Es gibt Filme, die allein durch ihre Produktionsgeschichte das Tragen einer Schutzweste nahelegen. Bei “Wolfman” z.B. dauerte der Entstehungsprozess satte 4 Jahre und verputzte auf diesem Weg etliche Drehbuchfassungen, diverse Regisseure, Nachdrehs und einen Komponisten. In Kombination mit einem erneuten Presse-Embargo und einem Kinostart, der sein Publikum nicht findet sondern sucht, stehen die Zeichen ganz auf “Van Helsing 2”. Die CGI-Planke schickt sich an, ein weiteres Universal-Monster in den überdrehten Remake-Schlund zu stoßen.

The Wolfman - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Starke Anlehnung

Meistens bis fast immer ist es ja so, dass Filme mit einer Produktionsgeschichte wie “Wolfman” als unbefriedigendes Stückwerk enden, doch diesmal bahnt sich bereits nach wenigen Minuten eine glorreiche Ausnahme an. Was sofort auffällt, ist die wunderbare Kamera des Films, die die eröffnende Waldszene mit nebelschwadigen Gothic-Schauern überzieht. Wie in klassischen Monsterfilmen so üblich, bekommt man bereits eine blutige Ahnung des Grauens, bevor dann mit geradezu ökonomischer Stringenz die nach wie vor bekannte Geschichte loslegt.

The Wolfman - Haariger Retro-Horror aus Remakehausen

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CGI-gestützt, aber trotzdem beeindruckend: Die Wolfs-Werdung ist mindestens so beeindruckend wie in "American Werwolf"
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Viele Remakes klassischer Horrorthemen meinen ja, den originalen Inhalten noch etliche Twists und Subplots hinzufügen zu müssen, doch hier beschränkt man sich tatsächlich weitgehend auf eine erneute Erzählung des ursprünglichen Drehbuchs von Curt Siodmak. Lawrence Talbot (Benicio del Toro) kehrt auf das heimatliche Schloss in England zurück, um den Tod seines Bruders zu untersuchen. Verantwortlich dafür ist natürlich ein Werwolf, der auch ihn schon bald heimsucht und so eine tragische Familiengeschichte weiterführt, deren Auslöser ebenfalls natürlich mit dem geheimnisvollen Patriarchen (Anthony Hopkins) zu tun hat.

Mehr als einmal ertappt man sich bei “Wolfman”, von geradezu altmodischen Gefühlen eingenommen zu werden. Kann es denn sein, dass die Geschichte tatsächlich so zielgerichtet ihre Bahn nimmt und eben nicht in alle Richtungen entsprießt? Kann es denn sein, dass die actionhaltigen Set Pieces tatsächlich nicht nur für sich stehen, sondern sich organisch aus dem Geschehen entwickeln? Und hat man da jetzt einfach nicht aufgepasst oder ist es tatsächlich so, dass die Schauspieler sich dem Geschehen unterordnen und eben nicht ständig nach glänzenden Solo-Auftritten lechzen?

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Hübsch atmosphärisch: London war selten stimmiger designt.
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Nach all der Produktionszeit von “Wolfman”, die unter Garantie auch eine “Van Helsing 2” Inkarnation beinhaltete, steht der fertige Film jetzt da, wo es eigentlich am naheliegendsten ist: bei einer respektvollen Neuinterpretation des originalen Stoffes, die tatsächlich vorzugsweise nur poliert und nur sehr dezent ergänzt. Bis zum Showdown bleibt der Film seinen klassischen Wurzeln treu und schafft so ein “reines” Horrorerlebnis mit retrospektiver Schlagseite, das man so kaum noch im Kino erleben kann. Vergesst hier Meta-Ebenen, um fünf Ecken pointierte Riffs und zeitgenössische Zutaten – “Wolfman” spricht seine Zuschauer auf schnörkellose, direkte Weise an

Neblige Nächte

Einhergehend mit der traditionellen inhaltlichen Gestaltung des Films, wurde auch dem “Äußeren” eine klassische Aura verpasst, die dann allerdings noch mit modernen Mitteln unterstrichen wird. “Wolfman” atmet in jeder Szene den Geist gruftigen Gothic Horrors, der hier als prächtiges Düster-Buffet zwischen wunderbar choreographierten Nebelschwaden, einer geradezu verschwenderischen Ausstattung und einfach nur traumhaft schönen Kamerabildern verstanden wird. CGI ist hier natürlich auch am Start, doch vorzugsweise wird zum Glück auf handgemachte Atmosphäre gesetzt. Das nasskalte London und die umliegenden Hexenwälder sind die gar nicht mal so heimlichen Stars des Films.

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Anthony Hopkins darf endlich wieder richtig mysteriös sein - und Spaß am Spielen haben.
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Wenn man “Wolfman” mit “Sherlock Holmes”, einem weiteren aktuellen England-anno-Königin-Viktoria-Film, vergleicht, kommt man schnell auf den Trichter, dass die haarige Version bei weitem mehr Stil und Zeitgefühl vermittelt. Alleine schon Schloss Blackmoor ist an morbider Opulenz kaum mehr zu überbieten, und selbst in dem zentralen Pub ist man versucht, erstmal den knarzigen Staub von den schweren Deckenbalken zu wischen. Das viktorianische Setting erweist sich als absoluter Glücksgriff des Films und sorgt für eine durch und durch stimmige, authentisch anmutende Atmosphäre.

Wenn man bei “Wolfman” doch Zugeständnisse an moderne Kinomuster entdecken möchte, landet man schnell bei der enormen Blutmenge, die der Film verspritzt. Die Nachdrehs bestanden wohl zu einem guten Teil aus Splatteraufnahmen, die der pelzigen Kreatur ihre definitiv tödliche Berohung verleihen und über abgeschlagene Köpfe, heraushängende Därme und allerlei weitere Hämoglobin-Fontänen drastische Tatsachen schaffen. Wie bereits erwähnt, stehen aber diese Szenen keineswegs isoliert im Raum, sondern wurden zusammen mit ihren durchaus spektakulären “set pieces” homogen verwoben. Es kracht und zündet in dem Film, aber (fast) nie ohne eine solide inhaltliche Motivation.

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Mit altertümlichen Methoden soll Francis' "Krankheit" ausgetrieben werden.
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Das “fast” bezieht sich vorwiegend auf den leider eher verpeilten Showdown, der etwas zuviel CGI einsetzt und das Spektakel größer stellt als es eigentlich Sinn macht. Oft ist es ja so, dass das Ende eines Films überdurchschnittlich auf den Gesamteindruck wirkt, so dass man sich hier mal besser die zahlreichen Höhepunkte davor merken sollte. Besonders hervorzuheben sind dabei der spektakuläre Ausbruch in London und die unglaublich intensiven Szenen in der Irrenanstalt, doch auch ruhigere Momente, wie die wunderbar gestaltete Liebesgeschichte zwischen Benicio del Toro und Emily Blunt, können vollends überzeugen.