen er und Bainsley Meeresstrand und Sonnenuntergang simulieren. Seinen Auftrag verliert er fast aus den Augen: für Mancom soll er eine Formel finden. Das Zero-Theorem.

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Kurzes Aufblitzen alter Stärken: Im mitunter eindrucksvollen Produktionsdesign erinnert „The Zero Theorem“ noch am ehesten an „Brazil“ und „12 Monkeys“.
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Mehr oder weniger handelt es sich dabei um einen MacGuffin, der dem Film zwar seinen Titel, nicht aber unbedingt Sinn verleiht. Qohens Arbeitsbeschreibung – er zermalme Entitäten, heißt es da – entpuppt sich ebenso als Gilliamscher Witz wie die Visualisierung seiner Programmierschritte. Das Nichts, von dem „The Zero Theorem“ erzählt, scheint des Films aufmüpfiger Hauptakteur. Alles bleibt so hohl, wie es eben auch hohl ist.

Christoph Waltz ist toll als entwurzelter Mitarbeiter eines futuristischen Konzerns. Dem Film aber mangelt es leider an Höhepunkten und Relevanz.Fazit lesen

So offensichtlich (und zum Teil auch komisch, rührend und bizarr) der Film seine emotionale Leere ins narrative und ästhetische Zentrum rückt, so deutlich verbleibt „The Zero Theorem“ indes als Ulk ohne Pointe. Das Geschwafel über Wurmlöcher, neuronale Netze und den – bei Gilliam natürlich besonders zweifelhaften – Sinn des Lebens wird darüber nicht gleich erträglich. Schlimmer noch: es wird sogar verzichtbarer als ohnehin schon.

Ein absehbarer Handlungskniff auf den letzten Metern straft das gerade nicht hochphilosophische Gedankenkonstrukt dann noch einmal Lügen für alle, die es gern dick gepinselt mögen. Warum nur aber muss das so zermürbend öde inszeniert sein, ganz ohne jenen Verve zudem, der Gilliams vorherige Sci-Fi-Entwürfe unwiderstehlich böse machte? Die Gilliamsche Regiekrise, sie scheint offensichtlich noch immer nicht überwunden.